Platons Höhlengleichnis im Dialog Politeía

Platons Höhle, Schatten an Felswänden und angekettete Menschen. Das berühmteste Gleichnis der Philosophie ist ein grausig schönes. Seit seiner Entstehung im antiken Griechenland vor rund 2500 Jahren hat es bis heute nichts an seiner Wirkungskraft verloren. In diesem Beitrag schauen wir uns Platons Höhlengleichnis näher an. Dazu wird es in leichter Sprache wiedergegeben und anschließend in seiner Bedeutung erklärt. Ein kleiner Ausflug in die theoretische Philosophie.1 | Lesezeit: 9 Min.

Platons Höhlengleichnis in drei Fassungen

Berühmte Werke werden ja bekanntlich lieber wild diskutiert, als wirklich gelesen. Deshalb schlage ich vorweg erstmal die Lektüre von Platons Höhlengleichnis vor. Zu finden ist es im siebten Buch von Platons Schrift Politeía (auch bekannt als: Der Staat). Hier gibt’s das Höhlengleichnis in drei Fassungen: 1) für Kinder, in Kurzform, 2) für Schüler*innen, in leichter Sprache, und 3) für Studierende, im Original. Weiter unten geht’s dann um Auslegung des Gleichnisses.

Das Höhlengleichnis für Kids

Platon war ein Philosoph. Er hat das Höhlengleichnis aufgeschrieben. Das ist eine Art Geschichte, die geht so: Die Menschen sitzen in einer Höhle. Sie sind so gefesselt, dass ihre Blicke nur in eine Richtung gehen – nämlich zu einer Wand, an der Schatten zu sehen sind. Es sind die Schatten von Dingen, die am Licht vorbeigetragen werden. Dieses Licht ist hinter den Menschen. Die Menschen halten die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit. Sie kennen ja nichts Anderes außer diese Schatten.

Erst wenn sich ein Mensch aus der Höhle befreit, kann er zum Licht hingehen und die wirklichen Dinge sehen. Aber die anderen, gefesselten Menschen werden dem Befreiten nicht glauben, wenn er zurückkommt und von den wirklichen Dingen erzählt – weil sie ihn nur als einen der Schatten an der Wand sehen. Diese Geschichte ist ein Gleichnis, weil du sie mit unserem echten Leben vergleichen kannst. Platon glaubte, dass all die Dinge, die wir um uns herum sehen, auch nur wie Schatten sind. Aber woher kommt dann das Licht, das diese Schatten wirft? Dieses Licht kommt sozusagen aus uns selbst, aus unseren Köpfen. Um die wirklichen Dinge zu sehen, sagt Platon, müssen wir sehr genau über die Dinge nachdenken. Nicht mit unseren Sinnen – also dem Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken – können wir die Welt wirklich verstehen, sondern nur mit unseren Gedanken.


Das Höhlengleichnis in leichter Sprache

Wir können die Welt in Bezug auf die Bildung der Menschen mit einer Höhle vergleichen. Darin sitzen die Menschen von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln. Sie können sich nicht bewegen und nur nach vorne sehen, auf eine Höhlenwand. Die Wand ist beleuchtet von einem Feuer hinter den Menschen. Zwischen ihnen und dem Feuer werden Dinge entlang getragen. Sie werfen Schatten an die Wand vor den Gefesselten, die nie im Leben je etwas anderes gesehen haben, als diese Schatten der Gegenstände. Die Menschen geben den Umrissen verschiedene Namen, ohne zu ahnen, dass es nur die Schatten der wirklichen Dinge sind.

Befreiung aus der Höhle

Eines Tages kommt eine der Gefangenen frei. Die befreite Person stolpert raus aus der dunklen Höhle und kann in der Helligkeit nichts erkennen. Ihre Augen tun weh und sie will nicht glauben, was sie hört – nämlich, dass es Unsinn sein soll, was die Gefangenen in der Höhle sehen. Die Befreite ist verwirrt und hält jene Schatten noch für wirklicher, als die seltsamen Schimmer, die sie jetzt umgeben. Als ihr die Quelle des Lichts gezeigt wird, schmerzen ihre Augen noch mehr. Angeblich zeigt dieses Licht der Befreiten die wirklichen Dinge – aber es dauert, bis ihre Augen sich an die Helligkeit gewöhnen. Auch hier draußen sind die Schatten das erste, was die Befreite erkennt. Dann die Spiegelungen im Wasser und schließlich, wenn sie aufschaut, sieht sie alles. Erstmals in ihrem Leben erkennt die Befreite die wirklichen Dinge und kann bald sogar zur Lichtquelle hinaufschauen, der Sonne. Sie versteht, dass von dieser Sonne alles ausgeht. Die Sonne schafft die Zeiten und Jahre und sie ist die Ursache all der Dinge um sie herum.

Rückkehr in die Höhle

Die Befreite ist begeistert von dieser Erkenntnis – und denkt sofort an die Gefangenen in der Höhle, die nichts als Schatten betrachten und für die Wirklichkeit halten. Sie muss es ihnen sagen! Die Gefangenen ehren und loben untereinander noch diejenigen, die die Schatten am schärfsten sehen und am besten vorhersagen, was als nächstes an der Wand erscheint. Der Befreiten ist diese Ehre nichts mehr wert, weiß sie doch die Wahrheit. Als sie aber hinabsteigt, müssen sich die Augen der Befreiten wieder umgewöhnen. Anfangs sieht sie kaum die Schatten an der Höhlenwand und hört nur das Lachen der Gefangenen über ihre verdorbenen Augen. Oh nein, sie möchten gar nicht da hinauf, sagen die Gefangenen. Stattdessen sind sie bereit, jeden Menschen, der sie lösen und hinaufbringen will, zu packen und, wenn nötig, umzubringen.

Hinweis: Auf YouTube ist Platons Höhlengleichnis in leichter Sprache als Video verfügbar.


Das Höhlengleichnis im Original (Auszug)

Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in bezug auf Bildung und Unbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht oben her ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt, wie die Schranken welche die Gaukler vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre Kunststücke zeigen. […] Sieh nun längs dieser Mauer Menschen allerlei Gefäße tragen, die über die Mauer herüber ragen, und Bildsäulen und andere steinerne und hölzerne Bilder und von allerlei Arbeit; Einige, wie natürlich, reden dabei, andere schweigen. – Ein gar wunderliches Bild, sprach er, stellst du dar und wunderliche Gefangene.

Den letzten Satz entgegnet Glaukon. Platon lässt das Höhlengleichnis von Sokrates erzählen, der im echten Leben sein Lehrer war. Als literarische Figur taucht Sokrates häufig in Platons Schriften auf, die meist als Dialoge angelegt sind – hier eben zwischen Sokrates und (unter anderem) Glaukon. In voller Länge kannst du das Gleichnis beim Projekt Gutenberg (nach der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher) nachlesen. Mehr über Platons Dialoge und Sokrates als literarische Figur findest du im Beitrag über die sokratische Methode.

Das Höhlengleichnis als Buch und PDF

Weitere Buchtipps zu Platon

Platons Höhlengleichnis erklärt

Wozu braucht es ein Gleichnis? Ein Gleichnis stellt einen Vergleich her, um ein besseres Verständnis zu gewinnen. In diesem Fall geht es um ein besseres Verständnis der sogenannten Ideenlehre. Um diese anschaulicher zu erklären, wählt Platon den Kunstgriff des Gleichnisses, indem er uns eine Geschichte erzählt. Darin entspricht jene Sonne, die vom Himmel scheint und unser aller Leben in Gang bringt und am Laufen hält, als die »Idee des Guten«. Diese Idee ist, gemäß Platons Lehre, in der Welt unserer Gedanken (der noetischen Welt) der oberste Grund alles Seins und Handelns. Diejenigen Menschen, welche die Idee des Guten erblickt und erkannt hätten und bereit seien, ihre im Schatten gefangenen Mitmenschen ans Licht zu führen, diese Menschen sollten an der Spitze des Staates stehen, um den es Platon in der Schrift Politeìa eigentlich geht.

Tipp: Mehr über Platons Ideenlehre findest du im Beitrag über die platonischen Ideen.

Die Wirklichkeit hält indes eine düstere Pointe bereit: Wir Höhlenmenschen, die wir unsere Schattenbilder lieben und nix Neues lernen wollen, wir würden einen »erleuchteten« Mitmenschen lieber töten, als uns etwas von ihm beibringen zu lassen. So ist es Sokrates selbst ergangen, dem Lehrer Platons: Die Athener ließen ihn für sein Gerede zum Tode verurteilen. Mit einem Schluck aus dem Schierlingsbecher sollte er sich selbst vergiften. Sokrates wehrte sich nicht, sagte »Zum Wohl!« – und verabschiedete sich ins Jenseits.

Das Erwachen des Bewusstseins

In Platons Höhlengleichnis geht es um das Erwachen des Bewusstseins. Das Bewusstsein ist das Vermögen eines Menschen, die Außenwelt mit allen Sinnen zu erkennen und über sie und sich selbst nachzudenken. Die metaphorischen »Höhlenmenschen«, die nur Schatten tanzen sehen, sind nicht mit vollem Bewusstsein bei der Sache. Erst die Person, die aus der Höhle entkommt und ihre Umwelt in ihrer wahren Gestalt erkennt, wird sich der Welt und ihrer selbst bewusst. Soweit hat uns Platons Gleichnis die Idee vom Bewusstseins-Erwachen eindrucksvoll vermittelt.

Nun mag das Setting aus heutiger Sicht arg naturbelassen daherkommen. Welcher Stadtmensch des 21. Jahrhunderts war schon in einer Höhle, in der Feuer brannten? Die Felsenhöhle ist nichts anderes als ein Sinnbild für die Familien, Cliquen oder andere soziale Gemeinschaften, in denen wir aufwachsen und leben. Wenige Menschen wachsen in Kreisen auf, die ihnen von klein auf beibringen, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Denn das geht nur, indem sie über das überlieferte Wissen der Älteren hinausschauen und es hinterfragen. Zahlreiche Entscheidungen wurden längst über unsere jungen Köpfe hinweg gefällt und ebneten den Weg für die Entscheidungen, die wir als ältere Köpfe nun selbst zu fällen glauben. Tatsächlich bewegen wir uns dabei in den Bahnen der Gesellschaft (oder Kultur3), zu der wir gehören. Innerhalb unserer Höhle.

Hollywoods Höhlengleichnis

Sehr anschaulich erzählt wird uns Platons Höhlengleichnis, in die Gegenwart übertragen, von dem Film Die Truman Show (1998) von Regisseur Peter Weir. Hier geht’s zur Filmkritik. (Link folgt)

Darin geht es um einen Mann (Jim Carrey), der seit seiner Geburt die Hauptfigur seiner eigenen Show ist, ohne etwas davon zu wissen. Umgeben von professionellen Schauspieler*innen (u. a. Laura Linney) fristet er sein Dasein in einer Kleinstadt, die eigentlich ein riesiges Studio ist – beobachtet von Hunderten versteckter Kameras. Dass Trumans Kleinstadt dessen Höhle ist, die ihm das Erkennen der wirklichen Welt unmöglich macht, das wird uns als Publikum auf Anhieb klar. All seine Entscheidungen entspringen nur vermeintlich dem eigenen Kopf. Stattdessen werden sie von außen gesteuert. Selbst seine Ängste wurden sorgsam gepflanzt. Seine Angst vor dem Meer zum Beispiel. Diese Angst verhindert, dass Truman seine Höhle verlässt.

Unser echtes Leben ist weniger dramatisiert und überzeichnet. Dadurch fällt es uns weniger deutlich auf: Eigentlich sind wir alle true-mans und true-womans (denn ja, von diesem platten Wortspiel rührt der Name des Protagonisten her).

Platons Höhlengleichnis in der Gegenwart

Am 18. März 2020 schrieb Sofie Waltl (Der Standard) über Netzwerke, Kommunikation und Vertrauen: Wie Forschung passiert – und bringt in ihrem Beitrag das antike Höhlengleichnis mit der Gegenwart zusammen. Es geht um die Exklusivität von Netzwerken:

Nur ein Insider profitiert [von Netzwerken], während ein Außenseiter höchstens noch die Schatten wahrnimmt. Schon Platons Höhlengleichnis hatte diese passive Wahrnehmung zum zentralen Thema – es handelt sich also wirklich um ein im wahrsten Sinn des Wortes altbekanntes Dilemma. 

Fußnoten

  1. Mehr über die Einteilung der Philosophie erfährst du in der Einführung: Was ist Philosophie?

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