Covid-19: Was in der Krise zählt · Mukerji und Mannino

Dieser Beitrag beleuchtet das grundlegende Prinzip der Katastrophenethik. Damit ist eine Ethik in Zeiten der Krise gemeint, konkret: in Zeiten der Coronakrise. Bereits im April 2020 veröffentlichten die Philosophen Nikil Mukerji und Adriano Mannino ihr Essay Covid-19: Was in der Krise zählt. Über Philosophie in Echtzeit (hier erhältlich), das hier als literarische Grundlage dient. 📖

Hinweis: Auf YouTube ist dieser Beitrag als Video verfügbar (ab 1:10:09). Dieser Beitrag ist als Exkurs zum Corona-Jahresrückblick entstanden.

Geschehen und Geschichten

Normalität ist der Zustand, in dem ich alltägliche Dinge aus dem Bauch heraus entscheiden kann. Ist schließlich meine Sache, was ich im Alltag so mache. In Zeiten der Krise wird uns erst klar, dass die Lage verstrickter ist. Ausgerechnet eine Pandemie, die uns dazu zwingt, Abstand zu nehmen, macht uns wieder bewusst, wie sehr wir Teil einer Gemeinschaft sind – und dass selbst alltägliche Entscheidungen, wie einkaufen zu gehen, nicht nur mein Leben betreffen.

Wenn ich die Pandemie für gefährlich und es daher für richtig halte, vorübergehend Grundrechte einzuschränken und viele Geschäfte zu schließen, dann nehme ich damit in Kauf, dass sich der Rechtsstaat womöglich dauerhaft verändert und Unternehmen die Krise nicht überstehen – und das alles vielleicht nur wegen Medien, auf deren Geschichten ich reingefallen bin. Wenn ich wiederum meine, es sei eben nur ein medialer Hype, die Pandemie sei gar nicht so wild und viele der Schutzmaßnahmen übertrieben, dann nehme ich damit in Kauf (sollte ich falsch liegen, weil ich auf andere Medien und deren Geschichten reingefallen bin), dass Menschen krank werden und schlimmstenfalls sterben.

Die realste Sache der Welt

Die gegenwärtige Krise rührt auch daher, dass wir nicht mehr unterscheiden können zwischen Geschichten und Geschehen, zwischen Fiktion und Realität. Dabei ist es immer so, dass die Gegenwart sich in unzählige Geschichten aufdröselt, die allesamt das dichte Gewebe ergeben, das wir dann die Geschichte nennen, unsere Vergangenheit. Doch während wir uns hier und jetzt darüber klar zu werden versuchen, was fake und was real ist, führt die Krise zu Leid.

Wenn Sie den Unterschied [zwischen Fiktion und Realität] erkennen wollen, sollten Sie mit dem Leid beginnen. Denn die realste Sache auf der Welt ist Leid.

Yuval Noah Harari: 21 Lektion für das 21. Jahrhundert, 469.

Hinweis: Hier geht’s zum Literaturverzeichnis. 📚

Psychologie in der Krise

Am Anfang sind wir alle mit unserem eigenen Leid beschäftigt. Nach der Ignoranz, dem Nicht-Wahrhaben-Wollen, folgt die Angst. Während Furcht sich auf ein konkretes Objekt beziehen kann, ist Angst ein diffuses Gefühl vor dem Unbekannten, das da auf uns zukommt.1 Das Gefühl, das laut dem umstrittenen Strategiepapier aus dem Bundesinnenministerium auch gezielt getriggert werden sollte, Stichwort: »gewünschte Schockwirkung«. Ob es nun Angela Merkels Rede von der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg war, oder die Bilder aus Bergamo2 – aus dieser diffusen Angst und Beklemmung heraus haben zahlreiche Menschen die ersten Maßnahmen ohne Murren hingenommen.

Viele fanden Bewältigungsstrategien und waren in der Lage, »das Beste« aus dem veränderten Alltag zu machen. Selten wurde mehr gejoggt, gelesen, gebastelt, gekocht und gebacken als in den ersten Wochen nach Einbruch der Krise. Bald entstand aber auch Widerstand gegen die Einschränkungen.

Erich Kirchler, Julia Pitters, Barbara Kastlunger: Psychologie in Zeiten der Krise, 9.

Katastrophenethik 101

In der Psychologie wird die Abwehrreaktion gegen die Einschränkung persönlicher Freiheit als »Reaktanz« bezeichnet. Das ist die zugrundeliegende Motivation hinter den »Jetzt-erst-recht-Aktionen« ✊, mit denen sich Menschen ihre Freiheit zurückerobern (wollen). An diesem Punkt kann die Ethik einhaken, und im besonderen Falle einer Krise: Die Katastrophenethik. Denn während wir in Zeiten der Normalität guten Grund und genug Muße haben, ethische Fragen aus allen Winkeln zu bedenken, ist die Katastrophenethik »durch eine Orientierung an den Handlungskonsequenzen geprägt«.3 Die Leitfrage lautet der Katastrophenethik: Welche Folgen haben meine Handlungen für das Leben und Leiden anderer Menschen?

Was ist eine Katastrophe?

Voraussetzung für die Teilnahme an einer Katastrophenethik ist die Einsicht, dass das, was wir gerade durchleben, tatsächlich eine Katastrophe ist. Die Schriftstellerin Fang Fang, die den Anfang der Krise aus dem chinesischen Lockdown miterlebt hat – in Wuhan, der Stadt, in der sie seit 60 Jahren lebt – fragte sich schon Mitte Februar, als die Welt jenseits von China noch weitgehend in Ordnung war: »Wie soll man Leuten etwas erklären, die eine Katastrophensituation nicht von normalen Zeiten unterscheiden können?« Ihre Antwort lautet:

Wir befinden uns inmitten einer Katastrophe. Was bedeutet das? Mehr als das Tragen einer Schutzmaske, mehr als ein paar Tage eingesperrt zu werden, mehr als das Vorzeigen eines Passierscheins beim Betreten einer Wohnanlage. […] Katastrophe bedeutet, dass früher eine Leiche mit einem Leichenwagen zur Feuerbestattung transportiert wurde, und zwar in einem Sarg; heute dagegen werden Leichen in Säcken auf die Ladefläche eines Transporters geschichtet. Katastrophe bedeutet, dass es nicht einen Toten in der Familie gibt, sondern dass innerhalb weniger Tage oder eines halben Monats die komplette Familie ausgelöscht wird. […] In der Katastrophe gibt es kein friedliches Leben voll innerer Ruhe, es gibt nur das »Sein zum Tode«, von dem der deutsche Philosoph Martin Heidegger spricht.

Vgl. Fang Fang: Wuhan Diary, 107f.

Empathie und Moral

Die Antwort mag pathetisch klingen, zumal vor dem Hintergrund, dass Fang Fang hier nicht als Augenzeugin spricht. Von den Geschehnissen erfährt sie durch Hörensagen und via social media. Im Lockdown ist das Smartphone ihr Fenster zur Welt, so wie bei den meisten von uns. 📱 Für Fang Fang ist es sicher auch die Nähe zu ihrer Stadt, zu ihren Mitbürger*innen, die sie so heftig mitfühlen lässt. Die Bereitschaft und überhaupt die Fähigkeit, das Leiden der anderen nachzuempfinden, wird Empathie genannt – und auf die kommt es jetzt an.

Denn so sehr Ethik um Rationalität bemüht ist und nach vernünftigen Gründen sucht, um dem Handeln sein Dürfen und sein Müssen aufzuzeigen: Ohne ein Gefühl für vermeidbares Leid fehlt jeder Ethik die Grundlage, der innere Kompass, die Moral. Und ebenso, wie es in der Coronakrise eine Katastrophenethik braucht, benötigen wir eine Art »vorsorglicher« Moral. Mehr dazu im Beitrag über die provisorische Moral von René Descartes. Die vier Grundsätze dieser Moral lauten, verkürzt zusammengefasst:

  1. Ich will den Gesetzen meines Landes gehorchen.
  2. …in meinen Handlungen entschlossen sein, auch wenn letzte Zweifel bestehen.
  3. …eher mich selbst kontrollieren als das Schicksal der Welt.
  4. …in der Erkenntnis der Wahrheit vorankommen.

Eine Anstrengung der Vorstellungskraft

Diesen Grundsätzen kann ich gut und gerne versuchen, gerecht zu werden – und es am Ende doch bitter bereuen. Sei es, dass ich in einem Unrechtsstaat lebe, dessen Gesetze zur Diskriminierung von Minderheiten beitragen. Dass mein entschlossenes Handeln anderen Mitmenschen schadet. Dass ich bei aller Fixierung auf Selbstkontrolle übersehe, wie sehr ich ins Schicksal der Welt verstrickt bin. Oder sei es, dass ich bei meiner Suche nach Erkenntnis auf Scheinwahrheiten reinfalle. Vor all solchen verfehlten Absichten bin ich nie sicher – doch in der Krise tritt diese Gewissheit deutlich hervor, wenn ich sie denn an mich heranlasse. Wenn ich sie mir nur bewusst mache.

Die Epidemie […] zwingt uns zu einer Anstrengung unserer Vorstellungskraft, die wir in normalen Zeiten nicht gewohnt sind: uns unauflöslich mit den anderen verbunden zu sehen und sie bei unseren individuellen Entscheidungen zu berücksichtigen. In Zeiten der Ansteckung sind wir ein einziger Organismus. In Zeiten der Ansteckung werden wir wieder zur Gemeinschaft.

Paolo Giordano: In Zeiten der Ansteckung, 38.

Das Prinzip der Risikoabsicherung

In der Katastrophenethik gibt es ein Prinzip, das vielen Überlegungen zugrunde liegt – auch jener Frage, auf welche Experten oder Expertinnen wir uns stützen können. Dieses Prinzip ist die Risikoabsicherung, auch Hedging genannt.

Risikoabsicherung […]: bezeichnet Handlungen, mit denen das Ziel verfolgt wird, einen Schaden zu vermeiden oder unwahrscheinlicher zu machen.

Nikil Mukerji, Adriano Mannino: Covid-19: Was in der Krise zählt. Über Philosophie in Echtzeit, 117.

Dieses Prinzip der Katastrophenethik basiert auf einer Frage, die ein wichtiges Kriterium liefert. Mit dieser Frage kann ich nicht nur eigene Gedanken und Meinungen überprüfen, sondern auch Aussagen aus Politik und Wissenschaft, was deren Vorschläge zum Umgang mit der Krise angeht. Die Frage lautet: Was, wenn ich falsch liege? Oder: Was, wenn Person XY – trotz all ihrer Expertise – falsch liegt? Dabei ist auch auf implizite, also unausgesprochene, mitgedachte Annahmen zu achten. Wer eine gezielte Durchseuchung oder Herdenimmunität vorschlägt, nimmt implizit an, dass das Virus nicht allzu schlimm sein kann, und sich trotz verstärkter Verbreitung und häufigerer Mutation in seiner Wirkung nicht verschlimmere. Was, wenn diese Annahme falsch ist? Wie groß wäre der Schaden?

Mangelnde Daten und die häufig beschworene »fehlende Evidenz« etwaiger Maßnahmen sind nicht per se ein starker Grund gegen sie (u. a. John Ioannidis wies auf den Mangel an »reliable data« hin und kam in einer Modellrechnung im März auf rund 10.000 Corona-Tote, die in den USA insgesamt zu beklagen sein könnten; stattdessen sind in den USA bisher, Stand 31.12.20, über 320.000 Menschen im Zusammenhang mit COVID-19 gestorben) – fehlende Daten oder Evidenz sind viel eher ein Grund zu besonderer Vorsicht. ☝️ Es muss stets abgewogen werden zwischen dem Schaden, den Maßnahmen anrichten, und den anzunehmenden Schaden, den diese Maßnahmen zu verhindern versuchen.

Mehr zur Katastrophenethik

Welche Überlegungen das Prinzip das Hedging im Detail mit sich bringt und wie es auch auf andere Themen (Klimakrise, Umgang mit KI) anwendbar ist, darüber schreiben Mukerji und Mannino noch ausführlicher. Sie evaluieren u. a. etliche Maßnahmen und Strategien zur Pandemie –Stand April 2020. Inzwischen sind die Würfel für dieses Jahr gefallen. Wir blicken zurück auf getroffene Maßnahmen und versäumte Gelegenheiten, finden uns inmitten neuer Herausforderungen und dem Zwang, uns – trotz zunehmender Corona-Müdigkeit – weiterhin irgendwie zu dieser fortwährenden Krise zu verhalten. Führende Virologen seien zuversichtlich, hieß es noch im Mai, »dass eine zweite Welle verhindert werden« könne. Doch das Prinzip der Risikoabsicherung verbietet es, »von einseitig optimistischen Annahmen auszugehen.«4 Und siehe da: Sie lagen falsch.

Einen Rückblick zum Verlauf der Coronakrise samt der zweiten Welle gibt es im Beitrag Coronakrise 20/21.

Fußnoten

  1. Vgl. Erich Kirchler, Julia Pitters, Barbara Kastlunger: Psychologie in Zeiten der Krise, 7.
  2. Für eine Nachrecherche zur teils vermeidbaren Corona-Katastrophe in Bergamo, siehe: Monitor vom 28.05.20.
  3. Nikil Mukerji, Adriano Mannino: Covid-19: Was in der Krise zählt. Über Philosophie in Echtzeit, 76.
  4. Nikil Mukerji, Adriano Mannino: Covid-19: Was in der Krise zählt. Über Philosophie in Echtzeit, 94.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben scrollen