Was ist Kultur?

Die Antwort auf die Frage Was ist Kultur? umfasst vier Bedeutungen, die dem Begriff heute anhaften. Ein Blick in die Geschichte soll helfen, die Herkunft der vier Bedeutungen zu verstehen. Als Kernthema unserer Kulturreise und Leitmotiv dieses Logbuchs ist es gut zu wissen, wie der Begriff »Kultur« je nach Kontext gemeint sein kann. Ziel ist es, mithilfe von Definitionen und Beispielen für die jeweiligen Bedeutungen ein tieferes Kultur-Verständnis zu schaffen. | Lesezeit: 14 Min.

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Der Kulturbegriff

Rocca di Papa, Monte Cavo (Postkarte)

Herbst im Jahr 45 vor unserer Zeitrechnung. Wir gehen an der Westküste Italiens an Land und wandern in die Albaner Berge, nur einen halben Tag Fußmarsch von Rom entfernt. Hier im Grünen stehen die Villen wohlhabender Stadtmenschen. Einer von ihnen ist der Philosoph Cicero. Vor kurzem erst hat er einen schweren Verlust erlitten. Seine geliebte Tochter Tullia ist nach einer Entbindung gestorben. In Trauer zog Cicero sich also hierher in die Berge zurück, nach Tusculum. Er verarbeitet den Tod seines Kindes, indem er schreibt. Aus dieser Zeit stammt Ciceros Schrift Tusculanae disputationes.1 📜

Ciceros Acker

Der Begriff Kultur rührt vom lateinischen Wort cultura her. Es bedeutet Landbau oder Pflege, abgeleitet vom Verb colere – pflegen. Damit kann die Pflege einer Sache gemeint sein (cultura rerum), die Pflege des Körpers (cultura corporis) oder des Geistes (cultura animi). In Gebrauch findet sich die Vokabel in besagter Schrift von Cicero, zu deutsch: Gespräche in Tusculum. Darin heißt es »cultura autem animi philosophia est« – die Pflege des Geistes ist die Philosophie. Cicero äußert den Gedanken im Rahmen eines berühmten Vergleichs.

Wie ein Acker, auch wenn er fruchtbar ist, ohne Pflege keine Frucht tragen kann, so auch der Geist nicht ohne Belehrung. Jedes ist ohne das andere wirkungslos. Die Pflege des Geistes aber ist die Philosophie: sie zieht die Laster mit der Wurzel aus, bereitet die Geister dazu, die Saat zu empfangen, übergibt sie ihnen und säet, was dann, wenn es ausgewachsen ist, die reichste Frucht bringt.

Kurzum: Kultur ist Geistespflege. Doch wo bleibt bei diesem Vergleich die Kultur in all ihren anderen Bedeutungen? Was ist mit der deutschen Kultur, der Jugendkultur oder Subkultur? Was mit dem Kulturerbe, Kulturgut und – nicht zu vergessen! – dem Kulturbeutel? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, müssen wir den Begriff in seine Bedeutungsebenen zerlegen. 🤓

Was ist Kultur?

Zu Beginn steht der Mensch ohne alles da: Ein nackter Affe in freier Wildbahn. Nicht nur, dass der Affe nichts zum Anziehen hat. Ihm fehlen auch Krallen zum Kämpfen und Fell gegen die Kälte. Von Natur aus ist der Mensch ein Mängelwesen.2

Der Philosoph Johann Gottfried Herder (dem wir uns gleich noch widmen werden) fasste es so: »Der Mensch, gegen den struppichten Bären und den borstigten Igel gesetzt, ist ein schwächeres, dürftigeres, nackteres Tier, es hat Höhlen nötig«3 – und in solche verzog es sich, das Menschentier. Lange bevor Homo sapiens den Boden beackerte, bemalten sie Felswände und schnitzten Skulpturen.4 Manch Relikte der Höhlenmenschen von vor zigtausenden Jahren gelten heute als Weltkulturerbe.

Die vier Grundbedeutungen

Doch was ist hier mit Kultur genau gemeint? Das althergebrachte, kulturelle Treiben des Malens und Schnitzens an sich oder überhaupt die Fähigkeit zu solcher Kunstfertigkeit? Ist es das Höhlenleben, als historische Etappe der Menschheit? Oder sind »nur« die Malereien und Skulpturen selbst, die von all dem Zeugnis abliefern? Das führt uns zurück zur Einstiegsfrage: Was ist Kultur? Unter diesem Titel verfasste der Philosoph Hubertus Busche im Jahr 2000 einen hilfreichen Beitrag.5 Darin nahm er eine Unterscheidung von insgesamt »vier historisch nacheinander auftretenden Grundbedeutungen« des Kulturbegriffs vor, und zwar wie folgt.


1. Kultur, die wir betreiben

Die erste Grundbedeutung von »Kultur«, die in allen drei Anwendungsbereichen konstant im Hintergrund steht, ist das formgebend veredelnde Bearbeiten und Pflegen natürlicher Anlagen […] durch den Menschen.

Vgl. HB, S. 70

Diese erste Bedeutung von Kultur (Kultur1) entspricht der aktiven Bearbeitung oder Formung der Natur durch den Menschen – im Fall von Ciceros Vergleich mit dem Ziel, dass der Acker viele Früchte tragen möge. Busche bemerkt: »Weil sie eine Kultivierung von etwas ist, fordert die Wortverwendung […] immer ein ergänzendes Genitivobjekt.« Wessen Kultivierung wird betrieben? Etwa die des Geistes, durch Kultivierung des Lesens, oder des Körpers, durch Kultivierung des Tanzens. Auch beim Ballett werden die naturgegebenen Mittel zur kulturellen Ausdrucksform genutzt. Weitere Beispiele sind die Gesangskultur, die Streitkultur, oder die Willkommenskultur, dadurch betrieben und kultiviert, dass Menschen ihre Mitmenschen willkommen heißen.

Was bedeutet kultivieren?

Hier bedeutet kultivieren: 1) etwas besonders fördern oder pflegen, 2) etwas auf eine höhere Ebene heben, verbessern, verfeinern.

Kultur und Natur stehen sich nicht gegenüber, sondern gehen Hand in Hand. Die Natur liefert die Anlagen, die Kultur (bestenfalls) deren Veredelung. Auf herrlich absurde Weise ließe sich die Freikörperkultur (FKK) ebenfalls als Kultur1 verstehen, die Menschen betreiben – auch wenn deren Aktivität gerade darin besteht, sich in einem Rückschritt zum Natur-Gegebenen gewisser Kultur-Errungenschaften wieder zu entledigen.

Das Bild »Model Writing Postcards« (1906) von Carl Larsson zum Thema »Was ist Kultur?«.
Model Writing Postcards (1906), ein Beispiel für Freikörperkultur und Schriftkultur, die wir Menschen betreiben oder pflegen.

2. Kultur, die wir haben

Wer Kultur betreibt, gilt als kultiviert, als »Kultur habend«. Die Aktivitäten von Kultur1 (Kultivierung) bringen so gesehen Kultur2 (Kultiviertheit) als Resultat hervor. Abhängig davon, welche Kultur wie intensiv betrieben wird, fördert sie die geistige Bildung, körperliche Fitness, bestimmte Fähigkeiten oder auch Sitten. All das ist Kultur, die wir haben. Die Diskussion, welcher Grad von Kultiviertheit denn »ausreicht«, um als kultivierter Mensch zu gelten, wird nie zu einem letztgültigen Ergebnis führen. Die Antwort ist stets abhängig von Ort, Zeit und Zweck des kulturellen Treibens.

Ein Stammesmitglied der Beothuk mochte Jagdkünste zur Perfektion gebracht und das prächtigste Fellgewand seiner Siedlung tragen. Dennoch hat dieser zweifelsohne kultivierte Mensch vermutlich nie ein Buch gelesen. Andererseits treffen wir auf lauter belesene Leute mit tollen Tischsitten, die auf der Tanzfläche ein peinliches Bild abgeben. Menschen sind mehr oder weniger umfassend kultiviert. Niemand ist in jeder Hinsicht kultiviert. 🕺🏻

Kultur als Höherentwicklung

Info: Kultur1, die wir betreiben (Tätigkeit, Kultivierung) führt zur Kultur2, die wir haben (Ergebnis, Kultiviertheit) im Sinne eines höher entwickelten Zustandes der geistigen und körperlichen Natur. Dazu gehören etwa der Charakter, Geschmack und Verstand, sowie die Sprache.6

Ein Beispiel für ein hohes Maß von Kultiviertheit sind japanische Geishas. Bis heute bewahren sie etliche traditionelle Künste ihres Volkes. Eine solche Kultur2 schreiben wir einzelnen Menschen zu. Es geht stets um die Kultiviertheit einer Persönlichkeit. Als geschichtlich folgenschwer bezeichnet Busche nun »die allmähliche Übertragung des gedachten Entwicklungszustands vom Individuum auf ganze Völker und Epochen.«7

Tipp: Ein unterhaltsamer Zank zwischen mehr oder weniger oder auch vermeintlich kultivierten Menschen ist in dem Film Der Vorname (2018) zu sehen.


3. Kultur, in der wir leben

Bisher stand die Kultivierung (Kultur1) und Kultiviertheit (Kultur2) des einzelnen Menschen im Mittelpunkt. Nun verlagert das Verständnis einer Kultur, in der wir leben (Kultur3) den Fokus auf Gruppen von Menschen und deren gemeinsame »Sphäre« der Kultur.

Der Philosoph Francis Bacon sei der Erste gewesen, der mit cultura den »gesamt-geschichtlich fortgeschrittenen Entwicklungsstand von Entdeckungen und […] Entwicklungen« meinte, als er vom »jetzigen Stand« der »freien Künsten oder bei der Zubereitung der Naturgegenstände durch mechanische Künste« schwärmte.8 Wenn aber heute von Kulturphilosophie die Rede ist – also der philosophischen und systematischen Reflexion dessen, was wir unter Kultur in zumeist dieser dritten Bedeutung verstehen – dann war der besagte Herder es, der diese Disziplin maßgeblich ins Dasein rief. Denn Herder übertrug »den Zustandsbegriff Kultur2 [Kultiviertheit] auf geschichtliche Kollektive«.

Kultur als charakteristischer Zusammenhang

Kultur in diesem Sinne ist »der charakteristische Zusammenhang von Institutionen, Lebens- und Geistesformen, durch den sich Völker und Epochen voneinander unterscheiden.«9

Info: Kultur3, in der wir leben, umfasst Alltägliches (wie unsere Mode oder Art des Wohnens), sowie die Bereiche Kunst, Politik, Religion, Technik, Wirtschaft und Wissenschaft.10

Tipp: Der Film Whale Rider (2002) handelt von dem Mädchen Paikea und der Māori-Kultur als Kultur3, in der es lebt und um Anerkennung kämpft.

Kulturen als offene Räume

Busche bemerkt: »[Die] extreme Ausweitung des Kulturbegriffs führt umgekehrt dazu, dass die nunmehr unbestimmte räumliche und zeitliche Variable nach historischer Spezifizierung verlangt.«11 So kommt es zur Idee einer »griechischen Kultur« oder »deutschen Kultur« – zuweilen verbunden mit der fatalen Vorstellung eines möglichen Kräftemessens zwischen den Völkern: »Kultur ist der höchste Ausdruck der schöpferischen Kräfte eines Volkes«, so Goebbels.12 Doch schon Herder erachtete beim Sinnieren über die Glückseligkeit einzelner Völker »im Grunde […] alle Vergleichung mißlich«, denn – »wer kann die verschiedene Befriedigung verschiedner Sinne in verschiednen Welten vergleichen?« Ohne den Begriff zu nennen, spricht Herder damit an, was wir heute »Eurozentrismus« nennen. Damit ist die Beurteilung nicht-europäischer Kulturen aus europäischer Perspektive und auf Grundlage europäischer Werte gemeint. Nochmals Busche, nun über kulturelle Werte:

Zwischen Gottesdienst und Großstadtkino

Inzwischen […] haben wir den Verdacht, daß es [isolierte] Traditionsräume namens Kulturen gar nicht [gibt]. […] Wo die Suren des Korans über Lautsprecher verbreitet werden, wo Millionen von Hindus direkt nach den religiösen Zeremonien in die Großstadtkinos strömen oder im Internet surfen und wo selbst australische Ureinwohner per Handy kommunizieren, dort kann man nicht mehr von separaten Kulturen ausgehen, »zwischen« denen dann zusätzliche Konflikte auftreten. […] Die Rede von »interkulturellen Wertekonflikten« scheint nicht mehr sinnvoll.

Hubertus Busche13

Das Zitat stammt aus einer Abhandlung über »transkulturelle Wertekonflikte«. Werte sind es auch, die bei der vierten Bedeutung von Kultur eine Rolle spielen. Denn Werte sind es, die der Beurteilung (der Bewertung) von Kulturgütern wie Büchern und Filmen zugrundeliegen. Doch vorweg noch:

Kultur als »zweite Natur«

Unter Kultur3 fallen auch soziologische14 Wortkombinationen wie die Jugend- oder Unternehmenskultur. Diese Bedeutungsebene kommt dem am nächsten, was in der philosophischen Anthropologie (etwa bei Plessner) mit Kultur als »zweite Natur« gemeint ist, die uns Menschen umgibt. Als besondere Kategorie bezeichnen Subkulturen bestimmte Menschengruppen, die von den dominanten Gebräuchen, Sitten oder Werten der Gesellschaft (der Kultur, in der sie leben) abweichen und sie zuweilen umkehren.

Apropos Dominanz: Ein naheliegendes Beispiel für eine solche Subkultur ist die BDSM-Szene.15 Gegenseitiges Einverständnis16 vorausgesetzt, können Mitglieder dieser Szene die hierzulande im Grundgesetz gefestigte »Gleichberechtigung aller Menschen« für die Dauer von Sessions bis hin zu Partnerschaften aufheben und ein ungleiches Machtverhältnis ausleben.

Tipp: Filme wie Secretary (2002) oder Venus im Pelz (2013) handeln von einer solchen Etablierung ungleicher Machtverhältnisse. Weitere Werke zum Thema BDSM findest du hier (Link folgt).


4. Kultur, die wir schaffen

Im weitesten Sinne lassen sich alle Hervorbringungen aus Menschenhand als Kulturgut bezeichnen, vom Faustkeil bis zum Brautkleid. Oder dramatischer: Von dem erstmals als Waffe verwendeten Knochen bis zum künstlichen Trabanten. Die über Jahrtausende dauernde Entwicklung zwischen diesen Kulturgütern veranschaulichte der Regisseur Stanley Kubrick in einem harten Schnitt vom in den Himmel geworfenen Knochen hin zum im Weltraum schwebenden Satelliten. Damit schuf Kubrick den wohl berühmtesten Übergang der Filmgeschichte. Die Szene stammt aus dem Science-Fiction-Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum (1968) und ist hier auf YouTube zu sehen.

Im engeren Sinne als Kulturgut gelten die Hervorbringungen einer »Kultur, die man schaffen, fördern und als (nationalen Besitz verehren kann: die höhere Welt der Werte und Werke in Kunst, Philosophie und Wissenschaft«17 – Werke wie besagter Film von Kubrick. Busche verortet eine solche Kultur₄ in einer Teilsphäre innerhalb der Kultur, in der wir leben (Kultur₃), »oberhalb des bloß Zivilisatorischen, Politischen, Wirtschaftlichen und Technischen.«18 Benimmregeln, Bundesgesetze, Aktienkurse und Smartphones sind zwar auch Kulturgüter, die unsere Kultur₃ maßgeblich prägen. Dennoch mangelt es ihnen an der besonderen Ausstrahlungskraft, die wir Werken der Kultur₄ zuschreiben. Nichtsdestotrotz, beide Bedeutungsebenen bedingen einander.

Kultur als Gebäude zur Fassade

Ohne Kultur, in der wir leben, ist Kultur, die wir schaffen, undenkbar. Und ohne Kultur, die wir schaffen, ist die Kultur, in der wir leben, bedeutungslos. Kultur₄ braucht Technik. Sei es die Kulturtechnik des Schreibens oder die Kameratechnik am Filmset. Keine Werke ohne Handwerk und Werkzeug. Kultur braucht Wirtschaft. Sei es die Distribution zigtausender Bücher oder die Finanzierung wochenlanger Dreharbeiten. Der Prozess von der Produktion bis zum Publikum verursacht hohe Kosten. Mochte Homer seinen Odysseus noch zum Preis von Fleiß und Lebenszeit auf Reisen geschickt haben, hat Kubricks Odyssee mehrere Millionen Dollar verschlungen.

Andersherum: Politik braucht Kultur. Mit Politik sei hier die Sorge um die Welt als gemeinsamer Lebensraum gemeint.19 Für manche reicht diese Welt bis an die Staatsgrenzen, für andere bis rund um den Erdball. In jedem Fall bedarf es Nationalhymnen und Weltkulturerbestätten, um die Bedeutung zu besingen oder zu vermitteln, welche die Welt für uns hat.

Kultur vermittelt Werte

Denn Kultur₄ ist sinnstiftend. Sie erklärt und erinnert uns, warum wir unsere Welt so wertschätzen, sei es als Ort von »Einigkeit und Recht und Freiheit« oder als Spielwiese für menschliche Schöpfungskraft. Zuletzt: Zivilisation braucht Kultur wie die Fassade das Gebäude. Zivilisation sei hier verstanden als das Regelwerk, das von außen auf uns Menschen einwirkt und etwa dafür sorgt, dass wir im Straßenverkehr und Steuersystem nicht machen, was wir wollen. Kultur₄ vermittelt wiederum Werte, die von innen her uns Menschen die Gefühle und Gründe geben, das äußere Regelwerk für richtig zu halten und anzuerkennen. Dadurch haftet dem, was wir zum »Kulturgut« im Sinne von Kultur₄ erheben, etwas Wertvolles an.

Das führt uns, nachdem der Kulturbegriff in seinen vier Bedeutungen hiermit geklärt ist, zur nächsten großen Frage: Was ist Wert? Eine Antwort darauf gibt es an anderer Stelle, im Anschluss an den Beitrag über die Philosophie des Geldes (1900) des Soziologen Georg Simmel. Auch dieser Denker hat seinerzeit den Kulturbegriff zu fassen versucht – und formulierte vor rund 100 Jahren die These von der »Tragödie der Kultur«. Was hat es damit auf sich?

Kulturgut als Dschungel

Kultur entsteht […], indem zwei Elemente zusammenkommen, deren keines sie für sich enthält: die subjektive Seele und das objektiv geistige Erzeugnis.

Georg Simmel20

Georg Simmel beschreibt Kultur₁ (die Kultivierung des einzelnen Menschen) als den Weg der Seele »von sich selbst zu sich selbst«. Am Beispiel der Odyssee: Indem die Seele sich auf die Buchlektüre oder das Filmerlebnis einlässt, bewegt sie sich von sich selbst hinfort in fremde Welten – um danach zu sich selbst zurückzukehren, bereichert um die Erfahrungen dieser Reise. Anders gesagt: Wer mit den Gedanken immer nur im eigenen Kopfe kreist, ohne sich je den Ideen anderer Köpfe hinzugeben, mag zwar selben Ideen haben, bleibt jedoch arm an Kultur2 (Kultiviertheit).

Tragödie der Kultur

Die Tragödie der Kultur besteht für Simmel nun in einem wachsenden Missverhältnis: Da ist der Mensch, »nach Kraft und Lebensdauer begrenzt«, auf der einen Seite und auf der anderen »der ins Unabsehbar wachsende Vorrat des objektivierten Geistes«, heißt: die schiere Masse kultureller Werke.

So entsteht die typische problematische Lage des modernen Menschen: das Gefühl, von einer Unzahl von Kulturelementen umgeben zu sein, die für ihn nicht bedeutungslos sind, aber im tiefsten Grunde auch nicht bedeutungsvoll; die als Masse etwas Erdrückendes haben […].

Georg Simmel21

Wie ein Dickicht, das kein Licht reinlässt. Diese Lage hat sich im Internet-Zeitalter noch verschärft: Das Kulturgut bildet einen dichten Dschungel, in dem sich die Seele auf ihrem Weg »von sich selbst als der unvollendeten zu sich selbst als der vollendeten« zu verlaufen droht. Die Teilsphäre der Kultur4 folgt zunehmend ihrer eigenen Dynamik und Logik, die ihre Inhalte »mit immer gesteigerter Beschleunigung und immer weiterem Abstand von dem Zwecke der Kultur abführt«.

Was aber ist der Sinn und Zweck von Kultur? Ganz kurz: Der Zweck der Kultur4 (ihr Ziel) ist es, uns den Sinn von Dingen (ihre Bedeutung) näherzubringen. Kunst, Philosophie und Wissenschaft helfen uns mit ihren Erzeugnissen, Erkenntnissen und Ergebnissen, das Leben besser zu verstehen.

Tipp: Wo findest du Kulturgut? Vorteil des Internet-Zeitalters ist, dass viele Werke mehr oder weniger frei und leicht verfügbar sind. Eine aktuelle Übersicht, wo du Bücher online lesen und Filme online sehen kannst, bietet der Beitrag Kulturgut-Guide 2020 (Link folgt).

Kultur durch Selbsttätigkeit

Kehren wir zurück in die Berge zu jenem Acker, mit dem Cicero den Geist verglich. Im Zuge dessen warnte er: »[…] wie nicht alle Äcker Frucht tragen, die bebaut werden […] – so bringen auch nicht alle Geister die Frucht ihrer Bearbeitung hervor.«22 Es bedürfe, so der Gedanke, einer gewissen Geisteskraft, um für Kultur zugänglich zu sein. Ein träger Geist bringe trotz aller Kultur keine »Früchte« hervor, wie auf einem vertrockneten Acker auch nichts wachse. Allerdings hakt Ciceros Acker-Geist-Vergleich in einer Hinsicht sehr – denn während ein Acker (passiv) bearbeitet wird, muss der Geist sich (aktiv) selbst beackern. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte fasste es so:

Fürs Erste: niemand wird kultiviert, sondern jeder hat sich selbst zu kultivieren […]. Bildung geschieht durch Selbsttätigkeit, und zielt auf Selbsttätigkeit ab.

Johann Gottlieb Fichte23

Ausblick

Der Acker kann auf gutes Wetter hoffen, der Geist (die Seele, das Subjekt) muss selber ran. Will sagen: Im Kultur-Dschungel mögliche Pfade aufzuzeigen und Winkel auszuleuchten, dabei mag dieses Blog als Logbuch einer Kulturreise behilflich sein. Doch lesen musst du es selber – und deinen Weg finden erst recht. Damit du das Vorhaben selbstbewusst angehst, bietet der nächste Beitrag einen Leitfaden zur Kulturtechnik Lesen. Auch wenn du diese Technik seit der Grundschule beherrschst, gibt’s ja vielleicht noch Tipps, die dir bei der effektiven Lektüre von Büchern behilflich sein können.

Hinweis: Hier geht’s zum Literaturverzeichnis.


PS: Nicht zu vergessen, der Kulturbeutel! Warum heißt die Tasche mit den Hygiene-Artikeln so? Warum nicht »Toiletten-Tasche«, wie im Englischen (toilet bag) oder Niederländischen (toiletzak)? Immerhin gehört das Ding ins Badezimmer (Umgangssprache: in die Toilette). Im gehobenen Sprachgebrauch ist mit »Toilette« das Sich-zurecht-Machen gemeint, also die Körperpflege. Was war noch gleich der lateinische Begriff für Körperpflege? Ach ja, cultura. Ob der Kulturbeutel deshalb so heißt, weiß ich nicht. Aber die Herleitung scheint mir ganz passend.

PPS: Im Jahr 2015 gab es eine Blogparade zur Frage: Was ist Kultur für dich? Hier geht es zu den Antworten von über 70 Blogger*innen, die sich an der Aktion #KultDef beteiligten.

Fußnoten

  1. Die Schrift Tusculanae disputationes ist samt dt. Übersetzung hier verfügbar.
  2. Die Bezeichnung Mängelwesen geht auf Arnold Gehlen, einem der großen Namen der philosophischen Anthropologie, siehe: Was ist der Mensch? (Link folgt).
  3. Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache.
  4. Skulpturen wie den berühmten Löwenmenschen, dem wir im Beitrag über Mythologie wieder begegnen werden.
  5. Hubertus Busche: Was ist Kultur? In: Dialektik. Zeitschrift für Kulturphilosophie, 2000/1, S. 69-90. (nachfolgend abgekürzt: HB) Der Beitrag findet sich, aktualisiert, bebildert und in kürzerer Form, auch in dem Sammelband Kultur – Interdisziplinäre Zugänge, Wiesbaden 2018. (Zitate aus dem Sammelband werden in den Fußnoten nachfolgend nicht abgekürzt.)
  6. Vgl. Hubertus Busche (Hg.) et. al: Kultur – Interdisziplinäre Zugänge, S. 9.
  7. HB, S. 77.
  8. Francis Bacon: Novum Organon, Buch 1, Aphrismus 85: »[…] quam nunc habemus, culturam perducta sint […]«. Die Schrift ist im lateinischen Original hier verfügbar, die deutsche Übersetzung ist hier verfügbar. Mehr zum Philosophen und seinem Werk erfährst du im Beitrag: Was ist Wissen?
  9. Hubertus Busche (Hg.) et. al: Kultur – Interdisziplinäre Zugänge, S. 14.
  10. Vgl. ebd., S. 16.
  11. HB, S. 79.
  12. Zitiert nach: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Nr. 7 (1934), S. 21.
  13. Hubertus Busche: Was sind transkulturelle Wertekonflikte? Und inwieweit sind sie lösbar? In: Kurt Röttgers, Peter Koslowski (Hg.): Transkulturelle Wertekonflikte, S. 47.
  14. Soziologie ist die Lehre des sozialen Verhaltens und Zusammenlebens von Menschen.
  15. BDSM ist ein Sammelbegriff für sexuelle Vorlieben jenseits von dem, was gemeinhin als »Norm« gilt. Das Kürzel setzt sich aus den Anfangsbuchstaben folgender (englischer) Begriffe zusammen: Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism.
  16. Im BDSM-Bereich gibt es das Prinzip »safe, sane and consensual« (SSC), zu deutsch: »sicher, vernünftig und einvernehmlich«. Indem sich die Beteiligten von BDSM-Sessions oder -Partnerschaften an dieses Prinzip halten, grenzen sie ihre Praktiken von nicht-einvernehmlicher, strafbarer sexueller Gewalt ab.
  17. HB, S. 86.
  18. Ebd.
  19. Vgl. Hannah Arendt: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, S. 24: »[…] denn im Mittelpunkt der Politik steht immer die Sorge um die Welt und nicht um den Menschen – und zwar die Sorge um eine so oder anders beschaffene Welt, ohne welche diejenigen, ohne welche diejenigen, die sich sorgen und politisch sind, das Leben nicht wert dünkt, gelebt zu werden.« Mehr dazu im Beitrag Die Zerstörung des politischen Lebens.
  20. Georg Simmel: Philosophische Kultur, S. 227.
  21. Ebd., S. 250.
  22. Cicero: Tusculanae disputationes. Gespräche in Tusculum.
  23. Johann G. Fichte, in: Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution (1793), S. 80.

3 Kommentare zu „Was ist Kultur?“

  1. Sandra Göttsche

    Hallo David,
    sehr interessante Zusammenfassung – vielen Dank dafür. Ich habe eine Frage, ich checks vielleicht auch einfach nicht…

    Ich wollte mehr zu deiner Fußnote 19 lesen: HB S. 86
    Auf welches Buch bezieht sich das jetzt genau? Weil du manchmal auch Ebd. verwendest.
    Ich bin verwirrt. Vielleicht magst du mich aufklären!
    Merci
    Sandra

    1. Hey Sandra,

      Fußnote 19 bezieht sich (weil nicht mit HB abgekürzt) auf den Zeitschriften-Artikel von 2000, also > Hubertus Busche: Was ist Kultur? Erster Teil: Die vier historischen Grundbedeutungen, in: Dialektik. Zeitschrift für Kulturphilosophie, 2000/1, S. 86.

      Der Beitrag ist zurzeit online verfügbar, als PDF: http://mooddeutsch.bouchra-aboura.com/pluginfile.php/40/mod_forum/attachment/396/Busche%20Hubertus.pdf

      Hab’s in den Fußnoten nochmal etwas ausdrücklicher formuliert, um die Verwirrung zu mindern 🙂 Danke für den Hinweis, liebe Grüße!
      David

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