Contagion · Pandemie-Thriller vs. Corona-Krise

Der Film Contagion handelt von der globalen Ausbreitung eines tödlichen Virus. Als er im Jahr 2011 herauskam, waren SARS (2002/03) und H1N1 (2009/10) die beiden Pandemien, an die das Publikum bei Betrachtung dieses starbesetzten Thrillers dachte. Regisseur Steven Soderbergh hatte einen »ultra-realistischen Film«1 zum Thema drehen wollen – und laut Feedback aus Fachkreisen2 war ihm das gelungen. Heute, im Frühjahr 2020, ist die COVID-19-Pandemie in vollem Gange, Ausgang ungewiss – und der knapp 10 Jahre alte Film Contagion kommt aus der Versenkung hervor. Was kann uns dieses düstere Werk in einer so bedrückenden Gegenwart mit auf den Weg geben? | Lesezeit: 10 Min.

Zur Handlung des Films

Contagion ist der englische Begriff für Ansteckung oder Infektion. Im Film ist es die Geschäftsreisende Beth (Gwyneth Paltrow) die auf einer Rückreise aus Hong Kong als eine der ersten Betroffenen die Symptome einer vermeintlichen Erkältung bemerkt. Wenige Tage später bricht sie zusammen und stirbt. Weitere Stunden später auch ihr Sohn. Ehemann Mitch (Matt Damon), noch unter Schock, kommt in Quarantäne. Binnen kürzester Zeit verbreitet sich das unbekannte Virus in mehreren Ländern.

Dr. Cheever (Laurence Fishburne) von den Centers of Disease Control and Prevention (CDC) wird prompt vom Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten kontaktiert: Ob es sich bei dem Virus um eine Biowaffe handeln könne? Dr. Mears (Kate Winslet) vom Epidemic Intelligence Service (EIS) soll die Herkunft des Virus zu ermitteln. Derweil bekommt es in den Untersuchungslaboren bereits einen Namen: MEV-1. Nach Prognosen der Fachleute wird jeder zwölfte Mensch der Welt infiziert werden – mit einer Sterblichkeitsrate von bis zu 30 Prozent.

Trailer zu Contagion

Zur Haltung der Fachleute

Im Fall von Infektionen mit SARS-CoV-2 liegt die Sterblichkeitsrate (engl. death rate oder mortality rate) laut der World Health Organisation (WHO) bei unter 4 Prozent.3 Die erste Lehre aus Contagion lautet also scheinbar: Es könnte schlimmer sein. Doch wer sich nach dieser Erkenntnis zurücklehnen will, hätte auch einfach Endzeit-Streifen wie 28 Weeks Later (2007) oder gleich World War Z (2013) schauen können – schlimmer geht immer, im Science-Fiction-Genre (und erst recht in Zombie-Filmen). Erinnern wir uns jedoch an den »ultra-realistischen« Ansatz. Scott Z. Burns, Drehbuchautor von Contagion, erzählte 2011 in einem Interview:

Als wir mit der Recherche anfingen, hatte ich erwartet, die Fachleute würden uns bremsen und sagen »Na ja, das ist zwar möglich…«, doch stattdessen sagten alle nur: Es sei keine Frage, ob – sondern nur wann es passiert.

Nun ist das passiert, was dem Geschehen in Contagion am nächsten kommt: Eine Pandemie in Zeiten der Globalisierung, mit zwar niedrigeren, dennoch erschreckend hohen Zahlen. Zu diesen Zahlen will ich hier nicht ins Detail gehen, dazu ist die aktuelle Lage zu dynamisch in ihrer rasanten Entwicklung. Stattdessen will ich im Folgenden ein paar Aspekte und Fragen beleuchten, die in Contagion thematisiert werden. Eine klassische Filmkritik schenk’ ich mir. Contagion ist ein so spannender wie schockierender Thriller, überzeugend geschrieben und gespielt, düster in Szene gesetzt (Fun Fact: Regisseur Steven Soderbergh führt die Kamera selbst, unter dem Pseudonym Peter Andrews), kurzum: starker Streifen. Soweit meine Meinung zum Film. Nun zur Sache.

Begriffe: Bei den Coronaviren (oder: Coronaviridae) handelt es sich um eine sogenannte Virusfamilie. Aus dieser Familie ist es das Virus SARS-CoV-2, das derzeit gemeint ist, wenn umgangssprachlich vom »Coronavirus« die Rede ist. COVID-19 wiederum bezeichnet die Atemwegs-Erkrankung, die durch das Virus ausgelöst werden kann.

Coronavirus als Biowaffe?

Gleich zu Beginn: Jene Frage, die in Contagion aufkommt, nämlich ob es sich bei dem Virus um eine Biowaffe handeln könne, die wurde natürlich auch im Zusammenhang mit dem Coronavirus bereits aufgeworfen. Dazu sagt Michael Osterholm, Experte für Infektionskrankheiten4Osterholm ist auch der Direktor des Center for Infectious Disease Research and Policy (CIDRAP), in einem Interview vom 10. März 2020:

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass es sich (bei SARS-CoV-2) um eine Biowaffe handelt, oder dass das Virus versehentlich aus dem Wuhan Lab (dem Wuhan Institute of Virology) freigesetzt wurde. Mit den Möglichkeiten heutiger Genetik können wir den Ursprung von Viren geradezu datieren. […] Dieser Erreger ist mutmaßlich in der dritten Novemberwoche (2019) von einem Tier auf einen Menschen übergesprungen.

Welches Tier war es?

Der Film Contagion beginnt mit Tag 2 der viralen Verbreitung. Im Laufe des Thriller spielt die Suche nach Patient X eine wichtige Rolle – doch die Frage, woher das Virus ursprünglich kam, gerät angesichts des zunehmenden Ausnahme-Zustandes regelrecht in Vergessenheit. Erst in der allerletzten Szene schließt Contagion den dramaturgischen Bogen und zeigt Tag 1: Als bei der Rodung eines Regenwaldes ein Schwarm Fledermäuse seine Baumkrone verliert und in einem Schweinestall zwischenlandet. Eine Fledermaus lässt eine angeknabberte Frucht fallen und ein Schwein sammelt sie auf, ehe es geschlachtet und den Menschen serviert wird (womit, so die Pointe, der Ursprung des tödlichen Virus’ in unserer gnadenlosen Ausbeutung der Natur liegt). Dieses Szenario ist gar nicht unwahrscheinlich.

Auch in der Causa SARS-CoV-2 ist die Suche nach Patient X (so der Titel eines Spiegel-Artikels vom 18. Februar 2020) von Bedeutung. Julia Köppe berichtet aus Seattle:

Der nächste dokumentiere Verwandte des neuen Virus stammt aus einer Probe Fledermaus-Kot, die Forscher 2014 in einer Höhle in der südwestchinesischen Provinz Yunnan gefunden haben, Hunderte Kilometer entfernt von Wuhan.[…] Wahrscheinlich ist das Virus auf ein anderes Säugetier übergesprungen, ehe es Menschen infizierte. Auch die Coronaviren Sars und Mers kursierten zunächst in Fledermäusen, sprangen aber über Zwischenwirte auf den Menschen über.

Schutz vor dem Virus

Der genaue Ursprung verbleibt unklar. Die Ermittlungen laufen. Wie können wir uns derweil vor dem Erreger schützen? Wer Contagion gesehen hat, behält eine Zahl sicher als alarmierend im Gedächtnis: »Im Durchschnitt berührt der Mensch sein Gesicht 2.000 bis 3.000 Mal am Tag, vier bis fünf Mal pro Minute.« Trifft das zu? Eine Quellenangabe gibt’s im Drehbuch nicht dazu, doch persönliche Erfahrungswerte sagen mir: Selbst wenn’s nur halb so viel wäre, ist es halt zu viel in Tagen wie diesen. Letztlich ist nicht genau bekannt, in welchem Maße die »Schmierinfektion« (über Berührungen) zu der Verbreitung von SARS-CoV-2 beiträgt. Regelmäßiges, gründliches Händewaschen ist jedenfalls, wenn auch nicht die einzige, so doch eine einfache und wichtige Maßnahme, mit der wir uns und andere schützen können. Eine andere Maßnahme ist social distancing, zu deutsch: Abstand halten.

Der Hauptübertragungsweg scheint die Tröpfcheninfektion zu sein. Diese Übertragung kann direkt von Mensch zu Mensch erfolgen, wenn Virus-haltige Tröpfchen an die Schleimhäute der Atemwege gelangen.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (infektionsschutz.de)

Isolation durch das Virus

In dem Film Contagion ist es die Teenagerin Jory (Anna Jacoby-Heron), die an der Quarantäne – die ja im Endeffekt nichts anderes als Hausarrest ist – besonders zu knacken hat. Das Mädchen fühlt sich um ihre Jugend betrogen, will sich mit ihrem Freund treffen, Zweisamkeit genießen. Stattdessen gibt sich Vater Mitch größte Mühe, seine Tochter in völliger Isolation zu halten. Den Frust von Jory werden etliche Jugendliche gegenwärtig nachempfinden können: Wenn sie sich entgegen aller Anordnungen doch in Gruppen zusammenfinden, um etwas so Großes wie das Ende ihrer Schulzeit zu feiern, dann schreitet womöglich die Polizei ein: Das Vorgehen gegen Corona-Partys macht Schlagzeilen und wird – so meine Wahrnehmung – von der breiten Mehrheit begrüßt.

Mir persönlich verschaffte John Oliver etwas Trost, als er in der jüngsten Ausgabe von Last Week Tonight (aufgezeichnet unter widrigen Umständen) dazu aufrief, sich mal 30 Sekunden lang richtig doll aufzuregen. Wir alle haben irgendetwas, auf das wir uns riesig gefreut haben. Sei es das feierliche Ende eines Lebensabschnitts, ein sportliches Großereignis, eine Reise, ein Familientreffen, das Enkelkind mal wiedersehen, was auch immer. Oliver bot Gelegenheit dazu, 30 Sekunden ordentlich Dampf abzulassen – und dann zur Einsicht zu kommen. Wir stecken da gerade alle gemeinsam drin. Auch wenn es mich als kerngesunden 30-Jährigen nicht allzu schwer erwischen mag, will ich doch auf keinen Fall andere anstecken. Da verschreibe ich mir lieber selbst Quarantäne und suhle mich in Spielfilm-Szenarien wie Contagion, während mich über WhatsApp irgendwelche geteilten Sprachnachrichten erreichen, in denen fremde Menschen mir wilde Gerüchte erzählen. Und damit kommen wir zum anderen Virus.

[D]ie Verschwörungstheorien, die im Netz in Italien, aber auch in Deutschland kursieren, lassen Zweifel aufkommen, ob sich am Aberglauben der Menschen seit dem Mittelalter Nennenswertes verändert hat.

Giovanni di Lorenzo: Die Welt steht still. In: DIE ZEIT, Nr 13/2020, 19. März 2020

Das wahre Virus

In Contagion ist es ein zwielichtiger Typ namens Alan Krumwiede (Jude Law), der sich die Leichtgläubigkeit der Menschen leidenschaftlich zunutze macht. Über ein gut besuchtes Blog verbreitet er seine Verschwörungstheorien (und kriegt von einem empörten Doktoren zu hören: »Bloggen ist nicht Schreiben! Bloggen ist Graffiti mit Satzzeichen!« …da blutet mein Blogger-Herz ein bisschen 🥺 aber na ja, Graffiti ist auch ’ne Kunstform). Jedenfalls: Im Film verteilt Krumwiede, während ringsum die Zivilisation ins Chaos abrutscht, noch fleißig Flugblätter in längst verwahrlosten Straßen: »DIE CDC LÜGT. SIE ARBEITEN MIT PHARMA-UNTERNEHMEN ZUSAMMEN. ES GIBT EIN HEILMITTEL, UM MEV-1 EFFEKTIV ZU BEKÄMPFEN: FORSYTHIA!«

Vielleicht geht’s nur mir so, aber Menschen, die ihre Botschaften komplett in Großbuchstaben rausposaunen, die find’ ich erstmal unseriös. BITTE WAS, DONALD!?

OKAY, DONALD!

Der Scharlatan Krumwiede lädt auf seinem Blog ein Video hoch, in dem er behauptet, an MEV-1 erkrankt zu sein und sich kraft des homöopathischen Wundermittels Forsythia zu heilen. Als er später festgenommen wird und ein Bluttest offenbart, dass der notorische Betrüger und Lügner nie den Virus hatte, reagiert Krumwiede kurzerhand: »Klar, dass eure Labore das sagen. Denn das ist ja, was die Regierung von euch hören will – das ist das wahre Virus: Reichtum und Macht!« (Wenn das so ist, wo und wie kann ich mich anstecken?) Contagion führt eindrucksvoll die Unmöglichkeit vor, notorische Lügner zu überführen. Denn sie wären ja plötzlich keine notorischen Lügner mehr, wenn ihre kindische Reaktion nicht wäre: »Ich? Nein, DU lügst!«

Aber für diese Lektion müssen wir uns ja nicht Spielfilmen zuwenden. Das kriegt die Gegenwart SO MUCH besser hin.

Ausblick und Fazit

Das wahre Virus unserer Zeit, das scheint Ignoranz zu sein. Wo kannst du dich anstecken? Überall dort, wo sich der Wirklichkeit verweigert wird. Und wie? Weder durch Schmier- noch Tröpfchen-Infektion, sondern – ganz gefährlich – durch Gedanken-Übertragung. Da bringt auch Quarantäne nix, im Gegenteil: Du musst raus aus der Gedankenblase. 🤯 Zurück zur Ausgangsfrage:

Was kann uns ein Werk wie Contagion in einer so bedrückenden Gegenwart mit auf den Weg geben? Erstens: Es war nur eine Frage der Zeit, bis es passierte. Wenig tröstlich in der aktuellen Lage, doch wenn die irgendwann mal überstanden ist, sollten wir für ein nächstes Mal gewappnet sein. Auch im 21. Jahrhundert sind globale Seuchen offensichtlich keine Sache des »ob«, sondern des »wann«. Zweitens: Wir fummeln uns zu viel im Gesicht herum. Finger weg! Hände waschen! Drittens: Abstand halten! Isolation, Quarantäne, Hausarrest, whatever, es fühlt sich wie Knast an und macht keinen Spaß – doch darin geht’s uns allen gleich. In Contagion arrangiert der Vater Mitch für seine Tochter Jory sogar einen Abschlussball (Prom Night) im Wohnzimmer. Da steppt zwar nicht der Bär (ist ja der Sinn der Sache…), aber egal, die Geste zählt.

Die Gegenwart des Frühjahrs 2020 ist voller solcher Gesten, die uns trotz social distancing und #stayinghome zusammenschweißen. Nur ein Beispiel: Der Applaus aus offenen Fenstern und von den Balkonen in Köln, für all die Menschen, die in Funktionsberufen »den Laden am Laufen halten«, wie’s die Kanzlerin so schön formuliert hat. In diesem Sinne: Wir schaffen das!

Ach ja, und: keine Macht des Scharlatanen.

❤️✊😉

Fußnoten

  1. Steven Soderbergh im Interview mit MoviesOnline
  2. Vgl. Paul A. Offit, MD: Contagion, the Movie: An Expert Medical Review.
  3. Stand 3. März, zu aktuellen Zahlen hier ein Link zum Worldometer.

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