Die Stellung des Menschen im Kosmos · Max Scheler

Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928) gilt als grundlegende Schrift zur philosophischen Anthropologie. Max Scheler beschäftigt sich darin mit der Frage: Was ist der Mensch? Oder: Wie war es möglich, »daß sich dieses schon fast zum Tode verurteilte Wesen, dieses kranke, zurückgebliebene, leidende Tier mit der Grundhaltung ängstlicher Selbstumhüllung« in die Kultur und Zivilisation rettete? Scheler arbeitet die Unterschiede zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen heraus und schreibt Letzteren eine »Sonderstellung« zu. Dieser Beitrag bietet eine kleine Zusammenfassung von Schelers Spätwerk. 📖 | Lesezeit: 15 Min.

Hinweis: Auf YouTube ist dieser Beitrag als Video verfügbar.

Wer ist Max Scheler?

Max Scheler kam 1874 in München zur Welt. Später studierte er dort und in Berlin sowohl Medizin und Philosophie als auch Psychologie und Soziologie (unter anderem bei Wilhelm Dilthey). Am Ersten Weltkrieg musste er aus gesundheitlichen Gründen nicht als Soldat teilnehmen – schwärmte aber für die kriegerische Sache. 1915 erschien seine Schrift Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg, gewidmet »Meinen Freunden im Felde«. Im Vorwort heißt es:

Schon jetzt fürchte ich, daß die leidenschaftliche Bewegung des Gemütes, in der dieses Buch geboren wurde – wie oft legte ich die Feder von ihr wie gefangen zur Seite – in Urteilen über Personen und Völker über berechtigte Grenzen hinausgeführt habe. Ist es der Fall, so bitte ich die Betroffenen ob meiner großen Geistesenge um Verzeihung.

Die »leidenschaftliche Bewegung des Gemütes« begleitet den wortgewandten Philosophen durch sein Leben. Nachdem er 1916 erst in die Kirche aufgenommen worden war, wendete er sich in den 1920er Jahren wieder vom Katholizismus ab. 1924 ging Scheler nach zwei Scheidungen seine dritte Ehe ein. (Damit ist der Akademiker in dritter Ehe quasi die historische Vorlage zu Ross Geller aus der Serie Friends.)

Knapp 10 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, den er noch als »einzigartiges Ereignis in der moralischen Welt – dem erhabensten seit der französischen Revolution« gefeiert hatte, hielt Scheler vor Generälen der Reichswehr nun den Vortrag Die Idee des Friedens und des Pazifismus.

Die Stellung des Menschen im Kosmos

Ein wankelmütiger Mann scheint er gewesen zu sein. Oder einfach ein Mensch, der sich ob der Dinge seine Gedanken machte. Scheler war jedenfalls nicht zu stolz, seine Überzeugungen an neue Erkenntnisse und Einsichten anzupassen. Im Jahr seines plötzlichen Todes (1928) veröffentlichte er noch den Vortrag Die Stellung des Menschen im Kosmos – als »gedrängte Zusammenfassung« seiner Anschauungen »über einige Hauptpunkte der philosophischen Anthropologie«.

Zu diesem Thema habe er, Scheler, seit Jahren ein größeres Werk »unter der Feder«, das bereits 1929 erscheinen solle. Nach seinem Tode wurde allerdings festgestellt, dass Scheler mit der Niederschrift eines solchen Werkes noch nicht begonnen hatte. 🤷🏻‍♂️

Helmuth Plessner über Max Scheler

Immerhin: Die Stellung des Menschen im Kosmos ist für sich genommen eine ergiebige, interessante Schrift, die alsbald reichlich rezipiert wurde.

(Schelers Schrift fand) dank ihrer Kürze und ihrer geschickten Verwendung biologischer und psychologischer Fakten sofort ein großes Publikum. Was lag näher, als das schwerfällige Werk eines Unbekannten für die Ausführung Schelerscher Gedanken zu halten?

Helmuth Plessner1

So formulierte es Schelers weniger bekannter Zeitgenosse Helmuth Plessner. Der schrieb zufällig im selben Jahr zum selben Thema ein wesentlich umfangreicheres Werk, von dem dann zuweilen vermutet wurde, der Herr Scheler habe es verfasst: Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928). Schon damals stand Plessner also im Schatten von Scheler – und auch heute ist es dieser, dem die Ehre des »Ersten« gebührt.

Die Anthropologie des 20. Jahrhunderts scheint damit zu beginnen, dass Max Scheler in seiner dichten Programmskizze »Die Stellung des Menschen im Kosmos« 1928 von der »Sonderstellung des Menschen« spricht. […] Er bestimmt den Menschen objektiv aus seiner evolutionsbiologisch gefassten Stellung im Kosmos, und er legt dabei zugleich Wert auf die Feststellung, dass sich das Wesen des Menschen nicht biologisch bestimmten lässt, sondern nur metaphysisch.

Prof. Birgit Recki (Uni Hamburg)2

Tipp: Mehr über Metaphysik gibt’s im Beitrag über Aristoteles.

Trotz der offenbar metaphysisch anmutenden »Sonderstellung« (weiter unten näher erläutert), leitet Scheler die menschliche Lebensform über ein organisches Stufenmodell her. Den Ausgangspunkt seines Vorhabens bildet, zur Erinnerung, die zentrale Frage der philosophischen Anthropologie:

Was ist der Mensch?

In dem Augenblick, da der Mensch sich eingestanden hat, daß ihn keine Möglichkeit der Antwort auf diese Frage mehr schreckt, scheint auch der neue Mut der Wahrhaftigkeit in ihn eingekehrt zu sein, diese Wesensfrage ohne die […] Bindung an eine theologische, philosophische und naturwissenschaftliche Tradition in neuer Weise aufzuwerfen […]

Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos, S. 63

Diese Aussage wirkt heute, in Zeiten des Transhumanismus, da Menschen zunehmend »technisch aufgerüstet« werden, geradezu prophetisch. Noch in diesem Jahrhundert werden wir erfahren, was vom menschlichen Wesen übrigbleibt, wenn es von seiner naturgegebenen, körperlichen Hülle befreit wird. Ob es dann immer noch so ist, daß uns keine Möglichkeit der Antwort auf diese Frage mehr schreckt? Doch das ist – von der Entwicklungsleiter aus gesehen – ein Blick hinauf zum offenen Ende.

Die vier Stufen

Schauen wir auf dieser Leiter erst einmal hinab. Scheler teilt die Entwicklung des Lebens in vier Stufen der biopsychischen Welt ein. Er unterscheidet sich nach dem Antriebs- und dem Organisationsprinzip, das den Organismen zugrunde liegt.

  • Gefühlsdrang (Stufe 1) 🌿
  • Instinkt (Stufe 2) 🐣
  • Assoziatives Gedächtnis (Stufe 3) 🐕
  • Praktische Intelligenz (Stufe 4) 🐒

Stufe 1 · Gefühlsdrang 🌿

Der Gefühlsdrang (Stufe 1) kommt schon den Pflanzen zu. Scheler bezeichnet diesen Drang in Die Stellung des Menschen im Kosmos aber zugleich als den »Dampf, der bis in die lichtesten Höhen geistiger Tätigkeit alles treibt«. Somit liegt auch dem reinsten Denk-Akt – von dem Kind, das sich ein Spiel überlegt, bis zu Kant, der den kategorischen Imperativ ersinnt – dieser Gefühlsdrang zugrunde.

Es gibt keine Empfindung, […] keine Vorstellung, hinter der nicht der dunkle Drang stünde.

S. 14

Der bewusstlose, empfindungslose, vorstellungslose Gefühlsdrang sei es auch, der Mensch und Tier die Schlaf- und Wachzeiten aufzwinge, als periodische Energie-Entziehung zugunsten des vegetativen Systems, also des unbewussten Organismus. Scheler, der den Menschen hier von seiner rein biologischen Seite her betrachtet, kommt (wohl in Hinblick und reduziert auf die weibliche Rolle bei der Fortpflanzung) zum Schluss:

Insofern ist der Schlaf ein relativ pflanzlicher Zustand des Menschen. Im Weibe […] scheint das pflanzliche Prinzip (wie schon Fechner bemerkt) im Menschen zu überwiegen.

Ebd.

Stufe 2 · Instinkt 🐣

Der Instinkt (Stufe 2) wird als angeborene Fähigkeit verstanden, die nicht dem Individuum selbst, sondern der Art dienlich ist. Als Beispiele führt Scheler etwa Tiere an, die ihre Winterruhe oder einen Nestbau instinktiv vorbereiten, »obgleich man nachweisen kann, daß [das Tier] als Individuum ähnliche Situationen noch nie erlebte«. Es verhalte sich »wie sich nach der Quantentheorie schon das Elektron verhält: ›als ob‹ es einen künftigen Zustand vorhersähe.« Wichtig:

Die sogenannten Trieb-Handlungen des Menschen sind darin das absolute Gegenteil der Instinkt-Handlungen, daß sie, ganzheitlich betrachtet, ganz sinnlos sein können (z. B. die Sucht nach Rauschgift).

S. 18

Und zwar sinnlos für die Art sowie für das Individuum. Der »vom Instinkt entbundene Trieb« ist übrigens auch bei höheren Tieren schon zu finden, wie Scheler bemerkt – und damit »freilich auch der Horizont der Maßlosigkeit«. Interessant für alle, die steif und fest behaupten, der Sexualtrieb diene naturgeschichtlich ausschließlich der Fortpflanzung, bitte schön:

Nur solange z.B. der Sexualimpuls eingebettet ist in die tiefe Rhythmik der mit dem Wandel der Natur einhergehenden Brunstzeiten, ist er ein unbestechlicher Diener des Lebens. Herausgelöst aus der instinktiven Rhythmik, wird er mehr und mehr selbständige Quelle der Lust – und kann schon bei höheren Tieren, insbesondere bei gezähmten, den biologischen Sinn seines Daseins weit überwuchern (z.B. Onanie bei Affen, Hunden).

S. 25

Tipp: Aus diesem (seltenen) Anlass, hier ein Video über masturbierende Tiere. Enjoy.

Stufe 3 · Assoziatives Gedächtnis 🐕

Das assoziative Gedächtnis (Stufe 3) kommt den langfristig lernfähigen Tierarten zu, die Gewohnheiten entwickeln können. Dabei ist jede assoziative Gedächtnisleistung gelenkt von Trieben oder Bedürfnissen und den Aufgaben zur Erfüllung derselben. Darunter fällt die Speicherung von Lust- oder Schmerz-Erfahrungen im Bewusstsein. Das assoziative Gedächtnis ist also der Grund, weshalb die Kuh den Elektrozaun meidet. Oder, weshalb masochistisch veranlagte Menschen in Berührung mit Elektrozeugs zu kommen neigen.

Erst im Menschen nimmt diese Isolierbarkeit des Triebes aus dem instinktiven Verhalten und die Trennbarkeit von Funktions- und Zustandslust die ungeheuerlichsten Formen an, sodaß man mit Recht gesagt hat, der Mensch könne immer mehr oder weniger als ein Tier sein, niemals aber – ein Tier.

S. 26

Stufe 4 · Praktische Intelligenz 🐒

Die praktische Intelligenz nimmt die vierte und höchste Stufe ein. Doch sie ist nicht dem Menschen allein vorbehalten, sondern wird ebenfalls bereits bei höheren Tieren beobachtet. Der Unterschied zwischen der praktischen Intelligenz und dem assoziativen Gedächtnis liegt darin, dass die zu erfassende Situation, auf die zu reagieren ist, »nicht nur artneu und atypisch, sondern vor allem, auch dem Individuum neu« erscheint. 

Ein solches objektiv sinnvolles Verhalten erfolgt plötzlich, und zeitlich vor neuen Probierversuchen und unabhängig von der Zahl der vorhergehenden Versuche.

S. 27

Wenn Affen etwa Dinge ihrem Zweck entfremden, sie zuweilen neu zusammensetzen, um an eine begehrte Frucht außer Reichweite zu gelangen – dann handelt es sich dabei um praktische Intelligenz im Sinne Schelers. Er bezieht sich auf die Experimente, die Wolfgang Köhler in seiner Forschungsstation auf Teneriffa mit einigen Schimpansen vorgenommen hat.

Tipp: Auf YouTube sind die Aufnahmen dieser Affen-Experimente als Video verfügbar.

Was macht uns zu Menschen?

Zwischen Menschen und Tieren besteht also kein Wesens-Unterschied. Zumindest nicht in Hinblick auf diese vier Stufen. Doch der philosophischen Anthropologie von Scheler liegt ein Dualismus zugrunde, heißt: das Vorhandensein zweier entgegengesetzter Prinzipien. Darin besteht der markanteste Unterschied zum Ansatz seines Zeitgenossen Helmuth Plessner. Tatsächlich sei das Wesen des Menschen, so Scheler, von einem ganz anderen Standpunkt aus zu definieren.

Das, was den Menschen allein zum »Menschen« macht, ist nicht eine neue Stufe des Lebens […], sondern es ist ein allem und jedem Leben überhaupt, auch dem Leben im Menschen entgegengesetztes Prinzip, eine echte neue Wesenstatsache, die als solche überhaupt nicht auf die »natürliche Lebensevolution« zurückgeführt werden kann, sondern, wenn auf etwas, nur auf den obersten einen Grund der Dinge selbst zurückfällt.

S. 32

Der Geist bei Scheler

Der berüchtigte oberste Grund der Dinge (auch: Seinsgrund) ist ein großes Thema in der Metaphysik. Als spezifisches Merkmal des Menschen kommt Scheler auf den »Geist« zu sprechen.

Stellen wir hier an die Spitze des Geistesbegriffes seine besondere Wissensfunktion, eine Art Wissen, die nur er geben kann, dann ist die Grundbestimmung eines geistigen Wesens, wie immer es psychologisch beschaffen sei, seine existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, Ablösbarkeit […] von dem Bann, von dem Druck, von der Abhängigkeit vom »Leben« und allem, was zum Leben gehört – also auch von der eigenen triebhaften »Intelligenz«.

Ebd.

Tipp: Zum Stichwort existentielle Entbundenheit vom Organischen empfiehlt sich der Film Transcendence (2004), über den Transfer des menschlichen Bewusstseins ins Internet.

Was den menschlichen Geist auszeichnet, das ist etwa die Fähigkeit zu »ideierenden Akten«. Damit sind Schlussfolgerungen gemeint, von einzelnen Beobachtungen zu allgemeinen Gegebenheiten.

Ein Beispiel für solch einen ideierenden Akt gibt die Bekehrungsgeschichte Buddhas. Der Prinz sieht einen Armen, einen Kranken, einen Toten, nachdem er im Palast des Vaters jahrelang allen negativen Eindrücken ferngehalten ward; er erfaßt aber jene drei zufällig »jetzt-hier-so-seienden« Tatsachen sofort als bloße Beispiele für eine an ihnen erfaßbare essentielle Weltbeschaffenheit.

Vgl. S. 42

Und weil du nicht nur die Symptome einer konkreten Krankheit sehen, sondern dir alle möglichen (und unmöglichen) Krankheiten vorstellen kannst, schaust du – als eine Person, der »Geist« innewohnt – sozusagen durch das »Fenster ins Absolute« (ein Begriff, den der Philosoph Georg Hegel geprägt hat).4

Metaphysik bei Scheler

Wenn Scheler die geistige Aktivität als »eigenartige Fernstellung« und Distanzierung zur Welt bzw. zu Symbolen der Welt beschreibt, erinnert dies an die »exzentrische Positionalität«, die Plessner in Die Stufen des Organischen und der Mensch als spezifisch menschliches Merkmal herausarbeitet. Trotzdem wird Scheler im Gegensatz zu Plessner, der nur von einer Distanzierung vom Selbst (statt von der Welt) ausgeht, ein metaphysischer Ansatz zugeschrieben.

Scheler nimmt in Die Stellung des Menschen im Kosmos eine  »Sphäre […] eines absoluten Seins« an, die – ob sie sich erleben oder erkennen lässt (oder nicht) – als wesentlicher Bestandteil zum Menschen dazugehöre. Der Mensch habe sie demnach nicht erfinden können, weil sie ihn überhaupt erst zum Menschen macht, diese »formale Seinssphäre eines alle endlichen Erfahrungsinhalte und das zentrale Sein des Menschen überragenden, schlechthin in sich selbständigen Seins«.

Versteht man unter den Worten »Ursprung der Religion« und »Ursprung der Metaphysik« nicht nur die Erfüllung dieser Sphäre mit bestimmten Annahmen und Glaubensgedanken, sondern den Ursprung dieser Sphäre selbst, so fiele also dieser ihr Ursprung mit der Menschwerdung selbst vollständig in eins zusammen.

S. 75

So spielt sich das, was in der Philosophie als Metaphysik diskutiert wird, bereits als Gegenstand innerhalb jener Sphäre ab, die Scheler als unseren »Geist« bezeichnet.

Weitere Themen bei Scheler

Soweit die vier Stufen und die Sphäre des Geistes bei Scheler – und damit die wichtigsten Aspekte seiner Schrift. Nachfolgend sollen noch eine Auswahl weiterer interessanter Themen aus Die Stellung des Menschen im Kosmos jeweils kurz angesprochen werden.

Bewusstsein bei Scheler

Gebildet werde jene Sphäre eines absoluten Seins durch geistige Akte. Diese seien performativ, heißt: Durch die Akte selbst entsteht die Sphäre erst.

Wir wollen diesen [geistigen] Akt »Sammlung« nennen und ihn und sein Ziel, das Ziel dieses »Sichsammelns«, zusammenfassend »Bewußtsein des geistigen Aktzentrums von sich selbst«, oder »Selbstbewußtsein« nennen.

S. 35

Vor dem Hintergrund von künstlicher oder artifizieller Intelligenz (AI) drängt sich hier ein Gedanke auf: AI besteht aus Daten und sammelt Daten. Da erscheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, ehe dieses Sichsammeln ebenso in einem wo auch immer gelegenen Aktzentrum auf das Ziel einer Bewusst-Werdung hinausläuft.

Das Böse bei Scheler

In einem Absatz von Die Stellung des Menschen im Kosmos geht Scheler auf »das Wollen« ein. Die Energie, die eine Person in ihr »Wollen« legt, führe ins Leere, wenn sie sich nur auf die Bekämpfung dessen konzentriert, was eben nicht gewollt ist. Zum Beispiel, wenn sie sich »auf die bloße Bekämpfung […] eines Triebes richtet, dessen Ziel als ›schlecht‹ vor dem Gewissen steht.« Zahlreiche Menschen leiden an solchen Trieben, die als lasterhaft gelten. Sei es, wie bereits erwähnt, die Sucht nach Rauschgift oder eine Neigung zum Masochismus.

So muß der Mensch auch sich selber dulden lernen – auch diejenigen Neigungen, die er als schlecht und verderblich in sich erkennt. Er darf sie nicht durch direkten Kampf angreifen, sondern muß sie indirekt überwinden lernen durch Einsatz seiner Energie für wertvolle Aufgaben, die sein Gewissen als gut erkennt […]

S. 58

Scheler rät also dazu, die eigene Energie anders zu kanalisieren, als in den Kampf gegen etwaiges Böses im Innern. Ablenkung ließe sich das auch nennen. In dem ich mir ein Ventil suche, sei es Sport, Sprachen lernen oder das Schreiben eines Blogs, setze ich meine Energie auf gute Weise ein.

In der Lehre vom »Nichtwiderstand« gegen das Böse schlummert, wie schon Spinoza in seiner Ethik ausgeführt hat, eine große Wahrheit.

Ebd.

Psychosomatik bei Scheler

Als ein Ziel der Forschung sieht Scheler eine Prüfung, inwiefern die gleichen Verhaltensweisen eines Organismus »einmal durch physikalisch-chemische Reize von außen her, ein andermal durch psychische Reizung, Suggestion, Hypnose, alle Art von Psychotherapie, Veränderung der gesellschaftlichen Umgebung (von der viel mehr Krankheiten abhängen, als man ahnt) herbeigeführt und abgeändert werden können.«

Hüten wir uns also gar sehr vor einer falschen Übersteigerung ausschließlich physiologischer Erklärungen. Es kann ein Magengeschwür nach unserer heutigen Erfahrung ebensowohl psychisch bedingt sein wie durch einen gewissen chemisch-physikalischen Prozeß […]. Sexuelle Erregung kann durch Einnahme gewisser Mittel ebensowohl herbeigeführt werden wie durch unzüchtige Bilder und Lektüre.

S. 64f.

Weiter schreibt er zum Verhältnis zwischen Psyche und Physis:

Wenn uns die Lebensvorgänge von außen her um so viel zugänglicher erscheinen als über den Korridor des Bewußtseins, so braucht das eben nicht nur auf dem tatsächlichen Verhältnis zwischen Psyche und Physis zu beruhen, sondern kann in einem jahrhundertelang einseitig eingestellten Interesse begründet sein. Die indische Medizin etwa zeigt die entgegengesetzte, nicht minder einseitige psychische Einstellung.

S. 65

Werdende Götter bei Scheler

Und nicht zuletzt: Die Art, wie Scheler den »überräumlichen«, »überzeitlichen« und alles »vergegenständlichenden« Geist beschreibt, erinnert an den Dataismus, wie ihn der Buchautor und Historiker Yuval Noah Harari in Homo Deus (2015) schildert. Scheler bemüht den Ausspruch des amerikanischen Zoologen Herbert Jennings, vom Organismus als Vorgang.

Dazu wäre der Organismus als Algorithmus, wie Harari es fasst, der Gegenwart. Auch Hararis These von werdenden Gottheiten (bei ihm sind es die Menschen selbst, der zu Gottheiten werden), mutet nach der Lektüre von Die Stellung des Menschen im Kosmos wie Schnee von gestern an. Scheler schreibt in den 20er Jahren:

Man hat mir gesagt, es sei dem Menschen nicht möglich, einen unfertigen, werdenden Gott zu ertragen! Meine Antwort darauf ist, daß Metaphysik keine Versicherungs-Anstalt ist für schwache, stützungsbedürftige Menschen.

Vgl. S. 78

…und die 80er Jahre so:

Daran, wie wenig uns Heutige solch markige Worte betroffen machen, kann man ermessen, daß uns der Metaphysiker Scheler einigermaßen ferngerückt ist.

Willy Hochkeppei über Scheler5

Je ferner uns der Metaphysiker Scheler gerückt sein mag, desto näher kommt jener werdende Gott. Wenn auch auf andere Weise, als Scheler es meinte. Es wäre interessant zu erfahren, wie er unsere Zeiten zu kommentieren hätte, dieser Ausnahme-Philosoph, der »alles, was er tat, […] sozusagen glühend [tat], in hingebungsvoller Erregtheit. Am liebsten schrieb er in Cafés oder, Restaurants, auf Speisekarten, Servietten und Briefumschlägen […]«. (Hochkeppei)

Kognitive Revolution bei Scheler

Scheler, dieser Vorreiter der philosophischen Anthropologie, nennt es »eine der schönsten Früchte« seiner Herleitung der menschlichen Natur aus den genannten Stufen der Entwicklung…

[…] daß man zeigen kann, mit welch innerer Notwendigkeit der Mensch in demselben Augenblicke, in dem er durch Welt- und Selbstbewußtsein und durch Vergegenständlichung auch seiner eigenen psycho-physischen Natur […] »Mensch« geworden ist, auch die formalste Idee eines überweltlichen unendlichen und absoluten Seins erfassen muß.

S. 74

Dieser Augenblick, den Scheler in Die Stellung des Menschen im Kosmos anspricht, hat sich während der kognitiven Revolution abgespielt. Wieder ist es Harari, der darüber – nunmehr in dessen Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit (2013) – schreibt. Die kognitive Revolution fand demnach vor rund 70.000 Jahren statt und setzte die Kulturgeschichte des Menschen in Gang.

Die kognitive Revolution, die den Homo sapiens von einem unbedeutenden Affen in den Herrn der Welt verwandelte, erforderte keinen körperlichen Umbau und keine Vergrößerung des Gehirns. Ein paar kleine Verschiebungen in der Struktur des Gehirns genügten offenbar schon.

Yuval Noah Harari6

Seit diesen kleinen Verschiebungen in der Struktur unseres Hirns bringen wir kulturelle Errungenschaften hervor: Sprache und Schrift, Werkzeuge, Webstühle und das World Wide Web. Seitdem hat der Mensch, im Sinne Schelers, Zugriff auf die Sphäre des Geistes. Seit jenem Augenblick vor Zehntausenden von Jahren können wir uns vorstellen, was Allmacht und Göttlichkeit ist – und seitdem streben wir danach. 🦄

Fußnoten

  1. Das Zitat stammt aus dem Vorwort zur zweiten Auflage von Die Stufen des Organischen und der Mensch, siehe Literaturverzeichnis.
  2. Birgit Recki: Mensch und Technik. Eine Bestandsaufnahme in der Philosophischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts. In: Information Philosophie (2018/2).
  3. Alle Seitenangaben beziehen sich auf die ebenfalls im Literaturverzeichnis aufgeführte Werkausgabe.
  4. Gedanke am Rande: »Fenster ins Absolute«, das scheint auch eine passende Bezeichnung für die diversen Endgeräte zu sein, vermittels derer wir – durch kleinere und größere »Rahmen« – ins Internet schauen, diesen Raum absoluter Möglichkeiten.
  5. Willy Hochkeppei: Bürger, Denker, Mann der Affären. In: DIE ZEIT, 1980.
  6. Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, S. 492.

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