Aufbruch zum Mond

Damien Chazelle hat einen Film über den Astronauten Neil Armstrong gedreht, basierend auf der Biografie First Man. Der Titel stimmt nachdenklich. Was ist ein First Man?

Ein First Man ist der erste Mann bzw. Mensch (in der englischen Sprache kann »man« beides heißen). Infolge unserer Abstammung vom Affen und der viele Millionen Jahre andauernden Menschwerdung lässt sich unmöglich sagen, wer wirklich als »First Man« im Sinne des ersten Menschen gelten kann.

Viele erste Male sind im Dickicht der Geschichte verloren gegangen. War Enheduanna wirklich die erste Urheberin, war es tatsächlich Murasaki, die den ersten Roman schrieb? Wer weiß das schon mit Sicherheit?

Welcher Mensch jedoch als wahrhafter First Man den Mond betrat, daran besteht kein Zweifel. 🌖 Vorausgesetzt, dass die Theorie über Nazis hinterm Mond nicht stimmt… aber leben nicht alle Nazis hinterm Mond? Na ja, anderes Thema.

Bevor es hier eine ganz kurze Filmkritik zum Biopic über Neil Armstrong gibt, vorweg die Frage: Wo ist der Film zu sehen? Wer streamt First Man bzw. Aufbruch zum Mond, wie das Werk hierzulande heißt.

Wer streamt es · Aufbruch zum Mond

Wer Aufbruch zum Mond bzw. First Man streamt, darüber informiert die Streaming-Suchmaschine JustWatch. Aktuell ist Aufbruch zum Mond weder bei Amazon Prime noch Netflix zu sehen, sondern via Apple TV und auf der Pay-per-View-Plattform Chili verfügbar.

Nun, wenn die Leute heute heftig darüber streiten, ob wir mit Big Data oder Gentechnik denn unbedingt fragwürdige Dinge ausprobieren müssen oder dürfen oder doch besser bleiben ließen – dann lohnt es sich, tief Luft zu holen. Eine Pause einzulegen. Diesen Film anzusehen: Aufbruch zum Mond.

📍 Dieser Blogbeitrag enthält keine Spoiler. Abgesehen davon, dass das Ende verraten wird. Wer das mies findet, möge bitte nicht den Beitrag zu Titanic (1997) lesen. Der ist ähnlich enttäuschend.

Aufbruch zum Mond · Filmkritik

Aufbruch zum Mond zeigt rund 140 Minuten einige Artgenossen, die sich in bebenden Blechbüchsen unter Lebensgefahr ins Ungewisse schießen ließen. Einfach nur so, als teures Wettrennen. Das rückt heutige Streitfragen in Relation.

Natürlich müssen wir fragwürdige, haarsträubende, irrsinnige Dinge ausprobieren – und zwar ALLE die uns irgendwie möglich erscheinen. Unser Fähnchen steckt im Mond, ey! 🇺🇸

Wenn ich nun für einige Zeit den letzten Schritt eines Menschen vom Mond Richtung Heimat machen werde, dann möchte ich sagen […]: Amerikas Herausforderung von heute hat das Schicksal des Menschen von morgen geschmiedet.

Eugene Cernan, der vorerst letzte Mensch auf dem Mond, im Dezember 1972 (Quelle)

Die Mondlandungen von 1969 bis 1972 sind das ultimative Beispiel für unser unbedingtes Abstecken-Wollen des Menschen-Möglichen.

Bei jenen Diskussionen um Big Data oder Gentechnik geht es oft darum, unsere Lebensumstände zu optimieren, Krankheiten zu heilen, Arten vor dem Aussterben zu bewahren oder das Sterben komplett abzuschaffen – kurzum: große Probleme anzugehen.

Und was müssen die »First Men« dieser Tage dafür riskieren? Knöpfe drücken, Programmzeilen schreiben, Zellen sezieren. 🔬

Wenn uns besagte Blechbüchsen mit Todesgefahr (zumal: eine sehr wahrscheinliche Gefahr eines wahrscheinlich sehr qualvollen Todes) nicht davon abhielten, ein Ziel bloß um seiner selbst willen zu erreichen – was soll uns dann, allen Ernstes, heute und in Zukunft noch von irgendetwas abhalten?

Aufbruch zum Mond rückt die Hinfälligkeit der Frage nach der Notwendigkeit oder auch Sinnhaftigkeit unseres Seins und Treibens eindrucksvoll ins Bewusstsein – insbesondere dann, wenn er neben den Helden der Mond-Mission auch deren Familie behandelt.

Der scheue Neil Armstrong

Im Jahr 1962 stirbt die zweijährige Tochter von Janet und Neil Armstrong an einem Gehirntumor. Die Mutter kümmert sich um die zwei verbliebenen Söhne. Der Vater bewirbt sich für das Project Gemini und wird von der NASA als Pilot für das Weltraumprogramm rekrutiert.

Die Familie Armstrong zieht nach Houston, in die Nachbarschaft mehrerer Angehöriger von Astronauten. Während Janet dort versucht, ein normales Leben aufzubauen, strebt Neil nach der Ferne.

📺 Hier ist er übrigens, der historische Moment, in dem Neil Armstrong die Mondoberfläche betritt (ab Min. 1:30).

Keiner der Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt, die diese Ereignisse verfolgten, wird je den Augenblick vergessen, in dem Armstrong den ersten Schritt auf die Oberfläche des Mondes hinaus machte.

Auf den verschwommenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einem Ort, der über 400.000 Kilometer entfernt war, schien es eine Ewigkeit zu dauern, bis Neil schließlich – die rechte Hand an der Leiter – den linken Fuß im Stiefel vorstreckte und den Mond betrat.

James R. Hansen, in der autorisierten Biografie über Neil Armstrong

So dokumentiert der Historiker James R. Hansen den ersten Schritt auf dem Mond. Es geschah 4 Tage, 13 Stunden, 24 Minuten und 20 Sekunden nach dem Start der Apollo-11-Mission.

Vom Buch zum Film

Für die Biografie des scheuen Mr. Armstrongs erhielt Hansen erstmals Zugang zu persönlichen Quellen und privaten Dokumenten, um aus dem Leben des ersten Menschen auf dem Mond erzählen zu können.

📌 Tipp: Hier die Filmkritik zu Bohemian Rhapsody (2018) – ebenfalls ein Biopic, jedoch über eine Persönlichkeit, die eher schillernd als scheu war.

Die Armstrong-Biografie aus dem Jahr 2005 diente als literarische Vorlage zum Film. Das Drehbuch adaptierte der Oscarpreisträger Josh Singer (Die Verlegerin, Spotlight) jedoch vielmehr auf Grundlage eines Treatments von Damien Chazelle.

Als das Projekt erstmals auf dem Radar des Jung-Regisseurs erschien – im Jahr 2014, kurz nach Fertigstellung des Musikdramas Whiplash – da war Chazelle zunächst gar nicht so interessiert an Armstrong und der NASA-Geschichte überhaupt.

Es bedurfte eines Blicks in besagte Biografie und einiger Dokus, ehe Chazelle sich für das Projekt Aufbruch zum Mond zu begeistern begann.

Ich weiß nicht, wann es Klick machte, aber an einem Punkt dachte ich einfach: »Wow, wie hab ich’s für selbstverständlich gehalten, dass – damit wir die Erfolgsstory von Menschen auf dem Mond haben – diese Menschen Fantasie in Realität verwandeln und ihr Leben dafür aufs Spiel setzen mussten.»

Damien Chazelle via Variety

📌 Tipp: Hier geht’s zum Beitrag über La La Land (2016), einem weiteren, völlig anders gearteten Film von Damien Chazelle.

Bildbände zur Mondlandung

Große Taten und kleine Gesten

Der Film Aufbruch zum Mond bzw. First Man beginnt mit einem Testflug des X-15. Oder für Nicht-Experten wie mich: Mit Ryan Gosling in einer Blechkapsel auf bestem Weg durch die Stratosphäre – und dem vagen Gefühl, »oha, geht’s schon los?«

Aber nein, in einem halsbrecherischen Manöver landet Armstrong wieder auf der Erde. Ohne eine einzige Außenaufnahme vom All, der Erde, dem Flug. Die Kamera bleibt ganz nah bei Armstrong und die Geschichte ebenfalls. Wir erleben ihn im Umfeld seiner Familie, die schwere Zeiten durchmacht.

Mit dem frühen Tod der Tochter setzt Aufbruch zum Mond gleich zum Auftakt des Films einen Ton, den er bis zum Ende beibehält. Leise ist er, angenehm unpatriotisch.

In diesem Biopic geht es nicht um Helden, sondern um Menschen. Die großen Taten werden kleinen Gesten gleichgestellt. Und mag der Mut noch so groß sein, die Trauer ist größer.

Drehbuchautor Josh Singer führte im Zuge dieses Projekts auch Interviews mit der echten Janet Armstrong, ehe sie am 21. Juni 2018 verstarb, zwei Monate vor der Veröffentlichung des Films.

Diesen Interviews lauschte die Schauspielerin Claire Foy (The Crown) stunden- und tagelang, um den Akzent der historischen Figur möglichst genau zu treffen.

Janet Armstrong war es auch, die Josh Singer durch ihre Gespräche zu dem Film-Ende von Aufbruch zum Mond. Auf einer so stillen wie hoffnungsvollen Note.

Die fehlende Flagge in First Man

Auf einen Moment wartet man in Aufbruch zum Mond vergeblich, nämlich den des Flagge-in-den-Boden-Steckens. Das sorgte für Empörung in den USA, zumindest im Lager der Republikaner: Hollywood, wie kannst du nur diesen historischen Augenblick der US-amerikanischen Eroberung des Mondes ausblenden!

Dazu, Trevor Noah (englischsprachig, Übersetzung unten):

Um ehrlich zu sein, wir Menschen vom Rest der Welt wollen gar keine Anerkennung für Amerikas Mondlandung. Denn wir wissen ja nicht, was da draußen passiert ist.

Wir sahen die Astronauten aussteigen, die Flagge aufstellen, Ende der Filmaufnahmen. Kann gut sein, dass sie – nachdem die Kameras aus waren – einen Genozid an den einheimischen Mondmenschen verübt und sie in Massengräbern auf der dunklen Seite des Mondes vergraben haben.

Wenn eines Tages ein paar Überlebende der Mondmenschen auf die Erde kommen sollten und sagen: »Ihr habt uns das angetan!« – dann können wir immerhin sagen: »Nicht wir waren das, die Amerikaner waren’s. Seht ihr nicht die Flagge?«

Trevor Noah

Rund 50 Jahre nach der ersten Mondlandung sind wir immer noch ein kleingeistiger Haufen, wenn man Potential und Faktenlage mal vergleicht. Kaum auszumalen, zu welchen Planeten und Sphären wir schon unterwegs wären, wenn Osten und Westen zusammenarbeiteten.

Gemeinsam hätten wir eine bessere Staatsform ausgetüftelt – menschenfreundlicher als die Diktatur, idiotensicherer als die Demokratie – und dann ab dafür! Bis zur Unendlichkeit und noch vieeel weiter. 🚀

Aber nein, stattdessen stehen wir uns weiterhin hochgerüstet gegenüber und machen einander das Leben auf Erden zur Hölle.

Fazit zu First Man

Aufbruch zum Mond lässt nicht nur protestierende Stimmen zu Wort kommen, die Sinn und Zweck des Weltraum-Programms in Frage stellten. Der Film vermittelt auch dieses Gefühl tiefer Verunsicherung: Was soll das alles? Wem nutzt es?

Ist das eine Mission oder reiner Selbstmord oder ein Fluchtversuch? Wovor rennen diese Männer davon?

Statt die nächste Einheitsbrei-Heldenhymne anzustimmen, bleibt Aufbruch zum Mond bescheiden am Boden der Tatsachen. Wir sind in erster Linie Menschen, die irgendwie miteinander auskommen müssen. Und zwar erstmal hier auf Erden.

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