Dies ist das Logbuch einer Kulturreise. Unterwegs in Raum und Zeit entdecken wir Werke der Kunst, Philosophie und Wissenschaft. Wir sammeln Erkenntnisse über jenes seltsame Wesen, das sich selbst Homo sapiens nennt. Warum und wie, dazu mehr hier im Vorwort. Wo auch immer du diese Zeilen liest – holen wir dich erstmal von dort ab. | Lesezeit: 6 Min.

Vorwort

Am 14. Februar 1990, vor 30 Jahren, da nahm die Raumsonde Voyager 1 tief im Weltall dieses Bild auf. Es trägt den Titel Pale Blue Dot, zu deutsch: blassblauer Punkt – benannt nach dem Punkt, der aus dem hellen Strahl in der rechten Bildhälfte noch etwas heller hervorsticht.

Dieser Punkt ist kein Pixelfehler und kein Fleck auf der Linse. Dieser Punkt, schrieb der Astronom Carl Sagan, »ist unser Zuhause.« Unsere Erde aus einer Ferne von rund sechs Milliarden Kilometern.

Die Gesamtheit all unserer Freuden und Leiden, Tausender von sich selbst überzeugter Religionen, Ideologien und ökonomischer Doktrinen, jeder Jäger und Sammler, […] jede Königin und Bäuerin, jedes verliebte junge Paar, jedes hoffnungsvolle Kind, jede Mutter, jeder Vater, jede Erfinderin und jeder Entdecker […] in der Geschichte unserer Spezies lebte dort auf einem Staubkorn in einem Sonnenstrahl…

Carl Sagan: Blauer Punkt im All

Das Faszinierende an dem blauen Punkt im Universum, das sind die unzähligen weiteren Universen, die das Leben darauf hervorgebracht hat. Ich meine nicht die Welten, die sich offenbaren, wenn wir Zellen unters Mikroskop legen. Die Rede ist von den Geschichten, die das Leben schreibt, wenn wir Menschen uns aufs Handeln einlassen. Worin der Unterschied besteht, zwischen dem biologischen und dem menschlichen Leben, und welche Rolle Geschichten darin spielen, das sind zwei der vielen Fragen, auf die wir Antworten finden werden.1 Um nicht blind nach Erkenntnissen zu stochern, nachfolgend eine grobe Wegbeschreibung.

Einführung

Zu Beginn hinterfragen wir, was Kultur ist. Der Begriff birgt vier Bedeutungsebenen. Durch deren Verständnis wird Kultur zu einem Schlüssel, der uns Gedankenwelten und Werke öffnet, sie betreten und erleben lässt. Alles, was du dazu brauchst, ist eine Fähigkeit, die du längst beherrschst. Trotzdem gibt’s hier vorweg noch einen Leitfaden zur Kulturtechnik Lesen – für die, die nicht nur irgendwie, sondern effektiv Lesen möchten. Je nach Tiefgang streifen wir zuweilen das Feld der Kulturwissenschaften. Darunter fallen mehrere Fächer, von denen uns vor allem die Philosophie begleiten wird. Wieder hinterfragen wir, was Philosophie ist. Welches Vorhaben verfolgt sie und wie lässt sich die Liebe zur Weisheit ausleben?

Wir erkunden Werke von sechs Kontinenten und aus sechs Epochen sowie der Gegenwart. Wenn du willst, kannst du diese Kulturreise auch auf besonderen Routen beschreiten, etwa als Weltreise oder Zeitreise. Entscheidest du dich für die Weltreise, entdeckst du zu allen Ländern der Erde kulturell relevante Werke des 21. Jahrhunderts. Entscheidest du dich für die Zeitreise, beginnt dein Trip im Altertum und führt entlang von Klassikern quer durch die Geschichte. In jedem Fall brauchst du weder Flugzeug noch Fluxkompensator für die Reise. Mit Leselust & Wissbegier bist du gut bedient, um auf Kulturschatzsuche zu gehen.

Kapitel & Rubriken

Das Logbuch umfasst fünf Abschnitte. Nach der Einführung sind die Beiträge im Großen und Ganzen chronologisch geordnet. Kapitel 1 behandelt Ideen und Werke vom Altertum bis zur Neuzeit. Kapitel 2 enthält Beiträge über Bücher, Filme und Themen von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Das Kapitel 3 umfasst Beiträge über Kulturschätze von der Zeit zwischen den Weltkriegen bis zum Jahr 2020. Damit beginnt Kapitel 4, über das aktuelle Jahrzehnt. Die Gegenwart.

Zum Inhaltsverzeichnis.

Jeder Beitrag gehört zu einer Rubrik. Da wären die Bibliothek für literarische Werke und die Cinemathek für Filme, Serien, Videos, kurz: Bewegtbilder aller Art. In der Rubrik Menschen findest du Interviews, Porträts und Nachrufe. Unter Philosophie fallen philosophische Werke und in der Rubrik Unterwegs sammeln sich Beiträge über Events, Reisen oder Gedanken auf Irrwegen. Im Bereich Wissen gibt’s Antworten auf konkrete Fragen.

Der Rahmen dieser Reise geht von den drei großen Rätseln aus: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Wer erwachsen werde, heißt es, nehme hin, dass es auf diese Fragen keine letztgültigen Antworten gibt. Nun, Erwachsenwerden ist Teil unserer Mission. Und Fragen, die wir nicht beantworten können, sind bekanntlich besser für uns als Antworten, die wir nicht infrage stellen dürfen.2 In diesem Sinne: Was wollen wir erreichen?

Ziele des Logbuchs

Bildung. Wir wollen Verständnis erlangen. Nichts anderes ist ja die Weisheit, um die sich in der Philosophie alles dreht – ein Verständnis von Zusammenhängen aller Art. In Bezug auf Kultur heißt das: verstehen, was sie ist und wozu sie befähigt. Dieses Logbuch vermittelt Kulturtechniken wie Lesen und Lernen, ebenso wie fachspezifische Inhalte aus den Kulturwissenschaften. Manche Texte führen in tiefere Gefilde der Geschichte oder Philosophie und werden als Fachbeiträge gekennzeichnet.

Information. Wir wollen Wissenswertes lernen. Ob in Philosophie oder Popkultur, in Geschichte oder Gegenwart, in antikenSchriften oder aktuellen Serien, Platons Höhlengleichnis oder Nunns Sex Education. Mit aufgewecktem Blick gibt es überall Lektionen fürs Leben zu entdecken. So wächst dieses Logbuch heran zu einem Nachschlagewerk voller Fakten, Tipps und Hinweise. Welche Lektüre sich lohnt, welche Filme deine Beachtung verdienen und welche Kulturschätze für wen gute Geschenke abgeben, auch solch banalen Bums findest du hier.

Unterhaltung. Wir wollen Spaß haben. Wär’ ja sonst witzlos, diese Reise. Nur für den Fall, dass es mit Wissen und Weisheit nix wird, soll’s wenigstens ein paar Fun Facts und Zitate zum Schmunzeln geben. Aber Humor ist Geschmacksache und Philosophie ein trockenes Fach, stimmt’s? »Ich denke nicht«, antwortet Descartes und – puff – löst sich in Luft auf. Das war sie auch schon, die berühmteste Pointe aus über 2000 Jahren Philosophie-Geschichte.3

Golden Record

Am Ende soll ein Kanon entstehen: eine Sammlung von Antworten, Gedanken und Werken, die es wert sind, gelesen, gesehen, besprochen und erinnert zu werden. Ähnlich wie jene Raumsonde, die 1990 ins Weltall aufbrach, mit dem Voyager Golden Record an Bord: zwei Datenplatten voller Bild- und Audiomaterial von Mutter Erde.4

Auf diesen Platten sind Herzschlag und Motorknattern, Tiergeräusche und Babygeschrei zu hören.5 Aber auch Gesänge der Pygmäen-Mädchen aus Zaire, ein Song von Chuck Berry und eine Arie von Mozart. Außerdem Fotos vom Homo sapiens beim Häuserbau, Einkaufen und Wettlaufen, Noten für ein Streichquartett und Einblicke in Newtons Principia. Kulturgut der Menschheit, auf Reisen im interstellaren Raum.

Ausblick

Auch wenn diese Sammlung hier wohl nie ins All geschossen wird (schade), verfolgen wir ein höheres Ziel: Egal, ob eines Tages Aliens landen, dieses Blog finden und sich darüber ein Bild vom Menschen machen mögen – in erster Linie dient diese Partie Ich packe meinen Koffer dem eigenen Verständnis vom menschlichen Wesen. Was sagt all die Kultur über uns aus? Dabei wollen wir nicht das Manko des Golden Record wiederholen, der für seine Schönmalerei kritisiert werden kann, da er Grausamkeit, Krieg und Leid verschweigt.6 Diese Schattenseiten unseres Daseins werden in etlichen Werken beleuchtet – und auch solche sollen hier mit einfließen.

Wir wollen gegen das Vergessen und für ein kultiviertes Miteinander schreiben. Dazu dieses Logbuch. Danke fürs Lesen.

David J. Lensing

Fußnoten

  1. Siehe: Beitrag über Arendts Vita activa.
  2. Vgl. Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, S. 325.
  3. Descartes war Mr. »Ich denke, also bin ich.« (Die besten Witze sind doch die, die mit einer Fußnote erklärt werden.)
  4. Ein Verzeichnis aller Daten auf den Platten findet sich auf der Website des JPL.
  5. Die Geräusche der Erde, die auf den Datenplatten gespeichert sind, hat die NASA als Playlist hochgeladen, hier zu hören: Golden Record: Sounds of Earth.
  6. Auf diese Kritik ließe sich erwidern, dass es nicht sehr klug erscheint, bei einem möglichen Erstkontakt zu Aliens gleich als die kriegslustigen Waffennarren dazustehen, die wir zuweilen sind. We come in peace!

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