Wissen in Zeiten von Corona · Erkenntnistheorie 101

Was kann ich wissen? So lautet eine der vier Fragen von Kant und eine der Grundfragen der Philosophie überhaupt. Der folgende Beitrag bietet eine kleine Einführung in die Erkenntnistheorie. Das ist diejenige Disziplin der Philosophie, die sich um unser Wissen dreht – und darum, wie wir Wissen erlangen können. Der Fokus liegt hier auf einem pragmatischen Wissensbegriff. Das heißt: Hinreichendes Wissen, um in Zeiten der Krise handeln zu können.

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Was kann ich wissen? · Erkenntnistheorie 101

Eines kann man sagen: So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.

Jürgen Habermas über Corona

Handeln ohne Wissen ist gefährlich. Denn ohne Wissen verfehlt unser Handeln, wie erwähnt, unsere Absichten, unsere Ziele. Ehe wir uns dem Handeln zuwenden, müssen wir uns mit der Gewinnung und den Grenzen unseres Wissens befassen. Die Frage, was Wissen sei, ist eine philosophische Angelegenheit. Wir nähern uns ihr am besten über die Frage, wie wir denn meinen, Wissen zu erlangen. Nicht: Was kann ich wissen? Sondern erstmal: Wie kann ich wissen? In der Philosophie gibt es dazu drei Denkströmungen. Eine besagt, dass wir Wissen nur über unsere Wahrnehmung, also vermittels unserer Sinne gewinnen können. 🔬 Das ist der Empirismus. Der Rationalismus wiederum besagt, dass Wissen nur kraft Vernunft bzw. Verstand1 entstehen kann. 🧠 Der Skeptizismus hingegen bezweifelt, dass wir je irgendetwas wirklich wissen können. 🤔

Zur Ideengeschichte der drei Denkströmungen gibt’s einen eigenen Beitrag, siehe: Was ist Wissen?

Da sich nach Jahrhunderten keine dieser Strömungen als die einzig wahre herausgestellt hat, fahren wir am besten mit einer Mischung: Wir sammeln empirische Daten in der wahrnehmbaren Welt, stellen durch rationales Denken Theorien auf und versuchen skeptisch, die Daten zu hinterfragen und die Theorien zu widerlegen.

Wissenschaft als Weltzugang

Das heißt: Theorien müssen so formuliert sein, dass sie überprüft und widerlegt werden können – sonst sind es zumindest keine wissenschaftlichen Theorien. Den Gedanken, dass Theorien nie als wahr bewiesen, sondern nur als falsch widerlegt werden können, hat der Philosoph Karl Popper dargelegt und damit ein wichtiges Kriterium für wissenschaftliches Arbeiten etabliert.2 Ein Kriterium ist ein Merkmal, anhand dessen sich etwas bewerten oder unterscheiden lässt – z. B., ob etwas eben als wissenschaftlich gelten kann.

Sicher lässt sich die wissenschaftliche Weltsicht kritisieren oder gar abweisen. Wenn wir »Welt« als all das verstehen, was ist, all das, was es gibt, dann ist die Wissenschaft nur eine von vielen Möglichkeiten, darauf zuzugreifen – und erfasst nicht ganzheitlich das »Alles, was es gibt«. Andere Zugriffsweisen bieten Kunst, Religion und Philosophie.3 Doch wenn es um das geht, was wir »Wissen« nennen, dann ist Wissenschaft tatsächlich die einzige Möglichkeit, die wir haben, solches zu erlangen. Was verstehen wir denn unter »Wissenschaft«? 👩‍🔬

›Wissenschaft‹ bezeichnet ein zusammenhängendes System von Aussagen, Theorien und Verfahrensweisen, das strengen Prüfungen der Geltung unterzogen wurde und mit dem Anspruch objektiver, überpersönlicher Gültigkeit verbunden ist.

Martin Carrier: Wissenschaft, in: Grundbegriffe der Philosophie, 352.

Klassische Definition von »Wissen«

Wissenschaft ist das, was Wissen schafft. »Wissen« wurde seit der Zeit von Sokrates und Platon oft definiert als gerechtfertigte, wahre Meinung.4 Das heißt die Bedingungen für Wissen sind wie folgt: Ich weiß etwas dann und nur dann, wenn (1) dieses etwas wahr ist, (2) ich meine, dass es wahr sei, und (3) ich diese Meinung durch Angabe von Gründen rechtfertigen kann.

Nachdem diese Definition über 2000 Jahre lang standgehalten hat, kam ein Philosoph namens Gettier daher und warf sie mit einem dreiseitigen Aufsatz über den Haufen.5 Anhand eines Gedankenspiels zeigte er, dass gerechtfertigte, wahre Meinung nicht in jedem Fall als Wissen gelten kann. Seither beißen sich kluge Köpfe ihre Zähne am »Gettier-Problem« aus und versuchen, »Wissen« neu zu definieren – bisher insofern erfolglos, als es noch keine neue Definition gibt, die in allen denkbaren Fällen gültig bleibt und einhellige Zustimmung findet.

Was wir wissen können

Nun können wir nicht weitere 2000 Jahre darauf warten, dass die Philosophie uns sagt, was Wissen sei. Zumal wir gerade nicht an denkbaren, aber unwahrscheinlichen Gedankenspielen interessiert sind. Uns geht’s nicht um die Theorie, sondern die Praxis. In der Krise müssen wir handeln, gemeinschaftlich.

Denn es gibt Handlungen, die am besten durch mehrere Individuen ausgeführt werden, auch solche, die nur durch mehrere Individuen auszuführen sind: die Abwehr von feindlichen Angriffen ist ein naheliegendes Beispiel.

Edward Craig: Was wir wissen können, 42f.

Noch naheliegender: die Ausbreitung eines Virus oder die Verbreitung von Fake News.

Wichtig ist, daß alle Beteiligten wissen, was der »Feind« ist und wo er steckt.

Die Gruppe kann aber unmöglich warten, bis jeder dies für sich selbst entschieden hat; es muß sich die Gewohnheit bilden, denjenigen, der den Feind gesehen hat, als Informanten zu behandeln, von ihm die gemeinsame Meinung zu übernehmen.

Edward Craig: Was wir wissen können, 42f.

Pragmatischer Wissensbegriff

Das führt uns zu einem pragmatisch aufgefassten Wissensbegriff. Pragmatik ist die »Ausrichtung auf Nützliches«, entlehnt aus dem Griechischen, wo der Begriff prāgmatikē soviel bedeutet wie »Wissen um das richtige Handeln«6 – und darum geht es mir hier. Aber was hat es mit diesen »Informanten« auf sich?

Unter Informanten gibt es nun gute und schlechte; […] Leute, auf deren Auskunft ich mich verlassen kann; und […] solche, auf die ich lieber nicht höre. Meine Hypothese läßt sich nun so formulieren: der Begriff, der dem Wissensbegriff zugrunde liegt, ist der Begriff des guten Informanten – der Begriff der brauchbaren Auskunftsquelle.

Edward Craig: Was wir wissen können, 42f.

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Edward Craig, von dem diese Gedanken stammen, geht’s nicht nur ums »Wissen, dass« etwas so oder so sei, sondern auch ums »Wissen, ob« etwas gegeben sei. (S. 46) Dieser erweiterte Fokus erscheint nützlich für unsere Gegenwart, da Medien, Politik und Wissenschaft derart in einer Glaubwürdigkeitskrise bzw. wir als Bevölkerung in einer Vertrauenskrise stecken, dass selbst große Themen wie anthropogene Erderwärmung oder Pandemien in ihrer Ursache und Auswirkung oder gar Existenz grundsätzlich angezweifelt werden.

Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Medien sind nicht nur TV und Internet, sondern auch du und ich und die Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft – immer dann, wenn wir bzw. die jeweiligen Stimmen als »Informant« oder »Informantin« sprechen. (Mehr dazu im Beitrag: Was sind Medien?) Wie können wir in dieser Rolle gut – das heißt: glaubwürdig – sein?

Wir, die wir wissen möchten, ob p (p steht für Proposition, das ist eine Aussage, die als falsch oder wahr bewertet werden kann) oder nicht (p), brauchen zwar einen, der hierüber eine wahre Meinung hat. Aber – und jetzt kommt’s – wir müssen ihn unterscheiden können von anderen, denen zuzuhören weniger ratsam wäre (weil die Wahrscheinlichkeit, daß sie uns Wahres erzählen, geringer ist). Er muß als guter Informant erkennbar sein, und das heißt: er muß erkennbar sein für uns, die wir noch nicht wissen, ob p oder nicht p.

Vgl. Edward Craig: Was wir wissen können, 52f.

»Wahrscheinlichkeit« ist ein wichtiges Stichwort, denn: »Will ich einen absolut sicheren Informanten abwarten, so kann ich niemals handeln«, schreibt Craig. (S. 57) Eine »hohe Wahrscheinlichkeit einer wahren Meinung ist genau das«, was wir von einem guten Informanten oder einer guten Informantin fordern, damit sie als brauchbare Auskunftsquellen gelten können. (S. 59)

Was kann ich wissen?

Von jenen drei Bedingungen der klassischen Wissensdefinition behalten wir zwei. Eine Person weiß etwas, wenn (1) dieses etwas wahr ist, und (2) die Person meint, dass es wahr sei. Die dritte Bedingung wird nun unspezifisch formuliert. Sie lautet: (3) dieser Person muss irgendeine Eigenschaft zukommen, die uns den Schluss erlaubt, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit recht hat mit dem, was sie zu wissen meint. Heißt: Eine brauchbare Auskunftsquelle erkenne ich an einer Eigenschaft X, die es wahrscheinlicher macht, dass meine Quelle das, was ich von ihr wissen will, auch zu wissen vermag, womit ich das Wissen übernehmen kann. Eine solche Eigenschaft wäre etwa eine besondere Nähe zu oder langjährige Erfahrung mit dem jeweiligen Thema. Kurzum: Gesucht sind Experten und Expertinnen. Davon gibt’s in Sachen Corona zum Glück genug.

+++ EILMELDUNG +++ Erstmals mehr Corona-Experten als Infizierte! +++

Tipp: Mehr dazu, welche Rolle Expertise in Zeiten der Krise spielt, gibt es im Beitrag Coronakrise 20/21.

Fußnoten

  1. Die Unterscheidung von »Vernunft« und »Verstand« ist ein kontroverses Thema, das hier nicht vertieft werden kann. Mehr dazu u. a. im Wörterbuch Grundbegriffe der Philosophie, 317ff.
  2. Vgl. Karl Popper: Logik der Forschung, Kapitel III und IV. Popper war auch derjenige, der den Begriff »Verschwörungstheorie« (conspiracy theory) in der heutigen Gebrauchsweise prägte. Eine gute Argumentation, weshalb dieser Begriff nicht durch den Begriff »Verschwörungsideologie« ersetzt werden sollte, wie es im deutschsprachigen Raum diskutiert wird, findet sich in Michael Butter: »Nichts ist wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien, 52ff.
  3. Über »Unzulänglichkeiten der Philosophie im Vergleich zu Wissenschaft, Religion und Kunst«, sowie die Notwendigkeit derselben schreibt die Philosophin Jeanne Hersch in: Die Illusion. Der Weg der Philosophie. München: Lehnen Verlag 1956.
  4. Als eine antike Quelle für die klassische Definition von »Wissen« gilt Platons Dialog Theaitetos, obwohl Sokrates als literarische Figur in dem Dialog gerade gegen diese Auffassung argumentiert, vgl. Platon, Theaitetos, 210a.
  5. Vgl. Edmund Gettier: Is Justified True Belief Knowledge?, 1963.
  6. Vgl. Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 719.

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