Moral und Ethik · Definition und Unterschied

Dieser Beitrag bietet eine Einführung in die Ethik, die Wissenschaft von der Moral. Wir wollen wissen: Was ist Moral und wo fängt sie an? Sind schon Tiere zur Moral fähig? Was ist der Unterschied zwischen Moral und Ethik – und zwischen Werten und Normen? Und um welche Fragen und Themen geht es sonst noch so in der Ethik? Dazu im Folgenden mehr. | Lesezeit: 23 Min.

Hinweis: Dieser Beitrag behandelt ein Thema der praktischen Philosophie. Mehr zur Einteilung des Fachs erfährst du in der Einführung zur Philosophie.

Ursprünge · Kernbegriffe

Der Begriff Ethik geht auf (wie das englische ethics) das griechische Wort ethos zurück. Das lässt sich mit »gewohnter Aufenthaltsort« übersetzen, im übertragenen Sinne mit »Brauch« oder »Gewohnheit«. Gemeint sind Bräuche, die zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und für deren Mitglieder zur Gewohnheit werden sollten. Der Begriff Moral geht auf das lateinische Wort mos (Plural: mores) zurück. Es hat dieselbe Bedeutung wie ethos: »Brauch« oder »Gewohnheit«, in Bezug auf den Charakter eines Menschen.

Charakter: Das moralische Wesen einer Person, der moralisch relevante Teil der individuellen Persönlichkeit. Nach Aristoteles reicht es nicht aus, das Richtige zu tun, um ein moralisches Leben zu führen […]. Vielmehr gehört auch dazu, einen tugendhaften Charakter auszubilden und somit eine gute Person zu sein.

Philosophie in 30 Sekunden, S. 801

Ursprünge · Moral bei Tieren

Fragen der Moral begegnen uns überall. Mitten in der Coronakrise etwa in Form besonders dramatischer Entscheidungen: Welche Menschen werden beatmet und gerettet, welche beim Sterben begleitet? Moral liegt den großen Themen des Lebens zugrunde, aber auch den kleinen Fragen des Alltags: Ist es richtig, in den Zoo zu gehen, oder tragen Familien damit zum Leid nicht artgerecht gehaltener Tiere bei?

Apropos Tiere: Haben Affen eigentlich ein Verständnis davon, was falsch oder richtig ist? Haben Tiere ein Gewissen? Oder ist sowas allein den Menschen vorbehalten? Und wenn ja, ab welchem Alter haben Menschen denn ein Gespür für Moral?

Moralisches Verhalten bei Tieren

Hinweis: Auf YouTube ist der Abschnitt über Moral im Tierreich auch als Video verfügbar.

Als ich ein Kind war, hatte ich viele moralische Fragen nicht auf dem Schirm. Da verließ ich mich auf meine Eltern. Die würden schon wissen, was richtig ist. Zoobesuche waren jedenfalls kein Problem. Ich bin nah der niederländischen Grenze aufgewachsen. Der Zoo unserer Wahl war Burgers’ Zoo in Arnhem. Das ist derselbe Zoo, in dem der Verhaltensforscher Frans de Waal jahrelang Schimpansen beobachtet und darüber sein erstes Buch geschrieben hat: Chimpanzee Politics (1982). Heute ist de Waal ein bekannter Affen-Experte und Mitautor von Werken wie Primaten und Philosophen: Wie die Evolution die Moral hervorbrachte (2008).

Tipp: Zum Thema Moralisches Verhalten bei Tieren hielt Frans de Waal einen TED Talk (2011).

Für de Waal steht fest, daß die Säulen unserer Moralfähigkeit – Reziprozität (Fairness) und Empathie (Mitgefühl) – schon bei Tieren vorhanden sind. Zu dieser Annahme gibt es Gegenstimmen aus der Philosophie, die sowas wie einen Sinn für Gerechtigkeit je nach Denkschule zum Beispiel als Resultat der Französischen Revolution ansehen. Demnach wäre Moral ein menschliches Alleinstellungsmerkmal. Und irgendwo zwischen Tierreich und Revolution liegt diese Position:

Die grundlegende Fähigkeit auf sich selbst und andere einzugehen, sich selbst und anderen Antwort zu geben, macht den Menschen zu einer »verantwortlichen« Person, zu einem »responsible being«, einem moralischen Subjekt.

Cassirer: An Essay On Man, S. 22

Moral im Tierreich · Buchtipps

Via YouTube lassen sich etliche Experimente zu tierischem Verhalten (nicht nur von Katzen) anzuschauen. Auf Grundlage dieses »Beweismaterials« hat de Waal mich persönlich mit seinem Denkansatz von der Moral im Tierreich überzeugt. Wer sich ein eigenes Bild machen möchte, einfach mal die Stichworte morality und animals googeln.

Unterschied · Moral und Ethik

Hinweis: Hier ist der Abschnitt über den Unterschied von Moral und Ethik als Video verfügbar.

Im Alltag werden die Begriffe Moral und Ethik oft durcheinander gebracht und für dasselbe verwendet. Meist für richtiges Verhalten. Worin der Unterschied zwischen Moral und Ethik besteht, soll im Folgenden behandelt werden. Dabei geht es hier um ein allgemeines, weit verbreitetes Verständnis von Moral und Ethik. Es gibt wie immer Menschen, die sich ihren eigenen Reim auf Begriffe machen. Wichtig ist: Moral kommt vor der Ethik. Deshalb erklären wir zuerst, was Moral ist.

Definition · Was ist Moral?

Moral bezeichnet ein menschliches Empfinden: halb Gefühl, halb Wissen. Ein anderes Wort für dieses Empfinden ist Gewissen. Wenn wir mit unserem moralischen Empfinden im Reinen sind, haben wir ein gutes Gewissen. Wenn wir gegen unser moralisches Empfinden verstoßen, haben wir ein schlechtes Gewissen. Das Empfinden gleicht einer inneren Stimme, die uns sagt, ob eine Handlung richtig oder falsch ist.

Tipp: Tiefer ins Thema Moral führt der Beitrag Provisorische Moral.

Moral-Beispiel + Definition für Kinder

Moral ist wie ein innerer Kompass. Dieser Kompass zeigt nicht nach Norden oder Süden, sondern gibt dir ein Gefühl dafür, was falsch und was richtig ist, oder was schlecht und was gut ist.

Manchmal ist es schwierig, dieses Gefühl zu spüren. Dann hilft es, den Kopf zu benutzen und sich Gedanken zu machen. Das kannst du tun, indem du dir Fragen stellst, wie: Ist es gut von mir, andere mitspielen zu lassen?

Eine Antwort findest du, indem du überlegst, ob du irgendwem Leid antust. Damit ist nicht immer Schmerz am Körper gemeint. Leid kann auch nur durch Gefühle entstehen. Wenn du ein anderes Kind nicht mitspielen lässt, wie fühlt sich das andere Kind dann? Bestimmt nicht gut. Vielleicht leidet es daran, allein zu sein.

Mit Sicherheit kannst du nie wissen, wie sich andere Menschen fühlen – aber du kannst dir vorstellen, wie du dich selbst fühlen würdest, wenn du nicht mitspielen dürftest. Ich zum Beispiel würde mich schlecht fühlen. Also stelle ich mir vor, dass das Kind, das ich nicht mitspielen ließ, sich auch schlecht fühlt. Das andere Kind leidet an meiner Entscheidung. Sein Leid wiederum sorgt dafür, dass ich mich auch schlecht fühle. Plötzlich tut es mir leid.

Dinge wieder gutmachen

Wenn dir etwas leidtut, was du selber gemacht hast, ist das nicht schlimm. Es zeigt, dass du einen inneren Kompass hast. Das ist gut! Du hast also ein Gefühl für Moral. Trotzdem wirst du manchmal gute, manchmal schlechte Sachen machen. Das passiert jedem Menschen.

Dein Gefühl für Moral hilft dir aber, zu erkennen, ob etwas gut oder schlecht war. Und wenn du etwas Schlechtes getan hast und du fühlst, dass es dir leidtut, gibt es eine Möglichkeit, es wiedergutzumachen – und zwar, indem du es sagst. Dazu braucht es Mut. Aber wenn du dem anderen Kind sagst: »Es tut mir leid, dass du dich meinetwegen schlecht fühlst.« – dann kann das andere Kind sagen: »Ok, danke. Darf ich denn jetzt mitspielen?« So hast du die Möglichkeit, Dinge wieder gutzumachen.

Tipp: Ein Kinderbuch zum Thema Weiterdenken ist 55 philosophische Geschichten für Kinder.

Von der Moral zur Ethik

Selbst wenn wir die Wurzeln unserer Moral im Tierreich verorten, bringt uns das im menschlichen Miteinander nicht weiter. Folge ich dem Gedankengang der Evolution, so scheint der wichtigste Entwicklungsschritt für Homo sapiens die kognitive Revolution gewesen zu sein, wie sie Yuval Noah Harari in Eine kurze Geschichte der Menschheit beschreibt. Demnach ereignete sich vor rund 70.000 Jahren eine kleine »Verschiebung in der Struktur des Gehirns«, die aus dem lange den Schimpansen recht ähnlichen Menschenaffen die Wesen machte, die Mammuts jagen, Metropolen aufbauen und sogar Mondmissionen starten.

Was uns Menschen von anderen Tierarten unterscheidet, ist seither unter anderem die Fähigkeit, in Gruppen von mehr als 150 Individuen komplexer kooperieren zu können, als Fisch- oder Vogelschwärme es können – der Sprache sei Dank.2 Doch sobald das Zusammenleben nicht bloß im Kreis einer Familie, sondern einer ganzen Gesellschaft funktionieren muss, braucht es mehr als ein moralisches Empfinden, wie es schon Affen dazu bringen mag, die Schwachen im Rudel zu schützen. Denn wir sind nicht immer in unserem Rudel unterwegs – im Gegenteil.

Insbesondere in Großstädten laufen wir täglich Dutzenden fremder Artgenossen über den Weg. Im Dschungel wäre da Vorsicht geboten. Im Alltag hingegen dürfen wir uns sicher fühlen. Dass liegt daran, dass Millionen von Menschen sich auf ethische Normen einigen können.

Ethik, also eine Wissenschaft der Moral, haben tatsächlich wir Menschen ganz allein und exklusiv hervorgebracht – zumindest auf diesem Planeten.

Definition · Was ist Ethik?

Ethik entstand aus dem Drang, über moralisches motiviertes Handeln nachdenken und sprechen zu können. Dazu ist es wichtig, Begriffe zu haben, die das Nachdenken und Sprechen überhaupt ermöglichen. Die Leitfrage lautet: Was soll ich tun? Ethik ist das Nachdenken über die Moral bzw. die Wissenschaft von der Moral. Deshalb heißt es Ethik-Unterricht und nicht Moral-Unterricht. Die Moral ist Gegenstand des Ethik-Unterrichts. So, wie es in der Wissenschaft der belebten Natur (Biologie) und damit im Bio-Unterricht um das Leben als Gegenstand geht.

Kurz gesagt, Ethik ist die Bezeichnung für die philosophische Disziplin, deren Gegenstand die Moral ist, also für Moralphilosophie.

Grundwissen Ethik, S. 7

Tipp: Bücher zum Thema Ethik.

Die Ethik dreht sich um die Begründung dessen, was wir als moralisch bezeichnen. Im Mittelpunkt steht daher häufig die Frage nach dem »Warum?«. Diese Frage muss stetig neu gestellt werden, um zu prüfen, ob unsere moralischen Grundsätze in der Gegenwart noch angebracht und vernünftig erscheinen. Während manche Ideen einen eher zeitlosen Charakter haben, wie etwa die Würde des Menschen, fallen andere moralische Regeln, etwa im Umgang mit Medien oder Sexualität, hinter dem Fortschritt von Gesellschaft und Technologie zuweilen zurück.

Ethik als Schulfach

Ethik-Unterricht ist wichtig, da wir in einer pluralistischen (vielfältigen) Gesellschaft leben. Bei all den Vorteilen einer solchen Gesellschaft mangelt es ihr in Sachen Moral an einem allgemein verbindlichen Fundament von Werten. Es genügt nicht, dass wir auf bestimmte Grundgesetze (Die Würde des Menschen ist unantastbar) oder religiöse Regeln (Du sollst nicht töten) verweisen können.

Denn ab wann können wir von einem Menschen sprechen? Das ist wichtig beim Thema Abtreibung. Und in welchen Fällen sollte töten erlaubt sein? Das ist wichtig beim Thema Todesstrafe und Sterbehilfe, oder je nach Ausgang der ersten Frage, auch beim Thema Abtreibung. Soweit nur drei Beispiele wichtiger Streitpunkte bzw. Themen der Gegenwart. Der Ethik-Unterricht dient dazu, ein Urteilsvermögen zu entwickeln, um allgemeine oder eigene Moralvorstellungen begründen oder hinterfragen zu können.

Eine kurze Geschichte der Ethik

Während sich die griechische Philosophie vor Sokrates mit dem Sein allgemein (der Ontologie) und der Natur beschäftigten, legte Sokrates (der Lehrer von Platon) seinen Fokus auf das, was sich bereits als Ethik verstehen lässt: Eine gelungene Lebensführung. So schrieb etwa Aristoteles (der Schüler von Platon):

Sokrates behandelte ethische Fragen – also nicht die Natur in ihrer Gesamtheit –, in ihnen suchte er das Allgemeine und lenkte als erster seine Gedanken auf Definitionen.

Aristoteles, Metaphysik 987b

Mit dem Begriff der sokratischen Wende wird die Verschiebung des Schwerpunkts antiker Philosophie hin zu Moral und Ethik auf Sokrates zurückgeführt. Doch als philosophische Disziplin systematisch eingeführt hat die Ethik erst Aristoteles. Besonders bekannt geworden ist die aristotelische Tugendethik (auf die wir gleich noch zurückkommen).

Konfuzianische Ethik

Die Ethik kam wohlgemerkt der Idee nach nicht zuerst und ausschließlich im antiken Griechenland auf. Auch die Lehre von Konfuzius (im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in China geboren) enthält Elemente, aus der sich die »konfuzianische Ethik« ableiten ließ.

Im Mittelpunkt des Denkens von Konfuzius steht das Leben der Menschen in der Gemeinschaft, d. h. das menschliche Zusammenleben. Damit erhält in seinem Denksystem die Ethik eine besondere Bedeutung. Die Ethik von Konfuzius ist allerdings kein Katalog von Tugenden. In ihrem Zentrum steht die Menschlichkeit.

Ethik im Weltkontext, S. 125

Was beim Fokus auf die abendländische Philosophie – deren Ursprung in der griechischen Antike gesehen wird – nicht vergessen werden darf: Bei der Erhaltung und Überlieferung der Werke griechischer Philosophen spielte die islamische Kultur eine wichtige Rolle.3

Die Werke von Aristoteles, Platon, Euklid und Ptolemaios sind [um das Jahr 1000] längst ins Arabische übersetzt – den meisten Gelehrten im europäischen Westen dagegen werden die Schriften noch weitere 200 bis 300 Jahre unbekannt bleiben.

GEO EPOCHE: Die Welt im Jahr 1000 (Nr. 35, 02/09), S. 140

Beispiele · Moral und Ethik

Grundsätze zur moralischen Orientierung sind oft als Imperative formuliert, als Aufforderung oder gar Befehl. Solche Sätze beschreiben keine tatsächlichen Zustände. Stattdessen schreiben sie vor, was erstrebenswerte Zustände sind (auch, wenn es diese im realen Leben nicht gibt).

Ein beschreibender (deskriptiver) Satz ist zum Beispiel: Viele Menschen lügen. Weder verhindert diese Tatsache den moralischen Grundsatz »Du sollst nicht lügen«, noch ließe sie sich für den umgekehrten Grundsatz »Du sollst lügen (weil viele Menschen lügen)« heranziehen. Die Begründung dessen, was sein soll, mit dem, was (»von Natur aus«) sei, ist ein naturalistischer Fehlschluss. Nachfolgend ein paar Beispiele für »Sollenssätze«.

Die 10 Gebote aus der Bibel

  1. Ich bin dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
  2. …den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen
  3. …den Feiertag heiligen.
  4. …Vater und Mutter ehren.
  5. …nicht töten.
  6. …ehebrechen.
  7. …stehlen.
  8. …falsch Zeugnis reden.
  9. …begehren deines Nächsten Haus.
  10. …und nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Die nicht zufällige Reihenfolge spiegelt die Prioritäten der Entstehungszeit dieser Regeln wider – und vieler Jahrhunderte, in denen sie tradiert wurden (»nicht töten« steht an fünfter Stelle, noch nach »Feiertag heiligen«). Am 10. Gebot ist abzulesen, dass die Regeln aus einer patriarchalischen Zeit stammen, in der alle Autorität in Händen der Männer lag und Frauen als deren Eigentum betrachtet wurden, ebenso unmündig wie Kinder und Sklaven.

Aufgabe der Ethik ist, wie gesagt, das Hinterfragen: Sind diese Gebote noch zeitgemäß? Wichtig zu betonen ist, das zu keiner Zeit in der Geschichte die 10 Gebote nicht auch von Vertretern der Kirche missachtet wurden. Wenn sich in der Gegenwart Menschen auf gute alte Zeiten berufen, in denen noch Moral und Sitte herrschten, ist bei genauerem Hinschauen eine Fantasie-Vergangenheit gemeint, die sich nicht historisch rekonstruieren lässt.

Wilhelm Busch

Und die Moral von der Geschicht’: Bad’ zwei in einer Wanne nicht.

Diese Zeilen stammen aus der Geschichte Das Bad am Samstagabend von Wilhelm Busch. Sie handelt von zwei Jungs, die in der Badewanne Quatsch machen. Ein Teil des Zitats ist zum geflügelten Wort geworden. Zahllose Alltags- und Benimmregeln wurden daraus gebastelt: Und die Moral von der Geschicht’, ärger die Geschwister nicht / belüge deine Eltern nicht / quäle deinen Hamster nicht etc.

An den Beispielen von Bibel und Busch kannst du erkennen, dass es in der Moral oft gar nicht um das Handeln geht, sondern um das Unterlassen von Handlungen – also was du nicht tun solltest. Bei all den Verboten stellt sich die Frage: Wie soll ich denn nun handeln?

Der kategorische Imperativ

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Immanuel Kant

Auch dieser Satz von dem Philosophen Immanuel Kant – geschrieben im späten 18. Jahrhundert – ist als Imperativ formuliert. Gefordert wird, dass das zugrunde liegende Prinzip deiner Handlungen eines sein muss, dass du dir auch als Gesetz für alle Handelnden vorstellen kannst. Im kategorischen Imperativ zeigt sich der Übergang von einer einfachen Moralregel zum ethischen Denken. (Wohlgemerkt nicht historisch gesehen. Es wurde auch schon früher an die Vernunft appelliert und Ethik gelehrt.) Kant gibt mit dem kategorischen Imperativ keine konkrete Regel, sondern ein Prüfkriterium für Regeln der Moral zur Hand.

Die Goldene Regel

Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.

Auch bekannt als Sprichwort: »Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu« (wieder eine Unterlassung). Dem Namen nach wurde der Ausdruck golden rule von christlichen Schriften im 17. Jahrhundert geprägt, in Anlehnung ans Gebot der Nächstenliebe: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« (Lev 19,18) Dem Inhalt nach findet sich die Idee hinter der Goldenen Regel in diversen religiösen und philosophischen Texten seit dem 7. Jahrhundert, unter anderem in China, Indien und Persien.

Tipp: Mehr über die Goldene Regel schreibt Dr. Martin Bauschke im Netzwerk Ethik heute.

Die Gegenwart

Als ethischer Grundsatz hat sich die Goldene Regel bis in jüngste Diskurse der Philosophie erhalten. Hier ein 2018 gedruckter Auszug aus Information Philosophie, der »Zeitschrift, die über Philosophie informiert«:

Die Standardauffassung von Ethik geht immer noch davon aus, dass ein einzelner Akteur auf die eine oder andere Weise handelt und seine Handlung die Haupt- bzw. unmittelbare Ursache für Wohl oder Schaden eines oder mehrerer anderer Individuen darstellt.

Information Philosophie 3/20184

Nun können einzelne Personen aus Wirtschaft und Politik mit ihren Handlungen oft ganz unmittelbaren Einfluss auf Wohl oder Schaden vieler Individuen nehmen. In der Ethik geht es also auch um das Beurteilen von Handlungen (oder Unterlassungen) von Menschen, die Verantwortung für ihre Mitmenschen tragen.

Tipp: Eine Praxisübung in Sachen ethische Beurteilung ist die US-Dokumentation Fahrenheit 11/9.

Es gibt verschiedene Arten von Moral. So wird etwa zwischen autonomer und heteronomer Moral unterschieden.

Unterschied · Autonome und heteronome Moral

Autonome (selbstbestimmte) Moral richtet sich nach dem inneren Antrieb und ist nur bei freiem Willen möglichen. Heteronome (fremdbestimmte) Moral richtet sich nach dem, was andere sagen – zum Beispiel:

[…] ein Kind, das ehrlich ist, nur weil die Mutter gesagt hat, dass man ehrlich sein soll, oder ein gläubiger Mensch, der anderen hilft, nur weil seine Religion es ihm gebietet.

Grundwissen Ethik, S. 10-11

Das Ziel von Moral und Ethik

Die Ziele von Moral und Ethik haben sich im Laufe der Zeit verlagert. In der antiken Philosophie lag der Fokus auf dem Handeln des Einzelnen: Wie führt ein Mensch ein gutes Leben? Gegenwärtig lautet die Frage vielmehr: Wie gelingt das Zusammenleben vieler Menschen auf begrenztem Raum? In einer solchen Gesellschaft können wir uns nicht aus dem Weg gehen, sondern müssen lernen, miteinander klarzukommen – das ist das Ziel. Dazu braucht es klare Regeln für die Gemeinschaft.

Als Bewertungsmaßstab dienen in Moral und Ethik, wie bereits gesagt, die Begriffe richtig und falsch bzw. gut und böse oder schlecht. Entspricht eine Handlung den Moralvorstellungen einer Gesellschaft, gilt sie als gut. Handelt ein Mensch gegen sie, kann eine Tat, eine Absicht oder zuweilen gar ein ganzer Charakter als böse oder schlecht verurteilt werden. Moralische Ansprüche beziehen sich auf Werte und Normen, die je nach Epoche und Gesellschaft unterschiedlich sein könnten.

Die Moral-Sense-Theorie besagt, dass uns unsere moralischen Werte angeboren sind. Ob das stimmt, wird noch studiert. Dass ethische Normen wiederum zuweilen in Stein gemeißelt sind, das steht so in der Bibel. Doch wissenschaftliche Theorien und biblische Steintafeln hin oder her, eines hat die Geschichte gelehrt: Werte und Normen können sich ändern.

Hinweis: Auf YouTube ist der Abschnitt über den Unterschied zwischen Werten und Normen auch als Video verfügbar.

Definition · Was ist ein Wert?

Ein Wert ist der geschätzte oder errechnete Gehalt einer Sache. Eine solche kann materiell sein (in Geld aufzuwiegen, wie der Wert einer Uhr), oder immateriell bzw. ideell (im Geiste vorhanden, wie der Wert der Uhr, die über Generationen in Familienbesitz ist). Ein Wert kann objektiv sein. Zum Beispiel der Ergebniswert einer Mathe-Aufgabe oder der Wert von Geld, ohne dessen universelle Anerkennung es ja nur Papierfetzen und binäre Zahlkolonnen wären (mehr dazu im Beitrag Philosophie des Geldes). Ein Wert kann aber auch subjektiv sein. Etwa das Wertschätzen einer bestimmten Musik oder der Empfindungswert in Moral-Fragen (mehr dazu im Beitrag Was sind deine Werte?).

Das dualistische Weltbild

Es heißt, in unserer westlichen Kultur seien wir geprägt von einer dualistischen Weltanschauung, die uns vorgaukele, es gäbe nur entweder/oder. In der östlichen Philosophie hingegen herrsche ein Einheitsgedanke vor. Ich tu’s schon wieder! Die Kategorisierung in westlich/östlich, begleitet von Allgemeinsätzen, die niemals der komplexen Wirklichkeit gerecht werden. Das gilt auch für alles, was wir als gut/schlecht, richtig/falsch, respektive – ästhetisch betrachtet – als schön/hässlich verbuchen, wie wir es vermittels unserer Werte zuweilen tun.

Wenigstens im dualistischen Ost/West-Gedanken scheinen sich Wahrnehmung und Wirklichkeit zu decken. Es gibt eben zwei Richtungen, links und rechts, das stimmt. Aber es gibt auch Raum dazwischen. Während wir logische oder mathematische Werte wie Koordinaten darstellen können, sind ästhetische oder moralische Werte eher wie Celsius-Angaben auf einem Thermometer. Es gibt heiß und kalt, aber wo diese Werte liegen, hängt stark davon ab, welche Person in welcher Situation gefragt ist – und die Wohlfühltemperatur liegt sowieso irgendwo dazwischen.

Tugendethik bei Aristoteles

Es verwundert nicht, dass Aristoteles in seiner Tugendethik den Mittelweg empfiehlt. In Sachen Geld heißt das: Sei weder geizig noch verschwenderisch, sondern großzügig. In Sachen Mut: Sei weder feige noch lebensmüde, sondern tapfer. Mut ist in diesem aristotelischen Sinne eine wertvolle Eigenschaft und Tapferkeit als Verinnerlichung dieser Eigenschaft eine Tugend.

Nun scheint Mut eine sehr individuelle Eigenschaft zu sein. Ein Mensch hat diese Eigenschaft, oder nicht. Aber wir haben einen gewissen Mut auch für die Gesellschaft als Wert adaptiert, in Form der Zivilcourage. Bis zu einem gewissen Grad fließt diese Eigenschaft oder gar Tugend in Gesetze ein. Zum Beispiel in den (gekürzt zitierten) Paragraphen zur Unterlassenen Hilfeleistung:

Wer bei gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet (also feige ist), obwohl dies ohne erhebliche eigene Gefahr (also ohne lebensmüde zu sein) möglich ist, wird bestraft.

dejure.org

Manche mögen meinen: Das ist doch selbstverständlich! Dennoch erfordert es durchaus Tapferkeit, was uns das Gesetzbuch da abverlangt.

Einwand! Via YouTube schrieb mir wer, der Tapferkeit als mutiges Verhalten im Augenblick der Gefahr definiert: »Bei §323c wird darauf hingewiesen, dass es erst unterlassene Hilfeleistung ist, wenn man sich selbst nicht der unmittelbaren Gefahr aussetzen müsse. Somit finde ich’s schwierig zu sagen, dass das Gesetzbuch Tapferkeit abverlangt.«

Bedürfnispyramide von Maslow

Werte wie Freiheit und Sicherheit werden von den meisten Menschen geteilt. Sie zählen zu unseren fundamentalen Bedürfnissen. Ausgehend von einer Sicherung der Grundbedürfnisse wie Nahrung und Schlaf bedarf es etwa der körperlichen Sicherheit, um überhaupt so etwas wie individuelle Freiheit ausleben zu können. Der Psychologe Abraham Maslow stellt es als Bedürfnis-Pyramide dar (hier als Liste aufgeführt, stell’ dir dahinter einfach ein Dreieck vor, nach oben hin spitzt sich die Pyramide zu):

  • Selbstverwirklichung (Hobbys etc.)
  • Individualbedürfnisse (Erfolg, Freiheit)
  • Soziale Bedürfnisse (Familie, Liebe)
  • Sicherheitsbedürfnisse (Körper, Geist)
  • Grundbedürfnisse (Atmung, Nahrung)

Werte werden, wenn allgemein anerkannt, zu Normen, nach denen wir unsere Handlungen ausrichten. Ein sozialer, moralischer Wert ist etwa die Ehrlichkeit, aus der sich die Norm oder Regel ableitet, nicht zu lügen. Indem ich davon ausgehe, dass sich die meisten Menschen in den meisten Situationen daran halten, fühle ich mich sicher im Umgang mit ihnen.

Stell’ dir nur eine Welt vor, in der die umgekehrte Norm herrscht: Du sollst lügen. Ließe sich in einer solchen Welt ein Leben aufbauen, Gespartes anlegen, eine Familie gründen, morgens die Zeitung lesen und das Kind zur Schule schicken? In einer Welt, in der Lügen die Regel sind? Nein.

Nur aufgrund gemeinsamer Werte können zahlreiche Menschen ein Zusammenleben führen, in gegenseitigem Vertrauen, dass sich alle an die Normen halten.

Definition · Was ist eine Norm?

Eine Norm ist eine Regel oder Vorschrift. Von einer Norm sprechen wir auch im Sinne einer Verhaltenserwartung, die gegenüber einer Gruppe oder Gesellschaft besteht. Für die Normen einer Ideologie oder Glaubensgemeinschaft (z. B. Kein Sex vor der Ehe) gibt es den Begriff der Idealnorm. Normen sind dazu da, ein soziales Gebildes zu sichern – sei es eine Partnerschaft oder ein Staatenverbund. Normen basieren auf Werten, etwa Treue in einer Partnerschaft oder Gerechtigkeit im Staatenverbund. Ein Beispiel für Werte und Normen im Zusammenspiel liefert der EU-Vertrag (Artikel 2):

Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte […]

Es gibt verschiedene Arten von Normen. So wird etwa zwischen Konventionen und Gesetzen und zwischen kategorischen und hypothetischen Normen unterschieden.

Unterschied · Konventionen, Gesetze

Konventionen sind ungeschriebene Umgangsformen (Sitten), die sich je nach Gegend oder auch Milieu unterscheiden und ohne große Abstimmung eingehalten werden. Dazu gehören Ansprachen, Gesten oder Tischmanieren. Wer gegen solche Konventionen verstößt, gilt als unhöflich und offenbart sich als »nicht dazugehörig« (was manche Menschen aus rebellischer Haltung heraus bewusst tun, und andere Menschen aus reiner Ahnungslosigkeit unbewusst, Stichwort: Tourismus). Ein Verstoß gegen Konventionen sollte jedoch keine ernsten Konsequenzen haben.

Gesetze sind rechtliche Regeln, die sich je nach Staat unterscheiden. Sie werden in Schriftform (Gesetzbücher, Warnschilder) festgehalten und durch Staatsgewalt (Polizei, Gerichte) durchgesetzt. Damit sollen die Sicherheitsbedürfnisse von Menschen gewährleistet werden. Dass es je nach Staat verschiedene Gesetze gibt, liegt wiederum den jeweiligen gesellschaftlichen Konventionen zugrunde, aus denen die Gesetze hervorgegangen und im Laufe der Geschichte angepasst worden sind (Beispiel: die Waffengesetze in Australien in Vergleich zu denen in den USA.)

Ein Beispiel für Konventionen bzw. Sitten (und heteronome Moral) findet sich in Die Geschichte vom Prinzen Genji, dem mutmaßlich ältesten erhaltenen Roman der Weltliteratur. Geschrieben wurde er um das Jahr 1000 von der japanischen Hofdame Murasaki. Darin gibt es eine Szene, in der ein Diener den Prinzen Genji dringend dabei unterstützen muss, einer kranken Frau zu helfen – doch der Diener zögert, sich dem Prinzen trotz der Dringlichkeit anzunähern.

Es verstieß natürlich gegen die Hofsitte, daß dieser (Diener) selbst Genji bedienen sollte, und er zögerte verwirrt und wagte nicht einmal die Estrade zu betreten. »Komm her,« sagte Genji ungeduldig, »gebrauche deinen Hausverstand!«

Prinz Genji, S. 106

Gebrauche deinen Verstand! Das ist ein Appell an die Moral: Entscheide dich für den Sittenverstoß, um einem Menschen zur Hilfe zu eilen. Wohlgemerkt handelt es sich hier um heteronome (von dem Prinzen diktierte) Moral.

Unterschied · Kategorische und hypothetische Norm

Der Begriff Menschenwürde impliziert eine kategorische Norm, eine unbedingte Regel mit universellem Charakter. Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar. Unabhängig von individuellen Ansichten, Eigenschaften oder Interessen. Ein Gebot wie »Du sollst nicht töten!« ist ebenfalls eine kategorische Norm.

Dagegen lässt sich eine hypothetische Norm in Wenn-dann-Sätzen ausdrücken. Hier geht es durchaus um das Individuum und dessen Interessen. Hypothetische Normen finden sich überall im Leben: Wenn du Spanisch lernen willst, dann solltest du dich mit der Sprache beschäftigen – nur so wirst du dein Ziel, normalerweise, erreichen.

Fazit und Ausblick

Werte stellen die Ziele dar, nach denen sich die Moral ausrichten sollte. Normen dienen als Mittel, um diese Ziele zu erreichen oder sich ihnen anzunähern. Am besagten EU-Artikel zeigt sich, dass wir unsere feierlich verkündeten Werte im alltäglichen Miteinander zuweilen aus den Augen verlieren. Werte und Normen sind somit die Ziele und Mittel eines guten Zusammenlebens.

Die Anerkennung oder Bestrafung bestimmter Handlungen, sei es durch die Gesellschaft oder durch die Justiz, kann als Korrektiv funktionieren und uns bei Bedarf wieder auf den richtigen Weg bringen. Allerdings müssen wir auch hier unseren Maßnahmenkatalog – ebenso wie unsere Werte und Normen – immer wieder dahingehend prüfen, ob er angemessen ist. Zu guter Letzt noch eine kleine Geschichte über die Moral und den materiellen Vorteil, wie er in einer kapitalistischen Welt wie der unseren nur allzu verlockend ist.

Die Geschicht’ von der Moral

Ein Moralprinzip traf einen materiellen Vorteil auf einer Brücke, die nur breit genug für einen von beiden war. »Herunter, du niedriges Ding«, donnerte das Prinzip, »lass man über dich hinwegschreiten!« Der Vorteil blickte dem anderen wortlos in die Augen. »Ach«, sagte das Prinzip zögernd, »lass und darum losen, wer von uns zurücktritt, bis der andere die Brücke überquert hat.« Der Vorteil bewahrte sein Schweigen und hielt den Blick. »Um Streit zu vermeiden«, fuhr das Moralprinzip unsicher fort, »werde ich selbst mich niederlegen und dich über mich hinweggehen lassen.« Da fand der materielle Vorteil seine Zunge. »Ich bezweifele, dass man auf dir besonders gut geht«, sagte er. »Ich bin wählerisch mit dem, was ich unter den Füßen habe. Wie wäre es, wenn du ins Wasser stiegest?« Genau so geschah es.5

Fußnoten

  1. Die Seitenangaben aller Zitate beziehen sich, wenn nicht anders erkennbar, auf die Werkausgaben im Literaturverzeichnis.
  2. Vgl. Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, S. 42.
  3. Mehr dazu im Beitrag Arabische Philosophie im Mittelalter von Michael Lausberg.
  4. S. 52, bzgl. Heilinger: Individuelle moralische Verantwortung im globalen Kontext: Bin ich verantwortlich für den Klimawandel?
  5. Vgl. Bierce, Ambrose: Die gesammelten Geschichten und des Teufels Wörterbuch. Frankfurt 1999.

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