Die vierte Wand durchbrechen

Die vierte Wand durchbrechen, das mache ich auf meinem YouTube-Kanal ständig. Doch was heißt das eigentlich? Hier ein bisschen Hintergrundwissen zur Vierten Wand. Vorweg ganz allgemein: Wie kann man die Vierte Wand durchbrechen?

Man kann die Vierte Wand durchbrechen, indem man bei einer Live-Aufführung direkt zum Publikum bzw. bei einer Aufzeichnung direkt in die Kamera spricht. Auf diese Weise wird die sogenannte Vierte Wand, die sonst zwischen Inszenierung und Publikum besteht, überwunden.

Vor Jahren habe ich eine Bühnen-Adaption des Films 21 Gramm (2003) besucht. Ich saß in der ersten Reihe eines kleinen Saals im Schlosstheater Moers. Meine Knie berührten die Bühne – und ich hoffte durchs ganze Stück hinweg, bloß nicht miteinbezogen zu werden.

Das Durchbrechen der Vierten Wand allein muss jedoch gar nicht mit direkter Interaktion einhergehen – in dem Sinne, dass auch eine Reaktion des Publikums eingefordert wird. Sehen wir uns die Sache mal genauer an.

Was ist die Vierte Wand im Theater? · Definition

Im Theater ist die Vierte Wand eine imaginäre, also nur gedachte Wand. Allgemein gilt die Vierte Wand im Theater als diejenige Wand, die das Publikum vom Bühnengeschehen trennt. Denn die Kulissen auf der Bühne bilden nur drei Wände: den Hintergrund und die Seiten, rechts und links.

Apropos Kulissen: Einen Blick hinter die Kulissen meines kreativen Schaffens gibt’s via Patreon.

Zum Publikum hin ist die Bühne offen, da gibt’s keine echte Wand. Trotzdem wir im Theater oft so gespielt, als sei das Publikum gar nicht anwesend. Das heißt: so, als ob es doch eine vierte Wand gäbe.

Wird nicht so gespielt, sondern das Publikum »durch die Wand« angesprochen, handelt es sich um ein Durchbrechen der Vierten Wand.

Was ist die Vierte Wand im Kino?

Längst gilt es als beliebtes Stilmittel, die Vierte Wand auch im Kino zu durchbrechen, bzw. in Filmen und Serien. Also in Sphären, in denen es den offenen Raum zwischen Publikum und Schauspiel-Ensemble eigentlich nicht gibt. Hier ein schöner Zusammenschnitt von Beispielen in Bild und Ton (englischsprachig unterlegt):

Stan Laurel und Oliver Hardy, besser bekannt als Laurel und Hardy (oder hierzulande: Dick und Doof) gehörten Anfang des 20. Jahrhunderts zu den ersten, die die Vierte Wand via Kamera durchbrachen. Weitere frühe Beispiele sind Animal Crackers (1930) und Horse Feathers (1932).

Neuere Beispiele gefällig? Here you go: Folgende Filme und Serien durchbrechen, mehr oder weniger häufig, die vierte Wand. Hervorzuheben wäre die Serie Fleabag von und mit Phoebe Waller-Bridge, die dieses Spiel besonders gut beherrscht!

Vierte Wand durchbrechen in Filmen und Serien

  • Dead Pool (Filme 2016, 2018)
  • Fleabag (Serie 2016–19)
  • Funny Games (Filme 1997, 2007)
  • House of Cards (Serie 2013–18)
  • Leto (Film 2018)
  • Lola rennt (Film 1998)
  • Wishlist (Serie 2016–18)

In Zeiten multimedialer Content Creation in Form von Videos, Onlinekursen und mehr ist es weniger Stilmittel als Standard, die Vierte Wand zu durchbrechen. Ist die Hochzeit der Vierten Wand also vorbei?

Werfen wir, ehe wir zu diesem Gedanken zurückkehren, einen kurzen Blick auf die Geschichte der Vierten Wand.

Denn auch wenn wir uns zwischenzeitlich sehr an sie gewöhnt haben, ist die Vierte Wand mit ihrem rund 200-jährigen Bestehen eine vergleichsweise junge Errungenschaft – im Vergleich zum Theater jedenfalls.


Kurze Geschichte der Vierten Wand

Theater wurde schon im alten Rom gespielt. Auch im antiken Griechenland, im altertümlichen Indien und Ägypten. Vermutlich warfen sich schon die »Höhlenmenschen« (die gar nicht so viel Zeit in Höhlen verbrachten), ihre Felle über und stellten Szenen der letzten Jagd nach.

Ungefähr seit der Steinzeit also erlebt das Medium Theater seine Höhen und Tiefen – und Reformen. In Deutschland des 18. Jahrhunderts, da klagte der Dichter Gotthold Ephraim Lessing:

Wir haben kein Theater. Wir haben keine Schauspieler. Wir haben keine Zuhörer.

Gotthold Ephraim Lessing: Sämmtliche Schriften. Hg. v. Karl Lachmann. Berlin: Voß’sche Buchhandlung 1839, S. 213. (= Bd. 6) (PDF)

Der Franzose habe wenigstens noch eine Bühne, heißt es weiter. Der Deutsche hingegen habe kaum Buden.

Tatsächlich war das deutsche Theaterwesen im 18. Jahrhundert von Wandertruppen geprägt. Umherreisende Ensembles brachten Bühne und Requisiten gleich mit und bauten alles wieder ab, wenn es weiterging.

An den Höfen der Herrschenden hatte das deutsche Theater wenig Ansehen. Dorthin luden sich die Adeligen lieber ausländische Talente ein.

Zur selben Zeit am selben Ort

Bemerkenswert an Lessings Klage über die Lage des Theaters ist seine Wortwahl. Er spricht vom fehlenden Zuhörer, nicht Zuschauer!

Zu Lessings Zeit wird das Theater als Anwesenheits-Situation gedacht: Schauspiel-Ensemble und Publikum befinden sich zur selben Zeit am selben Ort. Die einen reden, die anderen lauschen. Es findet Kommunikation statt – in diesem einen Raum, den sich alle Anwesenden teilen.

Begeben wir uns zur besseren Veranschaulichung dieser Situation mal nach Frankreich. Zum Beispiel ins Comédie-Française. Das ist eines von heute fünf französischen Nationaltheatern. Gegründet wurde es 1680 im Auftrag des Sonnenkönigs Ludwig XIV.

Bis ins 18. Jahrhundert ist es noch üblich, dass das Publikum von Rang und Namen (also die Adeligen, heute würden wir VIPs sagen) dort mit auf der Bühne sitzt.

Das Schauspiel-Ensemble (mangels Kostüme kaum vom »normalen« Publikum zu unterscheiden) hat große Mühe, im Theatersaal eine für alle Anwesenden akustisch gut verständliche Aufführung darzubieten.

Hinzukommt, dass viel der Zuhörer (!) gar nicht in erster Linie da sind, um dem Stück zu folgen. Stattdessen wird im Saal auch gespeist und gesoffen – und sich mit Prostituierten getroffen. WTF!?

Die Schauspieler versuchten dieses abgelenkte Publikum durchs »Beiseite-Sprechen« in ihre Aufführung mit einzubeziehen – auch »A-part-Sprechen« genannt. Dabei wendet sich eine Figur allein an seine Zuhörer und spricht etwas, das andere Figuren auf der Bühne nicht hören sollen.

Nette Idee, aber offenbar nicht die Lösung des Problems.

Die Erfindung der vierten Wand

Als Erfinder der vierten Wand gilt der französische Denker und Dichter Denis Diderot. Ähnlich wie Lessing in Deutschland, fand auch Diderot in Frankreich die Theater-Verhältnisse beklagenswert. In einem Essay von 1758, gerichtet an Schauspieler, brachte er die Vierte Wand ins Spiel.

Stellen Sie sich am Rand des Theaters eine große Mauer vor, die Sie vom Parkett trennt; spielen Sie so, als ob der Vorhang gar nicht hochgezogen würde.

Denis Diderot: Oeuvres de théatre de M. Diderot. Avec un discours sur la poésie dramatique. Paris: 1771, S. 311 (PDF, Übersetzung via DeepL)

Diderots Aufforderung bestand darin, so zu spielen, wie wir es heute gewohnt sind, wenn wir ins Theater gehen.

Der Trick dahinter? Indem die Schauspieler so tun, als gäbe es kein Publikum, ist dieses in eine beobachtende Rolle gerückt – eine Rolle, die etwas Voyeuristisches und etwas Reizvolles hat.

Wer als Außenstehender eine Szene mitverfolgt, in der Menschen interagieren, ohne sich nach außen hin direkt zu offenbaren, wird zum Beobachter: Wir fangen an, das Handeln und Verhalten, mit Gestik und Mimik dieser Menschen zu studieren.

Durch die Vierte Wand wird das Verfolgen eines Schauspiels vergleichbar mit dem Lesen eines Buchs. Es erfordert Konzentration – und es schärft die Empfindsamkeit für das Innenleben des Anderen.

Das ist eine Entwicklung, die sich auch in der Entwicklung der Literatur des 18. Jahrhunderts widerspiegelt, aber das ist eine andere Geschichte.

Übrigens: Die Vierte Wand lässt sich auch auditiv durchbrechen – etwa, wenn im Podcast das Publikum angesprochen wird. Wo wir schon dabei sind: Falls du mehr über Themen rund um kreatives Schaffen erfahren willst, unseren Podcast Schrott oder Schrein gibt’s u. a. via Spotify.


Die Vierte Wand durchbrechen · ein Fazit

Zurück zur Frage, ob die Zeit der Vierten Wand nach knapp über 200 Jahren nun vorbei sei? Nein, und so ganz wird sie das nie sein. Im 20. Jahrhundert kommt die Vierte Wand zunehmend in Form von Scheiben daher, die uns überall begegnen und begleiten.

Es sind die Screens, die unsere analogen von der digitalen Welt trennen. Ja, diese Vierte Wand wird oft durchbrochen – seit den 2020er Jahren in beide Richtungen.

Die Vierte Wand wandelt sich also. Aus einer alten Theater-Erfindung wird ein fester Bestandteil der alltäglichen Inszenierung unseres Lebens.

Feedback und Fragen wie immer in die Kommentare – und gerne auch Antworten: Was führt dich zu diesem Thema? Und was sind deine Gedanken zur Vierten Wand? Ich bin gespannt!

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