Nietzsches Übermensch

Der Name Nietzsche wird oft mit Formeln in Verbindung gebracht – wie die vom »Willen zur Macht« oder berühmt-berüchtigt: »Gott ist tot«. Doch wenn es nur ein Wort sein soll, das mit Nietzsche wie kein anderes verbunden ist, dann das des »Übermenschen«. Was ist der Übermensch bei Nietzsche?

Der Übermensch bei Nietzsche ist ein erstrebenswerter Zustand. Nietzsche nennt den »Übermenschen« in einem Atemzug mit Göttern und Heroen, also Helden. Schon Götter haben wir, Nietzsche zufolge, selbst erfunden. Und ebenso sei der Übermensch ein Zustand, den ein Mensch selbst erreichen könnte.

Wie kann man ein Übermensch werden?

Man kann ein Übermensch werden, indem man alle Vorurteile abstreift. Dazu gehört die geltende Moral, also unsere christlich geprägte Vorstellung davon, was Gut und Böse sei. Für Nietzsche ist dies bloß eine »Sklavenmoral«, die dazu dient, alle Menschen auf dem Niveau von Herdentieren zu halten.

Die Moral des Übermenschen nennt Nietzsche hingegen eine »Herrenmoral«.

Wer Werke von Nietzsche gelesen hat, mag nun an den »Immoralismus« denken, oder an die »Umwertung aller Werte«. Nietzsches Vorstellung vom Übermenschen steht auch im Zusammenhang mit der von ihm beschworenen »ewigen Wiederkehr des Gleichen«.

Inhaltsverzeichnis

Der Übermensch im Zarathustra · Text als PDF

Bekannt ist der »Übermensch« von Nietzsche insbesondere aus Also sprach Zarathustra, einem »Buch für Alle und Keinen«, wie Nietzsche es nannte. Veröffentlicht wurde das Werk in mehreren Teilen von 1883 bis 1885.

📜 Buch als PDF: Ältere Ausgaben von Also sprach Zarathustra sind als PDF im Internet Archive frei verfügbar, siehe: https://archive.org.

Das Konzept des Übermenschen ist schon in Menschliches, Allzumenschliches von 1878 enthalten – und der Begriff des Übermenschen taucht sogar schon in den Jugendschriften von Friedrich Nietzsche auf.

📖 Die Digitale Kritische Gesamtausgabe umfasst alle Werke und Briefe von Nietzsche, die Digitale Faksimile-Gesamtausgabe sogar sämtliche seiner Original-Manuskripte und -Drucke. Beide Ausgaben sind hier verfügbar: http://www.nietzschesource.org/.

Nun, selbst wer keine seiner Formeln und Schlagworte kennt, selbst wer noch nie etwas von Nietzsche gelesen hat, kann meist etwas mit seinem Namen anfangen: Nietzsche. Und sei’s nur eine vage Erinnerung an das markante Gesichtshaar dieses Herrn.

Die Wenigsten überblicken wirklich das Gesamtwerk samt den Werdegang dieses Ausnahme-Denkers. Aus heutiger Warte wirkt es vielmehr, als verschwinde Nietzsche »hinter seinen Schlagworten und hinter seinem Schnurrbart.« (Sommer 2019, 1)

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Nietzsche: Zitate und Widersprüche

Die Schattenseite von Nietzsches Bekanntheit liegt darin, dass seine Zitate häufig aus dem Zusammenhang gerissen werden. Zumal es »unter seinen großen Sprüchen […] kaum einen geben [dürfte], dem er nicht selbst widersprochen hätte«, wie Volker Gerhardt im Nachwort zu Jenseits von Gut und Böse schreibt (Nietzsche 1988, 226).

Nietzsche selbst bemerkt in seiner Vorrede zu Menschliches, Allzumenschliches (MA):

Es ist mir oft genug und immer mit grossem Befremden ausgedrückt worden, dass es etwas Gemeinsames und Auszeichnendes an allen meinen Schriften gäbe, […] sie enthielten allesammt, hat man mir gesagt, Schlingen und Netze für unvorsichtige Vögel und beinahe eine beständige unvermerkte Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Werthschätzungen und geschätzter Gewohnheiten. (MA I, Vorrede)

Nicht erst heute, sondern schon zu Lebzeiten war Nietzsche – der seine Tage meist allein verbrachte, auf Wanderungen durch Wald und Wiese – seinen Mitmenschen ein Rätsel.

Nietzsche: Krankheit, Tod und Traum

Beschrieben wird Friedrich Nietzsche als Charakter, der »milde, weich und mitleidig« war, »zart, leicht verletzlich« und »voll Scheu Andere zu verletzten [sic!]« – Eigenschaften, die scheinbar nicht zu dem Autor passen, dessen Werke »ihm und Anderen Schmerz und Bitterniss« bereiten (vgl. Salis-Marschlins 1897, 78 u. 50).

Werke wie Der Antichrist oder eben Jenseits von Gut und Böse. Letzteres erschien 1886, im selben Jahr wie Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Diese Novelle erzählt von einem gutherzigen Arzt und einem bösartigen Kerl.

Der Böse stellt sich als Teil der Persönlichkeit des Guten heraus.

Ein solch doppelgesichtiger Mensch, wenn auch auf andere Weise krank und (mutmaßlich) in keiner Weise kriminell, war Friedrich Nietzsche – der einsame Wanderer und rätselhafte Zeitgenosse.

Erinnerungen einer Weggefährtin

Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten Male sprach, – […] in der Peterskirche zu Rom, – während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm mich frappirte und täuschte.

Aber nicht lange täuschte es an diesem Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte […] gefasst hat: »Bei Allem, was ein Mensch sichtbar werden lässt, kann man fragen: was soll es verbergen? Wovon soll es den Blick ablenken? Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?«

Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss, – einer sich stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich. (Andreas-Salomé 1894, 13)

Die Schriftstellerin Lou von Salomé – eine kurzweilige Weggefährtin Nietzsches – verfasste diese Zeilen, als der Philosoph nach seinem psychischen Zusammenbruch schon ins geistige Jenseits abgedriftet war. Aus dieser Umnachtung erwachte er nie wieder.

Ausgerechnet Nietzsche, der so derbe gegen das Mitleid und die »Weiber« gewettert hat, endet als langjähriger Pflegefall in der Obhut von Frauen. Ganz so, als sei Gott doch nicht tot, sondern putzmunter und für böse Ironie zu haben.

Erst kümmerte sich die Mutter, dann seine Schwester Elisabeth. Die hatte schon früh den Hang zur Einsamkeit in ihrem Bruder erkannt.

Erinnerungen seiner Schwester

Bereits auf der Knabenschule stellte sich heraus, dass Friedrich – dieses »hochbegabte, merkwürdige Kind«, das »ein ungewöhnliches Interesse für Bücher, Lesen und Schreiben zeigte« – »schon […] sehr anders [war], als Knaben seines Alters zu sein pflegen, – in der Bürgerschule nun, wo ein zwar ganz gesitteter, immerhin doch etwas derber und lärmender Ton herrschte«, so erinnert sich Elisabeth, da »fühlte er sich vollständig vereinsamt« (Förster-Nietzsche 1912, 15 u. 19).

Wie sehr sie noch gesteigert werden würde, diese Einsamkeit, zeigt sich zum Ende seines Lebens: Ein ganzes Jahrzehnt lang vegetiert Nietzsche in jener geistigen Umnachtung vor sich hin, in der er kein Wort mehr spricht, geschweige denn zu Papier bringt.

Er bleibt ganz in sich verschlossen, bis er im Alter von 55 Jahren schließlich stirbt. Todesursache: Schlaganfall. Nietzsches Todesjahr – 1900 – markiert das Ende eines turbulenten Jahrhunderts, das seine Überlegungen zu moralischen Werten fortwährend geprägt hat.

Von welchem Standpunkt aus kann über moralische Urteile (bzw. Vorurteile) überhaupt nachgedacht werden? Dazu Nietzsche:

»Gedanken über moralische Vorurtheile«, falls sie nicht Vorurtheile über Vorurtheile sein sollen, setzen eine Stellung ausserhalb der Moral voraus, irgend ein Jenseits von Gut und Böse zu dem man steigen, klettern, fliegen muss, – und, im gegebenen Falle, jedenfalls ein Jenseits von unsrem Gut und Böse, eine Freiheit von allem »Europa«, letzteres als eine Summe von kommandirenden Werthurtheilen verstanden, welche uns in Fleisch und Blut übergegangen sind. […]

Der Mensch eines solchen Jenseits, der die obersten Werthmaasse seiner Zeit selbst in Sicht bekommen will, hat dazu vorerst nöthig, diese Zeit in sich selbst zu »überwinden«. (FW 380)

Nietzsche: Übermensch statt Gottes Segen

In Die Fröhliche Wissenschaft (FW) stellt Nietzsche fest, dass sich »der Denker von den dominierenden Moralen befreien muss« (Born 2014, 7), jene »obersten Werthmaasse« seiner Zeit, dem 19. Jahrhundert als Epoche großer politischer und sozialer Umbrüche. Woher rührt die Dominanz, der moralische Druck?

Nietzsche war Sohn einer Familie, die über Generationen hinweg Pfarrer hervorgebracht hat – bis hin zu seinem eigenen Vater. Dieser starb früh, infolge eines Unfalls, und begegnete dem trauernden Friedrich in einem Traum.

In diesem Traum steigt der Vater aus dem Grab, »eilt in die Kirche und kommt […] mit einem kleinen Kind im Arm wieder«, das er mit zu sich ins Grab nimmt.

Kurz darauf stirbt auch Friedrichs kleiner Bruder.

Ob seiner ernsthaften Art wird der Leid erprobte Junge in der Schule später selbst »kleiner Pastor« genannt (vgl. Förster-Nietzsche 1912, 21 u. 28). Doch in die Fußstapfen des Vaters tritt Friedrich nicht, im Gegenteil.

Ausgerechnet das Christentum ist es, welches Nietzsche später, in seiner Vorrede zu Jenseits von Gut und Böse, als Verursacher des moralischen Drucks ausmacht, als Übeltäter. Und eigentlich: Platon, denn Christentum sei ja nur Platonismus fürs »Volk«.

Wogegen Nietzsche sich der Sache nach ausspricht, sind die Idee eines Guten an sich und die Vorstellung eines persönlichen Gottes – die Wurzeln aller Moral, wie wir sie im Abendland wertschätzen. Was setzt Nietzsche dem entgegen? Nichts weniger als die Lehre vom Übermenschen als freien Geist, der seine eigenen Werte schafft.

Vorspiel einer Philosophie der Zukunft

Um herauszufinden, was es mit diesem Übermenschen auf sich hat, muss man sich in dessen Brutstätte begeben. Also in jene gedankliche »Stellung ausserhalb der Moral«, die Nietzsche soeben als »ein Jenseits von Gut und Böse« bezeichnete.

Die Schrift, die eben diesen Titel trägt – Jenseits von Gut und Böse (JGB) – lässt sich als eigenwillige Auseinandersetzung mit jenen vier Fragen von Immanuel Kant lesen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Und was ist der Mensch? (vgl. Born 2014, 27ff.)

Nietzsches Antworten darauf mögen empören, provozieren, gar verstören. In jedem Fall regen sie zum gründlichen Nachdenken und Reflektieren an. Das macht Jenseits von Gut und Böse trotz oder gerade wegen aller Abgründe, die sich darin auftun, lesenswert.

Als ein »Vorspiel einer Philosophie der Zukunft« untertitelte Nietzsche Jenseits von Gut und Böse. Das Werk erschien 1886, im selben Jahr, in dem in New York die Freiheitsstatue eingeweiht wurde 🗽 – und zwischen seinem literarischen Hauptwerk Also sprach Zarathustra und seiner einflussreichen Streitschrift Zur Genealogie der Moral.

Die Moral als unser Wertesystem ist das zentrale Thema dieser drei Schriften aus den 1880er Jahren – eine Zeit, in der mit Kranken-, Renten- und Unfallversicherung unter Bismarck wesentliche Elemente des deutschen Sozialstaats entstehen. Doch an solchem Sozialwesen ist Nietzsche nicht interessiert.

Fazit: Was wollte Nietzsche?

Nietzsches Ziel ist die Höherentwicklung des Menschen – aber nicht aller Menschen. Er pfeift auf die moralische Standhaftigkeit eines Sherlock Holmes und geht doch mit gleichsam detektivischem Spürsinn den Wurzeln unserer Vorstellung von Gut und Böse auf den Grund – im Zuge einer Studie in Schattengrau, ausgehend von Fragen wie: Warum sind uns Freiheit und Wahrheit als »gute Werte« so heilig?

Es ging Nietzsche um nicht weniger, als unsere von Vorurteilen behaftete, schwarzweiße, zweiwertige Weltsicht zu erschüttern. Dass ihm dies gelungen ist, dafür lässt sich gut argumentieren. Immer wieder fielen und fallen seine Ideen, insbesondere der Übermensch von Nietzsche, im 20. und 21. Jahrhundert auf fruchtbaren Boden – wenn auch sicher nicht immer im Sinne des Denkers.

Wie stehen wir diesem umstrittenen Philosophen heute gegenüber? Mit skeptisch verschränkten Armen, in Ablehnung, Angriffslust – oder freudig bereit, ihn und seine Ideen zu verteidigen? Nochmal Nietzsche, in einem Brief von 1888… ✍️

Es ist durchaus nicht nöthig, nicht einmal erwünscht, Partei […] für mich zu nehmen: im Gegentheil, eine Dosis Neugierde, wie vor einem fremden Gewächs, mit einem ironischen Widerstände, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir.

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Verwendete Literatur

Andreas-Salomé, Lou: Friedrich Nietzsche in seinen Werken. Wien: Carl Konegen 1894.

Born, Marcus Andreas (Hg.): Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Berlin: Akademie 2014.

Förster-Nietzsche, Elisabeth: Der junge Nietzsche. Leipzig: Alfred Kröner 1912.

Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Mit einem Nachwort von Volker Gerhardt. Stuttgart: Reclam 1988.

Salis-Marschlins, Meta von: Philosoph und Edelmensch. Ein Beitrag zur Charakteristik Friedrich Nietzsche’s. Leipzig: Naumann 1897.

Sommer, Andreas Urs: Nietzsche und die Folgen. 2. Aufl. Berlin: Springer 2019.

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