Quantität vor Qualität

Was ist wichtiger, Qualität oder Quantität? Kommt drauf an! Die Redensart besagt: Klasse statt Masse, oder: Qualität statt Quantität. Hier geht’s darum, wann und wo Quantität vor Qualität wichtig ist.

Kurzgesagt: Quantität vor Qualität gilt besonders für kreatives Schaffen. Wer in einer kreativen Tätigkeit sehr gut werden will (qualitativ), muss sehr viel üben (quantitativ). Die Quantität (hier: Häufigkeit) kreativen Schaffens führt zur Qualität (Hochwertigkeit) kreativer Werke.

Widmen wir uns diesem spannenden Thema mal in zwei Teilen. Zunächst erkläre ich, etwas förmlicher, die Bedeutung und Definition der Kernbegriffe. Was ist der Unterschied von Quantität und Qualität – und wie hängen die Begriffe zusammen?

Dann zeige ich die besondere Rolle von Quantität für lebenslanges Lernen und kreatives Schaffen am Beispiel meines Berufs, Content Creation. Zuletzt gibt’s (für Kreative) eine Orientierung, wie sich eine gute Mitte zwischen Qualität und Quantität finden lässt.

Denn es heißt ja nicht Quantität statt Qualität. Das eine schließt das andere nicht aus, im Gegenteil!

Qualität und Quantität: Bedeutung, Definition, Unterschied

Die beiden Begriffe »Qualität« und »Quantität« brauchen einander wie Tag und Nacht. Wir können das eine nicht denken oder verstehen, ohne auch das andere zu kennen. Schauen wir uns die Begriffe zunächst im Einzelnen an. In alphabetischer Reihenfolge, das heißt im Deutschen: Qualität vor Quantität. Im Polnischen nicht, da kommt ilość vor jakość. 😉 Und in anderen Sprachen? Ganz kurz:

DeutschQualitätQuantität
Englischqualityquantity
Niederländischkwaliteitgrootheid
Spanischcalidadcantidad

Qualität einfach erklärt

Was versteht man unter dem Begriff Qualität?

Das Erfüllen der Anforderungen gilt als die Qualität einer Sache. Das heißt: Wenn eine Dienstleistung oder Ware das erfüllt, was wir davon erwarten, sprechen wir von einer hohen Qualität. Die Sache ist gut. Auch auf eine Freundschaft oder Partnerschaft lässt sich dieser Gedanke übertragen.

Die offizielle Definition von »Qualität« gemäß DIN-Norm für Qualitätsmanagement lautet: Qualität ist der Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale eines Objekts Anforderungen erfüllt. Inhärent heißt: einer Sache anhaften oder innewohnen.

In eigenen Worten: Qualität ist das Maß, in dem gewisse Merkmale, die fest zu einem Objekt gehören, den Erwartungen an sie entsprechen.

Ein Beispiel dafür, was Qualität ist:

Wenn eine Komödie zum Lachen bringt, erfüllt sie die Erwartungen. Eine Gebrauchsanweisung für einen Laptop wiederum darf auch ohne Humor zum Gebrauch desselben anleiten. Erfüllt sie dieses Kriterium jedoch nicht, ist die Anleitung von schlechter Qualität – und der Laptop womöglich kaputt.

Tipp: Du suchst einen Laptop nur zum Schreiben und Surfen? Dann schau mal hier.

Qualität, objektiv und subjektiv

Doch zur Qualität gehört noch mehr. Sie bezieht sich auf alle möglichen Eigenschaften einer Sache. Eine Gebrauchsanweisung kann zum Beispiel in guter Qualität gedruckt sein oder qualitativ hochwertige Bilder enthalten. Zumindest würden die Druckerin bzw. der Fotograf das so beurteilen.

Für mich als Endverbraucher, der nur seinen neuen Laptop gebrauchen will, bringt das herzlich wenig, solange die Anleitung dabei ihren eigentlichen Zweck verfehlt. Denn ihr Zweck besteht nicht darin, schön auszusehen, sondern zum richtigen Gebrauch anzuweisen. Ob dieses Kriterium erfüllt ist, lässt sich ganz objektiv beurteilen.

Weitere Beispiele für Qualität

Wenn zwei Freundinnen sich jeweils das Gefühl geben, sowohl einander zu brauchen als auch füreinander da zu sein, dann ist die Verbindung zwischen ihnen von hoher Qualität – subjektiv. Übrigens sogar dann, wenn sich die beiden nur alle paar Wochen mal sehen. Das wäre ein Kriterium für Quantität. (Allerdings werden diese Begriffe auf Menschen und menschliche Beziehungen weniger angewandt; es heißt: best friends forever, nicht: high quality friends forever)

Für Qualität bei Lebensmitteln gibt es strenge Richtlinien. Das ist gut und richtig so (wieder: eine qualitative Einschätzung). Doch selbst, wenn ein Lebensmittel alle offiziellen Qualitätsanforderungen erfüllt, mir persönlich aber trotzdem nicht schmeckt, dann fällt es in einer der unzähligen Dimensionen von Qualität eben durch.

Das Phänomen bleibt kompliziert…

Quantität einfach erklärt

Was bezeichnet der Begriff Quantität?

Die Häufigkeit, Größe, Höhe oder Menge einer Sache ist das, was der Begriff »Quantität« bezeichnet. Das heißt: Wenn etwas oft wiederholt wird oder viele Ergebnisse hervorbringt, dann sprechen wir von der Quantität. Sie lässt sich in der Regel besser messen als die Qualität.

Auf der Crowdfunding-Plattform Patreon zum Beispiel kann ich mir nur quantitative Ziele stecken. Wenn mich als kreativ schaffende Person eine bestimmte Anzahl an sogenannten »Patrons« unterstützen oder ich Support in dieser oder jener Höhe erreicht habe, dann ist das Ziel erreicht.

Auch Erfolg messen wir oft nach quantitativen Kriterien. Wenn mein YouTube-Kanal eine bestimmte Anzahl von Abos überschreitet, ließe sich ein Award anfordern. (Ich kratze seit einer Weile an der 100.000-Abo-Grenze für den Silver Creator Award. Mir fehlen nur noch die letzten 78.800 Leute.)

Qualität und Quantität hängen zusammen

Wie verstrickt die Sache ist, zeigt ein weiteres Beispiel: Kaffee! ☕️ Ganze Bohnen oder gemahlen, mild oder stark, das sind qualitative Angaben zur Beschaffenheit. Doch die Qualität der Stärke hängt von der Quantität ab: Wie lange wurden die Bohnen geröstet, wie viel Säure enthalten sie?

Beide Kriterien, Qualität und Quantität sind also fest miteinander verwoben. Trotzdem ist es oft sinnvoll, einem der beiden den Vorzug zu geben. Also nochmal nachgehakt:

Was ist wichtiger, Qualität oder Quantität?

Qualität ist wichtiger als Quantität. Diese Antwort scheint klar. Die Qualität kann als Königin aller Haltungen bezeichnet werden. Ganz automatisch und intuitiv hat die qualitative Beurteilung einer Sache für uns den höheren, ja den höchsten Stellenwert im Leben.

Selbst wenn ein verzogenes Kind wie Dudley Dursley die Geschenke zählt (über 30 Stück sind’s) und rummotzt, weil es beim vorherigen Geburtstag noch mehr waren (ein rein quantitatives Kriterium) – so wäre Dudley doch bitter enttäuscht, wenn sich alle Geschenke als Kastanien aus dem Garten entpuppten. Selbst wenn’s über 40 Stück wären.

Qualität vor Quantität, das leuchtet sofort ein. Dieser Vorzug gilt vor allem bei Freundschaften. Harry Potter hat keine 500 Facebook-Bekanntschaften, aber Ron und Hermine, wer will mehr? Oder mit Sam Weir aus Freaks and Geeks gesprochen: »I don’t need another friend, I already have two!« (Ok, Harry hat vielleicht noch Neville.)

Ob schöne Erlebnisse wie Urlaubsreisen oder weniger schöne wie Zahnbehandlungen: In etlichen Lebensbereichen und Situationen ist Qualität wichtiger als Quantität. Lieber eine sonnige Woche in Barcelona als drei verregnete auf Langeoog. Lieber einmal den Zahn richtig behandeln, als drei Mal dran rumbohren.

Wann gilt Quantität vor Qualität?

Doch nun wurde ich ja, wie in diesem Blog sicher mal erwähnt, väterlicherseits größtenteils mit Sprichwörtern erzogen. Und verdächtig viele davon drehen sich um Quantität: »Viel hilft viel« und »viele Hände, schnelles Ende« sind so typische Sprichwörter, die Quantität rühmen.

Als ich meine Twitter-Bubble befragt habe, wann Quantität vor Qualität gilt, kam zur Antwort nur:

In welchen Fällen Quantität wichtiger als Qualität sein kann, ist nicht nur eine nette Überlegung, sondern gibt auch einen Impuls zur Handlung. »Quantität vor Qualität« kann eine Maxime sein, ein Grundsatz oder ein Prinzip – und zwar für Menschen, die kreativ tätig sind oder etwas lernen wollen.

Schon in der allerersten Episode unseres Podcasts über Kreativität sprechen der Autor und Musiker Benedikt Reuse und ich über genau diese Erkenntnis. Die Episode heißt zwar Weniger ist mehr (meine Güte, das reinste Sprichwort-Potpourri heute!) – doch im Fall von kreativem Schaffen beschleicht mich die Einsicht:

Erst Quantität, dann Qualität. Erstmal geht es darum, viel zu produzieren, viel rauszuhauen, sich zu trauen, regelmäßig was von sich preiszugeben, was zu zeigen, irgendwas fertigzustellen und abzuschließen – anstatt sich halt zu sehr an diesem Qualitätskriterium festzukrallen.

Schrott oder Schrein, Ep. 1

Was meine ich genau? Damit kommen wir zum zweiten Teil dieses Beitrags. Im Folgenden geht es um die Rolle von Quantität für kreatives Schaffen und lebenslanges Lernen.


Quantität im Bereich Content Creation

Wenn ich über kreatives Schaffen schreibe, meine ich als Content Creator zunächst einmal die Kreation digitaler Inhalte wie Blogbeiträge oder Webvideos. Auf andere kreative Tätigkeiten wie das Schreiben eines Romans komme ich aber auch noch zu sprechen.

Wer in Sachen Content Creation tätig werden und Inhalte (content) fürs Internet kreieren will, hat damit in der Regel die Absicht, möglichst viele Menschen zu erreichen – und vielleicht das Ziel, ein mehr oder weniger passives Einkommen zu generieren. Das Problem:

Qualität (allein) bringt’s nicht

Angesichts der gigantischen und rasant wachsenden Menge an bereits vorhandenen Inhalten ist das mit der Reichweite leichter gesagt als getan. Viele Kreative lassen sich von diesem Gedanken abschrecken und versuchen es gar nicht erst. Manche legen wild drauf los und geben auf, wenn die Inhalte (scheinbar) von niemandem wahrgenommen werden.

Selbst noch so hochwertige Texte, Podcasts und Videos können völlig verloren gehen im Internet. Da steht die Zeit, die du reingesteckst, in keinem Verhältnis zur Aufmerksamkeit, die das Ergebnis online bekommt. Stattdessen scheint es so, als erreichen andere Creator mit den billigsten Inhalten das breiteste Publikum. Was ist da los?

Zunächst: Vorsicht mit der vorschnellen Einschätzung von Content als billig oder schlecht gemacht. Es braucht ein ganzes Bündel an Fähigkeiten (ein skill set), um solche Inhalte zu kreieren, die im Internet gut funktionieren. Das heißt: eie Menschen erreichen, die Wirkung entfalten und/oder ein Einkommen generieren.

Viele Fähigkeiten führen ein unscheinbares Dasein hinter den Kulissen und lassen sich auf den ersten Blick nicht den Inhalten selbst ansehen. Und einige dieser Fähigkeiten spielen sich auch unbewusst ab und würden von den Kreativen, die sie ausüben, gar nicht als solche erkannt und genannt werden, wenn wir fragen:

Was macht Erfolg im Bereich Content Creation aus?

Zwei wichtige Faktoren zur Kreation erfolgreicher Web-Inhalte sind Übung und Konsistenz. Darin liegt die Lösung zum oben genannten Problem. Und bei beiden Faktoren ist die Quantität der Qualität vorrangig.

Quantität durch Häufigkeit

Die Sache mit der Übung weiß jedes Kind. Neues lernen geht mit ganz vielen Wiederholungen einher. Schritt für Schritt für Schritt. Erst lange brabbeln, dann langsam sprechen. Kinderleicht. Doch als Erwachsene fehlt uns oft die Ausdauer oder der Glaube ans eigene Können, um die Phase des Versuchens durchzustehen.

Wenn uns Dinge »nur« auf kindlichem Niveau gelingen, verbuchen wir das als misslingen – und geben auf.

Wer eine Fremdsprache lernt, kennt das: Es geht gar nicht anders als mit Fehlern. Wir brauchen Mut zur falschen Aussprache, Geduld für unser Gehirn, sich mit lauter neuen Regeln zu arrangieren.

Und wer das mit dem Fremdsprache-Lernen ernst nimmt, weiß: Es geht nicht ohne Andere. Nur für dich allein lernen bringt’s nicht. Du kannst noch viel lesen und lauschen, es bleibt passiv. Um zu lernen, brauchst du Austausch – und den Mut, Fehler vor anderen Menschen zu machen.

Das richtige Mindset kann helfen

Tipp: Was hilft, Übungsphasen zu ertragen, ist ein growth mindset. Damit ist der Glaube ans stetige eigene Wachstum gemeint. Heißt: Gar nicht erst auf die Idee kommen, je »fertig« zu sein. Weiter kommst du, wenn sich lebenslanges Lernen als bewusster Modus in deinem Kopf einnistet: eine Geisteshaltung.

Die Idee vom growth mindset kommt aus der Pop-Psychologie. Über die Nachweisbarkeit des Phänomens lässt sich streiten. Doch in der Praxis funktioniert für manche der schiere Glaube daran – ein Beispiel dafür, wie Fiktion ist Wirklichkeit beeinflussen kann.

Am Anfang musst du es dir (vielleicht lange) einreden. Mit der Zeit wächst daraus jedoch eine Überzeugung: Du kannst (fast) alles lernen. Wenn du nur viel übst.

Natürlich kommt es auch beim Üben auf Qualität an. Mit guten Lehrkräften und Lernmaterialien übt es sich besser, keine Frage. Doch auf die (qualitativ) bestmöglichen Umstände zu warten ist eine Ausrede, reine Prokrastination.

In Zeiten des Internets kannst du jederzeit mit dem Üben anfangen und weitermachen so viel du willst. Doch Übung ist nur die eine Seite der Medaille.

Quantität durch Regelmäßigkeit

Um Kontrolle darüber zu gewinnen, dass Übung auch Erfolg bringt, braucht es Konsistenz (consistency). Im Englischen gibt’s den Spruch: »consistency is key«, also: Konsistenz ist der Schlüssel – zum Erfolg, natürlich. Doch was bedeutet »Konsistenz« in diesem Kontext?

Im Deutschen hat der Begriff »Konsistenz« ein paar Bedeutungen, um die wir uns gerade nicht zu kümmern brauchen, dazu gehören: logische Widerspruchsfreiheit oder Beschaffenheit (die Konsistenz eines Gegenstandes, fest oder flauschig zum Beispiel).

Hier ist Konsistenz im Sinne von Beständigkeit gemeint. Konsistenz heißt, einer Sache treu zu bleiben: einer Tätigkeit, einem Ziel – und gewissen Qualitätsstandards, um mit der Tätigkeit zu dem Ziel zu gelangen.

In Bezug auf Content Creation heißt Konsistenz außerdem und zuallererst: Regelmäßigkeit. Hier kommt wieder die Quantität ins Spiel: Wer konsistent ist, kreiert nicht nur häufig, sondern auch regelmäßig.

Konsistenz ist wichtiger als Talent oder Technik. Konsistenz macht Erfolg in Sachen Content Creation aus (und längst nicht nur in diesem Bereich).

Erfolg sei hier übrigens definiert als erworbenes Glück durch Erreichen selbst gesteckter Ziele. Hier mehr über die drei Arten von Glück.

Sinnvoll sind wohlgemerkt nur Ziele, die so definiert sind, dass wir Einfluss auf das Erreichen dieser Ziele haben. Beispiel für ein schlechtes Ziel: 100.000 YouTube-Abos haben wollen. Das hängt von 100.000 Leuten ab, die deinen Kanal abonnieren. Gutes Ziel: Jede Woche ein Video veröffentlichen. Das hast du selbst in der Hand. 

Künstliche Deadlines als Chance begreifen

In der Praxis läuft dieser Gedanke auf künstliche Deadlines hinaus, eine fest terminierte Publishing-Routine: Alle x Tage etwas posten.

Für viele Kreative klingt das schrecklich. Als ginge es in Wahrheit gar nicht um Kreativität, also dem Erschaffen origineller Werke von Wert, sondern nur um Produktivität. Nur um die Menge an Output, nicht um die Arbeit, um das kreative Schaffen selbst.

Mir selbst kam es lange so vor: Das kann’s ja wohl nicht sein! Inzwischen habe ich meine Einstellung geändert.

Randnotiz: Mein erster Onlinekurs wäre ohne künstliche Deadline bis heute nicht fertig geworden. Um meine selbst gesteckte Frist einzuhalten, musste ich über die Hälfte der bereits verfassten Skripte verwerfen und konnte nur das »Best of« des Lehrstoffs als Videolektionen produzieren. Der Kurs ist rückblickend für mich ein Beispiel dafür, wie starke Kürzungen zu einem stärkeren Endergebnis führen können. (Und dieser Absatz ein Beispiel für weniger subtile Eigenwerbung.)

Wenn die Deadline näher rückt…

Im Schnittraum der Produktionsfirma Outside the Club (Wishlist), da hängt ein großes Bild an der Wand: Ein Pferd, detailliert und prachtvoll gezeichnet, zumindest die eine Hälfte. Die andere Hälfte bilden bloß ein paar krakelige Striche, als hätte ein dreijähriges Kind das Kunstwerk zu Ende gemalt. Darunter steht: DEADLINE. Im Internet kursiert dieses Pferd auch als Meme.

Gezeichnetes Pferd von Ali Bati, zum Thema Quantität vor Qualität

Das bringt das Dilemma auf den Punkt: Unter Deadlines leidet die Qualität. Im Arbeitsalltag vielleicht unerlässlich, aber wozu sollte ich mir selbst denn künstliche Deadlines auferlegen? Musst du nicht.

Wenn du weiter deine Pferdebilder anfertigen willst, in aller Ruhe, mach’ das.

Wenn du wiederum – zum Beispiel – einen Roman schreibst und endlich damit fertig stellen willst, helfen künstliche Deadlines ungemein. Zumindest nach eigener Erfahrung…

Einen Roman zu schreiben ist meist ein Langzeit-Projekt und kann Jahre dauern. Aber Geschichten reifen nicht unbedingt wie guter Wein. Viele Klassiker wurden in kürzester Zeit niedergeschrieben. Die erste Fassung von Der Junge im gestreiften Pyjama (2006) in nur zweieinhalb Tagen! Ganz ohne künstliche Deadline, sondern dank innerem Drang und schlafloser Nacht. Mehr Beispiele gefällig?

Wie schnell kann man einen Roman schreiben? (Quelle)

  • Interview mit einem Vampir von Anne Rice: 5 Wochen
  • Lock In von John Scalzi: 4 Wochen (bzw. 1 Monat)
  • Was vom Tage übrigblieb von Kazuo Ishiguro: 4 Wochen
  • Eine Studie in Scharlachrot von A. C. Doyle: 3 Wochen
  • The Labyrinth von Catherine M. Valente: 11 Tage
  • Menschenjagd von Stephen King: 7 Tage
  • Dr. Jekyll und Mr. Hyde von R. L. Stevenson: 3 Tage

An meinem Roman hatte ich bereits 7 Jahre rumgewerkelt, bis mich eine Schreibblockade traf. Lange lief gar nichts, ehe ich – selbst gesteckter Frist sei Dank! – das Ding in 10 Monaten fertigstellen konnte.

Künstliche Deadlines für Content Creator

Wer einen Roman schreibt, hat den Vorteil, dass fertiggestellte Kapitel vorerst unter Verschluss bleiben. Wenn sich ein wegen selbst gesetzter Frist holprig abgeschlossenes Kapitel ungefähr so liest, wie das Deadline-Pferd aussieht, dann muss das ja kein Mensch erfahren…

Im Bereich Content Creation haben wir diesen Luxus nicht. Wir können nicht das liebe lange Jahr unsere Inhalte kreieren und dann alle auf einmal veröffentlichen. Es reicht nicht einmal aus, nur alle paar Monate mal einen Beitrag zu posten. Das Spiel funktioniert nach anderen Regeln.

Auf Internetseiten wie Google und YouTube regieren Algorithmen, die den Suchenden und Surfenden möglichst passende Inhalte vorschlagen. Was als »passend« gilt, ist ein Thema für sich – doch was Algorithmen dabei berücksichtigen, ist eine Beurteilung der Quelle: Woher kommt der Content?

Nur wer regelmäßig Inhalte veröffentlicht, schafft das nötige Grundvertrauen. Erst mit den Algorithmen, dann mit dem Publikum. Andersherum geht’s kaum. Wenn die Algorithmen dir nicht »trauen«, wird es schwierig, ein Publikum aufzubauen. (»Trauen« in Anführungsstrichen: Schon klar, dass solche Wendungen Algorithmen vermenschlichen. Dient nur dazu, abstrakte Vorgänge verständlicher zu machen.)

Quantität vor Qualität · aber mit Maß

In vielen Lebensbereichen ist »Qualität vor Quantität« ein sinnvolles Prinzip – und in der Theorie sowieso. Doch in der kreativen Praxis und insbesondere für den Einstieg in den Bereich Content Creation gilt: Quantität vor Qualität.

Zu Beginn werden Inhalte von neuen Blogs oder Kanälen kaum gelesen oder gesehen. Das ist einerseits demotivierend, andererseits eine Chance. Denn Content Creation will gelernt sein. Was wir so lapidar »Inhalte« nennen, könnten wir ohne Weiteres als »Werke« bezeichnen. Ja, auch Blogtexte und Webvideos können Kunst sein. Allerdings findet dieses Kunstschaffen nicht im stillen Kämmerchen statt.

Als Content Creator sind wir gezwungen, unsere baby steps in aller Öffentlichkeit zu machen. Erste Texte lesen sich mies, erste Videos sind qualitativ eher so la la. Alles ein bisschen peinlich. Eigentlich was für die Schublade, um sich ein paar Jahre später schön privat darüber zu schämen.

Stattdessen: Hochladen. Sichtbarkeit: Öffentlich. Herzrasen: Garantiert.

Doch wie gesagt, am Anfang scheint es ja eh kein Mensch wahrzunehmen. Also durchatmen – und durch Konsistenz und künstliche Deadlines mit jedem Beitrag besser werden, learning by doing. Denn…

Fun Fact! Das Deadline-Horse ist eigentlich gar kein Deadline-Horse und außerdem spiegelverkehrt. Eigentlich ist es ein Artschool-Horse. Gezeichnet wurde es (nach eigenen Angaben, die ich nicht überprüft habe) wohl von dem Grafikdesigner Ali Bati im Rahmen einer Werbekampagne für eine Kunstschule – als Symbolbild dafür, wie sich die eigenen Fähigkeiten durch Übung verbessern lassen. Genial, oder? Egal, wie herum und wie interpretiert: Ich liebe dieses Bild.

Gezeichnetes Pferd von Ali Bati, zum Thema Quantität vor Qualität
Bild: Ali Bati

Deadlines und Guidelines

Die richtige Mitte zwischen Quantität und Qualität findet sich, indem wir künstliche Deadlines mit Bedacht setzen: Sie müssen realistisch sein, aber auch herausfordernd. Kreativität braucht sanften Druck, um sich (qualitativ) zu immer neuen Höhen zu pushen. Zu diesem Druck verhilft die Produktivität.

Und Konsistenz heißt dann auch: Nicht zurückfallen. Einmal erreichte Qualität nicht mehr aufgeben.

So, wie Quantität durch selbst gesteckte Deadlines geregelt wird, lässt sich die Qualität von digitalen Inhalten durch selbst gesteckte Guidelines kontrollieren. Zum Beispiel in Form eines eigenen Styleguides, in dem du einmal bewusst deine Design-Standards definierst und festhältst. Oder auch durch bewusst angelegte Vorlagen (templates) für Beitragselemente wie Vorschaubilder oder Videobeschreibungen. Das Thema Guidelines fürs eigene kreative Schaffen wäre einen eigenen Beitrag wert.

Bis dahin: Welche Fragen und Gedanken bewegen dich zum Thema Quantität und Qualität? Wenn du selbst kreativ tätig bist, welche Erfahrungen hast du mit diesen beiden Aspekten gemacht, was ist dir persönlich wichtiger? Hinterlasse gerne einen Kommentar! ✍️ In diesem Sinne…

Gezeichnetes Pferd von Ali Bati, zum Thema Quantität vor Qualität

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