Die erste Ursache · Schöpfungsgeschichten

In diesem Beitrag geht es um den Anfang allen Seins: Wer oder was ist die Erste Ursache? Obwohl das ein zutiefst philosophisches Thema ist, da es auf die Frage wohl nie eine letztgültige Antwort geben wird, behandeln wir die Philosophie hier nur am Rande. Denn noch befinden wir uns im Altertum, lange bevor die »Liebe zur Weisheit« in Europa ins Rollen kam. Das Kulturgut, mit dem wir uns hier befassen, sind Schöpfungsgeschichten. | Lesezeit: 8 Min.

Mythos und Logos

Beginnen wir beim Murmelspiel. Ob vor 5000 Jahren im alten Ägypten, oder heute auf dem Schulhof nebenan: Kinder lassen Glaskugeln aneinander stoßen und freuen sich über Ursache und Wirkung. Eine Murmel trifft auf eine andere und bringt sie ins Rollen. Aber wer oder was setzt die erste Murmel in Bewegung? »Ich«, sagt eines der Kinder. Denken wir nun ans Universum. Seit Milliarden von Jahren wirken die Himmelskörper aufeinander ein, drehen sich um sich selbst und um einander. Aber wer oder was hat den ersten Körper in Gang gebracht? »Gott«, sagen einige – mit derselben Sicherheit, mit der jenes Kind sich selbst für die Erste Ursache (den first cause) hielt.

Das klingt nach schnellen, einfachen Antworten und vielleicht ist an beiden was Wahres dran: Gott als Kind beim universalen Murmelspiel, das unsere Erdkugel auf ihre Umlaufbahn gestoßen hat.1 Ein schönes Bild.

Enūma eliš

Der Anfang allen (oder des eigenen) Seins ist zunächst einmal Gegenstand von Geschichten, wie sie Menschen seit jeher erzählen, um sich die Entstehung der Welt und die Existenz ihrer selbst zu erklären. Eine der ältesten Schöpfungsgeschichten, das Epos Enūma eliš, kam bereits im vorherigen Beitrag über Enheduanna, die Hohepriesterin und erste namentlich bekannte Urheberin der Literaturgeschichte zur Sprache. Der altgriechische Ausdruck für eine Erzählung lautet mythos (μῦθος). Unter diesen Begriff lassen sich auch die Schöpfungsgeschichten fassen (im Englischen creation myths).

Später erst setzt die eher Vernunft-geleitete Auseinandersetzung mit der Frage nach der Ersten Ursache ein. Der altgriechische Ausdruck für Vernunft als unser geistiges Vermögen, mit dem wir der Bedeutung (dem Sinn) von Dingen auf den Grund zu gehen versuchen, lautet logos (λόγος) – ein zentraler Begriff für das, was wir Philosophie nennen. Ehe wir uns jedoch der philosophischen Beschäftigung mit der Ersten Ursache widmen, wollen wir – mit kurzem Blick auf eine Auswahl von Schöpfungsmythen – mal schauen, was die menschliche Fantasie für frühe Ideen zum Anfang allen Seins hervorgebracht hat (auch, wenn es dabei nicht immer zugleich um die Erste Ursache geht).

Nachfolgend fünf Schöpfungsgeschichten in chronologischer Reihenfolge, wobei für alle Zeitangaben gilt: Die Datierung dieser Texte ist durchweg »notorisch umstritten«.2

Die Geschichte begann, als die Menschen Götter erfanden…

Yuval Noah Harari

Fünf Schöpfungsmythen

Gilgamesch-Epos

Im Gilgamesch-Epos ist es die Schöpfergöttin Aruru, die den Menschen erschuf – und als Rivalen des Königs Gilgamesch (der »sehr schön nach irdischen Maßstäben« sei) noch einen weiteren Menschen kreiert. Das liest sich so: »Aruru wusch sich ihre Hände, / Lehm kniff sie ab, warf ihn in die Steppe. / In der Steppe erschuf sie Enkidu, den Helden […]. / Völlig mit Haar bedeckt war sein Körper, / mit dichtem Haupthaar wie eine Frau, / sein lockiges Haar dicht wie Getreidehalme. / Er kannte weder Land noch Leute. / Bekleidet war er wie das wilde Vieh, / mit den Gazellen fraß er Gras […], / mit den wilden Tieren genoss er das Wasser.«3 In Keilschrift niedergeschrieben wurde Gilgamesch (in der hier zitierten sogenannten ninivitischen Version) etwa im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Die Überlieferungen dieses Epos reichen jedoch bis ins 3. Jahrtausend (!) v. u. Z. zurück.

Avesta

Im Avesta, dem heiligen Buch der zoroastrischen Religion, da setzt der Schöpfergott Ahura-Mazda (Herr der Weisheit) gegenüber Zarathustra (dem Stifter dieser Religion) höchstselbst zum Bericht an: »Ich schuf, o heiliger Zarathustra, einen Ort, eine Schöpfung der Anmuth […]«, eine Reihe von 16 geschaffenen Gegenden und Ländern umfasst die Erzählung. »Wo aber Ahura-Mazda etwas Gutes geschaffen hat, da sucht Ag̃ramainyus, das ihm widerstrebende böse Princip, das Gute zu Nichte zu machen«, erklärt Übersetzer Friedrich Spiegel die Passage.4

Der gute Gott erschafft das Heilige und das Schöne, das böse Prinzip kreiert schlechte Nachreden und fressende Tiere. Ein anderer Friedrich – Nietzsche – schreibt später über den Propheten des Zoroastrismus: »Keine grössere Macht fand Zarathustra auf Erden, als gut und böse.«5 Die älteste erhaltene Niederschrift des Avesta wird aufs Jahr 1323 datiert. Doch mündlich wurden auch diese Inhalte zum Teil schon 2000 Jahre v. u. Z. überliefert.6

Genesis

Im Buch Genesis steht die Schöpfung an erster Stelle. Im deutschen Sprachraum ist diese Geschichte wohl die bekannteste: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.«7 Als das erste der fünf Bücher Moses ist die Genesis sowohl Teil des jüdischen Tanach als auch des christlichen Alten Testaments. Erste schriftliche Fassungen dieser Schöpfungsgeschichte könnten schon um das Jahr 950 v. u. Z. festgehalten worden sein, wobei die mündliche Tradition auch hier sicher viel weiter zurückreicht.8

Theogonie

In der Theogonie erzählen die Musen (Schutzgöttinnen der Künste) dem Hirten Hesiod vom Anbeginn und »was davon zuerst entstand«, ab Vers 115: »Zuerst nun war das Chaos (gähnende Leere des Raumes), danach die breitbrüstige Gaia, niemals wankender Sitz aller Unsterblichen, die den Gipfel des beschneiten Olymps und den finsteren Tartaros bewohnen in der Tiefe der breitstraßigen Erde; weiter entstand Eros (Liebesbegehren), der schönste der unsterblichen Götter […].«9 Verfasst wurde die Theogonie rund ums Jahr 700 v. u. Z. – mehr dazu im Beitrag über Hesiod.

Kojiki

Im Kojiki, der frühesten »Aufzeichnung alter Begebenheiten« aus Japan, ist es ein Hofbeamter und Gelehrter, der den Schöpfungsmythos überliefert: »Als Diener spreche ich, Yasumaró: / Der Urschlamm war bereits geronnen, / doch Geist und Form hatten noch keine Gestalt angenommen. / Es existierten weder Benennungen noch Handlungen. / Wer hätte diese Gestalt erkennen können? / Dann aber trennten sich erstmals Himmel und Erde, / mit den drei Gottheiten nahm die Schöpfung des Universums ihren Anfang, / yin und yang10 entfalteten sich, / und die beiden Geistwesen wurden zu den Urhebern aller Gemeinschaften und Dinge […]«11

Das Kojiki erlangte erst seit »1868 und der Gründung des modernen, sich dabei aber partiell archaisch gebenden Kaiserreiches Japan« die Position einer allgemeinen anerkannten »Heiligen Schrift«. Ursprünglich verfasst wurde es von jenem Hofbeamten »in nur wenigen Monaten während des Jahreswechsels 711/12 als Auftragsarbeit für den japanischen Kaiserhof zu Heijô-kyô, und zwar zum Zweck, dessen Herrschaft zu legitimieren.12 

Die Moral von der Geschicht’

Ob im eisigen Norden oder auf kleinen Südsee-Inseln, es gibt noch etliche weiterer solcher Schöpfungsmythen. Mehr oder weniger umfangreich erzählen sie von den Anfängen der Welt bzw. der Menschheit. Was lernen wir aus diesen frühen Zeugnissen menschlicher Vorstellungskraft? Nicht nur zur Unterhaltung am Lagerfeuer und Vermittlung von Geschehnissen und Werten, sondern auch als grundlegendes Element zur Stiftung von Religionen und zur Rechtfertigung von Macht spielen Geschichten eine zentrale Rolle in unserem Leben, und zwar seit jeher. Und die Moral von der Geschicht’ – ohne Geschicht’ bringt Moral gar nichts.

Wir Menschen können nicht leben ohne Erzählungen. Wir umgeben uns damit, erfinden sie im Schlaf, erzählen sie unseren Kindern, zahlen sogar dafür, dass uns Geschichten erzählt werden.

Stephen Greenblatt: Die Geschichte von Adam und Eva.13

Erste Ursache, philosophisch betrachtet

Die Schöpfungsmythen stellen hinsichtlich ihrer Wirkung alles in den Schatten, was die Philosophie je hervorgebracht hat, zu der Frage: Wer oder was ist die Erste Ursache? Doch das sagt mehr über die Stärke von Geschichten aus, als über die Schwäche der Philosophie. Deren Werkzeug, die Vernunft, hat uns immerhin die Wissenschaften und den Fortschritt beschert – und damit erst in Aussicht gestellt, womöglich irgendwann die wirkliche Erste Ursache herauszufinden.

Bis dahin erschaffen wir uns eine schöne neue Welt widdewidde wie sie uns gefällt. Wir verbessern unsere Häuser, optimieren unsere Körper und entwickeln künstliche Intelligenz (KI). Inwieweit diese an die menschliche Intelligenz heranreichen oder uns gar helfen wird, über den eigenen Verstand hinauszuwachsen, das kann nur die Zukunft allein beantworten.

…und die Geschichte endet, wenn Menschen zu Göttern werden.

Yuval Noah Harari

Bis dahin bringen wir der künstlichen Intelligenz fleißig unsere Fähigkeiten bei. Alltägliches wie Lesen, Rechnen und Schreiben, aber auch kreative Dinge wie Musik komponieren, Muster erkennen und – in absehbarer Zeit – Geschichten erzählen. Ob es dann nicht nur eine Frage der Zeit ist, dass auch von uns geschaffene Intelligenz so etwas wie Vernunft haben kann?

Ausblick

Warten wir’s ab und vergegenwärtigen uns erstmal den eigenen Werdegang. Der Wandel von der Mythologie zur Philosophie lässt sich eindrucksvoll im antiken Griechenland beobachten. Dort, wo der Begriff von der »Ersten Ursache« überhaupt erst geprägt wurde. Die philosophische Betrachtung der Frage, wer oder was die Erste Ursache sei, greifen wir im Beitrag zu Aristoteles und später im Beitrag über Gottesbeweise im Mittelalter wieder auf. (Links folgen)

Doch ehe wir uns der Antike zuwenden und damit der Philosophie im europäischen Kontext zuwenden, wollen wir noch eine Weile im Altertum bleiben. Im Folgenden gehen wir auf eine der hier vorgestellten Schöpfungsgeschichten genauer ein – sowie auf ein anderes Werk desselben Autors. Mehr dazu im Beitrag über Hesiod und die Büchse der Pandora.

Fußnoten

  1. In den Sterntagebüchern des Raumfahrers Ijon Tichy kommt ein außerirdischer Historiker wie folgt zu Wort: »[…] mir sind Lehren bekannt, denen zufolge Gott ein sehr großes Kind ist, das Spielzeug zu seiner eigenen Freude in der ›richtigen‹ Richtung in Gang setzt«, S. 254. Mehr zu den Sterntagebüchern im Beitrag über Stanisław Lem (Link folgt).
  2. Konrad Schmid: Literaturgeschichte des Alten Testaments: Eine Einführung, S. 27. Schmid bezieht sich auf biblische Psalme, doch seine Wendung lässt sich ohne Weiteres auf andere altertümliche Texte übertragen.
  3. Das Gilgamesch-Epos, S. 35f.
  4. Friedrich Spiegel: Avesta. Die Heiligen Schriften der Parsen, S. 59ff.
  5. Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, S. 58.
  6. Mary Boyce: Textual Sources for the Study of Zoroastrianism, S. 1.
  7. Vgl. Gen. 1, 1-14, LU. An diese ersten Zeilen der Schöpfungsgeschichte knüpft im Kern übrigens die Philosophie von Gottfried Wilhelm Leibniz an. Mehr dazu im Fachbeitrag über Leibniz’ präetablierte Harmonie. (Link folgt)
  8. Vgl. https://www.britannica.com/topic/Genesis-Old-Testament
  9. Hesiod: Theogonie, S. 13.
  10. Yin und Yang haben ihren Ursprung in der chinesischen Philosophie, mehr dazu im Beitrag über Konfuzius. (Link folgt)
  11. Klaus Antoni (Hg.): Kojiki – Aufzeichnung alter Begebenheiten, S. 9.
  12. Vgl. ebd. 274f.
  13. Weil’s so schön ist, hier der Rest des Zitats: »Manche von uns haben aus dem Geschichtenerfinden einen Beruf gemacht. Und dann sind da noch einige wenige, mich eingeschlossen, die ihr ganzes Erwachsenenleben damit verbringen, Erzählungen zu ergründen, ihre Schönheit, ihre Macht, ihren Einfluss.« Das spricht mir sehr aus dem Herzen.

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