Kategorischer Imperativ und Goldene Regel

Dieser Beitrag bietet eine kurze Erläuterung von Immanuel Kants Kategorischem Imperativ in seiner Grundformel. Kant war ein Philosoph des 18. Jahrhunderts und gilt als einer der bedeutendsten Denker überhaupt. Egal welches philosophische Thema, du darfst davon ausgehen, dass Kant sich damit befasst hat. Hier werden Kategorischer Imperativ und Goldene Regel kurz miteinander verglichen.

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Der Keim des Guten

Dass der kleine Emanuel (so sein Taufname) schon in jungen Jahren als kluger Kopf entdeckt und gefördert wurde, hat Kant seiner Mutter Anna Regina, geborene Reuter, zu verdanken. »Sie pflanzte und nährte den ersten Keim des Guten in mir«, schrieb Kant einmal, »sie weckte und erweiterte meine Begriffe, und ihre Lehren haben einen immer währenden heilsamen Einfluß auf mein Leben gehabt.« Nun, was hat Kant aus diesem »Keim des Guten« gemacht?

Bild zum Thema kategorischer Imperativ, ein Porträt von Kant

Um das Gute und Richtige geht es in der Ethik. Sie ist eine Teildisziplin der praktischen Philosophie und beschäftigt sich mit so lebensnahen Fragen wie: Was soll ich tun? Wie soll ich mich verhalten? Wie handele ich gut und richtig? Die Ethik ist die Wissenschaft der menschlichen Moral. Was ist Moral? Hier eine Definition auf Dietmar Hübers Einführung in die philosophische Ethik, gerade frisch neu aufgelegt:

Definition von Moral

Unter einer Moral versteht man ein Normensystem, dessen Gegenstand menschliches Verhalten ist und das einen Anspruch auf unbedingte Gültigkeit erhebt.

Dietmar Hübner: Einführung in die philosophische Ethik (2021)

»Eine ›Moral‹ ist also eine Sammlung von Maßstäben, Werten, Urteilen, die sich auf menschliche Haltungen, Aktionen, Verrichtungen beziehen und hierin eine strikte, bedingungslose, unbeschränkte Verbindlichkeit geltend machen«, schreibt Hübner weiter. Nun, in dieser Sammlung nimmt der Kategorische Imperativ von Kant einen besonderen Platz ein – nicht als Werturteil an sich, sondern als eine Formel, anhand derer wir moralische Fragen mathematisch gesprochen einfach »ausrechnen« können.

Das Problem ist nur: Der gute Mann gilt als schwer zu verstehen. [One does not simply understand Kant.] Kant sei »nicht der am leichtesten zu lesende Philosoph«, das gab vor kurzem noch die britische Philosophin Onora O’Neill zu (in: Kant, Applied) und begründete es damit, »dass Kant selbst für preußische Verhältnisse des 18. Jahrhunderts als besonders formaler und pingeliger Denker bekannt war«, und das wolle schon was heißen.

Kategorischer Imperativ als Formel

Doch sein Kategorischer Imperativ ist – Kant sei dank – in seiner Bedeutung nicht ganz so schwer zu verstehen. Wäre ja auch blöd, weil er für alle Menschen gelten soll, dieser Imperativ. Ein Imperativ ist ein Satz, der als Befehl formuliert ist. Sowas wie: Dont’ worry, be happy.

Kategorisch ist ein Imperativ, wenn sich alle daran halten sollen: keine Ausnahmen, keine Widersprüche. Hier nochmal der Satz, um den es geht:

Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.

Dieser Grundsatz ethischen Handeln ist wie gesagt eine Formel ohne Inhalt. Wir können sie nutzen, um eigene Inhalte – x-beliebige Handlungen, die wir vorhaben – in diese Formel einzusetzen und zu schauen: Wäre mein Handeln widerspruchsfrei und damit moralisch in Ordnung? Das erscheint mir wichtiger als jede Mathe-Formel, weshalb wir den Kategorischen Imperativ schon Kindern möglichst früh beibringen sollten. Aber wie erkläre ich »die Maxime eines Willens« meinen Kleinen? Vielleicht so:

Kategorischer Imperativ für Kinder

Eine Maxime ist eine Lehre oder ein Motto. Das ist eine bestimmte Art von Gedanken – nämlich ein Gedanke, mit dem ihr euch erklärt, warum ihr etwas tut oder tun dürft. Wir können einen solchen Gedanken auch einen »Leitgedanken« nennen, wie eine Leitplanke, die euch auf einer bestimmten Bahn hält – nicht auf der A3 oder B67, sondern auf der Bahn des richtigen Handelns.

Wenn Kant von der »Maxime deines Willens« spricht, ist damit also der Leitgedanke gemeint, den du (oder du) im Sinn hast, wenn du eine bestimmte Sache haben oder tun willst, ohne dabei von der Bahn des richtigen Handelns abzukommen. Ist ein bisschen so, wie die Goldene Regel: »Was du nicht willst, dass man Dir tut, das füg’ auch keinem andern zu.« Heißt: Wenn ihr nicht gehauen werden wollt, dann haut halt auch keine anderen Kids. Und wenn ihr nicht beklaut werden wollt, dann beklaut halt auch nicht die anderen.

Für Kinder, ehrlich gesagt, reicht diese Erklärung dicke. Genauso wie bis zu einem bestimmten Alter die Erklärung reicht: Mama und Papa ha’m sich ganz fest umarmt und tja, neun Monate später warst du da. Aber genau genommen sind die Goldene Regel und der Kategorische Imperativ zwei verschiedene moralische Prinzipien.

Goldene Regel vs. Kategorischer Imperativ

Während sich die Goldene Regel – »Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu« – auf die Wünsche des einzelnen Menschen konzentriert und diese nur auf ein Gegenüber projiziert, einen anderen Menschen überträgt, geht’s im Kategorischen Imperativ um eine allgemeine Gesetzgebung und Widerspruchsfreiheit.

Beispiel Stehlen

Nehmen wir nochmal das Klauen, oder: Stehlen. Das unerlaubte Wegnehmen einer Sache, die einer anderen Person gehört. Sollte Stehlen erlaubt sein, im Sinne einer allgemeinen Gesetzgebung? Würde heißen: Ja, es sei gesetzlich erlaubt, anderen unerlaubterweise etwas wegzunehmen.

Klingt widersprüchlich. Ist es auch. »Stehlen« als Begriff impliziert das Vorhandensein von Eigentum. Sowohl die Vorstellung von »Eigentum« als auch die Bedeutung von »Stehlen« würden sich praktisch aufheben, wenn wir es zur Maxime unseres Willens und Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung machen würden. Aufgrund dieser Widersprüchlichkeit, fällt »Stehlen« als unmoralisch durch – und nicht etwa, weil die beklaute Person sehr traurig wäre, wie es die Goldene Regel begründet.

Beispiel Lügen

Gleiches gilt fürs Lügen: Angenommen, du leihst dir Geld und versprichst, es zurückzuzahlen – obwohl du insgeheim weißt, dass du das nie tun wirst. Verallgemeinert hieße das: Ja, es ist gesetzlich ok, ein Versprechen zu geben, das eine Lüge ist, also doch kein Versprechen (also auch… keine Lüge?).

Etwas zu geben, ohne es zu geben, das geht nicht. Wieder: ein Widerspruch. »Lügen« als Begriff setzt Wahrhaftigkeit voraus, den Willen zur Wahrheit. Sowohl die Bedeutung von »Versprechen« als auch »Lügen« würden sich aufheben, wenn wir dies zur Maxime machen würden. Erneut ist die Widerspruchsfreiheit hier die Grundlage der Moral – nicht die Tatsache, dass die belogene Person ihre Kohle nicht zurückkriegt, worauf die Goldene Regel hinweisen würde.

Nun, was ist denn besser, Goldene Regel oder Kategorischer Imperativ?

Beispiel Schlagen

Nehmen wir mal das Hauen, oder: Schlagen. Die heftige Bewegung einer Hand oder eines Gegenstandes mit dem Ziel, einen anderen Gegenstand oder Menschen zu treffen. Manch’ Mensch würde darauf reagieren mit: Uuuh, gerne, mehr davon! Ausgehend von der Goldenen Regel würde solch eine masochistische Person kein Problem darin sehen, einer anderen Person den Gefallen zu tun, ihr mal so richtig den Arsch zu versohlen. Nun sind wir aber ja nicht alle masochistisch veranlagt.

Die Maxime deines Willens, Schlagen als okay zu empfinden, mit der zugrundeliegenden Prämisse, dass du zufällig darauf stehst – diese Maxime lässt sich aufgrund dieser höchst subjektiven Prämisse nicht gesetzlich verallgemeinern.

Übrigens auch nicht die Maxime: Schlagen ist okay, weil damit meinen Willen besser durchsetze. Lässt sich das gesetzlich verallgemeinern auf eine Gesellschaft, die auch Babys umfasst? Sollen die sich auch nach besten Kräften durchschlagen? Nö, das Baby würde sagen (wenn es sprechen könnte): Lauthals schreien ist okay, weil damit ich meinen Willen durchsetze… Das kann doch kein vernünftiger Mensch ernsthaft wollen.

Kategorischer Imperativ in der Kritik

Auch der kategorische Imperativ gerät mit seinem Ruf nach festen Prinzipien an die Grenzen der praktischen Umsetzbarkeit. So würde ein gesetzlich verankertes Lügenverbot auch alle Notlügen ausschließen. Oder stell’ dir vor, du willst gerade einen Hund vor dem Ertrinken retten, bist aber eigentlich mit einer Freundin auf ein Bier verabredet – und hast versprochen, pünktlich zu kommen. Tja, armer Hund. Ein Handeln durch situatives Abwägen wäre gemäß dem kategorischen Imperativ nicht möglich.  

Die kantische Ethik legt den Fokus nicht, wie es etwa der Utilitarismus tut, auf die Folgen des Handelns, sondern auf die dahinter liegende Absicht, den Willen. Deshalb wird das, worauf Kant hinauswill, als Willensethik bezeichnet, oder auch als Pflichtethik – weil es darum geht, um ihrer selbst willen der moralischen Pflicht zu folgen. Heutzutage mag die Pflicht einen etwas faden Beigeschmack haben, doch Kant feiert geradezu ab:

Pflicht! du erhabener großer Name, der du […] Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, […], um den Willen zu bewegen, […] und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, […] von welcher […] abzustammen die […] Bedingung desjenigen Werts ist, den sich Menschen allein selbst geben können?

Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft, A 154

Fazit

Das war: Immanuel Kant, in: Die Kritik der praktischen Vernunft. Eine Zusammenfassung dieses Werks gibt’s unter anderem bei GetAbstract. Wie alle Zusammenfassungen – und das gilt auch und vor allem für ’nen Blogbeitrag wie dieses hier – bleibt dabei vieles auf der Strecke. Zu Kants kategorischem Imperativ ließe sich noch eine ganze Menge mehr sagen. Wer daran Interesse hat, wäre etwa mit dem Buch Kant für Anfänger: Der kategorische Imperativ von Ralf Ludwig gut bedient – oder, wenn’s etwas tiefenphilosophischer sein darf, bietet auch die Reihe Klassiker Auslegen einen Band zu Kants Kritik der praktischen Vernunft.

Falls du noch Empfehlungen zu weiterführenden Büchern hast, oder weitere Beispiele für den kategorischen Imperativ in Anwendung, oder noch ein paar Kritikpunkte an Kants Pflichtethik einbringen willst – hinterlasse gerne einen Kommentar.

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