Whale Rider · Familienfilm über Maori-Mädchen

Hin und wieder verirrt sich ein Wal in die Gefilde der Menschen – in die Buchten und Flüsse entlang der Städte, unter denen wir die Natur begraben haben. Der Wal macht uns dann Staunen, als Sinnbild für die Kraft der Natur, wie groß und stark doch ihre Kreaturen sind. Staunen macht auch Whale Rider, ein Film über Wale und Menschen und ihre Beziehung zueinander. Allein, dass darin nicht nur Wale als Naturgewalten zu sehen sind – sondern auch ein Mädchen aus Neuseeland. In diesem Beitrag geht es um den Film, mit dem die Regisseurin Niki Caro (Mulan) im Jahr 2002 ihren Durchbruch feierte. | Lesezeit: 7 Min.

Bewertung: 5 von 5.

Hinweis: Die erste Szene wird etwas detaillierter beschrieben und die eingebetteten Filmausschnitte nehmen ein paar Eindrücke vorweg – wer Whale Rider noch nicht kennt, sollte die Videos lieber noch nicht schauen. Abgesehen davon gibt’s hier keine Spoiler. Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Kultur-Weltreise.

Zum Buch Whale Rider

Auf wundersame Weise wurde uns dieser Film tatsächlich von einem Wal gebracht, gewissermaßen. Er verirrte sich im Jahr 1985 in den Hudson River, an dessen Mündung in den Atlantik die Stadt New liegt. Dort wohnte damals der Schriftsteller Witi Ihimaera, in einem Apartment mit Blick auf den Hudson.

Ich hörte Helikopter herumschwirren und die Sirenen von all den Schiffen aufheulen. Ein Wal war den Hudson River hinaufgeschwommen und spie Wasser. Das erinnerte mich an meine Heimatstadt Whangara und den Wal-Mythos dieser Gegend.

Witi Ihimaera (zitiert nach dem Booklet der Arthaus Collection)

Witi Ihimaera gilt als erster Vertreter der Māori, der als Schriftsteller veröffentlicht wurde. Die Māori sind die indigene Bevölkerung Neuseelands. Irgendwann wurde Ihimaera von seinen Töchtern, mit denen er im Kino einige Actionfilme sah, gefragt: Warum sind die Helden immer die Jungs? Inspiriert von der indirekten Wal-Begegnung in New York und motiviert durch seine fragenden Töchter schrieb Witi Ihimaera also den Roman The Whale Rider. Dieses Werk liegt der Verfilmung von Regisseurin Niki Caro zugrunde. Ein Actionfilm ist es zwar nicht geworden, doch zum Kämpfen kommt die Heldin – das Mädchen Paikea – darin allemal. Und damit begeben wir uns von New York nach Neuseeland…

Übrigens: Der Neffe von Witi Ihimaera heiratete im Jahr 2004 die Nummer 29 in der britischen Thronfolge, Lady Davina Lewis. Schauspielerin Meghan Markle war also nicht die Erste, die trotz ethnischer Unterschiede ins Königshaus einheiratete.

Trailer zu Whale Rider (auf Englisch)

Zur Handlung von Whale Rider

Der Film Whale Rider beginnt im Meer. Wir sehen die sich wogende Oberfläche von unten, die Schatten der Wellen, darauf in weißen Großbuchstaben den Filmtitel – begleitet von mystischen Klängen und der Stimme eines Mädchens:

In den alten Zeiten herrschte im Land eine große Leere. Es wartete. Es wartete darauf, erlöst zu werden. Wartete darauf, von jemandem geliebt zu werden. Es wartete auf einen Anführer…

Schnitt zu einer Frau in Wehen. Der Mann an ihrer Seite streicht über ihre Stirn, doch kann gegen die großen Schmerzen nichts ausrichten. Sie schreit. Ein Arzt ist bei ihnen. Schnitt zurück ins Meer, in die Tiefe dieses Mal, aus der sich ein gewaltiger Körper abzeichnet – ein Wal. Majestätisch schwimmt er über die Kamera hinweg.

Er kam, auf dem Rücken eines Wales. Ein Mann, der ein neues Volk anführen sollte. Unser Vorfahr, Paikea. Und jetzt warteten wir auf den Erstgeborenen der neuen Generation. Auf den Nachkommen des Walreiters. Auf den Jungen, der Häuptling werden würde.

Ein trauriger Geburtstag

Wieder in den Wehen. Die Frau verliert das Bewusstsein, ihr Mann in Sorge, der Arzt in Hektik. Sie wird künstlich beatmet. In einer Detailaufnahme sehen wir schweißglänzende Lippen, hören sie den Namen hauchen: »Paikea… Paikea«. Eine weiche Blende zum Gesichtlein eines Neugeborenen.

Es herrschte keine Freude, als ich geboren wurde. Mein Zwillingsbruder starb und nahm unsere Mutter mit sich. Alle warteten auf den erstgeborenen Sohn, der unser Anführer werden sollte. Aber er starb, und ich lebte.

Damit endet der Monolog des traurigen Mädchens. Schon in der ersten Szene nach dem Prolog erleben wir, wie der Großvater Koro nur nach dem Jungen fragt. Prompt redet er auf seinen Sohn ein, der gerade Witwer geworden ist. Koro rät ihm, nochmal neu anzufangen. Der Sohn, in Rage, sagt: »Ich hab’ ein Kind! Sie heißt Paikea.« Der Großvater ist schockiert, »nein«, sagt er – nicht dieser Name.

Tipp: Hier gibt’s das Drehbuch zu Whale Rider (auf Englisch). Die Kultur der Māori diente übrigens auch als Inspiration für den Disney-Film Vaiana (2016), hier geht’s zur Filmkritik.

Paikeas Kampf um Koros Herz

Der alte Koro kann sich nicht durchsetzen. Das Mädchen, dessen Stimme uns in den Film einführte, trägt den Namen des Urahnen ihres Volkes. Sehr zur Empörung ihres Großvaters, der von seiner Frau zwar maßgeregelt wird, aber stur bleibt. In Whale Rider geht es darum, wie das Mädchen Paikea versucht, das Herz ihres Großvaters zu gewinnen. Dafür muss sie über sich hinauswachsen und in die Fußstapfen des legendären Urahnen treten.

Szene · Paikeas Tauchgang (auf Englisch)

Die meisten Menschen werden sich an die eine oder andere Zurückweisung im Kindesalter erinnern. Nur wenige haben sie jedoch so stark erfahren, wie Paikea vonseiten ihres Großvaters und den paar Dorfjungen, die der alte Mann mit seinem Weltbild angesteckt hat: Mädchen sind keine Anführer. Paikea lässt sich davon nicht unterkriegen – und in Whale Rider erleben wir sie sich immer und immer wieder, wie sie sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpft. Dabei sind Drehbuch, Schauspiel und Inszenierung so kraftvoll, so intensiv, dass Paikeas Kindheits-Erlebnisse im Gedächtnis bleiben, als seien es eigene. Obwohl spezifisch in der neuseeländischen Māori-Kultur verankert, sind die zwischenmenschlichen, innerfamiliären Erfahrungen in dieser Geschichte (mal wieder) universell nachvollziehbar.

Cast + Characters

Rund 10.000 Kinder sprachen für die Rolle der Paikea vor. Die Wahl fiel auf die damals 11-jährige Keisha Castle-Hughes, die einigen Serienfans inzwischen als Obara Sand bekannt sein dürfte. Das ist eine der Bastardtöchter aus Game Of Thrones, die in den Staffeln 5-7 mitmischt. Während mich an der Fantasy-Serie mehr als alles andere die Drachen begeistern, treten bei dem Film Whale Rider die Wale tatsächlich in den Schatten jenes kleinen Mädchens Paikea, dem die junge Schauspielerin Keisha Castle-Hughes mit ihrem Spiel wahre Größe verleiht. Ihr Vater Porouangi wird vom neuseeländischen Schauspieler Cliff Curtis (Doctor Sleeps Erwachen) gespielt – und ihre Großeltern von Rawiri Paratene (Großvater Koro) und Vicky Haughton (Nanny Flowers).

Als im Mai 2018 von The Guardian die traurigsten Szenen der Filmgeschichte zusammengestellt wurden, war auch Whale Rider dabei. Wegen einer Szene, die Herzschmerz bereitet: Paikeas Rede vor der versammelten Gemeinde, gewidmet ihrem Großvater Koro, der sich dem nach seiner Anerkennung strebenden Enkelkind gegenüber kaum ignoranter verhalten könnte. Wer einen kleinen Eindruck davon bekommen möchte, wofür Keisha Castle-Hughes im Jahr 2003 als damals jüngste Nominierte der Geschichte für den Oscar als »Beste Hauptdarstellerin« in Frage kam, hier gibt es diesen Eindruck:

Szene · Paikeas Rede (auf Englisch)

Altersempfehlung + Unterrichtsmaterial

Der Film Whale Rider ist von der FSK ab 0 Jahren freigegeben. Die Website kinofenster.de spricht jedoch eine Altersempfehlung von 10 Jahren für diesen Familienfilm aus – dem würde ich mich anschließen. Auf dieser Website gibt’s auch einiges an pädagogischem Begleitmaterial (Unterrichtsmaterial) zum Film. Außerdem sei hier auf ein PDF von kinomachtschule.at verwiesen, mit einigen Infos zum Film.

Fazit und Stream zu Whale Rider

Der Film Whale Rider handelt von einem Generationen-Konflikt im größeren und kleinen Rahmen, in einer Dorfgemeinschaft und in einer Familie. Er handelt vom Menschen, von der Natur und davon, wie alles miteinander verstrickt ist. Nicht zuletzt geht es um Selbstbehauptung und Anerkennung. Kurzum: Whale Rider geht die ganz großen Themen an. Allerdings aus Sicht eines jungen Mädchens, dass die Welt, so wie sie ist, nicht hinnehmen will. Das Pathos hält sich in Grenzen, stattdessen findet der Film einen Mittelweg zwischen Poesie und Lebensnähe. Es lohnt sich, diesen Weg mit zu gehen und Whale Rider zu sehen. Aktuelle Streaming-Angebote zum Film findest du via JustWatch.

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