Glück und Lust bei Epikur + Hedonismus, Stoizismus

In diesem Beitrag geht’s um Glück und Lust bei Epikur. Das war ein Philosoph, der von ca. 340 bis 270 vor unserer Zeitrechnung lebte, womit wir wieder im Altertum sind, genauer: in der Antike. Nach Sokrates, Platon und Aristoteles ist Epikur ebenfalls eine große Hausnummer in der antiken Philosophie und schlägt mit seinen Ideen noch bis in die Gegenwart Wellen – der Lust. Die Denkrichtung, die auf seinen Lehren basiert, ist der Epikureismus. Was es damit auf sich hat und inwiefern sich der Epikureismus vom Hedonismus und Stoizismus unterscheidet, dazu im Folgenden mehr. | Lesezeit: 7 Min.

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Lust bei Epikur · Begriff erklärt

Das geografische Zentrum des Nachsinnens über Glück und Lust bei Epikur war sein Garten. Dort hieß er, sympathisch und entgegen üblicher Sitten, auch versklavte Menschen und Frauen willkommen. Dass manche davon Hetären waren (weibliche Prostituierte in der Antike) das mag zu dem Gerücht beigetragen haben, dass Epikur in seinem Garten Orgien veranstalte, was ja zum Lustbegriff passen würde. Aber eben dieser Lustbegriff bei Epikur ist oft missverstanden worden, was ein bisschen zu seiner andauernden Berühmtheit beiträgt.

Lust als höchstes Lebensziel

Das Missverständnis liegt in der Annahme, Epikur ordne die Lust als höchstes Lebensziel ein, was nicht der Fall ist. Zumindest dann nicht, wenn du unter Lust sinnliches Vergnügen verstehst, das sich mit Snacks oder Sex befriedigen lässt. Epikur verstand unter optimaler Lust – im philosophischen Sinne – einen inneren Frieden, gleichbedeutend mit der Glückseligkeit, auf die seine Lehre als eigentliches Ziel ausgerichtet ist. Im Brief an Menoikeus, einem seiner wenigen Schriften, die noch erhalten sind, schreibt Epikur:

Wir müssen uns also kümmern um das, was die Glückseligkeit schafft […]. Wozu ich dich dauernd gemahnt habe, das tue auch und kümmere dich darum und begreife es als Elemente des guten Lebens.

Epikur: Brief an Menoikeus

Glückseligkeit als Eudämonie

Die Glückseligkeit wird im Original mit dem Begriff euodaimonían (εὐδαιμονίαν) bezeichnet, auch als Eudämonie bekannt, um die es ja schon im Beitrag über Aristoteles ging. (Link folgt) Das gedankliche Konzept hinter dem Begriff ist komplexer, als es die einfache Übersetzung mit »Glückseligkeit« vermuten lässt. Gemeint ist, wie sich in Epikurs Zeilen schon andeutet, eine gelungene Lebensführung nach ethischen Grundsätzen und mit ausgeglichenem Gemüt. Dazu ist es wichtig, das Hier und Jetzt in Ehren zu halten. Epikur:

Gewöhne dich an den Gedanken, daß der Tod uns nichts angeht. Denn alles Gute und Schlimme beruht auf der Wahrnehmung. Der Tod aber ist der Verlust der Wahrnehmung. Darum macht die rechte Einsicht, daß der Tod uns nichts angeht, die Sterblichkeit des Lebens genußreich, indem sie uns nicht eine unbegrenzte Zeit dazugibt, sondern die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit wegnimmt.

Epikur: Brief an Menoikeus

Die rechte Einsicht nimmt die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Epikur vergleicht es mit dem Appetit: Wir sollten nicht die größtmögliche Menge einer Speise verzehren wollen, sondern schlichtweg die wohlschmeckendste Speise. Diese wiederum kann ganz einfach sein: Wasser und Brot verschaffen die höchste Lust, so Epikur, wenn wir es aus Bedürfnis zu uns nehmen. Dazu bedarf es einer einfachen Gewöhnung ans Einfache.

Missverständnis und Klarstellung

Epikur sind die Missverständnisse um seinen Lustbegriff durchaus bekannt. Der Philosoph stellt ausdrücklich klar, es gehe ihm gar nicht um…

[…] die Lüste der Wüstlinge und das bloße Genießen, wie einige […] weil sie uns missverstehen, meinen, sondern wir verstehen darunter, weder Schmerz im Körper noch Beunruhigung in der Seele zu empfinden. Denn nicht Trinkgelage und ununterbrochenes Schwärmen und nicht Genuss von Knaben und Frauen und von Fischen […], erzeugt das lustvolle Leben, sondern die nüchterne Überlegung, die die Ursachen für alles Wählen und Meiden erforscht […].

Epikur: Brief an Menoikeus

Der »Genuss von Knaben, Frauen, Fischen« in einem Atemzug mag irritieren. Was die Knaben angeht, so war sexueller Umgang Erwachsener mit Jugendlichen in der griechischen Antike zeitweise fest etabliert, mit pädagogischem Anspruch. Was die Frauen angeht, hier als Genussmittel aufgeführt, so offenbart sich darin die Männer-dominierte Gesellschaft jener dekadenten Kreise, die Epikur kritisiert. Und was die Fische betrifft, so wurden diese in der Antike in Arschlöcher eingeführt– allerdings zur Strafe und auch das ist nicht gesichert, also… wo waren wir?

Katastematische Lust

Die nüchterne Überlegung zu den Ursachen von dem, was wir im Leben anstreben oder meiden, mit dieser Überlegung ginge das lustvolle Leben einher. Das klingt nach Vipassana, jenem buddhistischen Bewusstsein davon, was in uns vorgeht. Tatsächlich ist die achtsame Meditation, die ihrerseits mit einem Konzept von Moral, Konzentration und Weisheit einhergeht, der Vorstellung von Glück und Lust bei Epikur gar nicht so fern. Auch Hedonismus und Stoa finden sich in dieser Denke irgendwie wieder – dazu gleich mehr.

Epikur beobachtete die Natur und fragte sich, wie der Mensch handeln soll, was richtig sei? Die Natur zeichnet sich durch Vermeidung von Schmerz und Anstreben von (Lebens-)Lust aus. Daran macht Epikur seine Ethik für die Menschen fest, die ihrerseits Lebewesen der Natur sind. Im Einklang leben mit der Natur, mit dem Kosmos, das war in der Antike ein gängiges Ideal. Es geht also darum, Schmerz zu vermeiden oder allenfalls mäßige Schmerzen in Kauf zu nehmen, mit dem Ziel, einen Zustand der Lust zu erreichen. Allerdings nicht Lust im Sinne von Begierde – auch diese beschert ein gewissermaßen schmerzhaftes Verlangen. Stattdessen Lust im Sinne einer Lebens- oder Zustandslust, auch »katastematische Lust« genannt, das einfache Freisein von Schmerz und Verlangen. Das ist es auch, worum es im Hedonismus eigentlich geht. Der Epikureismus ist letztlich eine bestimmte Spielart des Hedonismus.

Epikureismus, Hedonismus, Stoizismus · Unterschied erklärt

Der Hedonismus

Der Begriff »Hedonismus« kommt vom altgriechischen hedoné (ἡδονή), die Lust. Begründet wurde der Hedonismus von Aristippos, ein Philosoph der griechischen Antike, der aus Kyrene stammt. Das liegt im heutigen Libyen. Die Anhänger*innen von Aristippos, wie etwa seine Tochter, die Philosophin Arete von Kyrene, gehören zur Richtung der Kyrenaiker und Kyrenaikerinnen – und für diese ist die Lust eine Bewusstseinsqualität, die »sanfte Veränderung« der Seele. Der Schmerz hingegen ist die »raue Veränderung«.

Zuletzt gibt es noch eine Seele ohne Veränderung, in völliger Lust- und Schmerzlosigkeit. Lust und Schmerz können beide abwesend sein, aber nie gemeinsam auftreten. Nun ist Lust im kyrenaischen Sinne kein Zustand, sondern als Augenblick erlebbar und als solcher erstrebenswert. Die gelungene Augenblicks-Lust als Selbstzweck ist das höchste Ziel, in der Praxis aber kaum als dauerhaft einzurichten.

Der Epikureismus

Der Epikureismus ist benannt nach seinem Begründer Epikur. Dessen Philosophie ist es ein Anliegen, der Lust (hēdonḗ) zeitliche Dauer zu verleihen. Damit soll sie keinem Selbstzweck mehr dienen, sondern einem gelingenden Leben und dessen höchsten Ziel: dem Glück (eudaimonia). Dazu braucht es eine Neukonzeption des Lust-Begriffs. (Über Glück und Lust bei Epikur gibt’s einen eigenen Beitrag, unten verlinkt). Epikur setzt die Lust mit der Schmerzlosigkeit gleich, die schon die kyrenaische Philosophie kannte. Epikurs Lust ist nun kein Augenblick mehr, sondern ein Zustand, und frei von Abstufungen. Du empfindest Lust – im Seelenfrieden – oder eben nicht.

Als weiterführende Lektüre, die den Unterschied zwischen Epikureismus und dem kyrenaischen Hedonismus detailliert darstellt, empfehle ich Hartmut Westermanns Aufsatz »Augenblick, Dauer und Ewigkeit der Lust« in dem Band Philosophie der Lust (hier als PDF verfügbar). Ein maßgeblicher Unterschied zwischen den Lehren Epikurs und der Philosophie der Stoa war, dass Epikur politische Aktivitäten mied. Ihm ging’s um das Glück der Einzelnen. Die stoisch geprägten Menschen neigten dazu, den Epikureismus kategorisch abzulehnen – also, worum ging’s ihnen?

Der Stoizismus

Die Stoa ist eine Säulenhalle. In einer solchen lehrte Zenon von Kition um 300 v. Chr. in Athen seine Philosophie, die als Stoizismus in die Geschichte einging. Seither ist »Stoa« auch der Begriff für die Denkschule, die den Stoizismus überliefert– als eine der größten Strömungen unserer Philosophie überhaupt. Die Stoa greift den Logos-Begriff von Heraklit wieder auf, um den es im Beitrag über die Vorsokratiker ging. Der Logos bezeichnet in Heraklits Sinne ein weltgestaltendes Prinzip, die innere Ordnung des Kosmos als eine höhere Vernunft, an der die Menschenvernunft teilhat.

Eine stoische Haltung besteht nun im Erkennen und Akzeptieren dieser höheren Vernunft, nach der alles im Kosmos geordnet ist – und auf die der Mensch keinen Einfluss hat. Die emotionale Selbstbeherrschung über dieses Ausgeliefertsein und die damit einhergehende Gelassenheit sind das Ziel des Einzelnen im Stoizismus. Gar nicht so anders, als im Epikureismus. Doch die Wirkungsgeschichte der Stoa ist viel länger und greift auf andere Disziplinen über, wie die Ethik oder die Logik. Als weiterführende Lektüre empfehle ich das Reclam-Heft Die Philosophie der Stoa von Wolfgang Weinkauf. 


Vereinfacht zusammengefasst: Dem Hedonismus geht’s um die Augenblicks-Lust als Selbstzweck, dem Epikureismus geht’s um die Zustandslust als Mittel zum Glück und dem Stoizismus geht’s um die innere Gelassenheit angesichts der äußeren Kräfte – und vieles mehr.

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