Der Sinn des menschlichen Lebens · Arendt

In diesem Fachbeitrag geht es um den Sinn des menschlichen Lebens nach Hannah Arendt. Um dort hinzukommen, erörtern wir erstmal das Hauptmerkmal des menschlichen Lebens – also das, was ein Leben als menschlich auszeichnet. Dazu klären wir den Unterschied zwischen dem Leben allgemein und einem einzelnen Leben, sowie zwischen der Geschichte und einer Geschichte. Welche Rolle Geschichten für das menschliche Dasein spielen, das ist das zentrale Thema heute. Am Ende gibt’s eine klare Antwort auf die titelgebende Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens. | Lesezeit: 7 Min.

Info: Das hier ist der zweite Teil eines Exkurses über Hannah Arendt. Infos zur Denkerin selbst gibt’s im vorherigen Beitrag über ihr Werk Vita activa. Die darin behandelten Tätigkeiten des menschlichen Lebens bilden auch die Grundlage für die nächsten Minuten.

Es war einmal… das Leben

Das Leben ist ein Kreislauf von Verzehr und Wiederkehr. Schau dich um, in der Natur, die aus abgestorbenem Zeugs ständig neues Leben wachsen lässt. Da kann der Tod nichts machen. »Das Leben findet immer einen Weg«, wie’s in dem berühmten Dino-Film so schön heißt. Insofern ist das Leben allgemein ein ewiger Prozess – zumindest einer, dessen Ende wir nicht miterleben werden. Und das liegt an der zweiten Bedeutungsebene von »Leben«, neben dem Leben allgemein. Gemeint ist: ein Leben. Ein solches Leben ist eine Zeitspanne von Geburt bis Tod, eingebunden in den ewigen Kreislauf des Lebens allgemein und sich doch davon abhebend – als eine lineare Folge von Ereignissen. Arendt bringt die Unterscheidung des »menschlichen Lebens« vom biologischen Leben in einem etwas längeren Satz auf den Punkt:

Das Hauptmerkmal des menschlichen Lebens […], besteht darin, daß es selbst aus Ereignissen sich gleichsam zusammensetzt, die am Ende als eine Geschichte erzählt werden können, die Lebensgeschichte, die jedem menschlichen Leben zukommen, und die, wenn sie aufgezeichnet, also in eine Bio-graphie verdinglicht wird, als ein Weltding weiter bestehen kann.

Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 116.

Mit einem frühen Werk, ihrem Buch über Rahel Varnhagen, legt Arendt ein Beispiel für ein als Biographie »verdinglichtes Leben« vor und damit gleichsam einen Grundstein für ihre spätere Bestimmung des »spezifisch Menschlichen« eines Lebens.

Aller Anfang ist Handeln

Das Verhältnis zwischen dem biologischen Leben als Kreislauf und den Grundtätigkeiten, die Arendt beschreibt, zeigt das Zustandekommen eines menschlichen Lebens als Geschichte. So ist die Tätigkeit des Arbeitens verstrickt »in unendlicher Wiederholung in dem immer wiederkehrenden Kreise«. Arbeiten hat nur insofern Anfang und Ende, als das taktgebende Leben eines jeden Organismus zur Welt kommt und sie wieder verlässt. Die Tätigkeit des Herstellens findet wiederum ein Ende in der Fertigstellung eines Gegenstandes, der »nun als fertiges Ding der vorhandenen Dingwelt eingefügt werden kann«.1 Was macht nun die Tätigkeit des Handelns (und des Sprechens, wie Arendt oft mitsagt und -meint) so bedeutsam fürs menschliche Leben?

Handeln und Sprechen sind »unproduktiv« in dinglicher Hinsicht – und »so flüchtig wie das Leben selbst«.2 Das Besondere liegt darin, wie die Philosophin Julia Kristeva schreibt, dass »sich in der Handlung als Fähigkeit zum Beginnen die conditio humana der Individuierung aktualisiert.«3 Mit der conditio humana sind in der Philosophie die Umstände des Menschseins gemeint. Dieses Menschsein verwirklicht sich erst durch unsere Handlungsfähigkeit, mit der wir, ob wir wollen oder nicht, immer einen Anfang setzen.

Wir sind Geschichte(n)

Jedes Handeln geschieht im »Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten«, das »allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus[geht]«. Dieses Bezugsgewebe ist das, was wir Geschichte (history) nennen. Sinngemäß geflochten aus individuellen Geschichten (stories) als »Lebensfäden«, die sich je als Neuanfang »in ein bereits vorgewebtes Muster«4 schlagen, soll dieses Bild nicht als ein bewusster Vorgang verstanden werden. Die Geschichte hat keinen Webmeister, schreibt Arendt, denn sie sei nicht gemacht.5 Arendt betont, das nicht die Realisierung von Zielen das »ursprünglichste Produkt des Handelns« sei, sondern die »gar nicht intendierten Geschichten, die sich ergeben, wenn bestimmte Ziele verfolgt werden, und die sich für den Handelnden […] wie nebensächliche Nebenprodukte seines Tuns darstellen mögen.«6 Demnach ist der Mensch geradezu verhängnisvoll in Geschichte und Geschichten verstrickt.

Das Hauptmerkmal des menschlichen Lebens

Die Unvorhersehbarkeit ist für Arendt das, was unsere Freiheit ausmacht. Denn wenn Absicht und Ausführung einer Handlung immer deckungsgleich wären, gäbe es Handlungsfreiheit nicht. Die Handlung wäre Sklavin des Willens und wie es mit dessen Freiheit aussieht, das steht in Zeiten immenser neurologischer Forschung auf einem anderen Blatt. Für Arendt ergibt sich erst im Handeln die Möglichkeit, Mensch zu werden. Gemeint sind nicht Geschichten, die von Menschen erzählt werden und uns etwas darüber sagen, was sie sind. Etwa, dass Dalton Trumbo ein preisgekrönter Literat war, und Donald Trump ein notorischer Lügner ist. Die Geschichten, die Menschen erzählen, machen sie zu dem, was sie sind. Hier geht es um Geschichten über Menschen, denn: Wer jemand sei oder gewesen sei, so Arendt, »können wir nur erfahren, wenn wir die Geschichte hören, deren Held er selbst ist, also seine Biographie.«7

Lebensgeschichten zur Orientierung

Arendts lebhaftes Interesse an europäischer Literatur schlägt sich in Beiträgen über die »Begründerin des Neuen Romans«, Nathalie Sarraute8 nieder, sowie über Broch, Kafka, Gilbert und viele mehr – und auch im eigenen Werk. Zitat der Literaturwissenschaftlerin Helgard Mahrdt: »Arendts Denken ist durchwebt von literarischen Einsprengseln, Bezügen, zitierten Gedichten, literarischen Modi.« Dahinter lässt eine übergeordnete Bedeutung vermuten.

Arendt sei überzeugt gewesen, schreibt Mahrdt, »dass unser Denken nach dem Traditionsbruch Beispiele, exemplarische (Lebens-)Geschichten braucht, die uns helfen uns in unserer Welt zu orientieren«, zur Schärfung der Urteilskraft und Humanität.9 Hier findet sich eine Quelle, »aus der sich in der Menschenwelt selbst ein Sinn formiert, der als Sinnhaftigkeit das menschliche Treiben zu erhellen […] vermag«10 – das schreibt Kristeva über das Hervorbringen von Geschichten und die sich darin enthüllenden Personen als spezifisch menschliche Protagonist*innen.

Der Sinn des Lebens

Hast du dich je gefragt, was der Sinn des Lebens sei? Dann hast du jetzt zwei Antworten darauf, gemäß den zwei Bedeutungsebenen von »Leben«.

Da ist das biologische Leben, das ewige Kreuchen und Fleuchen auf diesem Planeten – und vielleicht auf ein paar weiteren im Universum, das sich immer weiter ausdehnt, bis es irgendwann in sich zusammenfällt und dem Leben allgemein ein Ende bereitet. Bis dahin liegt der Sinn des Lebens eventuell einzig und allein darin, Energie zu verteilen. Das ist nur eine Theorie von vielen und eine ziemlich enttäuschende obendrein, aber hey, wer große Fragen stellt muss mit großen Enttäuschungen rechnen.

Zum Glück ist da noch das menschliche Leben, das einmalige Zur-Welt-kommen und Wandeln auf diesem Planeten. Worin liegt der Sinn eines solchen Lebens? Darauf gibt es so viele Antworten, wie es Menschen und Momente gibt und gab. Unendlich viele.

Geschichten zur Sinnstiftung

Jedes Leben ist eine Geschichte mit einer Hauptfigur. Je aktiver diese ist, desto mehr gibt es zu erzählen. Und der Sinn des Lebens – seine Bedeutung – ist das, was du selbst aus deinem Leben oder den Geschichten anderer an Sinnstiftung gewinnst. Wenn die Biografie einer Berühmtheit oder die Erzählung von Omas Nachkriegsjahren dir etwas geben, etwas bedeutet, ob als Inspiration oder Vorbildfunktion, dann ist das ein Sinn dieses Lebens – für dich. Heißt nicht, dass Menschen, die gerne die Tätigkeit der Arbeit verrichten, ob als Schuster oder Chirurgin, und Menschen, die gerne der Tätigkeit des Herstellens frönen, wie Tischlerinnen oder Filmemacher, dass solche Menschen nicht auch Handelnde sind und ein weniger sinnvolles Leben führen, als solche in der Politik oder den Schlagzeilen. Das Handeln findet nicht nur im Rampenlicht statt, sondern im alltäglichen Miteinander.

Tipp: Als Beispiel dafür, wie jedes vermeintlich »einfache« Leben den Stoff für Geschichten und Sinnstiftung bietet, empfehle ich die Biografie Das Leben meiner Mutter (1940) von Oskar Graf. 

Das Leben nach dem Tod

Gibt’s ein Leben nach dem Tod? Klar, in den Erinnerungen und Geschichten, die du in den Köpfen deiner Mitmenschen hinterlässt. Kriegst du das bewusst mit, oder anders: Wirst du selbst was davon haben? (Darum geht’s uns ja anscheinend eigentlich, wenn wir nach dem Jenseits fragen – die Fortsetzung des Ego-Trips bis in alle Ewigkeit.) Die Vorstellung, dass wir als Seelen im kollektiven Gedächtnis der Menschheit weiterleben und dort quasi himmlischer Anerkennung oder höllischer Verachtung ausgesetzt sein mögen, die erscheint jedenfalls nicht weniger wahrscheinlich, als dass wir uns nach dem Tod in sonst einer Art von Jenseits tummeln. Allein, dass wir uns dann keinem Gott gegenüber gut benehmen sollten, sondern gegenüber den Mitmenschen, die uns in Erinnerung behalten. Bleibt nur die nüchterne Gewissheit:

You have no control who lives, who dies, who tells your story.

Lin-Manuel Miranda: Hamilton

PS: Beim Schreiben dieses Beitrags musste ich oft an das Musical Hamilton denken, das die reinste Hymne auf die Idee ist, dass Leben und Geschichte miteinander verstrickt sind. Musik-Mastermind Lin-Manuel Miranda hat eine Biografie des amerikanischen Gründervaters Hamilton gelesen und inspiriert davon die Arbeit an etwas aufgenommen, das eines Tages dieses grandiose Musical werden würde. Ein schönes Beispiel für die Kraft von Geschichten, finde ich.

Fußnoten

  1. Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 116f.
  2. Ebd., S. 113.
  3. Julia Kristeva: Das weibliche Genie: Hanna Arendt, S. 128.
  4. Vgl. Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 226.
  5. Vgl. Hannah Arendt: Arbeit, Herstellen, Handeln. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Band 46, Heft 6.
  6. Vgl. Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 226.
  7. Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 231.
  8. Vgl. Hannah Arendt: Nathalie Sarraute. In: Merkur, August 1964, 18. Jahrgang, Heft 198, S. 785.
  9. Vgl. Helgard Mahrdt: »…ganz sensibel und treffbar zu bleiben…«, in: Zeitschrift für politisches Denken, Ausgabe 1, Band 2, September 2006, S. 5. (verfügbar auf www.HannahArendt.net)
  10. Julia Kristeva: Das weibliche Genie: Hanna Arendt, S. 78.

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