Wer ist Malalai Joya?

Das Buch Ich erhebe meine Stimme ist teils die Geschichte eines Landes, teils ein politisches Manifest – eingerahmt in die außergewöhnliche Autobiografie von Malalai Joya. Wer ist das?

Malalai Joya und Afghanistan

Malalai Joya ist eine Politikerin aus der afghanischen Provinz Farah. Geboren wurde sie 1978. Joya kämpft für Menschenrechte in ihrem Land und wird dafür bedroht und verfolgt. In dem Buch Ich erhebe meine Stimme, das 2009 in deutscher Sprache erschien, erzählt Joya ihre Lebensgeschichte.

Verfasst wurde das Buch ursprünglich nicht etwa in einer afghanischen Sprache, sondern auf Englisch – mit der Hilfe des kanadischen Autors Derrick O’Keefe. Ehe wir zur Buchkritik kommen, noch zwei grundlegende Fragen:

Was für eine Sprache spricht man in Afghanistan?

In Afghanistan wird nicht nur eine Sprache gesprochen. Als Amtssprachen gelten Paschto (Paschtunisch) und Dari (Dari-Persisch), die beiden am weitesten verbreiteten Sprachen des Landes. Insgesamt werden in Afghanistan rund 50 Sprachen und über 200 Dialekte gesprochen.

Wo liegt Afghanistan?

Afghanistan liegt auf dem Kontinent Asien, als Binnenstaat zwischen Süd-, Vorder- und Zentralasien. Die Nachbarländer Afghanistans sind Pakistan im Süden, der Iran im Westen, sowie Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan im Norden. Ein Stück Grenze teilt Afghanistan auch mit China.


Ich erhebe meine Stimme · Buchkritik

In deutscher Fassung erschienen am 26. Juni 2009, nimmt das Buch Ich erhebe meine Stimme »die drei vergangenen Jahrzehnte der Gewaltherrschaft und Unterdrückung« in Afghanistan in den Fokus.

Malalai Joya geht es darum, einem breiten Publikum zu erklären, dass mit dem Sturz des Taliban-Regimes im Herbst 2001 längst kein Frieden in das Land am Hindukusch eingekehrt ist. Seit dem überstürzten Rückzug der USA aus Afghanistan im Jahr 2021 gilt das mehr denn je.

Tipp: Ein Vortrag von Malalai Joya vom Oktober 2021 zur Lage in Afghanistan nach dem Abzug der US-Truppen ist auf der Facebook-Seite von Joya als Video zu sehen (mit deutschen Untertiteln). Hier noch ein kurzes Video-Interview mit Joya vom August 2021, dem Monat der Machtübernahme der Taliban. Das Interview wurde noch in Afghanistan geführt (mit englischen Untertiteln).

»Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan«, heißt es auf dem Cover des rund 300 Seiten starken Buchs (in der deutschen Ausgabe, München 2009). In 14 Kapiteln beschreibt Malalai Joya darin ihren Lebensweg.

Eine bewegte Lebensgeschichte

Joyas Geschichte führt von einer Kindheit in Flüchtlingslagern bis ins afghanische Parlament, von dem Rauswurf aus selbigen direkt ins Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit. Malalai Joya hat inzwischen etliche Länder besucht und bei verschiedensten Anlässen gesprochen.

Joya ist jedoch immer wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, statt wie viele politisches Asyl im Ausland zu ersuchen.

Nachtrag: Laut Wikipedia hat Joya mit ihrer Familie nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 inzwischen Asyl in Spanien bekommen. Allerdings lässt sich die Quelle zu dieser Angabe nicht überprüfen.

Der Aufenthalt Joyas in ihrem Heimatland war immer mit Gefahren verbunden. Mit den Gefahren, denen eine jede Frau dort ausgesetzt ist – und insbesondere mit denen einer politischen Aktivistin.

Malalai Joya prangert alte Kriegsherren an, die im neuen Gewand an der aktuellen Politik beteiligt sind. Sie läutet zum Kampf gegen diese gewaltbereiten Gegner. Dafür lebte sie, Stand 2009, »als Flüchtling im eigenen Land«.

Ich erhebe meine Stimme ist in der Ich-Perspektive geschrieben und konfrontiert die Leser mit der ganzen Wucht von Joyas Persönlichkeit: mutig, selbstbewusst, wortgewandt.

Um meine Identität zu verbergen, muss ich unter dem Schutz einer Burka aus schwerem Stoff reisen, die für mich ein Symbol für die Unterdrückung der Frauen ist, ein Leichentuch für lebendige Menschen._ […] (S. 9)

Das Gesichtsfeld verkleinert sich wegen des Sichtfensters vor den Augen, und unter der Burka ist es erstickend heiß. Das einzig Nützliche an diesen langen blauen Gewändern war, dass man Schulbücher und andere verbotene Dinge darunter verstecken konnte. (S. 54)

Wie Malalai Joya zur Ikone wurde

Der erste Eindruck ist, zugegeben, etwas irritierend. Auf dem Buchrücken heißt es »vier Attentate« habe Malalai Joya überlebt. Auf Seite 8 schreibt sie selbst von »mindestens fünf Attentate[n] und zahllose[n] Verschwörungen« …mindestens?

Sollte sie die genaue Zahl der Attentate – so mein Gedanke – nicht im Kopf haben, als immerhin extrem einschneidende Erlebnisse? Erst im weiteren Verlauf der Lektüre erklärt sich die oft unübersichtliche Risikolage rund um Malalai Joya.

Bis dahin hat sie mich als Leser längst für sich gewonnen und von ihrer Sache überzeugt.

Malalai Joya wurde zur Ikone für freiheitliche denkende Afghaninnen, als sie – von ihrer Provinz als Repräsentantin gewählt – einer »Loja Dschirga« (großen Versammlung) in Kabul beiwohnte. Von den 502 »gewählten« Abgeordneten waren 114 Frauen. Viele davon allerdings handerlesen von mächtigen Männern, wie Joya noch thematisiert. Sie schreibt:

Ich war entsetzt und schockiert, Warlords und andere wohlbekannte Kriegsverbrecher in der ersten Reihe dieser wichtigen Versammlung zu sehen.

Was Malalai Joya daraufhin tat, ist beeindruckend: Am 17. Dezember 2003 verschaffte sich entgegen aller Widerstände ein paar Minuten Redezeit und sprach die Heuchelei in aller Öffentlichkeit an:

Ich kritisiere an euch, meinen Landsleuten, dass ihr nicht an der Legitimität und Rechtmäßigkeit dieser Loja Dschirga zweifelt, weil hier auch die Verbrecher teilnehmen, die unser Land in diesen Zustand gebracht haben.

Malalai Joya gegen die Warlords

»Obwohl eine Kandidatur theoretisch illegal für Milizführer oder Kombattanten war«, schreibt Malalai Joya in Ich erhebe meine Stimme über das einige Monate nach der Versammlung gebildete Parlament, »stellten Warlords oder ihre Verbündeten 60 Prozent der neuen Parlamentarier, wie ein Bericht von Human Rights Watch enthüllte«. (S. 168)

Hier ein Video von jenem historischen Moment, der eine Zäsur in Malalai Joyas Leben bedeutete. Spätestens seit diesem Auftritt hat Joya sich dem Kampf für Gerechtigkeit in Afghanistan verschrieben.

Ein englisches Transkript der Sequenz findet sich in der Video-Description auf YouTube.

Tipp: Eine eindrucksvolle Doku über Malalai Joyas Wahlkampf und Einzug ins Parlament hat Eva Mulvad gedreht. Sie ist in voller Länge und Englisch untertitelt auf YouTube verfügbar: Enemies of Happiness (2006).

Joya schreibt in Ich erhebe meine Stimme über diese Doku: »Es war eine große Ehre, in einem Film vorzukommen, der, wie ich glaube, einiges zum Verständnis der Leiden des afghanischen Volkes beiträgt.« (S. 162)

Allerdings hätte sie sich ein anderes Ende gewünscht, mit weniger Gewicht auf der Rede des neuen, von Joya als korrupt beschriebenen Regierungschefs Hamid Karzai: »So bekommen manche Zuschauer vielleicht den falschen Eindruck, dass nach der Wahl jetzt alles im Land in Ordnung sei.« (S. 170)

Malalai Joyas kulturelle Einflüsse

Interessant sind, zu Beginn von Ich erhebe meine Stimme, Joyas Absätze über ihre kulturellen Einflüsse. So habe sie Maxim Gorkis Die Mutter und Jack Londons Wolfblut als lesenswerte Bücher in Erinnerung – neben den Biografien von Vorbildern wie Patrice Lumumba und Mahatma Ghandi.

Von den wenigen Filmen, wie sie als Mädchen im Flüchtlingslager zu sehen bekam, fällt ihr Spartacus ein, auf den Joya später nochmals zu sprechen kommt. Und nicht zu vergessen: [Titanic] (1997).

Trotz (und gerade wegen) all dieser Verbote [unter den Taliban] gab es natürlich einen Schwarzmarkt, und damals wurde der Kinofilm Titanic zu einem riesigen Erfolg im Untergrund.

Videokassetten des Films wurden, wie auch andere Schmuggelware, über die iranische Grenze gebracht. Besonders Jugendliche wurden große Fans und organisierten geheime »Titanic-Parties«, um sich den Film anzuschauen. (S. 61)


Gegenwart und Zukunft Afghanistans

Die Lebensbedingungen in den Lagern, ihre Lektüre und ihre schon frühe und stets heimliche Tätigkeit als Lehrerin für Mädchen – all dies »veränderte mein Weltbild«, so Joya über ihre Zeit vor und unter den Taliban.

Den größeren Teil ihres Buchs Ich erhebe meine Stimme verwendet sie jedoch nicht auf die Beschreibung der Taliban-Herrschaft von 1996–2001. Die Vergangenheit rückt bei Malalai Joya zwar nie aus dem Blick – doch Gegenwart und Zukunft sind es, um die es ihr maßgeblich geht.

Die meisten beschreiben ausführlich die Grausamkeit und Rechtlosigkeit des Taliban-Regimes, übergehen aber normalerweise eine der dunkelsten Epochen unserer Geschichte: die Herrschaft der fundamentalistischen Mudschaheddin zwischen 1992 und 1996.

Ich hoffe, dass dieses Buch Aufmerksamkeit auf die Gräuel dieser Warlords lenken wird, die jetzt das Karzai-Regime dominieren. (S. 11)

Zwar sind seit der Veröffentlichung des Buches Ich erhebe meine Stimme nunmehr über 12 Jahre vergangen und Hamid Karzai ist nicht mehr der afghanische Präsident. Doch das Problem der Korruption und Kriegsverbrecher in höchsten Kreisen bleibt bestehen.

Nur ein Beispiel von vielen: Gulbuddin Hekmatyār. Joya nennt ihn einen »Warlord«, einen »der schlimmsten Extremisten der Welt« (S. 24) und »für die USA einer der meistgesuchten Terroristen« (S. 169). Die deutschsprachige Wikipedia nennt ihn erstmal nur einen »afghanischen Politiker«. (Quelle)

Im weiteren Verlauf des Artikels wird sein Beiname, »Schlächter von Kabul«, genannt und erläutert, doch wer Genaueres über Hekmatyārs Verbrechen erfahren will, lese besser den umfangreicheren englischen Wikipedia-Artikel. Noch 2017 jedenfalls wurde Hekmatyār bei seiner Rückkehr in die neue Regierung »begrüßt«. (Quelle)

Ich erhebe meine Stimme · Fazit

In ihrem gut strukturierten Buch Ich erhebe meine Stimme nennt Malalai Joya die Namen derjenigen, die sie bekämpfen will, und Maßnahmen, wie dieser Kampf zu bewältigen sei. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Werk mit Handlungsaufruf an alle Leser – egal, wo auf der Welt wir uns befinden.

»Die Wahrheit ist immer das erste Kriegsopfer«, mahnt Joya (S. 293) und ruft deshalb auch alle nicht-afghanischen Menschen ausdrücklich dazu auf, sich darüber zu informieren, »wie es in Afghanistan wirklich aussieht.«

Als »ausgezeichnete Quelle für Nachrichten über die Bedingungen in Afghanistan« nennt Malalai Joya die Website von RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan).

Weiterführende Lektüre: In ihrem Buch [Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen] (2002) schildert Siba Shakib ein afghanisches Frauenschicksal von der Kinderstube über viele Kriegsjahre hinweg. Die Ereignisgeschichte des Landes arbeitet Conrad Schetter in Kleine Geschichte Afghanistans (2017) auf.

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