Die erste Urheberin · Enheduanna

Dieses Blog widmet sich Kulturgut im Sinne von Werken der Kunst, Philosophie und Wissenschaft1 – sowohl der Gegenwart als auch aus der langen Geschichte kulturellen Schaffens. Da stellt sich die Frage: Womit anfangen? Mit wessen Werk wollen wir dieses Logbuch einer Kulturreise beginnen? Die Entscheidung fällt auf »die weltweit erste namentlich bekannte Persönlichkeit, der die Schaffung literarischer Texte zugeschrieben werden kann«2 – die Königstochter und Hohepriesterin Enheduanna. Durch sie lernen wir gleich zu Beginn, was die Beschäftigung mit Kulturgut uns bringen kann. | Lesezeit: 6 Min.

Die Wiege der Kultur

Viele Grundbausteine höherer Kultur wie etwa Stadt und Staat, Schrift und Literatur, Mathematik, Wissenschaft, Recht und Musik sind erstmals im alten Mesopotamien und in Ägypten bezeugt.

Eckart Frahm3

Wir begeben uns in den Kulturraum Mesopotamien, das »Land zwischen den Strömen« genannt. Gemeint sind der Euphrat, der größte Strom Vorderasiens, sowie der Fluss Tigris. Dieser Kulturraum zwischen Euphrat und Tigris umfasst »den heutigen Irak und die angrenzenden Regionen Nordsyriens, [die] südöstliche Türkei und [den] westlichen Iran« – dort begann »vor über 10.000 Jahren die Neolithische Revolution, als die ersten Menschen zu Ackerbau und Viehzucht übergingen und sesshaft wurden.«4 Und bereits vor rund 5000 Jahren entstanden in diesem Kulturraum »komplexe Gesellschaften mit Bürokratie und Schrift«, wobei uns die sprichwörtlich federführenden Menschen hinter diesen Schriften namentlich meist nicht überliefert sind.

Enheduanna und ihre Hymnen

Eine bemerkenswerte Ausnahme bilden einige Tempelhymnen aus dem 23. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung – denn darin lesen wir erstmals den Namen einer Person, die sich als Urheberin zu erkennen gibt: die Hohepriesterin Enheduanna.

Nicht aus der Feder Enheduannas, sondern aus ihrem Rohrgriffel sind uns zwei hymnische Texte bekannt, die sie an die Göttin Inanna richtete. […] Neben den beiden Hymnen geht ein langes Preislied auf die wichtigsten Tempel Mesopotamiens ebenfalls auf Enheduanna zurück.

Helga Vogel5

Enheduanna war Poetin, Priesterin und Prinzessin – Tochter des Königs Sargon, der das Reich von Akkad gründete, den ersten Flächenstaat, der rund 150 Jahre lang und über mehrere Generationen einer herrschenden Familie hinweg Bestand hatte. In diesem Reich repräsentierte Enheduanna »eine starke und kreative Persönlichkeit, eine gebildete Frau und eine, die verschiedene Rollen in einer komplexen Gesellschaft erfüllte.«6 Hier soll ihre Rolle als Poetin im Fokus stehen. Einen besonders persönlichen Einblick, nicht nur in ihre Zeit und ihren Glauben, sondern in Enheduannas eigenes Leben, den vermittelt Nin-me-šara (gesprochen: Ninmeschara), »ein Preislied auf die Göttin Inanna, das in subtiler Weise auch auf politische Sachverhalte anspielt.«7

Herrin über alle Länder

Nin-me-šara ist nicht der Titel, den Enheduanna ihrem Werk gab. Es handelt sich schlicht um die ersten Worte des sumerischen Textes, nach denen dieser heute benannt ist. Zu Deutsch bedeuten sie so viel wie: Herrin der unzähligen göttlichen Kräfte. Eine deutsche Übersetzung der gesamten Hymne stammt von der Göttinger Sumerologin Annette Zgoll. Hier ein Auszug davon (die Zeilen 60-63):

Große Herrin der Herrinnen, für die wirkmächtigen göttlichen Gewalten / aus schicksalsträchtigem Mutterleib hervorgekommen, größer als die eigene Mutter, / klug vorausschauend, Herrin über alle Länder, / die vielen Menschen Leben gewährt, dein schicksalbestimmendes Lied will ich dir jetzt singen!

Voll des Lobes ist Enheduanna für die Göttin Inanna. Dann sucht sie Hilfe bei der Erhabenen. Denn der Hohepriesterin ist von einem Widersacher übel mitgespielt worden (Zeilen 99-108):

[…] muß ich sterben, weil ich mein schicksalbestimmendes Lied angestimmt habe? / Mein Nanna [ein Gott] hat nicht nach mir gefragt, / als man mich vernichtete im abtrünnig gewordenen Land, / als hätte AŠimbabbar [Beiname desselben Gottes] das Urteil über mich gesprochen. / Jetzt kommt alles darauf an, daß du klarlegst, ob er gesprochen hat oder nicht! / Nach einem triumphalen Aufmarsch hat man mich aus dem Tempel vertrieben. /

Wie eine Schwalbe hat er mich vom Fenster weggescheucht – er hat irgendwelche (Leute) mein Leben verzehren lassen! / Ins Dorngestrüpp des feindlichen Landes hat er mich weggeschleppt / Die rechte Krone des enPriestertums entriß man mir, / gab mir ein Messer und sprach: »Das ist dein Schmuck!«

Übersetzt von Annette Zgoll8

Prinzessin auf der Flucht

Was geht da vor? Enheduanna beklagt ein Unrecht, das ihr besagter Widersache getan habe. Bei diesem handelt es sich um Lugal-Ane, dem neuen »starke[n] Mann in der Stadt Ur«.

[Lugal-Ane] sieht sich vom Stadtgott Nanna unterstützt, ist aber angewiesen auf die Oberpriesterin, die als Tochter Sargons eine politische Schlüsselrolle spielt. Als die Prinzessin sich weigert, enthebt er sie ihres sakralen Amtes; sie wird aus der Stadt vertrieben und muss ins Exil […]. So gedemütigt fleht sie die Göttin der Sargon-Dynastie an […].

Johannes Saltzwedel9

Ein Machtspiel, Politikum, Rechtsfall ist es also, der diesem Preislied zugrunde liegt. Jene Übersetzerin, Annette Zgoll, hat diesen Fall auf über 600 Seiten rekonstruiert, in ihrem Werk: Der Rechtsfall der En-hedu-Ana im Lied nim-me-šara (1997). Zum Ausgang des Falls schreibt Zgoll: »Es steht zu vermuten, dass Enheduanna in ihr Amt nach Ur« zurückgekehrt sei.10 Siehe da: Kein Schicksal ist in Stein gemeißelt… nein, Sprichwörter funktionieren hier nicht. Tatsächlich wissen wir von der Urheberin dieser altertümlichen Hymnen nur, weil sie ihre Gedanken wortwörtlich in Stein meißelte, oder meißeln ließ (so wie Generationen nach ihr, die Enheduannas Texte überlieferten).

Hinweis: Ebenfalls in Stein gemeißelt und bis heute erhalten geblieben ist ein Abbild von Enheduanna, auf einer Scheibe aus Alabaster. Gefunden hat sie 1926 der Archäologe Charles Woolley, archiviert hat sie derzeit das Penn Museum in Philadelphia.

Enheduannas Zorn

Soweit nur ein kleiner Einblick in die Kulturlandschaft Mesopotamien vor über 4000 Jahren. Die erste Urheberin lebte zu ferner Zeit an einem fernen Ort, schrieb in fremder Sprache und Schrift und doch: Wir verstehen Enheduanna, verstehen den Zorn über ihre Vertreibung, verstehen das Bangen über ihr Schicksal, die Verzweiflung, mit der sie sich an eine höhere Macht wendet. Was lernen wir daraus? Egal, wie fern und fremd uns andere Kulturräume erscheinen mögen – über das Kulturgut entdecken wir Gemeinsamkeiten: Gedanken und Gefühle, die zeitlos sind, die schlicht menschlich sind.

Auch wenn dieser Ausflug in die Werke der ersten Urheberin nur ein kurzer war, soll er uns Hoffnung machen: Wenn wir Empathie für eine Person von vor vier Jahrtausenden aufbringen können, uns in ihre Lage und Stimmung hineinversetzen können, dann muss es doch zwischen uns Menschen der Gegenwart umso besser möglich sein, einander zu verstehen. Wir werden sehen, ob und wie Kulturgut uns dabei wirklich behilflich sein kann.

Ausblick

Die Göttin Inanna, jene »Herrin aller Herrinnen«, war einem anderen Gott untergeordnet, dem Enheduanna ebenso huldigte. Schon ihr Name verweist auf diesen höchsten aller damaligen Gottheiten: »En-hedu-Ana« bedeutet »Hohepriesterin, Zierde des Himmelsgottes An«11, der auch die Funktion des Stadtgotts von Uruk innehatte.

Erst als Uruk in Bedeutung und Größe von Babylon abgelöst wurde, da wich auch An schließlich Marduk, dem Stadtgott Babylons, der die Funktion von An mit der Zeit übernahm. So, wie das Königreich Sargons irgendwann ein Ende fand, so gerieten auch seine Wesen des Himmelreichs in Vergessenheit. Andere Gottheiten traten an ihre Stelle, um sich fortan der Ängste und Hoffnungen der Menschen anzunehmen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die Bedeutung des Stadtgotts Marduk spiegelt sich übrigens in dem babylonischen Schöpfungsepos Enūma eliš wieder, niedergeschrieben auf sieben Tontafeln, viele hundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Diese Geschichte, »eine der ältesten, wenn nicht die älteste Geschichte der Welt«, handelt von der Geburt der Gottheiten und der Erschaffung des Universums und der Menschen12 – ein Thema, das uns Menschen im Laufe der Jahrtausende zu vielen ähnlichen Geschichten bewegt hat. Mehr dazu im Beitrag über Schöpfungsmythen. Hier sei zum Schluss noch darauf hingewiesen,

[…] dass es in Dingen des religiösen Denkens keine creatio ex nihilo, keine Schöpfung aus dem Nichts, gibt. Die jüdisch-christliche Tradition und mittelbar auch die Tradition des Islam beruhen bis heute auf Voraussetzungen, die im alten Mesopotamien geschaffen wurden.13

Fußnoten

  1. Also Kultur in ihrer vierten Bedeutungsebene, mehr dazu im Beitrag: Was ist Kultur?
  2. Eckart Frahm: Geschichte des alten Mesopotamien, S. 118f.
  3. Ebd., S. 254.
  4. Wolfgang Korn: Mesopotamien. Wiege der Zivilisation und aktueller Krisenherd, S. 10f.
  5. Helga Vogel: Enheduanna – erster homme des lettres der ‚Weltliteratur`. Rundbrief Nr. 74, Jg. 24, Juli 2014, FemArc – Netzwerk archäologisch arbeitender Frauen e. V.
  6. Vgl. Janet Roberts: Enheduanna, Daughter of King Sargon, Princess, Poet, Priestess (2300 B.C.)
  7. Frahm, S. 119.
  8. Die Übersetzungen von Annette Zgoll sind zitiert nach einem Lesestück der Universität Göttingen.
  9. Johannes Saltzwedel: Prinzessin im heiligen Zorn. In: Spiegel Geschichte (2, 2016).
  10. Zitiert nach: Saltzwedel, 2016.
  11. Vgl. Lesestück der Universität Göttingen.
  12. Vgl. Joshua J. Mark: Enuma Elish – The Babylonian Epic of Creation, 4. Mai 2018.
  13. Frahm, S. 272.

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