Warum Vater werden?

Mit Mitte zwanzig war ich so weit, dass ich dachte: Jetzt mag es passieren, jederzeit, ich wäre bereit. Dabei habe ich nie hinterfragt, warum Vater werden eine Erfahrung ist, die ich gerne machen wollte. Inzwischen bin ich Anfang dreißig und habe zwei Kinder. Für mein früheres Selbst habe ich diese Liste geschrieben. Über Dinge, die ich damals nur erahnen konnte.

Der wichtigste Grund, Vater werden zu wollen, muss keine Kopfentscheidung sein. In der Regel reicht ein Gefühl. Dennoch kann es helfen, vorweg im Kopf durchzuspielen, was dieser Schritt bedeutet. Denn Vater zu werden, das bringt gewaltige Veränderungen und Verantwortung mit sich.

Papa statt Party, Kind statt Karriere, solche Schlagzeilen finden sich schnell. Dabei bringt das Leben mit Kindern keinen Stillstand, im Gegenteil. Die Reise geht weiter, nur halt als Familienausflug. Hier mal 9 Gründe, warum das eine schöne Erfahrung sein kann.

1. Du wirst mehr gebraucht als je zuvor.

Es gibt wohl nur wenige Jobs und Rollen im Leben, in denen wir wirklich unersetzbar sind. Oft macht es den Anschein, und fallen wir dann aus, findet sich doch eine Lösung. Muss ja irgendwie weitergehen, der Betrieb. Das ist okay. Wir sollten uns ohnehin nicht zu wichtig nehmen.

Doch für einen Job bist du tatsächlich die Traumbesetzung – und zwar die des Vaters für dein eigenes Kind. Dafür bist du die Paraderolle. Da können Brad Pitt und DiCaprio einpacken. Beziehungsweise Timothée Chalamet und Tom Holland, oder wie diese neuen Stars alle heißen. Du verstehst, was ich meine.

Egal, ob du der biologische Vater bist oder der, der sich der Aufgabe annimmt. Das soll dem Ideal nach auch für alle folgenden Gründe gelten. Allerdings fehlen mir hinsichtlich Adoptiv- oder Pflege-Vaterschaft die jeweils sicher ganz besonderen Erfahrungen, die damit einhergehen.

Voraussetzung ist jedenfalls, dass du der Rolle gewachsen bist. Denn sie bringt Herausforderungen mit sich.

Die größte Herausforderung ist wohl: Da zu sein, so gut du eben kannst. Da zu sein, das heißt: Vor Ort zu sein, wann immer es geht, nicht dauernd woanders. Und: Im Moment zu sein, nicht nur körperlich anwesend, aber mit dem Kopf bei der Arbeit oder dem Blick aufs Handy.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn: Gebraucht zu werden, damit ist nicht nur der Notfall gemeint. Und schon gar nicht Weltrettung à la Spiderman.

Manchmal wirst du gebraucht, um eine Geschichte vorzulesen, einen Turm zu bauen, Brötchen zu schmieren. Es sind die kleinen Dinge im Leben, mit denen wir Kindern das Gefühl geben: Es sind Menschen da, die sich kümmern, denen du wichtig bist.

Dafür wirst du gebraucht, du Superheld. (Ganz ernst gemeint. Vom »Superhelden-Dasein« spricht mein Podcast-Co-Host Benny Reuse gerne. Unser Podcast dreht sich zwar um kreatives Schaffen, doch da wir beide kleine Kinder haben, ist auch Vaterschaft ein wiederkehrendes Thema.)

2. Du darfst selbst nochmal Kind sein.

Okay, der erste Grund war bei näherer Betrachtung vielleicht etwas entzaubernd. Dafür ist dieser zweite Grund ein echter Hit. Kennst du das Gefühl, wenn ein Geruch oder Geschmack, den du ewig nicht mehr in der Nase oder auf der Zunge hattest, dich plötzlich um Jahre zurückwirft und längst verschollene Erinnerungen an die Oberfläche holt? Das passiert mir als Vater gerade ständig.

Kind sein als Erwachsener, das mag ein weit verbreiteter Wunsch sein, irgendwo tief in mir… Ich wollte ja auch nie, dass es für mich zu spät, zu spät ist. Tabaluga-Ehrenwort. Trotzdem habe ich es mir auch immer etwas schwierig vorgestellt, als erwachsener Mensch zu Kinderliedern zu tanzen, alberne Späße zu machen, sich die Blöße zu geben, so kindisch zu sein.

Aber die schiere Gegenwart der Kinder, die dich ganz selbstverständlich in ihre Spiele und Weltentdeckung mit einbeziehen, das macht alle Gedanken von »vorher« sofort vergessen (also vor den Kindern, aus dem alten Leben). Du kannst wiedererleben, was du als Kind genossen hast. Oder nachholen, was dir nie vergönnt war. Du darfst selbst nochmal Kind sein.

Ehrlich gesagt: Kinderlieder fand ich – wenn ich mich recht entsinne – als Kind schon blöd und werde auch heute nicht warm mit dem Genre. Ganz schlimm ist der Pavian, der sich die Popos anderer Tiere anschauen will. Why, Kai Hohage, why? Und wo wir schon dabei sind, kleines Worst-of!

Was sind die schlimmsten Kinderlieder?

  • Alle Kinder lernen lesen (ziemlich rassistisch)
  • Aramsamsam (verballhornt die arabische Sprache)
  • Drei Chinesen mit dem Kontrabass (verharmlost racial profiling)
  • Fuchs, du hast die Gans gestohlen (ganz schön blutrünstig)
  • Wer hat Angst vorm schwarzen Mann (selbsterklärend?)

3. Du könntest statistisch gesehen länger leben.

Nach so viel Kitsch, Klatsch und Exkurs zurück zum Thema – mit harten Fakten. Im Jahr 2018 wurde eine Studie veröffentlicht, laut der bei kinderlosen Männern eine höhere Sterblichkeit nachzuweisen sei als bei Vätern mit Kind. Und: »Männer mit zwei Kindern haben die niedrigste Sterblichkeit.« (Quelle, S. 74, Übersetzung durch mich.)

Als Grund wird spekuliert, dass die Anwesenheit von Kindern oft Anlass zu einem gesünderen und verantwortlicheren Lebensstil sei. Mit Kindern bietet sich ein geregelter Tagesrhythmus an, eine Abendroutine, gute Ernährung. Heute weniger Pizza, später mehr Jahre, so in etwa der Deal.

Ich persönlich halte von solchen Studien – wer heute x tut, wird später y Jahre länger leben – allerdings herzlich wenig. Du weißt ja doch nie, wann es dich erwischt. Klüger scheint es mir, heute so zu leben, dass ich am Ende damit zufrieden sein kann. Wann auch immer dieses Ende eintrifft.

Der Clou ist wohl, dass auch das ein guter Grund sein kann, Vater werden zu wollen. Übrigens, wenn du dich fragst: Wann ist es Zeit, Vater zu werden? – auch dazu gibt es aktuelle Daten.

Es ist eher früher als später Zeit, Vater zu werden. Einer Studie aus 2021 zufolge sollten Männer mit der Vaterschaft nicht zu lange warten, da die Chance, Kinder zu zeugen, ab dem Alter von 50 Jahren drastisch zurückgehe, da die Samenqualität abnimmt. (Quelle)

AlterLebendgeburtenrateSchwangerschaftsrate
Bis 35 Jahre48,9 %49,8 %
Ab 51 Jahre29,5 %30,5 %

4. Du wirkst womöglich sympathischer.

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2021 hat gezeigt, dass Väter die besseren Menschen sind – zumindest in Filmen und Serien. Da werden sie überdurchschnittlich häufig als fähige und sympathische Menschen dargestellt. Als die wahren Helden des Alltags.

Wenn nun Medien in ihrer Wirkung einen Effekt aufs echte Leben haben (wovon auszugehen ist), dann steigen deine Chancen, als Vater einen sympathischen Eindruck zu machen. Ist doch klar: Nichts sagt deutlicher »auf mich kannste dich verlassen« als ein Kind auf den Schultern zu tragen.

Bedenklich allerdings: Mütter werden in Filmen und Serien eher als gestresst und unsympathisch dargestellt. Wenn das mal nicht wieder ein gutes Beispiel für die vielleicht immer subtilere, aber nach wie vor bestehende ungleiche Wahrnehmung und Behandlung von Frauen und Männern ist. (Quelle)

5. Du wächst mit deinen Aufgaben.

Genug der Wissenschaft, zurück zu Kalendersprüchen: Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Das gilt nicht nur bei der Beförderung im Berufsleben. Als Vater kommen schlagartig zig neue Aufgaben auf dich zu: Windeln wechseln, Brei füttern, Kinder umziehen, baden, tragen, trösten…

Es ist verrückt: Für meinen Angelschein damals musste ich Dutzende Stunden Unterricht hinter mich bringen und eine Prüfung ablegen. Für den Führerschein sowieso, in Theorie und Praxis. Für die Vorbereitung aufs Kind haben wir einen zweitägigen Kurs gemacht. Und der war optional!

Will sagen: Du wächst mit deinen Aufgaben, das ist wahr und gibt dir ein gutes Gefühl. Dein Alltag als Vater ist voller kleiner Erfolge – zwischen Misserfolgen, klar. So oder so spürst du regelrecht, wie du »in den Job hineinwächst«. (Trotzdem kann Vorbereitung nicht schaden, also schau’ dich vorher mal nach diesen optionalen Kursen um.)

6. Du bist nie mehr allein.

»Das Beste an Familie ist, dass du nie allein bist. Das Schlimmste ist, dass du nie allein bist.« Das ist wortwörtlich ein Kalenderspruch, der damals bei uns in der Küche hing. In dem Zuhause, in dem ich selbst noch eines der Kinder war.

Heute wohne ich woanders und habe eine neue Rolle eingenommen. Aber der Spruch bleibt wahr. Als Mensch, der durchaus gerne mal allein ist, hat diese Tatsache auch etwas Beunruhigendes. Und im Alltag hat sie was Nerviges, keine Frage.

Dennoch, unterm Strich und wenn’s drauf ankommt, ist Nie-mehr-allein-Sein eine schöne Sache – und noch ein guter Grund, Vater werden zu wollen. Auch wenn das heißt, mal beim Videodreh unter Zeitdruck gestört zu werden. Das kann’s passieren, dass im fertigen Beitrag später völlig random mittendrin ein Baby auftaucht. Weil: Musste kurz mal gehalten werden. Und war ja nur für YouTube.

David mit Baby, Bild zum Beitrag: Warum Vater werden?

Mehr Hintergrundwissen rund um die Entstehung meiner Inhalte gibt’s via Patreon.

7. Du hinterlässt etwas auf Erden.

Als kreativ tätiger Mensch ist mir »legacy« natürlich kein Fremdwort. Und als großer Fan des Musicals Hamilton sowieso nicht. Mit »legacy« ist unser Vermächtnis gemeint, die große Frage, was der Nachwelt von uns bleibt. Zu welch großen Taten hat diese Frage manch Menschen schon getrieben? Da gehört »Vater werden« noch zu den bescheidensten Schritten.

Ich erwähnte es bereits, wir sollten uns nicht zu wichtig nehmen. Tatsächlich habe ich meinen Frieden damit gemacht, dass sich in 100 Jahren niemand mehr an meine medialen Hinterlassenschaften erinnern wird. Sicher, im Internet geht nichts verloren und irgendwo wabern meine virtuellen Werke herum, bis das Universum wieder in sich zusammenfällt. Voll schön.

Viel schöner finde ich heute den Gedanken, dass sich im nächsten Jahrhundert ein paar Menschen fragen könnten: Wer war eigentlich dieser Uropa in meinem Stammbaum da? Was hat der wohl so getrieben? Und wer weiß, vielleicht macht’s einer dieser Menschen besser als ich, schafft große Kunst und/oder rettet die Welt. Dann wäre ich ein Teil dieser Geschichte. Mit Hamilton gesprochen: What is a legacy? It’s planting seeds in a garden we’ll never get to see.

8. Du kannst die Welt erklären und selbst neu kennenlernen.

Okay, dieser Grund wird die wenigsten überzeugen. Aber als fleißiger Erklärbär, der sein Wissen so gerne auf alle nur möglichen Wegen vermittelt – in E-Books, in Onlinekursen, Vorträgen, etc. – da ist es natürlich verlockend, einem Kind die Welt erklären zu dürfen.

Abgesehen davon, ob du gerne Anderen die Welt erklärst: Als Vater hast du nunmal keine Wahl. Die Fragen werden kommen. Und die Antwort »Google doch« ist nun wirklich nicht das, was du deinem Nachwuchs mitgeben willst, oder? Zumal: Schon in einem Alter, in dem Kinder noch gar keine Fragen stellen, geschweige denn googlen können, wollen sie die Welt erklärt bekommen – von dir.

Es ist eine spannende Herausforderung, die scheinbar einfachsten Dinge mal in Worte zu fassen. Erklären zu müssen, warum etwas ist, wie es ist. Dadurch wirst auch du viel Neues lernen über die Welt, die du ach so gut zu kennen glaubst.

9. Du hast die beste Ausrede von allen.

»Sorry, kann nicht, das Kind braucht mich« – welcher Arsch (sorry: Pavian-Popo) will da widersprechen? Du kannst bei manch nervigem Anlass einfach die Kinder-Karte ziehen und zuhause bleiben. Keine Überstunden mehr (oder wenigstens weniger), kein Abendprogramm, auf das du eigentlich keinen Bock hast, kurzum: ein super Joker!

Andererseits, machen wir uns nicht vor: Es gibt eben auch keine Ausrede, um sich all den nervigen Anlässe zu entziehen, die mit der Vaterschaft einhergehen. Mal musst du mit zur Kinderärztin, mal dauert das Zu-Bett-bringen zwei Stunden. Häufiger als du den Nachwuchs als Ausrede vorschieben kannst, wirst du dir wünschen, eine Ausrede zu haben. Etwa um nicht das Kind wickeln zu müssen, wenn das große Geschäft mal wieder zu allen Seiten aus der Windel quillt.

Dieser letzte Grund sollte also nicht ausschlaggebend für deine Entscheidung sein, Vater werden zu wollen. Überhaupt soll diese Liste keine Überzeugungsarbeit leisten, sondern nur ein paar Gedanken mit auf den Weg geben. Ob und warum du Vater werden willst, das ist eine ganz individuelle und persönliche Angelegenheit.

Wichtig: Die Angst vorm Vater werden nehmen kann dir niemand – außer du selbst. Doch manchmal braucht es etwas Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn die Angst allzu groß ist, kann es gut sein, sich familiären oder professionellen Rat zu suchen. Sprich mit Anderen über deine Gedanken, Gefühle und Sorgen.

Feedback und Fragen wie immer gerne in die Kommentare. Interessieren würde mich auch sehr, was deine Beweggründe sind oder waren, Vater zu werden – falls du diese Entscheidung bewusst getroffen hast.

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