Was ist der Mensch?

Seit jeher wundert sich unsere Spezies über ihr eigenes Wesen: Was ist der Mensch? Doch erst seit rund hundert Jahren hat diese Frage ihr eigenes Fachgebiet: die philosophische Anthropologie. Im Folgenden geht es darum, was diese Disziplin ist und welche Antworten sie hervorgebracht hat. Doch Achtung: Eine endgültige Antwort gibt’s hier nicht. Als literarische Grundlage dient uns das Buch Philosophische Anthropologie von Prof. Gerald Hartung. | Lesezeit: 9 Min.

Hinweis: Dieser Beitrag behandelt ein Thema der theoretischen Philosophie. Mehr zur Einteilung des Fachs erfährst du in der Einführung zur Philosophie.

Der Mensch heißt Mensch, / weil er erinnert, weil er kämpft, / weil er Hoffnung liebt, / weil er mitfühlt und vergibt, / und weil er lacht, weil er lebt, / du fehlst…

Grönemeyer: Mensch (2002)

Philosophische Anthropologie · Definition

Anthropologie ist die Lehre vom Menschen (altgriech. ánthrōpos), oder auch: Menschenkunde. Seit der Evolutionstheorie von Darwin, der den Menschen als vom Affen abstammend beschrieb, wird die Anthropologie den Naturwissenschaften zugeordnet. Sie hat sich in verschiedene Disziplinen aufgefächert. Die biologische Anthropologie beschäftigt sich beispielsweise mit den körperlichen Merkmalen von Homo sapiens. Die forensische Anthropologie dreht sich um die Identifizierung von Personen, etwa in Zusammenhang mit Strafverfahren zu liefern. Dabei geht es also um empirische, ja sogar beweiskräftige Daten, die klare Antworten liefern.

Doch es gibt auch Fragen rund um das Forschungsobjekt Mensch, auf die keine klaren, letztgültigen Antworten zu erwarten sind. Solche Fragen fallen in den Fachbereich der Philosophie, in Bezug auf den Menschen also in den Bereich der philosophischen Anthropologie. Gemeint sind Fragen wie: Was ist der Mensch? 🧐

Eine solche Frage ist vergleichbar mit der Frage nach dem Wetter. Die Menschen stellen sie ständig aufs Neue und nie gibt es eine Antwort darauf, die immer und überall gilt. Vielmehr gibt es, wie die paar Sprossen auf der Leiter des Wetterfroschs, ein kleines Spektrum möglicher, ähnlicher, sich wiederholender Antworten. Abhängig davon, wo und wann und wer gerade fragt. Für den Ackerbauern kann starker Regen »gutes Wetter« sein. Erst in jüngerer Zeit, da sich unsere Erde infolge des Klimawandels erhitzt, wird die alltägliche Frage dringlicher und die Antworten werden dramatischer: Wie ist das Wetter? Keine Ahnung, der Frosch ist vertrocknet.

Descartes, Darwin und was da komme

So wie beim Wetter liegen die Dinge auch bei der Frage: Was ist der Mensch? Über Jahrhunderte wurde diese Frage in immerzu ähnlicher Weise beantwortet. Doch es gab Erschütterungen: Als der Philosoph René Descartes Körper und Geist im 17. Jahrhundert als zwei voneinander verschiedene Substanzen darstellte, und als der Forscher Charles Darwin Mensch und Affe im 19. Jahrhundert als zwei miteinander verwandte Arten beschrieb – das brachte je eine Reihe neuer Antworten und Gedanken zum Wesen des Menschen hervor.

Das heftigste Beben allerdings, das steht uns im 21. Jahrhundert bevor. Es ist – wie der Klimawandel – bereits spürbar im Gange. Spürbar zumindest für diejenigen im digitalen Zeitalter, die nicht vollends im Netz festhängen und von Apps und Feeds und Memes abgelenkt sind.

Der Mensch nimmt die Digitalisierung hin wie der Frosch das noch nicht kochende Wasser.

Stefan Schulz (FAZ)

Dieses Zitat stammt aus einer Kritik zu Transcendence (2014), einem Film über das Thema Transhumanismus. Damit ist der Prozess gemeint, mit dem sich die Menschen, wie wir sie kennen, durch technologische Optimierungen von seinem jetzigen Erscheinungsbild entfernt und die Fähigkeiten des Homo sapiens zu überschreiten lernt. Was ist der Mensch dann? In seiner Schrift Philosophische Anthropologie lässt Gerald Hartung keinen Zweifel daran, dass diese Fragestellung nicht an Relevanz verliert.

Ganz im Gegenteil scheint sich das Sinnproblem Mensch, seine abgründige Rätselhaftigkeit, im Fahrwasser ruheloser Forschung am Mechanismus des Lebens noch zu verschärfen.

S. 131

Was ist der Mensch? · Zitate

Der Mensch kann ja alles sein, er kann Figaros Hochzeit komponieren, ein Bild wie Der Mönch am Meer malen und das Penicillin erfinden. Oder er kann Kriege führen, vergewaltigen und morden. Es ist immer: der Mensch.

Ferdinand von Schirach (SZ)

Als was ist der Mensch nicht schon alles beschrieben worden? Wir waren das »zweibeinige Lebewesen ohne Federn« (Platon) und das »Ebenbild Gottes« (Altes Testament). Wir waren ein »vernünftiges, sterbliches Lebewesen« (Augustinus) und sogar ein »denkendes Schilfrohr« (Pascal), meint: in unserem Denken wie das Schilf im Wind wankend. 🌾 Und wie ließe sich widersprechen? Die Geschichte gibt Pascal recht. Wir dachten uns mal als »entartetes« (Rousseau), »prügelndes« (Schopenhauer), »krankes Tier« (Nietzsche) oder »Triebverdränger« (Freud). Heute werden Triebe wie Geltungssucht und Größenwahn zur Tugend erklärt und der Mensch steigt zum »Homo Deus« auf (Harari).

»Also… Sie wollen einen Gott erschaffen? Ihren eigenen Gott?« – »Haben das die Menschen nicht schon immer getan?«

Transcendence (2014)

Philosophische Anthropologie · Reclam

Im ersten Teil von Philosophische Anthropologie geht Hartung auf den Begriff und die Geschichte dieser Disziplin ein und rückt all die genannten Gedanken in ihren historischen Kontext (abgesehen von Harari, dessen Bestseller – wie etwa Eine kurze Geschichte der Menschheit – vermutlich zu populärwissenschaftlich für Hartungs Ansprüche sind). Von der Antike über das Mittelalter, die Renaissance und Reformation bis zur Aufklärung wird die Philosophie-Geschichte hier mit Fokus aufs Wesentliche komprimiert. Rund um die zentrale Frage: Was ist der Mensch? Die einzelnen Denker (und eine Denkerin – Hannah Arendt)1 werden dabei in jeweils kurz und schlüssig abgehandelt.

Hinweis: Auf YouTube ist eine Buchkritik zu Philosophische Anthropologie als Video verfügbar.

Scheler, Plessner und Gehlen

In gebührender Ausführlichkeit widmet sich Hartung den drei Herren – Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen – die der philosophischen Anthropologie im frühen 20. Jahrhundert ihren Namen und ein neues Gesicht gegeben haben. Aber auch Nicolai Hartmann, Hegel, Marx, Cassirer & Co. kommen zu Wort. Warum sollten wir diese alten Hasen heute noch lesen?

Es macht für das menschliche Selbstverständnis einen Unterschied, ob die Technik als etwas begriffen wird, das uns nach irgendeiner Art von Sündenfall zustößt und gegen das wir uns bei wohlverstandenem Eigeninteresse nur […] wehren und verwahren können; oder ob sie als menschliches Proprium2 zu betrachten ist. Die Philosophische Anthropologie des 20. Jahrhunderts birgt in ihren großen Protagonisten das Potential, uns Menschen zu unserer Technik – und das heißt in letzter Instanz: zu einem selbstbestimmten Umgang mit ihr – zu ermutigen.

Birgit Recki, Professorin für Philosophie an der Uni Hamburg3

Was den Umgang mit Technik angeht, gehöre ich zu den Optimisten, die mehr Vor- als Nachteile in Entwicklungen wie dem Transhumanismus sehen. Im Film Transcendence war ich auf der Seite des Super-Computers. Geprägt werden meine Gedanken zum Wesen Mensch wohlgemerkt durch mein Studium. 🤓 Kurzer Exkurs dazu, wie ich mit der philosophischen Anthropologie überhaupt in Berührung kam.

Philosophische Anthropologie · Studium

Im Studium der Kulturwissenschaften an der FernUni Hagen habe ich die philosophische Anthropologie im ersten Philosophie-Modul (P1) als eine von vielen Disziplinen der theoretischen Philosophie kennengelernt. Für eine Klausur im Sommersemester 2017 beschäftigte ich mich mit Helmuth Plessner. Sein »Gesetz der vermittelten Unmittelbarkeit«, demzufolge Menschen in jeder Generation auf ein Neues kulturelle Schöpfungen hervorbringen müssen – als Notwendigkeit – um die Welt überhaupt begreifen zu können, das faszinierte mich nachhaltig. So sehr, dass ich mich in der mündlichen Prüfung im dritten Philosophie-Modul (P3) wieder mit Plessner im Speziellen und der philosophischen Anthropologie im Allgemeinen auseinandersetze – was mich zum Buch von Hartung greifen ließ.

Wie ist der Mensch zu bestimmen, wenn die Metaphysik nicht mehr und die moderne Naturwissenschaft noch nicht ein zureichendes Paradigma liefern? Die Antwort auf diese Frage erfolgt nicht in Definitionen, sondern in ausführlichen Beschreibungen der Natur des Menschen und seiner Lebenserfahrung.

S. 7

Blumenbergs Brückenschlag

In seiner Einleitung justiert Hartung die Erwartungen, die an die philosophische Anthropologie gestellt werden dürfen. Status Quo: Der Mensch sieht sich nicht mehr als von Gott geschaffen an – und doch reicht es noch nicht, sich selbst zum Gott zu machen. Für die Neurologie ist der Geist bereits »der materiell noch nicht beschreibbare Rest menschlicher Hirnfunktion« (S. 147), doch solange diese Reste-Beschreibung ausbleibt, ruft sich die Spezies Mensch stetig jene Grundfrage der philosophischen Anthropologie in Erinnerung: Was ist der Mensch?

[…] aber nicht primär in dem Sinne, daß sie Hoffnungen auf die Beantwortung dieser Frage setzt oder erweckt, sondern in dem Sinne, daß sie im Hinblick auf diese Formel fragt: was war es, was wir wissen wollten? Und was kann es sein, was wir erfahren könnten?

Hans Blumenberg: Beschreibung des Menschen, S. 483

Hartung bezeichnet Blumenbergs Gedankengang als »bemerkenswert«, als Brückenschlag zwischen dem »Philosophieren vom Menschen aus« und der »kritischen Auseinandersetzung mit den Wissenschaften vom Menschen«. Die Vergangenheit im Sinn, die Zukunft im Blick – mit dieser Ausgangslage geht Hartungs Buch von der Einleitung in die Retrospektive der philosophischen Anthropologie-Geschichte über.

Weiterführende Literatur

Der Autor hält, was er verspricht: Überblick und Ausblick in aller gegebenen Kürze, dazu im Anhang ein Kanon, um sich tiefer ins Thema zu stürzen. Unter den »Klassikern der philosophischen Anthropologie« führt er neben den Standardwerken von Scheler, Plessner und Gehlen beispielsweise auch Ernst Cassirer auf. Dessen Versuch über den Menschen (1944) sei »ein Schlüsseltext zur Weiterentwicklung des anthropologischen Denkens«. Die Orientierungshilfe in der Disziplin philosophische Anthropologie setzt sich fort: Der weitere Anhang enthält ein Glossar der Schlüsselbegriffe zum Buch sowie eine Zeittafel, die Epochen wie die Antike, das Mittelalter und die Reformation noch einmal – bezogen aufs Thema – kurz zusammenfassen.

Wenn gen Ende der Transhumanismus in den Fokus rückt, als absehbarer Übergang des Menschen vom unkontrollierbaren Naturgeschehen hin zu einer Befreiung von demselben, dann nennt Hartung eine »existenzielle Unruhe« als notwendige Konsequenz dieses Übergangs und formuliert die Einsicht…

[…] dass Menschsein kein Zustand, sondern eine Aufgabe der Vermittlung und Bewältigung von Lebensrisiken ist.

S. 129

Randnotiz: »Existenzielle Unruhe« ist es gewissermaßen auch, was Donna Haraway den »Arten im Chthuluzän« zuschreibt, in ihrem Buch Unruhig bleiben (2018).

Fazit und Ausblick

Wenn es eine Sache gibt, die viele Menschen an Philosophie nervt – dann, dass da seit Jahrtausenden ergebnislos diskutiert wird. Andererseits checken diese Menschen gerne die Wetter-App. Warum bloß? Ob Sonne oder Regen, ändern lässt es sich eh nicht. Die Philosophie wiederum bietet einen Raum unendlicher Möglichkeiten und die Freiheit, sich gedanklich in Neuland vorzuwagen. Denn selbst wenn es auf alte Fragen wie Was ist der Mensch? immerzu ähnliche Antworten gegeben hat, so stehen wir doch gerade an der Schwelle zu einer Ära, in der sich unser Wesen signifikant ändern wird.

Bis dato sind wir Menschen übereinander hergefallen wie das Wetter über die Welt – als turbulente Naturgewalt. Gerald Hartungs Buch Philosophische Anthropologie gibt einen Rundumschlag dessen, was Generationen genialer Köpfe versucht haben, aus dieser Naturgewalt zu machen. Gewiss, »die Antworten sind geschichtlich«, wirken zuweilen überholt, waren vielleicht nicht einmal zu ihrer Zeit zufriedenstellend. Doch wer weiß, wie viel Wahrheit sich rückblickend darin finden lässt, wenn der Mensch als Homo sapiens, wie wir ihn kennen, selbst geschichtlich wird und neu begriffen werden will.

📰 Pressespiegel zur philosophischen Anthropologie:

Zum Literaturverzeichnis.

Fußnoten

  1. Die zitierte Literatur in Philosophische Anthropologie setzt sich aus 37 Männern und 1 Frau zusammen. Mehr über Arendt im Beitrag zu ihrem Werk Vita activa.
  2. Ein spezifisches Merkmal, das die Besonderheit einer Sache oder des Menschen ausmacht.
  3. Birgit Recki: Mensch und Technik. Eine Bestandsaufnahme in der Philosophischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts, in: Information Philosophie (2018/2).

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.