Unorthodox · Mini-Serie über chassidische Gemeinde

In Unorthodox werde »die chassidische Gemeinde zum ersten Mal realistisch dargestellt« heißt es im Making-of zu der Mini-Serie. Zum ersten Mal in Bild und Ton, denn diese vierteilige Serie basiert auf einem Bestseller – der seit 2012 millionenfach verkauften Autobiografie von Deborah Feldman. Die US-amerikanische Autorin wuchs in einer chassidischen Gemeinde auf, stellte ihr strenges Regelwerk mehr und mehr und Frage und brach schließlich mit ihrer Religionsgemeinschaft. Inszeniert wurde Feldmans Lebensgeschichte nun von Maria Schrader (Liebesleben), die im Regiestuhl der von Anna Winger und Alexa Karolinksi kreierten Serie saß. Seit dem 26. März 2020 ist Unorthodox auf Netflix verfügbar – und, kurzum, sehr sehenswert. | Lesezeit: 7 Min.

Bewertung: 4.5 von 5.

Begriff: Der Begriff »orthodox« setzt sich zusammen aus den altgriechischen Wörtern orthós (ὀρθός) – richtig, und dóxa (δόξα) – Glaube. Der »richtige Glaube« also. Wer von diesem abweicht, verhält sich unorthodox.

Handlung und Kontext

Die 19-jährige Esther (Shira Haas) lebt mitten in New York – in einem Paralleluniversum ohne Internet, ja, überhaupt ohne Smartphones. Denn obwohl ihr Bezirk Brooklyn in Sichtweite zur Freiheitsstatue liegt, ist ihr Stadtteil Williamsburg wie ein Gefängnis. Zumindest für diejenigen Mitglieder der Satmar-Juden, die – wie Esther – das Gemeindeleben satthaben. Eines Tages entschließt sich die junge Frau, vor ihrem Ehemann Yanky (Amit Rahav), ihren ehelichen Pflichten und den unzähligen Regeln ihrer Glaubensgemeinschaft Reißaus zu nehmen. Sie flieht nach Berlin, um dort »einen neuen Pfad« zu finden. Doch der Rabbi aus Brooklyn schickt Esthers Ehemann samt dessen zwielichtigem Cousin Moishe (Jeff Wilbusch) los, die Abtrünnige aufzuspüren und in die Gemeinde zurückzubringen.

Trailer zu Unorthodox

Die Satmar-Juden sind eine chassidische Gemeinde. Der Begriff chassid bedeutet im Hebräischen ehrfürchtig, fromm – es handelt sich um eine besonders fromme Ausprägung des jüdischen Glaubens. Diese Gemeinde stammt ursprünglich aus der ungarischen Stadt Satmar. Sie besteht maßgeblich aus Nachfahren von Holocaust-Überlebenden und wurde von diesen nach dem Krieg in New York gegründet – als eine nach außen hin geschlossene, extrem strenge Glaubensgemeinschaft.

Das Wesentliche der Serie

Die Mini-Serie Unorthodox bemüht sich um einen möglichst wirklichkeitsnahen Einblick in diese Gemeinschaft. Dazu gehört auch das Jiddische, das im Originalton gesprochen wird (der Dreh wurde von einem Jiddisch-Fachmann begleitet). »Es geht um eine Sprache, die kaum einer versteht; und um Kostüme und Bräuche, die kaum einer versteht«, sagt die Autorin Deborah Feldman, »doch das Wesentliche der Handlung, das versteht jeder.« Das Wesentliche ist Esthers Bedrückung in einer sie bevormundenden, einengenden, gängelnden Gemeinde, ihre Unzufriedenheit mit einem stillen Dasein als Gattin und Gebärmaschine, ihre Hoffnung auf einen Neuanfang und damit ihren Antrieb zur Flucht – dem auslösenden Ereignis dieser Serie.

Die Perspektive der Serie

Ließe sich das chassidische Gemeindeleben auch positiver darstellen? Gewiss, aus der Perspektive einer überzeugten Satmar-Jüdin wäre diese »realistische Darstellung« eine andere geworden. Zum Beispiel aus Sicht der 24-jährigen Bassy, die in einem Stern-Artikel aus dem Jahr 2017 zu Wort kommt und über ihre arrangierte Hochzeit inklusive vorausgehender Sexualberatung (von Frau zu Frau) sagt: »Es ist ein Segen, dass uns die Teenagerdramen der säkularen Welt erspart geblieben sind.« Und darüber, dass ihre Haare, gemäß den Regeln ihrer Religion, nach der Hochzeit zu einer Glatze abrasiert werden, sagt sie: »Ich wollte schon immer eine Perücke. Ist doch viel praktischer.« Nun, Bassys Geschichte wird hier nicht erzählt – sondern die von Deborah Feldman.

Kritik zur Kritik

Ich zweifele keine Sekunde daran, dass Deborah Feldman all das wirklich erlebt hat und ähnliche Ungeheuerlichkeiten in anderen orthodoxen Gemeinschaften, jüdischen und nichtjüdischen, geschehen, aber hier wird die Perversion der Religion als vermeintlich allgemeine Normalität der Religiosität dargeboten. Dass es jüdisch-innerreligiöse, auch innerorthodoxe Gegenargumente und Weltbilder gab oder gibt, können die Zuschauer einer solchen Darbietung nicht einmal ahnen, denn welcher Zuschauer könnte Estys Talmudzitat in die jüdische Tradition und Ethik einordnen?

Michael Wolffsohn: So sieht Religion im Schwarzweißfilm aus. In: FAZ, 26.03.2020.

Mit »Estys Talmudzitat« ist hier ihr Einwand aus Folge 3 gemeint: »Im Talmud steht, dass der Mann dafür sorgen soll, dass seine Frau Lust empfindet.« (Antwort des Ehemanns: »Frauen dürfen den Talmud nicht lesen!«). Der Historiker Michael Wolffsohn hat recht: Die meisten Menschen, die diese Mini-Serie zu sehen bekommen (mich eingeschlossen), werden Esthers Talmudzitat nicht »in die jüdische Tradition und Ethik einordnen« können – was auch immer damit gemeint sein mag. Worum es hier jedoch geht, ist Esthers Erfahrung und Wahrnehmung – keine (wie Wolffsohn auch zugesteht) »allgemein gültigen, repräsentativen Darstellungen«.

Tipp: Ebenfalls in der FAZ zu lesen ist ein Gespräch mit Deborah Feldman über Unorthodox.

Die Perversion der Religion

In Unorthodox wird »die Perversion der Religion« (ich frage mich, wo fängt diese an?) nicht als »allgemeine Normalität der Religiosität« dargeboten, sondern als gelebte Normalität innerhalb dieser speziellen Gruppe religiöser Menschen. Dass es innerhalb solcher Gemeinden auch gegensätzliche Ansichten gäbe, könnten »die Zuschauer […] nicht einmal ahnen« – mit dieser Bemerkung unterstellt Wolffsohn dem Publikum blanke Naivität. Natürlich gibt es »jüdisch-innerreligiöse, auch innerorthodoxe Gegenargumente und Weltbilder«, so wie es überall, wo zwei oder mehr Menschen in egal welchem Kontext zusammenkommen, nur eine Frage der Zeit ist, bis mal Uneinigkeit herrscht. Ist denn Estys zitierter Schlafzimmerstreit mit ihrem Mann nicht schon ein »jüdisch-innerreligiöser« Konflikt? Oder welche Art von Szene hätte es zur Erfüllung dieses fragwürdigen Anspruchs an eine Mini-Serie bedurft? Zwei Rabbis, die das Verlegen oder den Verlauf oder überhaupt den Sinn und Zweck von Eruv-Drähten diskutieren? (Mehr über Eruv-Drähte und ihre Bedeutung für orthodoxe Juden gibt’s beim Deutschlandfunk Kultur.)

Und noch ein kleinlicher Hinweis zu einem kleinlichen Hinweis: Wenn Wolffsohn die Akkuratesse der Serie bemängelt, weil in einer Szene ein frommer Chasside vom »verlorenen Sohn« spricht (was auf das Neue Testament anspielt und damit wohl nicht zum Duktus eines frommen Chassiden passen würde), ist es nicht – wie behauptet – eine Szene mit Moishe, sondern mit Esthers Vater Mordecai, in der vom »verlorenen Sohn« gesprochen wird (Folge 1, Minute 13). Ist nur eine Kleinigkeit, aber wenn schon Akkuratesse kritisieren, dann doch bitte akkurat. Auch bin ich gar nicht sicher, ob der »verlorene Sohn« aus der deutschen Synchronisation wirklich dem entspricht, was jener fromme Chasside im jiddischen Originalton sagt – aber darauf wird Prof. Wolffsohn bei seiner Kritik sicher geachtet haben.

Fazit zu Unorthodox

Unorthodox fädelt zwei Zeitebenen gekonnt ineinander: Esthers Leben in Brooklyn und Esthers Neuanfang in Berlin. Die erste Ebene basiert – wenn auch lose – auf Feldmans Autobiografie. Die zweite Ebene ist frei erfunden. Obwohl die beiden Zeitebenen nur Monate voneinander entfernt liegen, wirkt es wie der Zusammenschnitt zweier Epochen. Die Szenen aus dem Gemeindeleben muten an wie aus einem anderen Jahrhundert. Dass es nicht so ist, sondern hier nichts als die Gegenwart erzählt wird, führt uns Unorthodox hin und wieder vor Augen. Etwa wenn tiefgläubige Männer, die fürs Gebet einkleiden, parallel geschnitten werden zu Esther, die erstmals eine Skinny Jeans anprobiert.

So sehr die Serie vom Regelbruch erzählt, hält sie doch die Regeln guter Erzählkunst ein. Der dramaturgische Bogen ist über vier Episoden so gespannt, dass es nie langatmig wird. Stets treten neue Aspekte eines komplexen Beziehungs- und Gemeindelebens in den Fokus. Visuell ist das Ganze – ob in der Berliner Disco oder auf einer chassidischen Hochzeit – sehr ästhetisch und stimmungsvoll eingefangen, mit einer unaufdringlichen, ruhigen Kamera. Das Schauspiel beeindruckt auf allen Seiten, mit Shira Haas als mitreißender Hauptdarstellerin. Sicher lässt sich all das kritisieren, was die Serie nicht ist oder nicht zeigt – doch das tut diesem gut recherchierten, detailverliebt umgesetzten, gesellschaftlich relevanten Werk unrecht.

Randnotiz: Esther bekommt von ihrer Fluchthelferin ein kleines Geschenk – einen Kompass. Vor kurzem erst schrieb ich über Moral als inneren Kompass, der einem Menschen anzeigt, was falsch oder richtig sei. Auch am Ende von Unorthodox, als Esther das Geschenk nochmal hervorholt, erschien mir der Kompass als ein schönes Sinnbild. Ist der Bruch mit der eigenen Gemeinde die falsche oder richtige Entscheidung? Kommt einerseits, wie beim Kompass, auf Standpunkt und Blickrichtung an. Andererseits bleiben, wie beim Kompass, die Pole an konstanten Positionen. Das nur als Gedanke am Rande.

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