AMA · von Julie Gautier

Vor Jahren gesehen, hat mich dieser Kurzfilm nie losgelassen: AMA von Julie Gautier. Wem der Film oder gar der Name dahinter noch nichts sagt, möge weiterlesen: Wer ist Julie Gautier?

Julie Gautier ist die Tochter eines Speerfischers. Sie kam 1979 zur Welt und gilt heute als einer der bekanntesten Namen im Apnoetauchen. Gautier verbindet das Tauchen mit ihren weiteren Talenten: dem Tanzen und Filmemachen. Ihre eigene Tochter wurde 2012 geboren.

Kurzfilm AMA auf Vimeo und YouTube

Der Kurzfilm AMA von Julie Gautier ist auf Vimeo und YouTube verfügbar. Auf Vimeo wurde der Film am 11. März 2018 veröffentlicht, auf YouTube bereits am 9. März – nur einen Tag nach dem Weltfrauentag, an dem AMA mit über 40 öffentlichen Aufführungen Premiere feierte.

Auf beiden Portalen wurde der Film seither insgesamt viele Millionen Mal angesehen. Zu sehen ist darin die Regisseurin selbst, mit einer Unterwasser-Tanzperformance, wie sie die allerwenigsten Menschen auf dieser Welt hätten darstellen können. In rund 10 Metern Tiefe zieht Gautier das Publikum in ihren Bann, über 6 Minuten lang.

Zwei Fragen zum Apnoetauchen

Ehe ich näher auf die Bedeutung, Entstehung und Wirkung des Kurzfilms AMA eingehe, hier ein paar Antworten rund ums Apnoetauchen. ☝️

Wie lange kann ein Apnoetaucher die Luft anhalten?

Apnoetaucher können ihre Luft teils weit über 5 Minuten lang anhalten. Wie lang genau hängt von der Art des Tauchens ab. Beim bewegungslosen Tauchen unter Schwimmbad-Bedingungen (dem Zeittauchen) hält der Apnoetaucher Stéphane Mifsud den Rekord. Er kann die Luft über 11 Minuten lang anhalten.

Wo liegt der Weltrekord im Apnoetauchen?

Der aktuelle Weltrekord im Apnoetauchen liegt bei einer Tiefe von 214 Metern, in der Disziplin »No Limit«. Aufgestellt wurde der Weltrekord im Jahr 2007 von Herbert Nitsch, der seither als »deepest man on earth« gilt. 2012 erlitt Nitsch bei einem weiteren Rekordversuch einen schweren Unfall.

Julie Gautier hat selbst zwei französische Rekorde aufgestellt. Den ersten ebenfalls im Jahr 2007, den zweiten 2008. Doch um Gautier besser kennenzulernen spulen wir die Zeit mal etwas zurück…


Julie Gautier · Herkunft und Werdegang

🌋 Vor rund 3 Millionen Jahren stieg der Vulkan Piton des Neiges aus dem Indischen Ozean auf und bildete eine Insel, die später von den Franzosen La Réunion – »Insel der Zusammenkunft« – genannt wurde. Am 19. November 1979 kam dort das Mädchen Julie zur Welt.

Ihr Vater war, wie gesagt, ein Speerfischer. Bei dieser Unterwasserjagd auf Fische und Schalentiere handelt es sich um eine der ältesten Techniken des Nahrungserwerbes. Nicht nur auf La Réunion, sondern überall wo es je Wasser gegeben hat. Ohne Pressluft, nur mit einer Harpune bewaffnet, sinken fähige Menschen dazu in die Tiefe hinab.

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Inzwischen ist Julie Gautier französische Rekordhalterin im Tieftauchen mit konstantem Gewicht. 68 Meter tief (!) ging sie schon hinab, mit nur einem Atemzug. Im Jahr 2010 inszenierte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Guillaume Néry, ebenfalls Apnoetaucher und Rekordhalter, den Kurzfilm Free Fall – hier zu sehen:

Der Film wurde auf YouTube inzwischen über 28 Millionen Mal angesehen. Dieser riesige Erfolg habe Julie Gautier darin bestärkt eine eigene Filmkarriere zu beginnen. Siehe dazu auch die Attention: A Life In Extremes, an die Taucherin mitgewirkt hat (hier verfügbar).

Zu ihren bekanntesten Produktionen zählt seither der fantastische Kurzfilm Narcose, inspiriert »von den realen Unterwasser-Halluzinationen« ihres Mannes, sowie das Musikvideo Runnin‘ (Lose It All) von Naughty Boy (feat. Beyoncé), in dem sie Co-Regie führte und ihr Mann vor der Kamera stand, beziehungsweise: schwebte – hier zu sehen:

Tipp: Ein weiteres Beispiel, wie wundervoll Freitauchen in Szene gesetzt werden kann, zeigt das Musikvideo Birthplace von Novo Amor. 🐋

AMA · Bedeutung und Wirkung

Der Titel des Kurzfilms AMA kommt aus dem Japanischen. Dort steht der Begriff für »Frau des Meeres« und bezeichnet etwa die traditionellen Perlentaucher. Die Disziplin des langen Tauchens ohne jegliche Geräte, das Apnoetauchen, wird auch »Freitauchen« genannt.

Für AMA begab sich Julie Gautier in einen der tiefsten Pools der Welt, den Y-40. Y wegen der Y-Achse eines Koordinatensystems, 40 aufgrund der Tiefe von ebenso vielen Metern – was wiederum der Höhe eines 12-stöckigen Hochhauses gleichkommt.

Der Pool liegt im italienischen Padua und verfügt über mehrere Zwischenebenen. Auf der Ebene Y-10 führte Julie Gautier ihre Performance auf. Das Ergebnis ist, so geht es mir zumindest, an Schönheit kaum zu ertragen.

Ich hatte das Glück, AMA erstmals auf großer Leinwand zu erleben. Als Kind habe ich leidenschaftlich gerne geschwommen, bin jedoch nie tiefer als drei Meter getaucht. Gerade in naturbelassenen Gewässern wird mir bei der Vorstellung der finsteren Tiefe unter mir bis heute mulmig.

Die Welt Unterwasser ist kein bisschen weniger faszinierend und tatsächlich sogar weniger erforscht als das Weltall um uns herum, das Universum. Deshalb sind Taucher für mich wie Astronauten, bloß ohne Raumanzug und im Falle von Julie Gautier tanzend – kurzum: atemberaubend!

Dem Schmerz die Schwere nehmen

Der Kurzfilm AMA beginnt mit einer Frontalaufnahme von Julie Gautier. Sie steht im strömenden Regen, umgeben von Schwarz. Dazu setzt Klaviermusik ein, The Rain In Your Black Eyes von Ezio Bosso. Die Kamera fährt auf Gautier zu, ins Close-up und näher, bis zu einer Detailaufnahme ihrer Augen, die sich schließen.

AMA ist ein Stummfilm. Er erzählt eine Geschichte, die jeder Mensch auf eigene Weise interpretieren kann, basierend auf eigenen Erfahrungen. Es gibt keine festen Zuschreibungen, nur Anregungen. Mit diesem Kurzfilm wollte ich den größten Schmerz in meinem Leben teilen. 

– Julia Gautier (siehe Videobeschreibung via YouTube)

Von den geschlossenen Augen folgt ein Schnitt auf die nackten Füße Gautiers. Sie liegt am Boden. Die Kamera bewegt sich entlang ihres Körper, entlang der Beine, dem schwarzen Kleid, einer Hand, die auf ihrem Bauch liegt.

Schnitt in die Totale: Jetzt sehen wir, dass Julie Gautier nicht irgendwo auf dem Boden liegt, sondern auf dem Grund eines gewaltigen Beckens. Sie bewegt sich – und ihre Haare schweben wie in Schwerelosigkeit.

Damit der Schmerz nicht zu grob erscheint, habe ich ihn mit Anmut verhüllt. Um ihn nicht zu schwer zu machen, habe ich ihn ins Wasser getaucht. Ich widme diesen Film allen Frauen der Welt.


AMA · Entstehung, Making-of

Wie ist eine solche Performance überhaupt möglich? Ohne Atemgerät, ohne Gewichte? Die Antwort liegt, natürlich, in der Physik. Taucht man tief genug, ist der Wasserdruck auf den Körper und die Lunge so hoch, dass der Auftrieb ausbleibt und die Schwerkraft wirkt – wenn auch in anderem Maße.

Die Entstehung von AMA hat Jacques Ballard in einem absolut sehenswerten Making of dokumentiert. Darin erläutert Julie Gautier ihre Beweggründe – und es gibt spannende Blicke hinter die Kulissen, von Tanztraining im Trockenen bis hin zum Teamwork Unterwasser.

Für mich ist dieser Film ein Weg, um zu sagen: Du bist nicht allein. Öffne dich anderen und rede mit ihnen über deine Leiden und deine Freuden.

Julie Gautier

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