Eine Theorie der Gerechtigkeit · Rawls

In diesem Fachbeitrag geht es um Eine Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls. Damit wenden wir uns der politischen Philosophie zu. Für die war Rawls’ Theory of Justice in den 1970er Jahren das, was das Musical Hamilton heute fürs Interesse an amerikanischer Gründungsgeschichte ist: Eine Wiederbelebung!1 Aber wer hat die politische Philosophie für tot erklärt? Und wie ist ihre Renaissance gelungen? Diese Fragen wollen wir klären. Danach nehmen wir – ausgehend von einem Gedankenexperiment – Rawls’ Argumente und Thesen unter die Lupe. Ziel ist es, sein Verständnis von »Gerechtigkeit als Fairneß« nachzuvollziehen. | Lesezeit: ca. 20 Min.

Hinweis: Auf YouTube ist dieser Beitrag als Video verfügbar.

Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit

Zusammengefasst lautet die Botschaft des Konzepts »Gerechtigkeit als Fairneß«, dass Gerechtigkeitsprinzipien das Ergebnis rationaler Einigung unter fairen Bedingungen sind. Diese gerechten Prinzipien (Regeln oder Grundsätze) auf die sich die Menschen einigen, lauten in ihrer vorläufigen Formulierung wie folgt:

Erstens: Jeder Mensch soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist. Zweitens: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, daß (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, daß sie jedem Menschen zum Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem Menschen offenstehen.

S. 81

Dazu gleich mehr. Im letzten Abschnitt dieses Beitrags gibt es noch eine kurze Erläuterung der Ideologie des egalitären Liberalismus. Diese wurde maßgeblich von Rawls entwickelt, im Kontrast zum Utilitarismus, zu dem er eine Alternative liefern will. Als literarische Grundlage (auf die sich auch die Seitenangaben hier beziehen) liegen mir Eine Theorie der Gerechtigkeit von Rawls als Taschenbuchausgabe von Suhrkamp vor, sowie das Buch John Rawls zur Einführung von Wolfgang Kersting, das 2001 im Junius Verlag veröffentlicht wurde (siehe: Literaturverzeichnis).

Ethik und Politik geraten in den Schatten von Logik und Sprache. So ließe sich die Philosophie des 20. Jahrhunderts in einer düsteren Schlagzeile zusammenfassen. Für tot erklärt wurde die politische Philosophie, ganz offiziell, vom Historiker Peter Laslett im Jahr 1956.2

Niedergang der philosophischen Tradition

»Alle Philosophie«, verkündete Ludwig Wittgenstein schon in den 1920er Jahren, sei nämlich Sprachkritik. Er beschränkte ihren Zweck auf »die logische Klärung der Gedanken.«3 – »Was für ein Niedergang für die große philosophische Tradition von Aristoteles bis Kant!«4, so kommentierte es später Stephen Hawking und blieb bei seiner Physik. Ausgerechnet die ist mitverantwortlich für den Niedergang der philosophischen Tradition – zusammen mit anderen Naturwissenschaften, die bereits im 19. Jahrhundert ein empirisches Weltverständnis vorantrieben.

Denn empirisch nennen wir Erkenntnisse, wenn sie aus Erfahrung oder Wahrnehmung gewonnen sind. Das gelang den Naturwissenschaften mit fortschreitend besserer Methodik und Technik irgendwann so gut, dass die moralische und politische Philosophie ins Wackeln geriet. Deren Erkenntnisse oder Ideen, wie etwa die »Gleichheit aller Menschen«, haben nichts mit Empirie zu tun. Die Menschen sind nicht alle gleich, in unserer sinnlichen Wahrnehmung. Um ähnlich unerschütterliche Gewissheiten wie die Naturwissenschaften zu erbringen, bekam in der Philosophie eine Position besonderes Gewicht: der logische Empirismus.

Der logische Empirismus lässt nur solche Sätze zu, die (eben) empirisch überprüfbar, bzw. in sich und im Kontext miteinander logisch sind. Sätze auf Logik zu überprüfen, das fällt in den Bereich der Sprachphilosophie. So kommt der frühe Wittgenstein zu seiner Aussage, alle Philosophie sei Sprachkritik. Normative Sätze, wie sie moralische oder politische Philosophie hervorbringen, kommen gar nicht erst durch das Empirie-Kriterium, weil sie sich nicht überprüfen lassen. Ethische Ansichten stehen demnach auf einer Stufe mit Geschmack. Du findest diese Suppe zu salzig und jenes System ungerecht? Okay, ich nicht, na und?

Wiedergeburt der politischen Tradition

Dieser logische Empirismus gehört zu den einflussreichsten philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Das hatte zur Folge, dass das Feld der praktischen Philosophie so wenig bespielt wurde, von den großen Geistern dieser Zeit. Unter denen ist jener Wittgenstein heute bezeichnenderweise einer der bekanntesten Namen. Neben, wohlgemerkt, dem amerikanischen Denker John Rawls. Dessen Theorie der Gerechtigkeit – von 1971 immerhin! – wurde von Hawking getrost übergangen, bei seinem Ausruf vom Niedergang der Philosophie im Jahr 1988. Da hat der britische Physiker bei all seiner Betrachtung des Universums vergessen, mal über den großen Teich zu schauen. Und das, obwohl Fachleute das Werk von Rawls in eine Reihe stellen mit Aristoteles und Kant. Zu diesen Fachleuten gehört Wolfgang Kersting, der über die Theorie der Gerechtigkeit schreibt (S. 7):

Dieses schwergewichtige Buch präsentiert auf sechshundert Seiten die argumentativ dichteste und elaborierteste [am sorgfältigsten ausgeführte] Theorie der Gerechtigkeit, die in der Geschichte der praktischen Philosophie bis heute entwickelt worden ist.

Wolfgang Kersting

Den Anstoß für die Renaissance der politischen Philosophie, durch eine Wiederentdeckung und gedankliche Weiterentwicklung neuzeitlicher Werke von Hobbes bis Kant, die schreibt Kersting allein diesem einen Buch zu. Im Original: Theory of Justice. Es habe »viele philosophisch inspiriert und zu gehaltvollem Widerspruch angeregt.« Kersting schließt sich der Widerrede an. Doch ehe wir die Kritik an Rawls anschneiden, sollten wir Autor und Werk selbst betrachten.

Über John Rawls

John Rawls wurde 1921 in Baltimore, Maryland geboren. Er war eines von fünf Kindern einer Anwaltsfamilie. Zwei seiner Geschwister starben während der Kindheit an Krankheiten, mit denen sie sich beide bei ihrem Bruder John angesteckt hatten. Im Zweiten Weltkrieg diente Rawls als Soldat im Pazifik. Dort erlebte er Grabenkämpfe unter tagelangem Beschuss, den Suizid eines Kameraden in nächster Nähe und Hiroshima, kurz nachdem es von der Atombombe getroffen worden war. Über 100.000 Menschenleben und die Infrastruktur einer gesamten Stadt – ausgelöscht mit Gewaltakt von der eigenen Seite.5 All diese Ereignisse prägten Rawls, der nach einer Befehlsverweigerung degradiert wurde und 1946 in die Heimat zurückkehrte. Dort nahm er seine akademische Karriere in der Philosophie auf. Erst im Alter von 50 Jahren veröffentlichte Rawls sein Hauptwerk, Eine Theorie der Gerechtigkeit. Es ist angelegt als ein Gesellschaftsvertrag, womit es zur Familie der Vertragstheorien gehört – bzw. zum sogenannten Kontraktualismus.

Über Vertragstheorien

Vertragstheorien sind theoretische Verträge, geschlossen zwischen freien, gleichen und vernünftigen Menschen. Diese stimmen vertraglich etwa darin überein, nach welchen moralischen Prinzipien sie ihr Handeln ausrichten wollen, wie die gesellschaftliche Ordnung aussehen soll oder womit sich politische Herrschaft rechtfertigen lässt. Je nach dem, was die konkreten Gegenstände der Verträge sind. Theoretisch sind diese, weil Menschen in der praktischen Wirklichkeit nicht so frei, gleich und vernünftig sind, wie es im Sinne eines Gesellschaftsvertrages nötig wäre. Dieser Aspekt wird gleich bei näherer Betrachtung von Eine Theorie der Gerechtigkeit noch klarer.

Rawls ist nicht der erste Vertragstheoretiker. Sein Werk knüpft an die Tradition der Gesellschaftsverträge von Philosophen der Neuzeit seit Grotius und Hobbes an. Rawls schreibt: »Ich habe versucht, die herkömmliche Theorie des Gesellschaftsvertrages von Locke, Rousseau und Kant zu verallgemeinern und auf eine höhere Abstraktionsstufe zu heben.« (S. 12) Nun, inwiefern verallgemeinert und abstrahiert Rawls die Theorie des Gesellschaftsvertrages im Vergleich zu den genannten Kontraktualisten oder Vertragstheoretikern? 

Locke · Rousseau · Kant

  • Locke begründet in seinem vertragstheoretischen Hauptwerk von 1689, warum die Macht der Herrschenden eingeschränkt werden sollte.
  • Rousseau will in seinem Gesellschaftsvertrag von 1762 herausfinden, ob es legitime Regierungsprinzipien gibt, um »dem Staate durch sie eine feste Grundlage zu geben«.
  • In Kants Rechtslehre von 1797 dient der Vertrag ausschließlich als »normative Idee, der letzte Maßstab zur Beurteilung der Rechtmäßigkeit positiven Rechts.«6

Zu diesen Anschauungen will Rawls »eine brauchbare Alternative« entwickeln (S. 19). Seine Verallgemeinerung und Abstraktion besteht darin, dass sich – wie Kersting schreibt – Eine Theorie der Gerechtigkeit auf die gesamte institutionelle gesellschaftliche Grundstruktur erstrecke und die gerechtigkeitsrelevanten Problembezirke von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen umfasse. (S. 40)

Rawls’ Grundidee ist, daß gerechtfertigte und objektiv verbindliche Prinzipien der Gerechtigkeit identisch sind mit den Prinzipien, die freie und rationale, nur an ihrem eigenen Interesse ausgerichtete Personen wählen würden, wenn sie in einen ursprünglichen Zustand der Gleichheit versetzt wären und die Aufgabe bekämen, die Form […] ihrer zukünftigen Gesellschaft zu bestimmen.

S. 40

Wohl geordnet nennt Rawls eine Gesellschaft, wenn in ihr: »(1) jeder Mensch die gleichen Gerechtigkeitsgrundsätze (oder -prinzipien) anerkennt und weiß, daß das auch die anderen tun, und (2) die grundlegenden gesellschaftlichen Institutionen bekanntermaßen diesen Grundsätzen genügen.« Auf die Grundsätze oder Prinzipien kommen wir später zu sprechen. Erstmal geht es um die Personen, aus denen sich die Gesellschaft zusammensetzt. Wenn diese in einen Zustand der Gleichheit versetzt wären, heißt es in der Grundidee. Um diese Idee zu verstehen, müssen wir uns also auf ein Gedankenexperiment einlassen.

Das Gedankenexperiment

Stellen wir uns vor, die Menschen könnten sich zur Aushandlung ihres Gesellschaftsvertrages im Urzustand treffen. Damit ist ein solcher »Zustand der Gleichheit« gemeint, als Ursprung der Gerechtigkeit. Er wird erreicht, indem die Menschen im Urzustand einen Schleier des Nichtwissens tragen. Dieser Schleier nimmt uns das Wissen darüber, wer und wo wir selbst sind, in der Gesellschaft, über die wir einen Vertrag schließen wollen.

Das heißt, wegen des Schleiers wissen wir nicht mehr, ob wir gesund, behindert oder krank sind, ob gebildet oder ungebildet, arm oder reich, privilegiert oder nicht. Wir wissen nicht, in welche Familie wir geboren sind. Wir wissen nicht, an welchem Ort der Erde, in welchem Körper und welches Alter wir haben. Rawls nennt es »die Zufälligkeiten der Natur oder der gesellschaftlichen Umstände«, die manche von uns bevorzugen und andere benachteiligen.

Dieser Urzustand wird natürlich nicht als ein wirklicher geschichtlicher Zustand vorgestellt, noch weniger als primitives Stadium der Kultur. Er wird als rein theoretische Situation aufgefaßt, die so beschaffen ist, daß sie zu einer bestimmten Gerechtigkeitsvorstellung führt.

S. 28

Alles, was wir als freie, vernünftige, in gesundem Maße egoistische Menschen unter dem Schleier des Nichtwissens noch wissen, ist, dass wir in einer Gesellschaft leben wollen, die uns gerecht behandelt. Auch grundlegende Kenntnisse, etwa über psychologische oder wirtschaftliche Zusammenhänge, bleiben erhalten. Wissen aus schlauen Büchern, quasi. Nun machen wir uns daran, unter diesen Bedingungen einen Vertrag auszuhandeln.

Den Urzustand könnte man den angemessenen Ausgangszustand nennen, und damit sind die in ihm getroffenen Grundvereinbarungen fair. Das rechtfertigt die Bezeichnung »Gerechtigkeit als Fairneß«.

S. 29

Sprechen wir über das Rechtfertigen an sich, ehe die Gerechtigkeit als Fairness in den Fokus rückt. Über den Schleier des Nichtwissens gibt es ein gutes Video von SRF Kultur. Wir kommen gleich wieder auf den Schleier und den damit verbundenen Urzustand zurück.

Der normative Individualismus

Bevor Vertragstheorien in der Neuzeit aufkamen, wurden die gesellschaftliche Ordnung und Prinzipien der Gerechtigkeit mit einem Verweis auf göttliche oder natürliche Gegebenheiten gerechtfertigt. Gott ist gerecht und hat unser aller Welt eingerichtet. Deshalb herrscht auch Gerechtigkeit, irgendwie. Zu Prinzipien oder Lebensrichtlinien fragen Sie Ihren Papst oder örtlichen Priester. Dann kamen industrielle Revolution, Aufklärung und Verweltlichung. Das heißt: eine zunehmende gedankliche und institutionelle Trennung von Religion und Staat. Der moderne Mensch hat ein neues Verhältnis zur Welt. Daher braucht er ein Update, was die Rechtfertigung der gesellschaftlichen Ordnung angeht.

Hier kommt der normative Individualismus ins Spiel. Das Individuum setzt nun die Normen, nach denen es sein Handeln ausrichten soll oder will. Der normative Individualismus bezeichnet die Idee, nach der die Rechtfertigung für etwa moralische Entscheidungen nicht mehr auf Gott zurückfällt. Auch nicht auf eine Glaubensgemeinschaft, auf Staat, Familie, oder ein anderes Kollektiv. Stattdessen auf den einzelnen Menschen. Das Individuum ist nur durch solche Gesetze in seiner Freiheit eingeschränkt, »auf die es sich mit allen anderen im Rahmen fairer Verfahren und auf der Grundlage der gleichberechtigten Teilnahme geeinigt hätte«, so Kersting.

Vertragsschluss in drei Schritten

Die Prozedur, die zur Einigung in Form eines Vertragsschlusses führt, erfolge in drei Schritten.

  1. Darstellung eines Ausgangszustandes
  2. Darstellung einer vertraglichen Einigungsprozedur
  3. Darstellung der Ergebnisse dieses Vertrages

Darstellung eines Ausgangszustandes

Hobbes stellte den Ausgangszustand im Leviathan (1651) als einen Naturzustand dar. Er beschreibt ihn als »Krieg aller gegen alle«. In einem solchen will niemand vernünftigerweise leben. So lässt sich argumentieren, dass ein Zusammenschluss zum Staat notwendig ist. Bei Rawls sieht die Ausgangslage anders aus. Sein Ausgangszustand läuft auf besagten Urzustand hinaus, in dem ein kooperatives Miteinander von Menschen herrscht, die unter dem Schleier des Nichtwissens blind sind für die eigenen Eigenschaften. Dieser Urzustand lässt sich nicht als »Naturzustand« beschreiben, weil wir darin bereits einen zivilisierteren Umgang pflegen. Ist das, bei aller Abstraktion von Rawls’ Gedankenexperiment, realistisch? An dieser Stelle sollten wir uns vor Augen führen, wann diese Philosophen gelebt haben.

Hobbes und Rawls

Hobbes kam 1588 in England zur Welt. Angeblich als Frühgeburt aus Furcht sozusagen. Seine schwangere Mutter hatte vom Angriff der Spanischen Armada auf England gehört. Hobbes formulierte es in seiner Autobiografie so: »Meine Mutter gebar Zwillinge: mich – und die Angst.«7 Dieser Mann veröffentlichte seine wichtigsten Werke – Über den Bürger und Leviathan, in beiden schon vom »Krieg aller gegen alle« schreibend – zu Beginn und kurz nach dem Englischen Bürgerkrieg. Sein Ziel war die Rechtfertigung eines Staates, der zu einem gesetzlich geordneten Zustand führen würde, in dem die Freiheit, vor allem aber das eigene Leben geschützt waren.

Rund 300 Jahre und eine Mondlandung später geht es Rawls um viel mehr als das. Wie bereits angesprochen, hat auch er gewalttätige Zeiten erlebt – und veröffentlicht Eine Theorie der Gerechtigkeit mitten im Kalten Krieg. Trotzdem kennt Rawls schon ein ganz anderes Maß an möglicher Kooperation zwischen Menschen. Die Atombomben waren ein deutliches, wenn auch schreckliches Zeichen dafür. Entwickelt und abgeworfen wurden sie von den Vereinigten Staaten von Amerika – auf einem Kontinent, auf dem im Veröffentlichungsjahr von Hobbes’ Leviathan gerade mal sieben der dreizehn späteren Gründungskolonien noch Einheimische jagten und Sklaven handelten.

Es ist eine Frage der Vorstellungskraft. Rawls zielt über einen gesetzlich geordneten Zustand hinaus. Er visiert eine komplexe, gerecht geordnete Gesellschaft an, die sowohl Rechts-, als auch Sozial- und Wohlfahrtsstaat ist. Da geht’s nicht mehr nur ums reine Überleben, sondern die gerechte Verteilung gesellschaftlicher Güter – denn die Tatsache, dass es solche überhaupt zu verteilen gibt, ist ein Beweis dafür, dass Menschen zu weitreichender Kooperation fähig sind. Weshalb diese Fähigkeit also nicht in den Ausgangszustand miteinbeziehen?

Ziel und Aufgabe der Gerechtigkeitstheorie

In Hobbes’ Naturzustand sind die Menschen notwendig kooperativ, um ihre Freiheit und letztlich ihr Leben zu schützen. In Rawls’ Urzustand sind die Menschen hinreichend kooperativ, um viel Höheres zu erreichen. Nach dem Motto: Ich, Rawls, wäre gar nicht in dieser privilegierten Lage, über eine Theorie der Gerechtigkeit nachgrübeln zu dürfen, wenn wir Menschen es nicht so weit gebracht hätten, gesellschaftlich erzeugte Güter zu produzieren, über deren gerechte Verteilung nun ein Konflikt herrscht. Es gäbe diesen Konflikt gar nicht, wenn nicht »eine gesellschaftliche Formation mit einer hinreichenden Kooperationsdisziplin« gegeben wäre. So kommt es, dass Rawls’ Urzustand bereits einer komplexen gesellschaftlichen Entwicklungsstufe entspricht. Dennoch fängt er gewissermaßen bei Null an.

Wir erinnern uns an seinen Anspruch der Verallgemeinerung und Abstraktion: Rawls’ Anliegen betrifft die Gesamtgesellschaft in allen Lebensbereichen. Da steht im Urzustand erstmal nichts mehr, weder Gesundheits-, Schul- oder Rechtssystem noch die Wirtschaft. Wenn Rawls von den zu verteilenden »Gütern« spricht, sind damit neben den materialen Dingen auch Güter wie Bildung, Chancen, Rechte und Pflichten gemeint. Die meisten Güter sind gesellschaftlich – gemeinschaftlich – hervorgebrachte Güter, von denen dementsprechend die Gesellschaft profitieren sollte. Die Prinzipien, nach denen nicht irgendeine, sondern »eine gerechte Verteilung aller kooperativ produzierten gesellschaftlichen Grundgüter« ermöglicht werden, diese Prinzipien müssen formuliert und gerechtfertigt werden. Genau das ist die Aufgabe einer Gerechtigkeitstheorie (Kersting, S. 35).

Definition des Gerechtigkeitsbegriffs

Wahrheit und Gerechtigkeit bilden für Rawls die Haupttugenden für das menschliche Handeln. Den Begriff »Gerechtigkeit« definiert er »durch seine Grundsätze für die Zuweisung von Rechten und Pflichten und die richtige Verteilung gesellschaftlicher Güter.« Eine Gerechtigkeitsvorstellung sei eine Ausdeutung dieser Funktion. Während Platon in seiner Gerechtigkeitsvorstellung noch auf das Individuum abzielte und in seinem Staat am gerechten Menschen interessiert war, geht es Rawls maßgeblich um die »Grundstruktur der Gesellschaft«.

Für uns ist der erste Gegenstand der Gerechtigkeit die Grundstruktur der Gesellschaft, genauer: die Art, wie die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen Grundrechte und -pflichten und die Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit verteilen.

S. 23

Trotzdem stehen die Institutionen natürlich im Dienst eines jeden Individuums. »Jeder Mensch«, betont Rawls, »besitzt eine aus der Gerechtigkeit entspringende Unverletzlichkeit, die auch im Namen des Wohles der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann. Daher läßt es die Gerechtigkeit auch nicht zu, daß der Verlust der Freiheit bei einigen durch ein größeres Wohl für andere wettgemacht wird.« (S. 19) Hier schwingt schon Rawls’ Kritik am Utilitarismus mit. Darauf gehen wir zum Schluss nochmal ein. Fürs Erste im Hinterkopf behalten: In einer gerechten Gesellschaft gelten gleiche Rechte für alle. Kommen wir zu Schritt 2 der Prozedur, die zur Einigung in Form eines Vertragsschlusses führt.

  1. Darstellung eines Ausgangszustandes
  2. Darstellung einer vertraglichen Einigungsprozedur
  3. Darstellung der Ergebnisse dieses Vertrages

Darstellung einer vertraglichen Einigungsprozedur

Rawls’ These lautet, »dass sich Gerechtigkeitsprinzipien auf der Basis des rationalen Selbstinteresses gewinnen lassen, sofern dieses unter […] einschränkenden Idealbedingungen agiert.« (Kerstin, S. 41) Die Bedingungen sind durch den Schleier des Nichtwissens gegeben. Rational heißt, dass besagtes Selbstinteresse sich von seiner Vernunft leiten lässt, nicht von Emotionen, Gewohnheit oder Willkür. Ein vernünftiges Selbstinteresse berücksichtigt alle verfügbaren Infos und eigenen Ziele, um daraus die für sich vorteilhafteste oder am wenigsten benachteiligende Lage zu kalkulieren.

Das Ergebnis einer solchen rationalen Einigung unter besagten fairen Bedingungen des Urzustandes, dieses Ergebnis sind die Gerechtigkeitsprinzipien – das ist, wie eingangs gesagt, die Botschaft des Kapitels Gerechtigkeit als Fairneß. Die Fairness rührt vom berüchtigten Schleier her. Die Textur dieses Schleiers bringt Kersting auf die allgemeine, etwas längere Formel.

Der Schleier der Unwissenheit ist genau so dicht, daß er alles diskriminierungsrelevante Wissen der eigenen Interessenkalkulation entzieht, so daß auf ihrer Grundlage nie für ein Verteilungsprinzip argumentiert werden kann, das den eigenen Vorteil zu Lasten anderer sichert und folgend notgedrungen immer für unparteiliche Verteilungsprinzipien argumentiert werden muß.

S. 44

Die Menschen im Urzustand sind eigentlich gar keine Personen mehr. Sie haben alle Selbstkenntnis verloren, sind Individuen ohne individuelle Eigenschaften, kurzum: austauschbar. Egal, wer da im Urzustand zusammenkommt, sie müssten alle mit den gleichen Argumenten für die gleiche Entscheidung zu überzeugen sein. Und weil es so egal ist, können wir’s auch selbst versuchen und uns überzeugen lassen, hinter dem Schleier des Nichtwissens…

Gerechtigkeit als Fairneß

Willkommen im Urzustand. Wir beide, du und ich, wir wissen nicht, ob wir uns kennen, uns womöglich sogar mögen oder blöd finden. Wir sind einander egal, wollen uns nichts Gutes, nichts Schlechtes, nur für uns selbst das Beste. Aber das wollen wir ja alle. Um es gleich vorweg zu sagen: Das wird nichts. Nur weil wir im Urzustand sind, ist die Welt noch lange kein Ponyhof. Wenn wir den Schleier wieder abnehmen, dann wird es immer noch Menschen geben, die besser oder schlechter dastehen als andere – gesundheitlich, wirtschaftlich, was weiß ich. Merke: Gerechtigkeit ist nicht gleich Gleichheit. Deshalb ist das gegenseitige Desinteresse so wichtig, denn es nimmt uns auch den »vernunftverzerrenden Neid« (Kersting, S. 46). Sonst kämen wir nie auf einen grünen – oder: gerechten – Zweig.

Eine Frage der Verbindlichkeit

Damit wir die ganze Sache hier übrigens ernstnehmen und uns an den Gesellschaftsvertrag, sowie wir ihn dann geschlossen haben, auch halten, verfügen wir als eine weitere Bedingung noch über einen Gerechtigkeitssinn. Darin ist noch nichts enthalten, dieser Sinn ist vielmehr eine Art »zuverlässiges Verbindlichkeitsbewusstsein« (Kersting, S. 47). Die Prinzipien der Gerechtigkeit, die wir hier beschließen, die sind für uns verbindlich. Aber was, wenn verbindlich und vernünftig mal im Konflikt stehen? Ist ja durchaus vorstellbar, dass es sich für mich persönlich später als vernünftig erweist, doch von unserem Vertrag abzuweichen.

Diesen Konflikt klammert Rawls im Urzustand dadurch aus, dass unsere Vernunft keine persönlichen Interessen im Blick haben kann. Wir tragen ja den Schleier, nicht vergessen. Unsere Vernunft ist also auf ein kollektives Interesse ausgerichtet, an all den Gütern, die ein vernünftiger Mensch haben wollen würde. Wie gesagt, Güter wie Freiheiten und Rechte, nicht Fidget Spinner und Roombas. Nun ist die entscheidende Frage, auf welche gerechten Prinzipien (oder Grundsätze) der Verteilung solcher Güter wir uns denn einigen würden? Damit kommen wir zu Schritt 3 der Einigungsprozedur.

  1. Darstellung eines Ausgangszustandes
  2. Darstellung einer vertraglichen Einigungsprozedur
  3. Darstellung der Ergebnisse dieses Vertrages

Darstellung der Ergebnisse dieses Vertrages

Rawls führt das Ergebnis des Entscheidungsprozesses – wie eingangs wiedergegeben – auf S. 81 ein, schleift aber im Laufe seines Werks an ihnen. In Kapitel 46 formuliert er sie in ihrer endgültigen Fassung.

Die Gerechtigkeitsprinzipien

Grundsatz 1: Jeder Mensch hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist. Grundsatz 2: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen (a) unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und (b) mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offen stehen.

S. 336

Das sind also die Grundsätze oder Prinzipien, auf die sich die Menschen unter den Bedingungen des Urzustandes einigen würden. Der erste Grundsatz ist das Prinzip des gleichen Rechts auf individuelle Freiheit und garantiert jedem Menschen eine faire Chance. Die Menschen sind gleich im Sinne von gleichberechtigt. Grundgüter wie Bildungschancen oder politische Ämter sollten den Menschen – theoretisch – in gleichem Maße zugänglich sein. Dieser Grundsatz schließt jedwede Diskriminierung aus und kommt für Rawls in »lexikalischer Ordnung« vor dem zweiten Grundsatz. Heißt: Der erste Grundsatz muss erfüllt sein, bevor der zweite Grundsatz, das Differenzprinzip, akzeptiert werden kann. Denn die Menschen sind ja nicht gleich im Sinne des Wortes.

Wenn der erste Grundsatz erfüllt ist und Institutionen etabliert sind, die keinerlei Diskriminierung zulassen, dann würden wir auch einem Differenzprinzip zustimmen und damit etwaige Ungleichheiten anerkennen. Etwa, dass andere Menschen zufällig körperlich gesünder, familiär privilegierter oder wirtschaftlich erfolgreicher sind als wir.

Das Differenzprinzip

Das Differenzprinzip sorgt erstens dafür, dass diese Ungleichheiten so gestaltet sind, dass sie auch den schlechter Gestellten der Gesellschaft zum Vorteil dienen. Heißt: Ungleichheit wird dann als gerecht angesehen, wenn etwa die Lohnerhöhung, die sich die Geschäftsführung eines Großunternehmens gönnt, mit einer Lohnerhöhung für die Belegschaft einhergeht. Und zweitens sorgt das Differenzprinzip dafür, dass jeder Mensch zumindest die faire Chance hat, im ungleichen System sozusagen die Seiten zu wechseln.

Außerdem enthält das final ausformulierte Differenzprinzip noch den gerechten Spargrundsatz, den Rawls erst kurz vorher bespricht (ab S. 323). Der Spargrundsatz legt fest, was eine Gesellschaft gerechterweise sparen sollte, und muss so beschaffen sein, dass sich alle Beteiligten wünschen könnten, alle früheren Generationen möchten ihn befolgt haben. Denn: »Im Urzustand sind faktisch alle Generationen vertreten« (S. 325). Stichwort: Rohstoffverbrauch. Die gerechte Verteilung von Naturgütern muss weit über die Lebenszeit der Einzelnen im Hier und Jetzt hinaus bedacht werden.

Liberalismus vs. Utilitarismus

Die Grundfreiheiten der Einzelnen gehen bei Rawls der Verteilung voraus. Eine Einschränkung dieser Grundfreiheiten ist nur gestattet, um die Freiheiten anderer zu schützen. Damit ist es eigentlich keine Einschränkung der eigenen Freiheit, sondern das Verweigern einer vermeintlichen Freiheit, die dir unter gerechten Umständen einfach nicht zusteht. Mit dieser besonderen Gewichtung der Freiheit stellt Eine Theorie der Gerechtigkeit ein Werk des Liberalismus dar. Weil darin zunächst eine gedachte Gleichheit beschwört wird – im Urzustand – ist die Gleichheit der Gerechtigkeit vorrangig. Deshalb wird Rawls der politischen Ideologie des egalitären Liberalismus zugeordnet, sogar als ihr maßgeblicher Schöpfer. Egalitär meint: eine soziale Gleichheit anstrebend. Wir erinnern uns an sein Diktum zu Beginn seiner Theorie.

Jeder Mensch besitzt eine aus der Gerechtigkeit entspringende Unverletzlichkeit, die auch im Namen des Wohles der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann.

S. 19

Genau das ist die Position des Utilitarismus, gegen die Rawls Stellung bezieht. Als Form der zweckorientierten Ethik besagt der Utilitarismus, dass eine Handlung moralisch gerechtfertigt ist, wenn sie zum Gesamtnutzen beiträgt. Wenn sie also zur Summe des Wohlergehens aller Menschen beiträgt, ungeachtet der Verteilung dieser Summe auf die einzelnen Menschen. Das heißt, im Utilitarismus kann die Freiheit einiger eingeschränkt werden, wenn es zu einem umso größeren Nutzen für andere beiträgt. Das, sagt Rawls, sei nicht gerecht. Genauer kann auf den Utilitarismus an dieser Stelle nicht mehr eingegangen werden. Stattdessen gibt’s einen Beitrag zu dem Thema im Rahmen der Reihe Philosophie der Neuzeit (wird beizeiten verlinkt).

Kritik zur Theorie der Gerechtigkeit

Auch die Kritik an Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit bleibt hier außen vor. Noam Chomsky etwa sagte zum Werk seines Kollegen: »Intellektuell interessant, aber ich sehe nicht viel, was wir damit anfangen können.« Susan Moller Okin schrieb Rawls einen blinden Fleck in Sachen Geschlechtergerechtigkeit zu. Einen Gegenentwurf zur Theorie der Gerechtigkeit lieferte der Philosoph Robert Nozick mit seinem Werk Anarchy, State, and Utopia (1974). Damit kam die Wiederbelebung der politischen Philosophie im 20. Jahrhundert erst so richtig ins Rollen. Für eine kritische Auseinandersetzung mit Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit empfehle ich ansonsten Kerstings hier vielzitierte Einführung zu dem Denker.

Fußnoten

  1. Es gibt auch A Theory of Justice: The Musical!, doch das hat’s nicht ganz zur Popularität von Hamilton gebracht.
  2. Peter Laslett, Introduction, in: ders. (Hg.), Philosophy, Politics and Society. Oxford 1956. S. vii.
  3. Ludwig Wittgenstein: Tractatus, 4.112.
  4. Stephen Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit, S 217.
  5. Vgl. https://www.military-history.org/articles/thinkers-at-war-john-rawls.htm
  6. Vgl. https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-12323/S0090311.pdf, Zugriff 12.03.20.
  7. https://www.historytoday.com/archive/birth-thomas-hobbes

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