Der Holozän-Kalender

In meinem Studio hängt ein Holozän-Kalender an der Wand. Schon seit Beginn der 2020er Jahre, nein: der 12.020er Jahre! Was ist das Holozän? Kurzgesagt:

Was ist das Holozän? · Definition

Das Holozän ist die aktuelle Epoche der Erdgeschichte, die somit auch die Gegenwart umfasst. Sie dauert bereits seit rund 12.000 Jahren an. Bei dieser Epoche handelt es sich um eine Warmzeit innerhalb eines Eiszeitalters. Der Begriff »Holozän« heißt in etwa »das ganz Neue«.

Was daran so neu sein soll, dazu gleich mehr. Wann endet das Holozän?

Wann das Holozän endet, ist ungewiss. Doch da das Holozän eine Warmzeit von vielen ist und die vorausgegangene, sogenannte Eem-Warmzeit knapp über 11.000 Jahre andauerte, gehen manche Fachleute von einem baldigen Ende des Holozäns aus – und andere sehen es gar als bereits beendet an.

Wenn das so ist: Was kommt nach dem Holozän?

Nach dem Holozän kommt das Anthropozän, benannt nach dem Menschen (griech. anthropos). Diesen Vorschlag machten Wissenschaftler im Jahr 2000, weil die Menschheit zunehmend die Erde beeinflusst. 2021 schlugen andere Fachleute vor, das Anthropozän nicht als Epoche sondern Ereignis (event) zu werten.

So oder so, das »ganz Neue«, für das die Epoche des Holozäns steht, lässt sich auch schon auf den Menschen beziehen. Denn mit Beginn des Holozäns fing für die Menschheit eine neue Zeitrechnung an.

Das ist es, worauf der Holozän-Kalender aufmerksam machen will.

Ehe wir uns tiefer in die Geschichte dieser spannenden Idee begeben, vorweg: Wo gibt’s den Holozän-Kalender zu kaufen?

Holozän-Kalender kaufen bei Kurzgesagt

Den Holozän-Kalender gibt es im Online-Shop von Kurzgesagt zu kaufen. Kurzgesagt ist bekannt durch animierte Edutainment-Videos mit komischen Vögeln auf YouTube. In Deutschland belegt deren Kanal Platz 2 der meist abonnierten YouTube-Channel.

Daher ist der Holozän-Kalender für gewöhnlich auch rasch vergriffen. Wer informiert werden möchte, wann es den Kalender fürs kommende Jahr gibt, kann den Newsletter von Kurzgesagt abonnieren. 💌

So, genug der unbezahlten Werbung. Schauen wir uns nun die Geschichte hinter dem Holozän-Kalender mal genauer an.

Dazu verschlägt es uns in den Vorderen Orient zur Jungsteinzeit. In der Fachsprache wird diese Epoche der Menschheitsgeschichte auch als »Neolithikum« bezeichnet. In dieser Zeit fand die dementsprechend sogenannte neolithische Revolution statt.

Die neolithische Revolution ist nicht zu verwechseln mit der kognitiven Revolution. Diese zog sich über zigtausende Jahre hin und hatte zur Folge, dass unsere Gehirne zu neuen Formen des Denkens und der Kommunikation fähig wurden.

📌 Tipp: Mehr zur kognitiven Revolution gibt’s in der kurzen Vorgeschichte der Mathematik.

Die neolithische Revolution hingegen ging mit einer ganz neuen Lebensweise einher. Einmal mehr handelt es sich dabei um eine Entwicklung, die sich nicht über Nacht vollzog.

Und doch, mit Blick auf eben die Menschheitsgeschichte, kommt sie geradezu einem Blinzeln gleich. Stellen wir uns nur mal diesen unfassbar langen Zeitraum vor…

Die neolithische Revolution 🌱

Über zweieinhalb Millionen Jahre lang lebten die Menschen jagend und sammelnd, allein von dem, was die Natur ihnen bot.

Von den ersten Urmenschen, die mit Steingeräten Fleischreste von Knochen schabten und nach Knochenmark pulten, bis hin zu dem Individuum, das vor mutmaßlich 20.000 Jahren die Kerben in den Ishango-Knochen ritzte, hat sich an dieser einen Sache nichts geändert: Die Menschen ernährten sich »von Pflanzen und Tieren, die ohne menschliche Eingriffe lebten und sich vermehrten« (Harari 2019, 103).

Doch dann begannen einige Menschen damit, die Körner bestimmter Wildgräser zu sammeln – und anzubauen.

Der allmähliche Übergang von Wanderschaft und Wildbeuterei hin zu Ackerbau und Viehzucht vollzog sich im Zuge klimatischer Veränderungen zunächst im Vorderen Orient, vor rund 12.000 Jahren.

Unabhängig von dem dortigen Geschehen kam die neolithische Revolution später jauch in anderen Gegenden rund um den Globus ins Rollen. Etwa in China, auf der Insel Neuguinea, am Mississippi sowie in Mittel- und Südamerika (vgl. Bellwood 2008, 2).

Wann und wie sich die neolithische Revolution auch auf meine Heimatregion Westfalen ausgewirkt hat, dazu mehr in der LWL-Serie Eine kurze Urgeschichte Westfalens. Hier die erste Episode:

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Landwirtschaft und Sesshaftigkeit ergaben sich an Orten, wo es aufgrund des Artenvorkommens und der Umweltbedingungen möglich war.

Das Zählen und das Rechnen – um das es in der Vorgeschichte der Mathematik ging – folgten schließlich dort, wo es nötig war. Wie etwa in den dicht besiedelten Städten der frühen Hochkulturen, die infolge der neolithischen Revolution entstanden sind.

Damit war der Weg in unsere Gegenwart eingeschlagen.

Eine neue Zeitrechnung 🗓️

Selbst wenn wir zu der Geschichte des mathematischen Denkens keinen Anfang finden mögen, so können wir doch einen Anfang festlegen, der für die Geschichte der menschlichen Kultur passend erscheint.

Die Idee zur Bestimmung eines solchen Anfangs basiert auf einem Vorschlag von Cesare Emiliani, einem der berühmtesten Wissenschaftler seiner Zeit. Doch welche Zeit genau ist mit »seiner Zeit« gemeint?

Die weltweit meist genutzte Zeitrechnung, die auch in Europa herrscht, geht vom gregorianischen Kalender aus. Der ist benannt nach Papst Gregor XIII. und orientiert sich an der Geburt eines bescheidenen Predigers namens Jesus vor rund 2000 Jahren.

Zu dieser Zeit waren nicht nur das Zählen und Rechnen, sondern auch das Schreiben und Lesen längst etabliert.

Große Reiche waren emporgestiegen und wieder verschwunden, während die Werke vieler Hände und genialer Köpfe dieser fernen »Vorzeit« bis heute erhalten sind. In Form von Gebäuden, Geschichten, Schriften, Kunstwerken und Ideen wie Nächstenliebe, Recht und Demokratie.

Und dann erst wurde – hinein in eine Welt, die vor Vergangenheit und Vielfalt nur so brummte – jener Prediger geboren.

Wenn wir die Zeitrechnung mit der Geburt dieses einen, so legendär bescheidenen Menschen beginnen lassen, dann verkennen wir die Bedeutung all der anderen Menschen, deren Leben und Wirken noch weiter zurückliegen.

Ohne diese anderen Menschen hätte es weder eine Stadt Jerusalem noch jenen Stall in Betlehem gegeben. Ja, nicht einmal Ochse und Esel wären domestiziert gewesen. 🐂

Viehzucht kam in der Jungsteinzeit auf. Jener menschheitsgeschichtlichen Epoche, die als »Neolithikum« bezeichnet wird. Doch ermöglicht wurden diese Epoche und die neolithische Revolution nur dadurch, dass zuvor eine neue erdgeschichtliche Epoche angebrochen war: das Holozän.

Emilianis Kalender-Reform 🌍

Der Begriff »Holozän« bedeutet wie erwähnt »das ganze Neue«, sinngemäß. Gemeint ist damit unter anderem das Klima, dessen drastische Veränderung den Umbruch herbeigeführt hat. Das Holozän ist vereinfacht gesagt die Epoche nach der Eiszeit und hält als solche bis heute an.

Genau gesagt handelt es sich beim Holozän um…

[…] die bisher letzte einer Vielzahl von Warmzeiten innerhalb des Eiszeitalters; sie dauert bereits 11.650 Jahre an. Die vorausgegangene Eem-Warmzeit zog sich nur wenig länger, sodass eine nächste Kaltzeit in nicht allzu ferner Zukunft wieder anbrechen wird. Dies bewirken die hinter den einschneidenden Klimaveränderungen des Eiszeitalters stehenden, […] sich regelhaft verändernden Erdbahnparameter, die weiterhin aktiv ist (vgl. Baales et al. 2013, 35).

Kurzum: Wir leben jetzt gerade im Holozän. Das Holozän ist unser erdgeschichtliches Zeitalter.

Und durch das Holozän konnte es überhaupt erst zu dem Wandel der menschlichen Lebensweise kommen, der uns nach einem Jahrmillionen (!) anhaltenden Trott auf diejenige Bahn gebracht hat, auf der wir uns heute bewegen und die wir (meistens) als »Fortschritt« empfinden.

Deshalb erscheint das Holozän als sinnvoller Rahmen für unser aller Zeitrechnung. Cesare Emiliani schlug eine Kalender-Reform vor, im Zuge derer der Beginn des Holozäns vor rund 12.000 Jahren zum Ausgangspunkt wird (vgl. Emiliani 1993, 1994).

Das Jahr 1 im Holozän-Kalender

Als symbolisches Ereignis, das den Beginn der Holozän-Zeitrechnung markiert, bietet sich ein besonderes Bauprojekt an. Und zwar die Anlage, die auf dem Göbekli Tepe errichtet worden ist.

Bei dem Göbekli Tepe handelt es sich um einen berühmten Fundort im Südosten der heutigen Türkei und eine der »großen Entdeckungen der Archäologie unserer Zeit.« (Parzinger 2016, 130)

Die Menschen, die mit enormem Aufwand [die] kultischen Bauwerke auf der Bergkuppe errichteten, lebten […] in […] Niederlassungen der näheren wie weiteren Umgebung. An diesem Ort wird also ein organisiertes soziales, kultisches und in Ansätzen gewiss auch bereits politisches Netzwerk sichtbar […]. (Ebd.)

Nicht die Geburt eines Einzelnen, sondern das Teamwork von vermutlich weit über tausend Menschen steht somit am Anfang.

Ebenso, wie die Geburt von Jesus Christus nicht exakt das Jahr 1 der gregorianischen Zeitrechnung markiert, so muss auch der sprichwörtliche Spatenstich am Göbekli Tepe nicht genau zu Beginn des Jahres 1 HE liegen. HE steht für Holocene Era (Holozän-Ära) oder eben auch Human Era, die Ära der Menschen.

Der Bau des Göbekli Tepe versteht sich in diesem Zusammenhang, wie gesagt, als ein symbolisches Ereignis.

Und ebenso, wie jener Stall in Betlehem eine Geburtsstätte religiöser Gefühle und Geschichten ist, so erweist sich die Anlage auf dem Göbekli Tepe als »eine Stätte von primär religiösem Charakter« (Schmidt 2020, 99).

Damit geht durch die Verschiebung des Ausgangspunktes auf dieses Ereignis nicht einmal der Aspekt des Heiligen verloren.

Fazit zum Holozän-Kalender

Um den Holozän-Kalender zu übernehmen, bedarf es keiner großen Umrechnung jener gregorianischen Zeitrechnung, der zufolge wir heute im 21. Jahrhundert bzw. in den 2020er Jahren n. Chr. sind.

Stattdessen können wir – darin liegt das Geniale und Sachdienliche dieser Lösung – einfach nur 10.000 Jahre addieren. Somit befinden wir uns heute also im 121. Jahrhundert bzw. in den 12.020er Jahren HE. Cesare Emiliani formulierte diesen Vorschlag erstmals im Jahr 11.993.

Einerseits sind das abschreckend große Zahlen, die nicht auf Anhieb alltagstauglich erscheinen. Andererseits haben wir ein Zahlensystem, das den Umgang mit großen Zahlen vergleichsweise einfach macht. Von daher wäre es vielleicht mal einen Versuch wert.

Inwiefern unser heutiges Zahlensystem so »vergleichsweise einfach« mit großen Zahlen klarkommt und im Vergleich zu welchen anderen Zahlensystemen denn bitte – dazu ein andermal mehr.

📚 Weiterlesen: Für Zahlen-Interessierte finden sich Lektüre-Tipps im Abschnitt Logik und Mathematik meines Bücherregals, hier entlang. (Link folgt)

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Literatur

Baales, Michael; Hans-Otto Pollmann, Bernhard Stapel: Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit. Münster: Landschaftsverband Westfalen-Lippe 2013.

Bellwood, Peter: First Farmers: The Origins of Argicultural Societies. 5. Aufl. Malden, MA: Blackwell 2008.

Emiliani, Cesare: Calendar reform. In: Nature 366.23/30 (1993), 716; Calendar reform for the year 2000. In: Eos 75.19 (1994), 217–219.

Harari, Yuval Noah: Eine kurze Geschichte der Menschheit. München: DVA 2019.

Parzinger, Hermann: Die Kinder des Prometheus. 2. Aufl. München: C.H. Beck 2016.

Schmidt, Klaus: Sie bauten die ersten Tempel. 2. Aufl. München: C.H. Beck 2020.

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