Die vier Säulen der Lebensbalance · Münchhausen

Frohes Neues! Dieser erste Beitrag im Jahr 2020 behandelt das Buch Die vier Säulen der Lebensbalance von Marco von Münchhausen. Damit will ich eine Beitragsreihe zum Thema Lebensbalance einläuten. Es geht um deine Werte, Stärken und Ziele, auf Basis des Vier-Säulen-Modells von Nossrat Peseschkian. | Lesezeit: 10 Min.

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Ein Schritt nach dem anderen

Es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. […] So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken […]. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.1

So soll’s sein, sagt Beppo Straßenkehrer. Der alte Mann ist einer der besten Freunde von Momo, dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte – damals, ’73. In dem Buch von Michael Ende traten die Zeit-Diebe als graue Herren in Erscheinung. Sie trugen steife Hüte auf ihren Glatzen und rauchten aschfarbene Zigarren. Gut erkennbare Bösewichte waren das. Wie sieht’s mit den Zeit-Dieben heute aus? Wir haben die Gefahr in den Griff bekommen, sie in die Tasche gesteckt. Sie qualmen nicht mehr, sie blinken nur noch – und für jede gestohlene Stunde gibt’s eine App, die dein Leben leichter macht, also: fairer Deal, oder? Die Zeit-Diebe sind unsere Freunde geworden. Momo hingegen ist auf die dunkle Seite gewechselt und spukt als Kinderschreck durchs Internet. Verkehrte Welt ist das. Wer soll sich darin bloß zurechtfinden, so ganz ohne Erklärbär-Blogs…

Ein Jahr, das dein Leben verändern kann

Diese Beitragsreihe heißt Ein Jahr, das dein Leben verändern kann – und nicht weniger erwarte ich von 2020. Den Titel habe ich geklaut, aus dem Buch Die vier Säulen der Lebensbalance von einem Herrn namens Münchhausen. Darin geht es um Zeit und wie du sie dir einteilen kannst, um alle Bereiche des Lebens im Gleichgewicht zu halten. Warum das gut sein soll? Weil du ohne Gleichgewicht umfällst, duh. Keine Ahnung, in welchem Lebensabschnitt du gerade bist und ob dich sowas überhaupt interessiert. Mir jedenfalls gibt die Beschäftigung mit diesem Thema immer wieder jede Menge Energie, weshalb ich damit ins neue Jahrzehnt starten möchte – mach’ daraus, was du willst.

Hier der Fahrplan für die nächsten Beiträge: Erstmal drehe ich eine Runde um das genannte Buch und stelle es kurz vor. Immerhin war’s Teil der Inspiration für diese Reihe. Danach steuern wir drei Fragen an, die jeder Mensch für sich selbst beantworten muss. Trotzdem macht es Sinn, gemeinsam darüber nachzudenken. Die Fragen lauten:

Zur Zielgruppe

Korrigiere: Nicht jeder Mensch muss. Zitat von Münchhausen: »Balance ist kein Muss, sondern eine lebensbereichernde Möglichkeit.« Ja, ja.

Es gibt solche und solche Menschen und manche werden diese Reihe (wenn überhaupt) nur bis zu einem bestimmten Punkt nützlich finden. Ich werde darauf hinweisen, wann dieser Punkt erreicht ist und wer sich davon angesprochen fühlen darf, damit diejenigen dann geschmeidig aussteigen können, aus dieser Tour de Lebensbalance. Das titelgebende Jahr, das dein Leben verändern kann, muss nicht am ersten Januar beginnen, und auch nicht morgen. Wann dann? Darauf komme ich später zurück – ich hab’ doch noch gar nicht angefangen!

Was wir hier übrigens tun, also die Beschäftigung mit so selbstbezogenen Fragen, die das Individuum in seiner schneeflockigen Einzigartigkeit im Blick haben, das geht historisch auf die Renaissance zurück, jene Kultur-Epoche vor rund 500 Jahren. Damals wurde die Individualität des einzelnen Menschen erstmals in der Geschichte zu einer zentralen Denkfigur in Kunst und Philosophie (so formuliert es Hans Poser in seiner Einführung zu René Descartes).2 Darauf – auf die Philosophie der Renaissance und Neuzeit – kommen wir demnächst mal zu sprechen, doch auch bis dahin wird uns die Philosophie eine treue Begleiterin sein. Als Hilfswissenschaft zur Lebensbalance, sozusagen.

Tipp: Hier geht’s zu einer kleinen Einführung in die Philosophie.


Die vier Säulen der Lebensbalance

Die vier Säulen der Lebensbalance ist 2004 im Ullstein-Verlag erschienen (der mit der Eule, nicht zu verwechseln mit dem Pinguin). Geschrieben hat das Buch der promovierte Jurist, Unternehmer und Bestsellerautor Marco Freiherr von Münchhausen. Aber von Titeln, Lebensläufen und langen Namen lassen wir uns nicht blenden.

Erster Eindruck

Mein erster Eindruck war so la la. Aus dem banalen Grund, dass mich das Buchcover genervt hat. So sehr, dass ich nach dem zweiten Lesedurchgang ein eigenes Cover gebastelt hab, weil sicher noch ein dritter Durchgang kommt und ich das Original wirklich nicht schön finde. Es zeigt einen Anzugträger, der mit Aktenkoffer und Regenschirm auf einem Drahtseil über eine Straßenschlucht balanciert. Ist mir zu – wie heißt es? – karrieristisch. Sogar das Wort dafür ist blöd.

Also bitte: Solltest du je das von mir designte Exemplare von Die vier Säulen der Lebensbalance in die Hände bekommen, es zeigt jetzt eine Schildkröte. Passt ganz gut, denn auch die braucht ihre vier säulenartigen Beinchen, um nicht in Schief-Lage zu geraten. Durch die Umgestaltung wurde der Untertitel gekickt: Ein Konzept zur Meisterung des beruflichen und privaten Alltags. Passend, zwar, aber auch keine Zeile, die bei mir zündet. Hab das Buch Die vier Säulen der Lebensbalance empfohlen bekommen, sollte ich dazu sagen. Es musste mich also nicht in einer Buchhandlung von sich überzeugen. Zum Glück. Die Seitenzahl von 250 hätte im Übrigen halbiert werden können. Haben Ratgeber-Bücher  ja so an sich, das anekdotische Geblubber zwischen den Kernaussagen.

Tipp: Die App Blinkist fasst Sachbücher zusammen

Die guten Seiten

Kommen wir zu den guten Seiten des Buches! Die vier Säulen der Lebensbalance ist kurzweilig geschrieben und so gut strukturiert, dass du dich schnell darin zurechtfindest. Es beginnt mit dem Satz »Immer mehr Menschen wollen nicht mehr nur für ihren Beruf leben« – weiß nicht, ob das noch aktuell ist. Wie gesagt: Die Erstausgabe ist von 2004, die dritte Auflage kam 2009. Work-Life-Balance, das mag im 21. Jahrhundert bis heute Modewort und Massenphänomen sein, doch die damit gemeinte Sache umfasst mehr als die Waage zwischen Berufsleben und Freizeit. Dementsprechend finde ich die Themen in dem Buch so zeitlos, die Tipps so grundsätzlich, dass ich’s guten Gewissens empfehlen kann, auch wenn du den Beitrag hier erst in x Jahren siehst und mit deinem Job eigentlich zufrieden bist.

Das Beste am Büchlein: Es bietet sich zur unmittelbaren Anwendung an, stellt klare Fragen und gibt Ratschläge für die Suche nach eigenen Antworten. Die titelgebenden vier Säulen der Lebensbalance sind: Beruf und Finanzen – Familie und Kontakte – Gesundheit und Fitness – Sinn und Kultur. In dieser Reihenfolge werden die vier Säulen im Buch besprochen. Genau genommen sind’s gar keine Säulen. Beruf und Finanzen bilden das schützende Dach deines Lebensgebäudes, Gesundheit und Fitness sowie Familie und Kontakte wohnen darin, während Sinn und Kultur das Fundament bilden, auf dem das Ganze steht (S. 31).

Buchtipps* zum Thema Lebensbalance:

*Partnerlinks

Das Vier-Säulen-Modell

Münchhausen beansprucht für das Konzept keine Originalität, sondern nennt als Urheber des Vier-Säulen-Modells den Psychotherapeuten Nossrat Peseschkian. Außerdem ist das Modell abgewandelt auch bei Lothar Seiwert zu finden, einem anderem Zeitmanagement-Guru, dessen Buchcover ich lobend erwähnen möchte (wobei er sie evtl. nicht selbst gestaltet – also props an die Grafikabteilung). Es braucht jedenfalls keine Expertise im Zeitmanagement, um zu erkennen, was an den vier Säulen so überzeugt.

Bei Work-Life-Balance denken viele an ein Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben – meist mit dem Ziel, kein Burn-out zu bekommen. Komisch kurz gedacht, denn oft besteht die Mission nur darin, uns zu besseren Arbeitstieren zu machen. Bei den vier Säulen geht es nicht so sehr um ein Gleichgewicht, als vielmehr eine Ausgewogenheit im Leben als Ganzes betrachtet, über Beruf und Privates hinausgedacht.

Körper · Geist · Soziales · Finanzen

Wir alle haben einen Körper, dessen Pflege für unser Wohlbefinden die vielleicht wichtigste Rolle spielt. Ebenso einen Geist, dessen Stimulation für unsere persönliche Entwicklung von höchster Bedeutung ist. Wir alle sind Teil eines sozialen Netzes, mit dem wir uns arrangieren müssen und wollen und durch das wir über uns hinauswachsen können. Zuletzt haben fast alle das Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit, die uns Sorgen nimmt und Möglichkeiten eröffnet. In diese vier Lebensbereiche gleichermaßen Zeit und Hirnschmalz zu investieren, kann helfen, im täglichen Hustlen mal Luft zu holen und Kraft freizusetzen. Das ist die Pointe von Die vier Säulen der Lebensbalance. Gute und schlechte Seiten zusammengenommen, hier meine Gesamtwertung zum Buch:

⭐⭐⭐⭐


Der letzte Teil des Buchs behandelt die Umsetzung hin zur Ausgewogenheit zwischen den Säulen. Hier findet sich das Kapitel: Ein Jahr, das Ihr Leben verändern kann.

Ein Jahr, das dein Leben verändern kann

Gilt natürlich für jedes Jahr, mehr oder weniger und ob du willst oder nicht. Die Idee ist nur, dass du ja nicht bloß Spielball deines Schicksals sein musst, sondern Veränderungen aktiv beeinflussen kannst – etwa, wann für dich ein neues Jahr beginnt. Muss ja, wie gesagt, nicht im Januar sein, sondern wann du willst.

Trotzdem solltest du dich vor den üblichen Risiken von Vorsätzen in Acht nehmen, die dein persönliches Neujahr begleiten: Zu Vieles in zu kurzer Zeit zu wollen. Was das richtige Maß bei der Zielsetzung ist, dazu mehr im Beitrag zu der Frage: Was sind deine Ziele? Darin klären wir auch, wie sich das Vier-Säulen-Modell im Rahmen so eines Umkrempeln-Jahres konkret anwenden lässt. Doch der Reihe nach. Fürs Erste nur das: Lass dir vor Beginn des Jahres, das dein Leben ändern kann, wenigstens zwei, drei Wochen Zeit zur Planung – damit das Projekt nicht direkt zum Scheitern verdammt ist.

Auf zum Selbstversuch!

Nun, weil das Buch zum Selbstversuch anspornt und losschickt, den eigenen Weg zu finden, lass mal aufbrechen! Doch vor dem ersten Schritt kommt noch ein Innehalten und Nachdenken über das, was wir hier vorhaben. Aktiv werden, das heißt: Handeln. Wenn du dir die Freiheit nehmen willst, zu handeln, möchtest du eventuell sichergehen, mit deinem Handeln nicht die Freiheit anderer zu verletzen. Vorausgesetzt, du stellst an dich den Anspruch, ein gerechter Mensch zu sein. Falls das nicht so ist: Warum nicht? Im nächsten Beitrag geht es um die Frage, welche Ansprüche wir ganz grundlegend an uns selbst haben – im Rahmen dessen, was der Philosoph René Descartes die »provisorische Moral« genannt hat.

Die neuen 20er Jahre

Ich sag’ danke fürs Lesen! Heute ist der erste Tag der neuen 20er Jahre. Mein Opa wurde in den alten 20ern geboren. Seine Jugend war vom Weltkrieg geprägt. Wer nun in diesen 20ern geboren wird, mag die Jugend vom Weltklima geprägt erleben – apropos, da hab’ ich Momo zuletzt gesehen: Auf einem Plakat bei einer Fridays-for-Future-Demo, immer noch im Einsatz gegen die Zeit-Diebe. Vielleicht doch gar nicht so verkehrt, unsere Welt.

Bei aller Liebe zur Lebensplanung nie vergessen, auch noch aus dem Fenster zu schauen, die Natur zu genießen und die Seele mal baumeln zu lassen. Das Schlusswort hat Tom Rosenthal

That world that’s in your pocket is not the world / The world is the one that lies before your feet / And the people that we meet / The smells, the sounds, the sights, the skies / Tell the world that you are ready and it replies / You see I’m not sure what the secret to happiness is / But I’m pretty sure it starts when you go outside.

Tom Rosenthal: You Might Find Yours (2019)

Nachtrag: Wer hätte gedacht, dass 2020 wohl ganz im Zeichen einer globalen Pandemie stehen würde? Mit Blick auf die Ausbreitung des Coronavirus ist Rosenthals Vorschlag (to go outside) gerade nicht ganz zeitgemäß. Das Gebot der Stunde lautet #stayhome.

Fußnoten

  1. Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte, S. 38.
  2. Hans Poser: René Descartes. Eine Einführung, S. 7.

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