Der Schacht · Horror-Thriller und Corona-Madness

Als El Hoyo (deutscher Titel: Der Schacht) im September 2019 beim Toronto International Film Festival (TIFF) mit dem Publikumspreis für »Midnight Madness« (Mitternachts-Wahnsinn) ausgezeichnet wurde, da hätte es ja niemand ahnen können. Auch nicht Netflix, der Streaming-Dienstleister, der sich noch während des Festivals die Rechte an dem Film sicherte.1 Doch als Netflix das Ding am vergangenen Freitag, 20. März, veröffentlichte – da war klar: Dieser spanische Science-Fiction-Horror-Thriller ist ein bisschen Parabel auf das, was gerade weltweit abgeht. Corona Madness. | Lesezeit: 5 Min.

⭐⭐⭐⭐

Worum geht’s? · Handlung

Hinweis: Dieser Beitrag enthält keine Spoiler.

Begleitet vom Violinen-Spiel eines adrett gekleideten Musikers beginnt ein Küchenchef seinen Rundgang. Er kontrolliert die Zubereitung eines Festmahls. Aufgetischt wird nur das Feinste vom Feinsten. Doch für welchen Anlass? Das erfahren wir nicht, stattdessen: Schwarzblende. Aus der Dunkelheit ertönt eine Stimme: »Es gibt drei Arten von Leuten. Die von oben. Die von unten. Die, die fallen.« Daraufhin erwachen wir mit einem jungen Mann namens Goreng (Iván Massagué Horta) im sogenannten »Schacht« – auf Ebene 48. Eine triste Zelle mit zwei Betten.

Durch große, viereckige Öffnungen in Boden und Decke kann Goreng zu den anderen, scheinbar endlos vielen Ebenen rauf- und runtersehen. Auf jeder tummeln sich zwei Menschen. Sein eigener Zellengenosse ist ein grimmiger alter Herr namens Trimagasi (Zorion Eguileor). Gerade lernen die beiden einander widerwillig kennen – da kommt plötzlich eine riesige Betonplatte durch den Schacht hinabgefahren und hält für eine kurze Weile auf ihrer Ebene. Die Platte ist gedeckt mit jenem Festmahl vom Anfang. Oder dem, was die oberen 47 Ebenen davon übrig gelassen haben…

Trailer zu Der Schacht (OmU)

Was ist der Schacht? · Erklärung (völlig klar)

Der Schacht scheint einerseits eine Art Gefängnis zu sein. Manche Insassen jedenfalls sind nicht freiwillig hier. Andererseits scheint der Schacht der Schauplatz einer grausamen Gesellschaftsstudie zu sein. Sie erinnert an das Stanford-Prison-Experiment, von dem der deutsche Psycho-Thriller Das Experiment (2001) erzählt. Sowohl dieser Film, als auch zwei Werke des südkoreanischen Erfolgsregisseurs Bong Joon-Ho rücken ins Gedächtnis: Snowpiercer (2013) und der jüngste Oscar-Gewinner Parasite (2019). Beide sind Gleichnisse zu unserer Gesellschaft. Filmkritikerin Antje Wessels bezeichnet den Film Der Schacht gar als »Snowpiercer in der Vertikale« (Quotenmeter) und betont:

Es gibt smartere Gesellschaftsallegorien als »Der Schacht«, auch als »Snowpiercer«; zumal beide Filme ihr Anliegen zwischendrin immer mal wieder allzu deutlich ausformulieren. Aber sie machen trotzdem einen riesigen Spaß.

Das Anliegen derjenigen, die den Schacht entworfen haben und am Laufen halten, wird tatsächlich in aller Deutlichkeit erklärt: »Wenn alle nur so viel essen würden, wie sie brauchen, dann käme es bis ganz nach unten.« Das Ziel des Experiments: Spontane Solidarität zwischen den Ebenen. Doch schon beim Einchecken müsste sich dieses Ziel als schwierig zu erreichen herausgestellt haben. Denn die Insassen durften genau einen Gegenstand mit in den Schacht nehmen. Was wählten die meisten? Waffen, natürlich. Nur unser naiver Protagonist, der nimmt eine Ausgabe des spanischen Klassikers Don Quixote mit.

Für jemanden, der gerne Bücher liest, ist dieser Ort unpassend.

Die Filmfigur Imoguiri

Für wen ist Der Schacht? · Zielgruppe

Mal abgesehen davon, wie unterschiedlich die Personen sind, die im Schacht landen: Für wen eignet sich der Film? Die 94-minütige Genre-Kost ist ab 18 Jahren freigegeben und wird auch, von Ebene zu Ebene, immer blutiger und gewaltsamer. Nichts für zarte Gemüter. Auch Filmfans, die ein Werk gerne selbst entschlüsseln, werden sich bevormundet fühlen. Der Schacht ist in seinem Parabel-Dasein so simpel, dass es nicht viel zu entschlüsseln gibt. Spannend, unterhaltsam und wendungsreich ist der Thriller dennoch – und insbesondere in unserer unmittelbaren Gegenwart bedient er gewisse Ängste.

Der Schacht in Corona-Zeiten

Wenn alle nur so viel kaufen würden, wie sie brauchen, dann wäre genug für alle da. Was im Film die aufgetischten Delikatessen sind, von denen alle Insassen irgendwie leben müssen, das ist echten Leben anscheinend gerade Klopapier. Hamsterkäufe, sagte die Kanzlerin in ihrer Ansprache am Mittwoch noch, seien »letztlich vollkommen unsolidarisch«.

Gestern erst, am 22. März, verkündete Merkel weitere Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbot2 von mehr als zwei Personen. Wer die Ansprache gesehen hat, bereits isoliert in den eigenen vier Wänden hockend, und danach Der Schacht sah, mit seinen zwei Protagonisten pro Zelle, dürfte einen Schauder im Nacken gespürt haben. Natürlich gehört viel (oder: übertriebene) Fantasie dazu, das Szenario aus Der Schacht mit der Gegenwart zu vergleichen. Völlig klar. Die eigenen vier Wände sind – hoffentlich – nicht so düster, wie die Ebenen im Film, die eigenen Kontaktpersonen – hoffentlich – nicht so brutal, wie die Figuren im Film.

Fazit zum Film

Du sitzt gerade in Corona-Quarantäne und suchst Ablenkung? Vielleicht gar Aufheiterung? Dann Finger weg von Der Schacht. Dieser Horror-Thriller ist gelinde gesagt bedrückend. Als Genre-Fan wiederum kommst du voll auf deine Kosten. Jenes mitgebrachte Buch wird natürlich zweckentfremdet und besagte Waffen kommen zum Einsatz. Dass Menschen sich in Extremsituationen mit Solidarität schwertun können, das veranschaulicht Der Schacht auf brutalste Weise. Zum Glück wartet das echte Leben gerade mit genug Gegenbeispielen dafür auf, dass Menschen durchaus soziale Wesen sein wollen und können, selbst im »Zusammenhalt durch Abstand halten«. Derweil drosseln Netflix und YouTube ihre Übertragungsraten, damit vom Internet alle was haben.3 Solidarität auf sämtlichen Ebenen.

Erklärung zum Ende (Spoiler)

Die zentrale Metapher von Der Schacht (El Hoyo) ist, wie Wessels schon bemerkt, »allzu deutlich«. Das architektonische Ungetüm von tief hinabreichenden Ebenen, verbunden durch einen Schacht, steht für die kapitalistische Gesellschaft und das ihr innewohnende Dilemma: Es ist genug für alle da, doch übertriebener Konsum führt zur ungerechten Verteilung. Die Menschen auf den oberen Ebenen werden von keiner höheren Autorität dazu angehalten, mit den unteren Ebenen zu teilen. Das wiederum der Aufstieg von unten nach oben von der Willkür einzelner Menschen abhängt, die im Machtrausch kaltherzig werden, das zeigt sich in einer Szene, in der ein Protagonist versucht, mit einem Seil hochzuklettern: Baharat (Emilio Buale) scheint es fast zu schaffen – doch im letzten Moment scheißt die zunächst vermeintlich hilfsbereite Person von oben wortwörtlich auf den Mann unter ihr.

Die Botschaft nach oben

Die Plattform mit dem Festmahl, die rast in jeder Nacht, nachdem sie von Ebene zu Ebene hinabgefahren ist und leerer und leerer gefressen wurde, wieder durch den Schacht hinauf nach oben – so rasant, dass ein Aufspringen unmöglich ist.

Nun kommen Goreng und Baharat im letzten Akt auf eine Idee. Sie springen auf die Plattform mit dem Essen und wollen mit ihr hinabsteigen. Auch wenn sie selbst womöglich am Ende nicht mit hochfahren können, so wollen sie doch ein Gericht des Festmahls (eine Pannacotta) beschützen. Ihr Ziel ist, dass diese Pannacotta unberührt wieder nach oben fährt – zurück in die Küche, sozusagen. Dabei dient die Pannacotta als Botschaft einer friedlichen Protestbewegung. Die Botschaft soll »denen da oben« zeigen, dass trotz der tyrannischen Struktur im Schacht der menschliche Geist (symbolisiert durch die Pannacotta) ungebrochen bleibt.

Bei ihrem Abstieg müssen Goreng und Baharat die Pannacotta jedoch mit allen Mitteln verteidigen, gegen die immer hungrigeren Menschen, die Ebene für Ebene nach dem letzten Bissen lechzen. Je tiefer sie hinabsteigen, desto mehr Gewalt wenden die Männer an. Was als »friedliche Protestbewegung« begann, endet als Blutbad.

Das Kind ganz unten

Auf der untersten Ebene stoßen Goreng und Baharat zu ihrer Überraschung auf ein Kind. Eigentlich sollten keine Kinder unter 16 Jahren im Schacht zugelassen sein. Dass es bereits den Verdacht auf ein Kind gab, liegt an einer Frau namens Miharu (Alexandra Masangkay), der Goreng zuvor einmal begegnet war. Sie fuhr bereits mit der Plattform für einige Ebenen hinab, angeblich auf der Suche nach ihrem Kind.

Es lässt sich vermuten, dass die vermeintliche Suche des Kindes vielmehr einer Verteidigung von Lebensmitteln diente: Miharu fuhr demnach genau wie Goreng und Baharat hinab, um ein bisschen Essen bis zur letzten Ebene vor den Hungrigen zu beschützen – um damit wiederum ihr Kind zu füttern, das auf der untersten Ebene, allein und gut versteckt, sicher ist vor dem Wahnsinn, der oben abgeht. Ob es so war? Eindeutige Hinweise gibt es darauf nicht. Doch die Vermutung steht im Raum.

Das Kind als Symbol

Am Ende entscheiden sich Goreng und Baharat, dem hungrigen Kind die Pannacotta zu geben – und statt dem unberührten Gericht dient schließlich das unschuldige Kind als Botschaft und wird von der Plattform nach oben befördert. Goreng und Baharat bleiben im Schacht. Die beiden erwachsenen Männer sind bei ihrem Abstieg durch diesen Schacht (der ja als Metapher für unsere kapitalistische Gesellschaft verstanden werden kann) aufs brutalste vorgegangen. Das »System« hat sie sozusagen schlecht und schuldig gemacht: Goreng und Baharat haben Blut an den Händen. Die Grausamkeit und Ungerechtigkeit des Systems ist auf sie übergegangen.

Das junge Kind hingegen »ist sowohl ein Symbol für die Widerstandskraft der Menschheit in Zeiten der Tyrannei, als auch eine Andeutung dafür, dass Wandel nur seitens der Jungen kommen kann«, wie Dani Di Placido in seiner tiefschürenden Analyse des Films schreibt. Schöne Interpretation von einem schaurigen Finale.

Tipp: Weitere Filmkritiken gibt’s in der Cinemathek.

Fußnoten

  1. Jeremy Kay: Netflix takes world on TIFF Midnight Madness hit The Platform. In: ScreenDaily, 11. September 2019.
  2. Genau genommen Kontakt-Einschränkungen, denn wie Merkel schon sagte: Kontakt können wir auch via Telefon oder Skype haben, zu beliebig vielen Personen.
  3. »Streamingdienste fahren ihre Bitraten […] herunter, […] um eine Überlastung der Netze zu vermeiden«, eine Neuigkeit, die ZEIT Online absurderweise in Form eines Videobeitrags vermittelt.

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