Sallie Gardner und die Vorgeschichte des Films

Wir bezeichnen Filme im Englischen als movies. Das ist eine Abkürzung für moving images oder pictures, also: bewegte Bilder. Dabei sind es nie die Bilder, die sich bewegen. Es sind unsere Augen, die Bewegung sehen – immer dann, wenn reihenweise ähnlicher Bilder sie gut genug vortäuschen. Mit solchen Bilderreihen experimentierten schaulustige und schöpferische Menschen schon seit geraumer Zeit. Doch der Durchbruch gelang dem Fotografen Eadweard Muybridge im Jahr 1872, mit einem Pferd namens Sallie. Im Folgenden soll die Vorgeschichte des Films gehen – und um das Werk Sallie Gardner at a Gallop, auch bekannt als The Horse in Motion. | Lesezeit: 5 Min.

Hinweis: Sallie Gardner at a Gallop (1878) ist die Vorläuferin des Films. 🏇🏾 Als das erste richtige Bewegtbild (movie) gilt gemeinhin die Roundhay Garden Scene (1888).

Die ersten bewegten Bilder

Die Anfänge liegen wie so oft im Dunkeln, selbst die der Lichtspiele. Über die Schattenspiele prähistorischer Vorfahren können wir heute nur mutmaßen. Ebenso, ob die Bildsequenzen auf antiken Vasen bereits in Bewegung gedacht oder betrachtet wurden, lange vor Eadweard Muybridge. Als älteste Animation der Welt hat etwa eine über 5.000 Jahre alte, bemalte Vase aus dem Iran Schlagzeilen gemacht.1 In The Oxford Handbook of Chinese Cinemas (2019) lässt sich nachlesen, dass auch Kreative in China schon von im Altertum an Lichtspielen tüftelten. Die Geschichte der frühen Erfahrungen und Erfindungen mit bewegten Bildern ist, gelinde gesagt, unübersichtlich.

Die Laterna magica, die Bilder auf eine Leinwand werfen konnte, stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde schon 1850 für die Verwendung von Fotografien eingerichtet. Die Herstellung einer Illusion von Bewegung gelang in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts durch die sogenannten Wunderscheiben und das 1834 durch William Horner patentierte Zoetrop, dessen Vorläufer bis in das Altertum zurückreichen.

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Tipp: In der Broschüre Von der Camera Obscura zum Film (1992) geht’s um die Vorgeschichte des Films anhand von Objekten aus der Sammlung von Werner Nekes.

Eadweard Muybridge und Étienne-Jules Marey

Warum beginnt die Vorgeschichte des Films hier also ausgerechnet mit Eadweard Muybridge? Gewiss, wir hätten ebenso gut Étienne-Jules Marey als Aufhänger nehmen können. Nicht selten werden diese beiden Pioniere in einem Satz genannt.

In den 1870er Jahren begannen Eadweard Muybridge in Kalifornien und Étienne-Jules Marey in Frankreich, mit der fotografischen Aufzeichnung von Bewegungen zu experimentieren.

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Marey war es sogar, der Muybridge indirekt inspirierte – allerdings mit einem Buch, das Marey schrieb. Muybridge hingegen schuf die Bewegtbilder, um die es hier geht.

Eadweard Muybridge · Biografie

Geboren am 9. April 1830 als Edward James Muggeridge änderte der eigensinnige Mann im Alter von 21 Jahren erstmals seinen Namen. Fortan schrieb er sich Eadweard – wohl in Anlehnung an einen gleichnamigen König, der in seinem Geburtsort Kingston einst gekrönt wurde. Diesen Ort verließ Eadweard wenig später, 1952, um nach Amerika auszuwandern. Ein Amerika, dessen Westen kaum erschlossen war.

Eadweard Muybridge ließ sich in San Francisco nieder. Das war damals noch eine junge Metropole, die erst seit 1846 und dem Ende des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges zur USA gehörte. Es war die Zeit des Goldrausches. Allein im Jahr 1848 hatte sich die Bevölkerungszahl der Stadt von 600 auf über 20.000 (!) Menschen vervielfacht. Unter ihnen verkaufte Eadweard nun Bücher, bis er den Buchladen 1860 an seinen Bruder Thomas überschrieb und die Stadt verließ. In diesem Jahr ereignete sich ein heftiger Kutschenunfall. Dabei erlitt Eadweard eine folgenschwere Kopfverletzung. Denn diese Verletzung führte sein Anwalt viele Jahre später an, um seinen Klienten als unzurechnungsfähig zu erklären, im Fall eines Rache-Mordes. Aber das ist eine andere, spannende Geschichte. Mehr dazu im englischsprachigen Buch The Inventor and the Tycoon (2013). 📖

Eadweard Muybridge · Werke

Überspringen wir mal – im Galopp – die »verlorenen Jahre« zwischen Muybridges Unfall und dem Beginn seiner neuen Karriere. Als er 1866 nach San Francisco zurückkehrte, begann Muybridge mit einem alten Freund namens Silas Selleck zu arbeiten, der bereits in der Fotografie-Branche tätig war. Es sei wahrscheinlich, dass Muybridge durch Selleck schon früher, in den 1850er Jahren, mit der Fotografie in Kontakt gekommen war.3 Inspiriert wurde der aufstrebende Pionier seiner neuen Profession mutmaßlich auch von Vorbildern wie der Fotografin Julia Margaret Cameron (1815-1879).

Tipp: Hier einige Bildbände mit Eadweard Muybridges Fotografien.

Seine ersten Fotografien schoss Eadweard Muybridge im Yosemite Valley. Das ist ein Tal im heutigen Yosemite-Nationalpark (Schauplatz der Doku Durch die Wand). Doch berühmt ist Muybridge inzwischen vor allem wegen jener fotografischen Werke, in denen er mit dem Einfangen von Bewegungen experimentierte. Insbesondere: Sallie Gardner at a Gallop (1878) und das Mammut-Projekt Animal locomotion (1887).

Das Pferd in Bewegung (1878)

Sallie Gardner at a Gallop (oder: The Horse in Motion) ist eine Serie von Fotografien, die ein galoppierendes Pferd zeigen. Entstanden sind die Bilder im Rahmen eines Experiments von Eadweard Muybridge am 15. Juni 1878. Die Serie enthält 24 Einzelbilder, die damals in einer Zoopraxiskop genannten Vorrichtung betrachtet werden konnten. Das Experiment sollte die Frage beantworten, ob ein Pferd im Galopp je alle vier Füße gleichzeitig vom Boden löste. Und siehe da: Ja, tut es! Sallie Gardner hieß übrigens die Stute, die in der Bilder-Serie zu sehen ist:

Im späteren Verlauf seiner Karriere arbeitete Eadweard Muybridge an Fotoserien, die unter dem Titel Animal locomotion veröffentlicht wurden. Sie zeigten Tiere und Menschen in art-typischen bzw. alltäglichen Bewegungen. Bewegungen, die sichtbar gemacht werden, wenn wir sie in Einzelbildern schnell hintereinander beachten. Hier einige Eindrücke aus diesen bemerkenswerten Vorläufern der Filmgeschichte:

Animal locomotion (1887)

Animal locomotion. Plate 1, Walking

Animal locomotion. Plate 2, Walking

Animal locomotion. Plate 137, Descending Steps

Animal locomotion. Plate 187, Dancing

Animal locomotion. Plate 189, Dancing

Animal locomotion. Plate 541, MS

Tipp: Weitere Einblicke in das Projekt Animal locomotion gibt die Boston Public Library und eine Gallerie auf Artsy.

Auf das Folgejahr der ersten Fotografien aus der Serie Animal locomotion von Eadweard Muybridge lässt sich der Beginn der Filmgeschichte datieren. Denn 1888 entstand die Roundhay Garden Scene. Mehr dazu in Kürze.

Eadweard Muybridge 2.0

Apropos Bewegtbild: Hier noch ein paar GIFs zum Stichwort #Muybridge. Ob die sich wirklich alle dem guten alten Eadweard zuordnen lassen – keine Ahnung, da musst du das Internet fragen. ✌️

Fußnoten

  1. Ryan Ball: Oldest Animation Discovered In Iran. In: Animation Magazine, 2008.
  2. James Monaco: Film verstehen, S. 75.
  3. A. P. Shimamura: Muybridge in Motion.

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