Tiger King · packende Doku-Serie über Joe Exotic

Es leben mehr Tiger bei Privatpersonen in den USA, als weltweit in freier Wildbahn.1 Um diesen irren Fakt dreht sich die True-Crime-Miniserie Tiger King – Murder, Mayham and Madness von Rebecca Chaiklin und Eric Goode. Sie ist seit März 2020 auf Netflix verfügbar und avancierte binnen kürzester Zeit zu einem phänomenalen Streaming-Hit. | Lesezeit: 5 Min.

⭐⭐⭐⭐⭐

Großkatzen und ihre Raubtiere

Der beknackte, deutsche Titel Großkatzen und ihre Raubtiere lässt vermutet, es ginge um Safari-Jagd auf Löwen und Leoparden – voll daneben. Diese Serie spielt sich ganz auf US-Boden ab. Ihre Hauptfiguren besitzen private Zoos, in denen exotische Tiere wie Tiger in großer Zahl gehalten, gezüchtet und zum Staunen & Streicheln bereitgestellt werden. Über sieben Episoden* hinweg entfalten sich Mord, Chaos und Wahnsinn, wie es der Original-Titel verspricht. Tiger King erzählt die unglaubliche, aber wahre Geschichte von Joe Exotic. 🤯

*Inzwischen gibt’s eine achte Episode, in der Schauspieler Joel McHale (Community) via Webcam (Coronakrise) einige der Menschen interviewt, die in Tiger King porträtiert werden – und fragt sie unter anderem, ob sie mit dieser Darstellung zufrieden sind? Spoiler: Einige sind’s nicht.

Zur Handlung

Es war einmal… in den 2010er Jahren. Der selbsternannte, titelgebende Tiger King heißt eigentlich Joseph Allen Maldonado-Passage (geb. Schreibvogel). Ein schlechter Name, um berühmt zu werden. Doch das will dieser Mann unbedingt – drum nennt er sich Joe Exotic. Er ist der Inhaber des G. W. Zoo, einem Park mit exotischen Tieren, mitten in Oklahoma. Außerdem ist Joe der Star seiner eigenen Reality Show, die er live vom eigenen Zoogelände ins Internet streamt. Darin hetzt er gerne gegen seine Erzfeindin, die Tierrechts-Aktivistin Carole Baskin, ihrerseits Inhaberin eines Streichelzoos für Großkatzen – bloß mit der Absicht, ein Tierschutzzentrum zu sein: Big Cat Rescue 🐯 – die fiese Fehde zwischen Baskin und Exotic steht im Zentrum der Serie Tiger King. Es ist ein Privatkrieg, der nie ganz harmlos wirkt und richtig hässlich wird.

Trailer zu Tiger King

Zum Hintergrund

Ursprünglich unternahm der Filmemacher und Umweltschützer Eric Goode gerade Nachforschungen zu einem berüchtigten Reptilien-Händler in Südflorida. Dabei traf er auf einen Typen, der im Laderaum seines überhitzten Lieferwagens noch ein anderes, seltenes Tier gefangen hielt: einen Schneeleoparden. »Braucht der keine Kühlung?«, will Goode wissen. Nein, der sei in Florida geboren und aufgewachsen. »Das hat mich auf diese Reise gebracht«, reflektiert Goode zu Beginn von Tiger King, »um zu verstehen, wer die Leute sind, die Raubkatzen in diesem Land halten.«

Von da an führt uns die Dokuserie in den (nach eigenen Angaben) »weltgrößten Großkatzenpark«, jenen G. W. Zoo von Joe Exotic, der wohl schillerndsten Figur in der verschworenen Gemeinde von US-amerikanischen Großkatzen-Freaks.

Joe Exotic hatte zwei Ehemänner und mehr als 200 Wildkatzen. In Oklahoma betrieb der Tierzüchter, Geschäftsmann, Fernsehmoderator, Countrysänger und Politiker […] eine Mischung aus Selfmade-Streichelzoo, Brutstätte für diverse Raubtierarten und Auffangbecken für strauchelnde junge Männer auf der Suche nach einer letzten Chance.

Daniel Gerhardt (ZEIT ONLINE)

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann reden sie noch heute – diese strauchelnden jungen Männer, die in Tiger King zu Wort kommen. Außerdem sind da Geschäfts-Partner und Vorbilder von Joe Exotic, sowie Menschen, deren Leben er auf prägende Weise gestreift hat. Aus zahlreichen Perspektiven wird die unvorhersehbare Handlung dieser Serie beleuchtet. An Bildmaterial mangelt es dabei nicht, angesichts dem Faible von Joe Exotic, sich rund um die Uhr filmen zu lassen. Den Rest liefern Überwachungs-Kamera, versteckte Kameras und notfalls (davor schreckt die Doku nicht zurück) nachinszeniertes Material, um die verbrecherischen Vorgänge in bester Thriller-Manier zu erzählen.

Jede Minute von »Tiger King« bringt eine neue Überraschung, eine unglaubliche Wendung oder einen charismatischen Fremden mit unglaublichen Geschichten. Die Doku spielt schnell und locker mit diesen Anekdoten […] und schwenkt ohne Vorwarnung auch in ungemein düstere Gefilde.

Joshua Rivera (The Verge)

Fazit zu Tiger King

Vielmehr sei hier gar nicht verraten. Tiger King ist eine hochspannende Doku, vollgestopft mit Irrsinn und irgendwie leer an Werten wie Loyalität. Die Stars dieser Serie fallen übereinander her wie die Raubkatzen in ihren zu engen Käfigen. Rebecca Chaiklin und Eric Goode zeigen eindrucksvoll, dass ein derart de-reguliertes System, wie es in den USA zuweilen herrscht2, ökologische Nischen für Menschen bieten, die nach ihren eigenen Gesetzen leben wollen, in ihren eigenem »Königreich«.

Wie Breaking Bad mit Tigern statt Drogen – so hat Goode die Idee seiner Projekt-Partnerin Chaiklin laut der NY Times einst gepitcht. Da hätten die beiden noch nicht ahnen können, dass sie satte fünf Jahre ihres Lebens auf eine Serie verwenden würden, die dann ausgerechnet mitten in der Coronakrise an den Start geht. Binnen weniger Tage war Tiger King die meist gesehene Serie auf Netflix und ist jetzt schon ein Riesenhit.

Trevor Noah über Tiger King

Bei mir war’s Trevor Noah, der mich auf die Serie Tiger King aufmerksam gemacht hat. In seiner Daily Show (zurzeit aufgezeichnet in den eigenen vier Wänden) sprach er voller Begeisterung über diese Serie, die »somehow even more viral« sei, als COVID-19. Nachdem Noah alle sieben Episoden hintereinander weggesehen hatte, seien ihm einige Ähnlichkeiten zwischen dem »Tiger King« Joe Exotic und dem aktuellen »Commander in Chief« Donald Trump aufgefallen. Zum Beispiel, wie diese beiden Personen immerzu sich selbst in den Mittelpunkt rücken. Exotic tut das unter anderem auf der Beerdigung eines engen Freundes, bei der natürlich – wie überall, wo er hingeht – Kameras mitlaufen. Und Trump weist dieser Tage gerne darauf hin, dass seine Pressekonferenzen zur Coronakrise höhere Einschaltquoten hätten als etwa das Bachelor-Finale.

Fun Fact: Auch Joe Exotic hatte sich im US-Wahljahr 2016 als Präsidentschaftskandidat um das höchste Amt bemüht. Aber schon zu der Zeit hatte Trump bekanntlich die höheren Einschaltquoten. I find it kinda funny, I find it kinda sad… I find it hard to tell you, I find it hard to take… Mad world, mad world.

Fußnoten

  1. Laut der zuständigen Behörde leben maximal 3.500 Tiger in freier Wildbahn – und rund 5.000 Tiger leben, laut dem WWF, in den USA in Gefangenschaft.
  2. In Texas ist es laut The Guardian jedem der 254 Bezirke selbst überlassen, die Haltung gefährlicher Tiere gesetzlich zu regeln. Michaela Haas (SZ) schreibt: »In einigen US-Bundesstaaten ist es einfacher, an einen Tiger zu kommen als an ein Auto.«

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