Le Jeu – Nichts zu verbergen · Komödie über Handy-Spiel

In Italien war Perfetti sconosciuti (Perfekte Fremde) 2016 ein Riesen-Hit. Es handelt sich um ein Kammerspiel mit einer Idee, die in unserer Zeit einen Nerv trifft. Daraufhin war das globale Filmgeschäft in vollem Gange: China, Mexiko, Schweden, Südkorea, die Türkei und Ungarn – jedes Land brachte seine Version der Komödie heraus. Deutschland natürlich auch: Das perfekte Geheimnis mit Elyas M’Barek, Jella Haase und weiteren Stars ging im Oktober 2019 an den Start. Doch nicht dieses Remake soll hier im Fokus stehen, sondern die französische Version: Le Jeu – Nichts zu verbergen (Regie: Fred Cavayé). Als Netflix-Geheimtipp machte dieses Werk die Geschichte rund um einen grandios verpatzten Dinner-Abend im europäischen Raum bekannt. | Lesezeit: 7 Min.

⭐⭐⭐⭐⭐

Hinweis: Der folgende Beitrag über Le Jeu – Nichts zu verbergen enthält Spoiler, jedoch erst im Absatz »Online-Diskurs«.

Zur Handlung · Worum geht’s?

Auf einer Dinnerparty entscheidet sich ein Freundeskreis (drei Paare und ein Single) zu einem Spiel: Alle Beteiligten sollen ihre Handys den Abend über in die Mitte des Tisches legen. Wann immer fortan ein Anruf, eine Mail oder Nachricht eintrifft, muss in versammelter Runde geantwortet werden. 🙈 Ärger ist vorprogrammiert. Und es kommt schlimmer als erwartet.

Trailer zu Le Jeu – Nichts zu verbergen

Zum Hintergrund · Fun Facts

Wenn zu einem Film im deutschsprachigen Raum noch nicht viel geschrieben wurde, suche ich zur Recherche nach dem englischen Vermarktungstitel, hier: Nothing to Hide. Fun Fact: Nothing to Hide ist auch ein vielfach preisgekrönter Pornofilm auf Platz 2 der »101 Greatest Adult Tapes of All Time«. Soviel zum Ergebnis meiner Recherche. Über Nothing to Hide, die französische Version des italienischen Kammerspiels Perfetti sconosciuti, war bis Anfang 2019 noch wenig zu finden. Vermutlich warteten alle aufs britische oder eben deutsche Remake. Apropos Nachmache! Das italienische Originalwerk hat einen Rekord aufgestellt – mit über 18 Remakes, die es auf sich folgen ließ. 🤯

Tipp: Du magst französische Komödien? Dann kann ich diese Filme* empfehlen:

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Deutsche Nachmache: Das perfekte Geheimnis

Das deutsche Remake wurde von Bora Dagtekin (Türkisch für AnfängerFack Ju Göhte) inszeniert – mal wieder mit Elyas M’Barek im Cast. Außerdem mit dabei: Florian David Fitz (Der Vorname), Jella Haase, Frederick Lau (Victoria), Wotan Wilke Möhring und Jessica Schwarz. Der Titel der starbesetzten, deutschen Variante lautet Das perfekte Geheimnis. Am 31. Oktober 2019 startete der Film in den Kinos.

Trailer zu Das perfekte Geheimnis

Dass es sich hier um das DEUTSCHE Remake handelt, ist deutlich an der ORDNUNG der Handys zu erkennen, die in Reih‘ und Glied auf dem Tisch deponiert werden. Sieht in der französischen Fassung etwas anders aus 😜

Wie bin ich bereits 2018 auf Le Jeu – Nichts zu verbergen aufmerksam geworden, wenn im deutschen Sprachraum bis Anfang 2019 so wenig dazu geschrieben wurde? Eine E-Mail-Bekanntschaft hat mir den Film empfohlen, nachdem sie ihn bei Netflix gesehen hatte. Im Wortlaut:

Der Film gibt regen Anlass nachzudenken. Zu Beginn war ich noch skeptisch, aber das Ende ist einfach formidabel. […] Aus einem Theater-Besuch – »Hamlet« – blieb mir Folgendes im Gedächtnis: »Horatio, Mitwisser meiner Gedanken. […] Wenn du mich kennst, wie kannst du mein Freund sein?« Und dazu die Fragen: Wer kennt wen schon »wirklich«? Und wenn wir alles voneinander wissen würden, würden wir uns dann noch mögen?

Konflikt statt Kontext

Der letzte Satz aus dieser Mail klingt doch fast ein bisschen zu vertraut: »Wenn wir« alles voneinander wüssten, »würden wir uns dann noch mögen?« – wer sind wir? Die E-Mail-Bekanntschaft und ich? Wer ist denn überhaupt diese E-Mail-Bekanntschaft!? Das dürfte beispielsweise meine Frau interessieren. 😬 Erst im Kontext der gesamten Mail erweist sich das »Wir« in seinem allgemeinen Gehalt (»wir Menschen«) – und erst im Kontext des Mail-Verlaufs jene Bekanntschaft als eine harmlose Kommilitonin. (Nachträglich habe ich erfahren, dass ihr das Adjektiv »harmlos« nicht zusagt. Was meinen wir Menschen denn damit, wenn wir einander als harmlos bezeichnen?)

Jedenfalls, für den weiteren Kontext wäre bei so einem Abendessen im Freundeskreis, mit allen Handys in der Mitte und der Privatsphäre im Off-Modus keine Zeit. An zweideutigen Formulierungen können sich da ganz fix die Gemüter erhitzen. An eindeutigen Bildern erst recht. Solche trudeln im Laufe des Films Le Jeu – Nichts zu verbergen schon erstaunlich früh ein und sorgen für Furore. Stakkato-artig prasseln neue Nachrichten und Anrufe ein und halten die Runde in Schwung, bis zu einem unerwarteten Ende.

Auf der einen Seite scheint das Ende zu sagen, dass das Privatleben privat gehalten werden sollte, sonst würde die Hölle losbrechen. Daher sind Mobiltelefone ein so nützliches Werkzeug für tägliche Täuschungsmanöver. Aber auf der anderen Seite hinterlässt »Le Jeu – Nichts zu verbergen« das Gefühl, dass wir letztlich alle besser dran sind, den Schein zu wahren, als der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Jordan Mintzer (The Hollywood Reporter)

Online-Diskurs zu Le Jeu – Nichts zu verbergen

Was in The Hollywood Reporter ziemlich bitter klingt, liest sich in den YouTube-Kommentaren als eine zwar harte, aber annehmbare Realität. So schreibt eine Kommentatorin:

(Die Figur) Ben sagt in einem Schlüsselsatz für die Bedeutung des Endes und des Films im Allgemeinen: »Wenn man jemanden liebt, beschützt man ihn.« […] So viele (Menschen an diesem Tisch) hatten so viele Geheimnisse, und doch lieben sie ihre Partner und bewältigen ihre Probleme auf verschiedene Weisen, die zuweilen (wie wir in dem Handy-Spiel ja gesehen haben) die andere Person »zerstören« würden. Sogar Ben log, indem er via Telefon behauptete, krank zu sein. Wenn er ehrlich gesagt hätte, dass es ihm peinlich gewesen wäre, sein Date mitzubringen, dann hätte es ihre Beziehung ruiniert. […] Obwohl wir uns eine »perfekte« Beziehung vorstellen, gibt es keine. […] Wenn du »Und-sie-lebten-glücklich-bis-ans-Ende-ihrer-Tage-Filme« magst, ist dieser Film nichts für dich. Doch als Realist*in solltest du ihn unbedingt sehen!

YouTube-Userin jofin86 zum Trailer des Films (aus dem Englischen übersetzt)

Gewalt statt Frieden

Daraus entspinnt sich eine Diskussion über die wahre Aussage, die der Film am Ende vermitteln will. Interessant sind dabei die Unterschiede, die zwischen den verschiedenen nationalen Filmfassungen ausgemacht werden. Doch Vorsicht, hier gibt’s Spoiler. Wer den Film noch sehen möchte, springt besser direkt zum Fazit.

Am Ende der englischen Version (gemeint ist die französische Fassung mit englischer Synchro) geht es, denke ich, darum sich den eigenen Ängsten zu stellen, ehrlich und transparent zu sein – und damit frei. Das Ende der mexikanischen Version des Films endet eher auf der Note: Okay, das war schlecht und brutal und zerstörte Beziehung. Zeige nie, niemals deinen Liebsten dein Handy und lebe dein Fake-Leben plus Privatsphäre. […] Oh, und ich vergaß, dass »das Muttersöhnchen« und seine Frau in der französischen Version am Ende Frieden schließen. Sie zeigen Verständnis für die Probleme des jeweils anderen und »reparieren« ihre Beziehung. In der mexikanischen Fassung hingegen kämpfen sie so heftig, dass man von häuslicher Gewalt sprechen kann.

YouTube-User Douglas

Ich habe zuerst die italienische Version gesehen, »Perfetti sconosciuti« […]. Beide Filme sind sehenswert, besonders, wenn du dich für europäisches Filmschaffen interessierst.

YouTube-Userin Adelin Meme

Erklärung zum Ende von Le Jeu · Spoiler!

Am Ende des Films rennt die Filmfigur Thomas (Vincent Elbaz) seiner Frau Léa (Doria Tillier) hinterher, nachdem sie einen starken Abgang aus der Wohnung hingelegt hat. Als sie erfuhr, dass Thomas sie mit seiner Fahrdienst-Kollegin betrügt (und diese sogar geschwängert hat), zog Léa kurzerhand den Ehering vom Finger und deutete damit schon das Ende der Verbindung an. Dabei weiß sie noch gar nicht, was wir als Publikum erfahren.

Was verraten die Ohrringe?

Die Ohrringe, die Thomas gekauft, aber nicht seiner Frau geschenkt hat, sind nämlich nicht etwa an die Fahrdienst-Kollegin gegangen. Stattdessen waren die Ohrringe ein Geschenk an die Psychologin Marie (Bérénice Bejo), der verheirateten Gastgeberin des Abends, mit der Thomas offensichtlich auch etwas hatte.

Der eigentliche Schlussclou ist aber ein anderer: Es tun alle so, als ob das Spiel nie stattgefunden hätte. Sie wollen die Wahrheit nicht wissen, machen weiter mit ihren Lebenslügen. Vincent und Marie geben auf dem Balkon das Motto vor: »Schade, dass wir das Spiel mit den Smartphones nicht gespielt haben« – und die anderen brauchen nicht länger, um zu lügen, als es dauert, eine Stiege runterzukommen oder einen Blick aufs Handy zu werfen. Wie sagt Lea so schön: »Die Mondfinsternis ist vorbei.« Es ist, als ob es nie passiert wäre. Eine schöne Beschreibung der Wahrheit.

Gerald Zorman am 01.12.2019 (Kommentar zu einer früheren Fassung dieses Blogbeitrags)

Tipp: Ein weiteres Kammerspiel, in dem ein Freundeskreis heftig aneinandergerät, ist Der Vorname (2018). Hier geht es zur Filmkritik. (Link folgt)

Fazit zu Le Jeu – Nichts zu verbergen

Kürzlich hat eine Studie ergeben (ok… ich hab ’ne Diskussion über den Film im Eltern-Forum ausgewertet), dass die meisten Menschen offenbar kein Problem damit hätten, ihre privaten Handy-Nachrichten offenzulegen. Demgegenüber hegen in der Clique von Le Jeu – Nichts zu verbergen alle ein mehr oder weniger großes Geheimnis. Das ist natürlich verdichtet und übertrieben, doch darum geht’s in so einem von einer zentralen Idee getriebenen Film: Die Auswirkungen auf die Spitze treiben und für ordentlich Reibung sorgen. Ein toller Film, um danach – oder zwischendurch – zu diskutieren. Ein schlechter Film für einen Videoabend, bei dem Beteiligte echt viel zu verbergen haben. Denn wie viele Leute sind durch den Film wohl schon auf den Gedanke gekommen: Geile Idee, lass mal machen! 😐

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