Das Unbehagen der Geschlechter · Butler

In diesem Fachbeitrag 🎓 geht es um Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler. Zunächst werden – entlang des Vorworts – wichtige Begriffe, Motive und Themen erklärt, die ihrem Werk zugrunde liegen. Danach gibt es eine Zusammenfassung aller drei Kapitel, aus der hervorgehen soll, worin Aufgabe und Ziel von Butlers Werk bestehen. | Lesedauer: ca. 19 Min.

Hinweis: Auf YouTube ist dieser Beitrag als Video verfügbar.

Über Judith Butler

Im Jahr 1990 veröffentlichte Judith Butler ihr (nach ihrer Dissertation) erstes und bis heute bekanntestes Buch:  Das Unbehagen der Geschlechter. Der Originaltitel – Gender Trouble – setzt sich zusammen aus dem Unbehagen (trouble) über das Wesen der Geschlechtsidentität (gender). Die Geschlechtsidentität bezeichnet, kurz gesagt, Aspekte der erlebten Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Das heißt: ob ich mich in meiner Identität zum Beispiel eher als Frau oder Mann fühle. Das sind zwei etablierte Geschlechter-Kategorien, festgemacht an körperlichen Merkmalen.

Der Gender-Begriff ist jedoch recht jung. Dass er nicht fest bestimmt ist, vermutet Butler, sei für manche Grund zur Sorge. Die feministische Sache könne infolge der Unbestimmtheit eines solchen Kernbegriffs scheitern. Dieses bange Gefühl will Butler in Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble auflösen. Es gelingt ihr mit bedingtem Erfolg. Das Werk wurde bereits kurz nach dem Erscheinen, gerade in feministischen Kreisen und der Geschlechterforschung (Gender Studies), kontrovers diskutiert.

Tipp: Hier geht’s zu einem Beitrag über das biologische und das soziale Geschlecht.

Kernthese aus Gender Trouble

Der Grund für die Kontroverse liegt vor allem in der These, dass neben dem sozialen Geschlecht (engl. gender) auch das körperliche Geschlecht (sex) diskursiv geformt wird. Und zwar durch performative Sprechakte (dazu gleich mehr). Dass die Natur somit Ergebnis kultureller Erkenntnisse sei, statt diesen vorausgehend, das ist die Prämisse von Butler, die den Zugang zu Gender Trouble für manche Menschen erschwert.

Die Annahme, dass Körper durch Diskurse und besagte performative Sprechakte konfiguriert werden, bedeutet jedoch nicht, dass Körper als materielle Realitäten vollständig auf Diskurse zurückführbar sind; lediglich, dass es keine von der symbolischen Ordnung unberührte körperliche Materialität gibt. Diskursive Praktiken und körperliche Materialität verbinden sich als unauflösliche Einheit, deren Voraussetzung Diskurse als Apriori körperlicher Materialität bilden. Diskurse werden zur Bedingung des (historischen und sozialen) Erscheinens von Körpern.

Bublitz: Judith Butler zur Einführung, S. 41

Das sei »das ganze Geheimnis der Rede von der Materialisierung von Diskursen«, schreibt Hannelore Bublitz in Judith Butler zur Einführung. Dieses Werk wird im Folgenden noch öfter zurate gezogen. Alle Seitenangaben aus Das Unbehagen der Geschlechter beziehen sich übrigens auf die Ausgabe des Suhrkamp Verlages aus dem Jahr 2018 (19. Auflage). Die englische Original-Fassung des Werks ist auf der Website der Mexikanerin Laura González Flores als PDF verfügbar.

Zum Literaturverzeichnis.

Ehe es eine Übersicht zum Werk Das Unbehagen der Geschlechter und den davon ausgehenden Kontroversen gibt, beleuchten wir mal Butlers Background. Wer ist Judith Butler eigentlich?

Aufwachsen mit Hollywood-Normen

In der Arte-Doku Judith Butler, Philosophin der Gender (2006) sinniert die Autorin über den Ursprung von Das Unbehagen der Geschlechter. Dabei geht es um ihre jüdische Familie und deren Assimilation in Amerika.

Butler kam 1956 in Cleveland, Ohio zur Welt. Als Mädchen besuchte sie eine jüdische Schule und erlernte dort die hebräische Sprache. Ähnlich wie Hannah Arendt laß Butler bereits mit 14 Jahren philosophische Schriften. Etwa von Baruch de Spinoza oder John Locke. Die Familie ihrer Mutter besaß später einige Kinos in Cleveland. Wie viele Jüdinnen waren sie in diese neue Industrie eingestiegen, die im 20. Jahrhundert boomte. 📽

Für die Generation amerikanischer Juden, die mich aufzog, bedeutete Assimilation offenbar, dass man sich den Geschlechter-Rollen aus Hollywood-Filmen anpasste. So wurde meine Großmutter zu Helen Hayes, […] mein Großvater war so etwas wie Clark Gable […]. / In den späten 60ern und frühen 70ern, als ich versuchte, mit der Verteilung der Geschlechter-Rollen klarzukommen, war ich mit diesen übertriebenen Rollenerwartungen konfrontiert. […]

Vielleicht ist die Theorie von Das Unbehagen der Geschlechter aus meinem Versuch entstanden zu verstehen, wie meine Familie diese Hollywood-Normen verkörpert hat. Und dann auch wieder nicht. Sie versuchten sie zwar zu verkörpern, aber in gewisser Hinsicht war es ihnen gar nicht möglich. / Meine Schlussfolgerung war, dass jeder, der sich bemüht, diese Normen zu verkörpern, auf eine Weise daran scheitert, die viel interessanter ist, als ein Erfolg es sein könnte.

Judith Butler in der Arte-Doku

Gender als Tätigkeit

Das Unbehagen der Geschlechter sei eine Schrift, so Butler, in der es darum geht, wie wir als Gesellschaft gewisse Geschlechter-Normen konstruieren. In dieser Schrift wird die Geschlechts-Identität (gender) als eine Tätigkeit beschrieben. Demzufolge stellen wir etwas dar, handeln in einer bestimmten Weise, sind ständig im Werden begriffen. Darüber definieren wir unsere Identität. Es geht um die Frage, auf welche Arten wir unsere Geschlechter-Rollen erschaffen? Und was können wir damit anstellen? Im Folgenden steht zunächst das Vorwort zu Gender Trouble im Fokus.

Was ist Feminismus? · Definition

Der Begriff Feminismus umfasst soziale Bewegungen mit dem Ziel, Frauen zu gleichberechtigten, selbstbestimmten Mitgliedern von traditionell patriarchalen (von Männern dominierten) Gesellschaften zu machen. Diese patriarchalen Strukturen wurden über Jahrtausende gefestigt und lassen sie sich nicht allein mit Demonstrationen oder Reden wegwischen. Der Wandel erfordert Arbeit und Aufmerksamkeit, zumal ein kollektives Bewusstsein für das Problem erst einige Dekaden zurückreicht.

All diejenigen, die von der Idee überzeugt sind, dass Menschen unabhängig von ihrem körperlichen und sozialen Geschlecht in unserer Gesellschaft gleichermaßen gerecht behandelt werden sollten, vertreten damit einen feministischen Standpunkt. Jede Person also, die das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland anerkennt.

Vorwort von Gender Trouble

Die Philosophin Judith Butler sieht im Unbehagen (trouble) über den vagen Begriff der Geschlechts-Identität kein Problem für den Feminismus. Im Gegenteil: »trouble« sei, egal in welchem Zusammenhang, unausweichlich. Butler schreibt über ihre »erste kritische Einsicht in die subtile List der Macht« als noch junge Denkerin.

Das herrschende Gesetz drohte, einem »Ärger [trouble] zu machen«, einen »in Schwierigkeiten [trouble] zu bringen«, nur damit man keine »Unruhe [trouble] stiftete«

S. 7

Die Aufgabe sei herauszufinden, was der beste Weg ist, in »trouble« zu sein.

Die Illusion männlicher Autonomie

Eine bestimmte Schwierigkeit für eine Frau in einer von Männern dominierten Kultur bestehe darin, für Männer eine Art »weibliches Mysterium« zu sein. So gibt Butler einen Gedanken der Philosophin Simone de Beauvoir wieder. Bekannt ist Beauvoir zum Beispiel für die Zeile: »Man kommt nicht als Frau zur Welt. Man wird es.«1 Auch bei ihrem Lebensgefährten Jean-Paul Sartre findet sich die Vorstellung vom »weiblichen Mysterium«. Sartre setze jedes Begehren als heterosexuell und männlich bestimmt voraus, stellt Butler fest.

Dieses Begehren werde jedoch gestört, wenn das Objekt der Begierde (die Frau) den Spieß umdreht. Das geschieht durch ihre bloße Aktivität. Etwa durch Erwidern eines Blickes. Damit kann die Autorität zwischen den sich Sehenden schon die Seiten wechseln. Diese Abhängigkeit im Subjekt-Objekt-Verhältnis entlarvt die männliche Autonomie gegenüber des weiblichen »Anderen« als Illusion.

Tipp: Hier geht’s zu einem Beitrag über Iris Marion Youngs Essay Werfen wie ein Mädchen (1993). (Link folgt)

Das Wesen der Macht

Macht umfasst indes mehr als das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt. Für Butler offenbart sich Macht im Schaffen eines »binären Rahmens, der das Denken über die Geschlechtsidentitäten bestimmt«. Binär, das heißt: zweiteilig. Gemeint ist damit die Vorstellung, es gäbe in Fragen der Geschlechtsidentität nur zwei Antworten: Mann und Frau.

[…] diese Differenz, die als Machtapparat operiert, ist von der ständigen Schwierigkeit gekennzeichnet, »zu bestimmen, wo das Biologische, das Psychische, das Diskursive, das Soziale anfangen und aufhören«, ein Problem, das streng genommen nicht eindeutig gelöst werden kann, denn die Geschlechterdifferenz hat, so nimmt Butler an, »psychische, somatische und soziale Dimensionen, die sich niemals gänzlich ineinander überführen lassen, die aber deshalb nicht endgültig voneinander abgesetzt sind«.

Hannelore Bublitz: Judith Butler zur Einführung, S. 77

Die Beschränkung auf die Kategorien »Männer« und »Frauen« beschert soweit kein Unbehagen. Zumindest solange jeder Mensch sich innerhalb dessen befindet, was Butler die »heterosexuelle Matrix« nennt. Sie schreibt (S. 219):

Der Begriff heterosexuelle Matrix steht in diesem Text für das Raster der kulturellen Intelligibilität [die Fähigkeit, Zusammenhänge nur durch den Intellekt zu erfassen, ohne sinnliche Wahrnehmung], durch das die Körper, Geschlechtsidentitäten und Begehren naturalisiert werden. Ich stützte mich auf Monique Wittigs Begriff des »heterosexuellen Vertrags«, und weniger stark auf Adrienne Richs Begriff der »Zwangsheterosexualität«.

Die heterosexuelle Matrix

Mit der »heterosexuellen Matrix« meint Butler eine Welt, in der davon ausgegangen wird, dass es zwei Geschlechtsidentitäten gibt (Frauen, Männer). Dazu passend existieren zwei körperliche Geschlechter (weiblich, männlich), die einander natürlich begehren. Aus dieser Weltsicht ergibt sich folglich die Zwangsheterosexualität. Das heißt: die normative (»so soll es sein«) Kombination von Frauen und Männern als Geschlechtspartner*innen. Im Vorwort zu Das Unbehagen der Geschlechter fragt Butler:

Wie kann man am besten die Geschlechter-Kategorien stören, die die Geschlechter-Hierarchie (gender hierarchy) und die Zwangsheterosexualität stützen?

S. 8

Female Trouble

An dieser Stelle kommt Butler in Das Unbehagen der Geschlechter auf den Begriff »female trouble« zu sprechen. Das ist im Englischen eine umgangssprachliche Beschönigung »weiblicher Unpässlichkeiten« (was wiederum eine deutschsprachige Beschönigung ist). Gemeint sind etwaige Phänomene, die mit Menstruation bzw. gynäkologischen Untersuchungen einhergehen können – oder andere intime Körper-Angelegenheiten, die je nach Situation gerade nicht beim Namen genannt werden wollen oder sollen. Daher, in aller Diskretion: »female trouble«. Dass in diesem Begriff die Vorstellung mitschwingt, dass »weiblich sein« an sich eine Art Unpässlichkeit ist, das macht deutlich, wie durch den Gebrauch bestimmter Floskeln solche Vorstellungen tradiert werden.

Female Trouble (1974) ist überdies auch der Titel eines Films von John Waters. Damit will Butler eine Angriffsfläche vermeintlich in Stein gemeißelter Geschlechtsidentitäten aufzeigen. Sowohl in Female Trouble als auch in Hairspray (1988) – unter anderem – tritt der Schauspieler Harris Glenn Milstead als Mann und als Frau in Erscheinung. Frauenrollen nehmen dabei stets den größeren Teil ein. Besser bekannt ist Milstead als Divine, die berühmteste Drag-Queen der 70er und 80er Jahre. Divines Spiel mit Geschlechtsidentitäten lassen diese als schieren Akt der Nachahmung erscheinen, die als real wahrgenommen wird. Sieh’ dir nur ein paar Filme mit Divine an und entscheide dann, ob die Person hinter den mal männlichen, mal weiblichen, meist schrillen Figuren nun »eine Frau« oder »ein Mann« ist.

Tipp: Um einen Jungen, der sich gerne in Frauenkleidern zeigt und damit sehr erfolgreich wurde, geht es auch in Der Junge muss an die frische Luft (2018). (Link folgt)

Die Destabilisierung des Diskurses

Butler bemerkt in Das Unbehagen der Geschlechter, dass Divine durch seine Auftritt unsere Unterscheidungen von natürlich/künstlich, Tiefe/Oberfläche, Innen/Außen destabilisiert. Über diese Unterscheidungen funktioniere jedoch meist der Diskurs über die Geschlechtsidentitäten. Durch die Destabilisierung werde also dieser Diskurs selbst erschüttert. Könnte es etwa sein, dass »männlich sein« oder »weiblich sein« keine »natürliche Tatsache« ist, sondern eine kulturelle Performanz? Damit ist nicht etwa eine rein schauspielerische Leistung gemeint. Stattdessen geht es um ein bestimmtes Verhalten, das an den Tag gelegt wird. Kurzum: Eine Kultur, die wir betreiben (Kultur1 – siehe: Was ist Kultur?) Ohnehin, was ist schon natürlich? Butler fragt im Vorwort (S. 9):

Wird die »Natürlichkeit« durch diskursiv eingeschränkte performative Akte konstituiert, die den Körper durch die und in den Kategorien des Geschlechts (sex) hervorbringen?

Der performative Akt

Ein performativer Akt ist eine Sprachhandlung. Das heißt: eine Handlung, die durch das Sprechen selbst geschieht. Zum Beispiel: »Hiermit ernenne ich euch zu rechtmäßigen Eheleuten.« Durch die gesprochenen Worte wird der Akt vollzogen, infolgedessen gilt das Paar als verheiratet. Mit »diskursiv eingeschränkt« meint Butler, dass solche performativen Akte nur innerhalb der Schranken dessen möglich sind, was wir im Diskurs (unserer fortwährenden Erörterung der Dinge) erschlossen haben. Wenn unser Diskurs nur zwei Kategorien des Geschlechts hervorgebracht hat, neigen wir dazu, diese Kategorien für »natürlich« zu erklären. Das tun wir durch performative Akte, also ständig wiederholte Sprachhandlungen.

Einen performativen Akt vollzieht zum Beispiel…

…die Pastorin, die da sagt: »Hiermit taufe ich dich Eva.« Infolge ihrer gesprochenen Worte wird der Akt der Taufe (samt rituellem Drumherum) vollzogen. Das Kind trägt fortan einen Namen. Dieser ist mit reichlich Bedeutung aufgeladen, in allerlei Sprachen und Kontexten. Vor allem aber ist dieser Name weiblich konnotiert.

…die Hebamme, die da sagt: »Es ist ein Mädchen.« Infolge ihrer gesprochenen Worte wird das augenscheinlich weibliche Kind aufgrund eines primären körperlichen Geschlechtsmerkmals der Kategorie »Mädchen/Frau« zugeordnet. Dieser Kategorie haften etliche Bedeutungen und gesellschaftliche Vorstellungen an. Dazu gehört eine Geschlechtsidentität. (In der heterosexuellen Matrix gehen wir davon aus, dass dieses Kind später einen Menschen männlichen Geschlechts begehren wird, einen »Jungen/Mann«.)

Das, was als »natürlich« gilt, ist in homosexuellen Kulturkreisen ein beliebter Stoff für Parodien. Ziel sei, so Butler in Das Unbehagen der Geschlechter, die Entlarvung vermeintlich »ursprünglicher« oder »wahrer« Geschlechter als reine Konstruktion, die wir durch performative Sprechakte tradieren.

Damit stellt sich die Frage, welche anderen grundlegenden Kategorien […] als Produktionen dargestellt werden können, die den Effekt des Natürlichen, des Ursprünglichen und Unvermeidlichen erzeugen.

S. 9

Die Enthüllung der Effekte

Um die Kategorien des Geschlechts, der Geschlechtsidentitäten und des Begehrens als solche Effekte kenntlich zu machen, bedarf es einer genealogischen Kritik. Eine solche »richtet das Wissen um die Gewordenheit eines Objekts gegen dieses, um es durch einen Hinweis auf seinen Ursprung zu kompromittieren« (Quelle: Information Philosophie). Der hinterfragende Ansatz müsse lauten: Welche politischen Einsätze sind davon abhängig, dass die bekannten Identitätskategorien als Ursprung oder Ursache gelten, statt als Effekte »von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen« vielfältigen, undurchschaubaren Ursprungs?

Aufgabe und Ziel von Gender Trouble

Damit kommen wir zur Aufgabe, die Butler erfüllen möchte. Das Unbehagen der Geschlechter soll den Fokus auf die Effekte prägenden Institutionen richten. Namentlich auf die Zwangsheterosexualität und den Phallogozentrismus. Diesem zufolge wird Weiblichkeit aus rein männlicher Perspektive betrachtet und definiert. Beide Institutionen, so Butler, müssen dezentriert werden. Wie sich das erreichen lassen könnte, darauf kommen wir zum Abschluss dieses Beitrags zurück.

Die Begriffe »weiblich« und »Frau« sind in ihrer Bedeutung längst verworren. Sie existieren zudem nur in Relation zu »männlich«, »Mann«. Butler geht es nicht darum, die Frage der primären Identität zu klären. Stattdessen geht es um die politischen Möglichkeiten, die sich im Hier und Jetzt ergeben, wenn wir die bestehenden Identitätskategorien einer Kritik unterziehen. Butler fragt (S. 10):

Welche neue Form von Politik zeichnet sich ab, wenn der Diskurs über die feministische Politik nicht länger von der Identität [als »Frau«] als gemeinsamen Grund eingeschränkt wird?

Der Versuch, feministische Politik auf einer solchen gemeinsamen Identität zu begründen, könne eine Behinderung sein. Er schließe womöglich »die Erforschung der politischen Konstruktion und Regulierung der Identität selbst aus«. Mit dieser Mahnung geht Butler im Vorwort von ihrer Einleitung in die Erläuterung der Struktur ihrer Schrift Das Unbehagen der Geschlechter über.

Damit widmen auch wir uns nun einer Zusammenfassung der einzelnen Kapitel von Butlers Werk. Im Rahmen dessen wiederholt sich stellenweise die kurze Erläuterung wichtiger Fachbegriffe.

Kapitel 1 von Gender Trouble

Titel: Die Subjekte von Geschlecht / Geschlechtsidentität / Begehren

Das erste Kapitel handelt von »Frauen« als Subjekte des Feminismus und der Unterscheidung zwischen körperlichem Geschlecht (sex) und Geschlechtsidentität (gender). Zwei zentrale Begriffe dieses Kapitels sind die »Zwangsheterosexualität« (die gesellschaftliche Fixierung auf heterosexuelle Lebensweisen) sowie der »Phallogozentrismus« (demnach viele Festlegungen dessen, was in der Gesellschaft als »weiblich« gilt, von Männern ausgehen). Ist zum Beispiel die »Frau« nur eine sprachlich konstruierte Geschlechter-Kategorie und die Sprache selbst phallogozentrisch? So sieht es die Psychoanalytikerin Luce Irigaray.

Luce Irigarays grundlegendes Argument ist, dass Philosophie seit Platon – und sogar schon vor diesem – auf der Idee eines singulären, operierenden Subjekts beruht, das seine Umwelt betrachtet und zu verstehen versucht – als einzelnes Subjekt; und dass darin die Auslöschung von Unterschieden begründet liegt, und des Weiblichen.

Isabelly Hamley, in: Luce Irigaray by Isabelle Hamley (YouTube, 02:40)

Tipp: Um die Philosophie Platons (mit Blick auf Platons Frauenbild, jedoch ohne Fokus auf dem Aspekt der Subjektivität) geht es unter anderem im Beitrag über Platons Dialoge.

Butler über Wittig

Neben Luce Irigaray kommt Butler in Kapitel 1 auf die Schriftstellerin Monique Wittig zu sprechen. Diese stellte die These auf, dass »das Weibliche« das einzige Geschlecht sei, das in einer Sprache repräsentiert wird, die das Weibliche mit dem Sexuellen verknüpft. Wittig ist der Ansicht, dass nur die leiblichen Personen, die keine heterosexuellen Beziehungen im Rahmen der Familie (mit dem Zweck der Fortpflanzung als dem »Telos«, also Ziel der Sexualität) unterhalten, die Kategorien des Geschlechts anfechten oder zumindest in keiner Komplizenschaft stehen. Butler schreibt über Wittig (S. 188f.):

In Erwiderung auf Beauvoirs These »Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es«, stellt Wittig die Behauptung auf, daß man, anstatt eine Frau zu werden, eine Lesbierin werden kann. Indem sie die Kategorie »Frau(en)« zurückweist, schneidet Wittigs lesbischer Feminismus scheinbar jede Art von Solidarität mit den heterosexuellen Frauen ab […]. 

Was für ein tragischer Fehler ist es […], eine schwule/lesbische Identität durch dieselben Mittel der Ausschließung zu konstruieren, als würde das Ausgeschlossene nicht gerade durch seine Ausschließung stets vorausgesetzt und damit sogar für Konstruktion dieser Identität erfordert.

Die Zone der Unbewohnbarkeit

Jede Matrix, der eine Binarität zugrunde liegt (ob weiblich/männlich, lesbisch/schwul), verwirft diejenigen Subjekte, die sich in dieser Matrix nicht unterbringen lassen. Die verworfenen Subjekte werden zum »Anderen«, durch dessen Ausschließung sich die Subjekte innerhalb der Matrix konstituieren.

Das Verworfene [the abject] bezeichnet hier genau jene »nicht-lebbaren« und »unbewohnbaren« Zonen des sozialen Lebens, die dennoch dicht bevölkert sind von denjenigen, die nicht den Status des Subjekts genießen, deren Leben im Zeichen des »Nicht-Lebbaren« jedoch benötigt wird, um den Bereich des Subjekts einzugrenzen. Diese Zone der Unbewohnbarkeit wird die definitorische Grenze für den Bereich des Subjekts abgeben.

Judith Butler, in: Körper von Gewicht, S. 23

Fragen, die in diesem Kapitel zu erörtern sind:

  • Wie bringt Sprache selbst die fiktive Konstruktion des »Geschlechts« hervor, die diese verschiedenen Macht-Regime (Zwangsheterosexualität, Phallogozentrismus, in denen sich gesellschaftliche Macht bündelt) trägt?
  • Welche Kontinuitäten zwischen Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und Begehren suggeriert eine Sprache unterstellter Heterosexualität? Sind diese Begriffe diskret, also in ihrer jeweiligen Bedeutung gar nicht stetig fest und eindeutig bestimmt?
  • Wenn Geschlecht, Geschlechtsidentität und Begehren nicht fest bestimmt sind, welche kulturellen Verfahren bringen ihre angeblichen Beziehungen ins Wanken?

Kapitel 2 von Gender Trouble

Titel: Das Verbot, die Psychoanalyse und die Produktion der heterosexuellen Matrix

Das zweite Kapitel behandelt unter anderem das Inzesttabu. Dieses untersagt in fast allen Kulturen sexuelle Beziehungen zwischen Blutsverwandten. Das Verbot kann als ein Mechanismus dargestellt werden, der innerhalb eines heterosexuellen Rahmens versucht, bestimmte Geschlechtsidentitäten (gender identities) zu erzwingen. So lässt es sich in strukturalistischen, psychoanalytischen und feministischen Schriften darstellen, drei Perspektiven, die Butler hier vorgestellt.

Sie unterzieht das Inzesttabu einer Kritik vermittels der Repressionshypothese von Michel Foucault. Die Repressionshypothese besagt, dass Macht repressiv individuelle Triebregungen und -äußerungen zurückdränge. Im Fall des Inzesttabus besteht die Repression in einem Verbot inzestuöser Handlungen. Damit wird aber (indirekt) die Zwangsheterosexualität in der männlich bestimmten Sexualökonomie bestärkt. Gleichzeitig eröffnet das Inzesttabu eben diese Sexualökonomie jedoch auch für Kritik.

Des weiteren werden im zweiten Kapitel die Begriffe »Identität«, »Identifizierung« und »Maskerade« analysiert. Und zwar sowohl im Werk der Psychoanalytikerin Joan Riviere als auch in anderen Theorien der Psychoanalytik. 

Fragen, die in diesem Kapitel zu erörtern sind:

  • Können psychoanalytische Theorien für eine Darstellung der komplexen geschlechtlich bestimmten »Identitäten« angewendet werden?
  • Handelt es sich bei der Psychoanalyse um eine anti-fundamentalistische Theorie, die sexuelle Vielschichtigkeit bejaht, womit die hierarchischen sexuellen Codes unserer Gesellschaft de-reguliert werden?
  • Oder arbeitet die Psychoanalyse eben zugunsten dieser Hierarchien, indem sie einen Komplex von Voraussetzungen über Identitätsgrundlagen aufrechterhält?

Kapitel 3 von Gender Trouble

Titel: Subversive Körperakte

Das dritte Kapitel von Das Unbehagen der Geschlechter unterzieht die Konstruktion des mütterlichen Körpers bei der Psychoanalytikerin Julia Kristeva einer Kritik. Butler verweist auf die impliziten Normen, die Kristevas Ausführungen zu Geschlecht und Sexualität zugrunde liegen. Ein Beispiel von Butlers Beobachtungen (S. 230):

Scheinbar akzeptiert Kristeva […] den Begriff einer primären Aggression und unterscheidet die Geschlechter je nach dem primären Objekt der Aggression […]. Daher versteht Kristeva die männliche Position als nach außen gerichteten Sadismus, während die weibliche Position ein nach innen gerichteter Masochismus ist.

Michel Foucault und Herculine Barbin

Für diese Kritik zieht Butler wieder den Philosophen Michel Foucault heran. Jedoch nicht, ohne auch Kritik an diesem zu formulieren. Butler weist auf Widersprüche in seinem Werk hin. Sie unterstellt Foucault eine »radikale Fehllektüre« der Tagebücher des intersexuellen Herculine Barbin. Tagebücher, die Foucault entdeckte und veröffentlichte. Sowohl Foucault als auch Barbin vertraten laut Butler die Ansicht, dass Sexualität »außerhalb jeglicher Konvention« stehe. Butlers Meinung nach hingegen sei die Sexualität »gerade von diesen Konventionen geprägt«. Foucaults Lesart von Barbins Tagebüchern verkenne…

…wie diese Lüste immer schon in das zwar unausgesprochene, aber durchgängig wirksame Gesetz eingelassen sind und gerade durch das Gesetz erzeugt werden, dem sie sich angeblich widersetzen. […]

Foucault, der nur ein einziges Interview zur Homosexualität gab und sich dem Moment der Beichte in seinem eigenen Werk stets widersetzt hat, präsentiert uns Herculines Geständnis in einer unverhohlen didaktischen Art und Weise. Handelt es sich hier vielleicht um eine verschobene Beichte, die auf eine Kontinuität oder Parallele zwischen seinem und ihrem Leben verweist?

S. 148, 152f.

Aller Kritik zum Trotz erweist sich Foucaults Auseinandersetzung mit der Kategorie des Sexus (die differenzierte Ausprägung eines Lebewesens bezüglich seiner Rolle bei der Fortpflanzung) als hilfreich, um zu Butlers Zeiten aktuelle, medizinische Fiktionen als solche zu entlarven.

Außerdem thematisiert Butler Wittigs Vorschlag einer »Desintegration« kulturell konstituierter Körper, deren Morphologie selbst eine »Folgeerscheinung des hegemonialen Begriffsschemas« sei. Mit Rückgriff auf Mary Douglas und nochmals Kristeva schreibt Butler hier auch über die Begrenzung und Oberfläche von Körpern als politische Konstruktion.

Umsetzung von Aufgabe und Ziel

Zuletzt schlägt Butler schließlich einige parodistische Praktiken vor, die auf einer performativen Theorie der Geschlechter-Akte (gender acts) beruhen. Akte, welche die Kategorien des Körpers und Geschlechts, der Geschlechtsidentität und Sexualität ins Wanken bringen. Ziel ist es – wie erwähnt – diese Kategorien zu resignifizieren (das heißt: neu zu bezeichnen) und somit eine Vervielfältigung innerhalb des binären Rahmens herbeizuführen.

Die Aufgabe [von Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble] ist, sich auf solche definierenden Institutionen: den Phallogozentrismus und die Zwangsheterosexualität zu zentrieren – und sie zu dezentrieren.

Vorwort, S. 9

Pressespiegel zum Buch

Auf Das Unbehagen der Geschlechter wird übrigens auch 30 Jahre nach der Veröffentlichung noch regelmäßig Bezug genommen. Judith Butler und ihr Hauptwerk sind damals wie heute hochumstritten, was sich in der Berichterstattung entsprechend widerspiegelt. In diesem Sinne, nachfolgend einige Beispiele für Bezugnahmen auf Butler und Gender Trouble aus dem Jahr 2019:

Fußnoten

  1. Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht, S. 334.

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