Cold Skin · Buch vs. Film

Cold Skin ist ein Horrorfilm über eine abgelegene Insel, die jede Nacht von unheimlichen Kreaturen heimgesucht wird. Du hast den Film schon gesehen, aber das Ende nicht verstanden? Eine Erklärung des Endes findest du weiter unten, bis dahin gibt’s keine Spoiler (und vorher noch eine Warnung).

Wer streamt Cold Skin?

Um zu sehen, wer Cold Skin gerade streamt, empfiehlt sich ein Blick in die Streaming-Suchmaschine JustWatch. Dort einfach den Filmtitel eingeben und schon werden alle Möglichkeiten angezeigt, den Film Cold Skin online zu sehen bzw. zu streamen. Viel Spaß!

Wo wurde Cold Skin gedreht?

Gedreht wurde der Horrorfilm Cold Skin auf der kanarischen Insel Lanzarote sowie in Katalonien, zwischen den Stränden von Cap de Ras in Llançà. Die Drehorte waren von den Temperaturen her also angenehmer, als der Ort, den sie im Film heraufbeschwören: Eine steinige Insel im kühlen Südatlantik.

Cold Skin · Buch vs. Film

Der Film Cold Skin basiert nicht auf einer wahren Geschichte (zum Glück), sondern auf einem Roman namens Im Rausch der Stille. 📖

Der Autor von Im Rausch der Stille, Albert Sánchez Piñol, ist Anthropologe, also Menschen-Forscher sozusagen – und das merkt man seinem Insel-Abenteuer an. Der Regisseur von Cold Skin, Xavier Gens, ist Horror-Filmemacher – und auch das merkt man seiner Verfilmung dieses Abenteuers an.

In beiden Werken geht es um den schmalen Grat zwischen Mensch und Kreatur. Doch nur eines schert sich dabei spürbar um die Frage, was der Mensch eigentlich ist? Hier ein detaillierter Vergleich zwischen Film und Vorlage.


Im Rausch der Stille

Ein junger Mann möchte Europa den Rücken kehren. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges verschlägt es ihn auf eine einsame Insel nahe der Antarktis. Dort soll er als Wetterbeobachter arbeiten. Seine einzige Gesellschaft: Ein einsamer Leuchtturm-Wärter, der in Sichtweite wohnt. Doch wie sich schon bald herausstellt, sind die beiden Männer nicht allein auf der Insel…

In dem Roman Im Rausch der Stille (2002) erfährt man (im Rahmen einer Rückblende, die es nicht in den Film geschafft hat) über die Hauptfigur, dass es sich um einen irischen Freiheitskämpfer handelt. Dieser ist enttäuscht von seinen eigenen Leuten: Kaum an der Macht, entpuppen sie sich nicht weniger despotisch als ihre Vorgänger.

Von da an stellte sich mir nur noch eine Frage: Wollte ich in einer von Gewaltspiralen gesteuerten Welt bleiben, die das Unglück der Menschen endlos fortsetzte? Meine Antwort lautete nein, nie mehr und nirgends, und darum entschied ich mich für die Flucht in eine Welt ohne Menschen.

– Albert Sánchez Piñol: Im Rausch der Stille. Frankfurt: Fischer 2008, S. 45.

Dass diese Geschichte ausgerechnet von einem Iren erzählt, sorgte seit Erscheinen des Buchs (2005 auch in deutscher Übersetzung) für Diskussionsstoff. Denn geschrieben wurde das Werk auf katalanisch – womit es als ein Vertreter der überschaubaren Sparte katalanisch-sprachiger Literatur auf den Markt kam.

Doch der Debütroman des Katalanen Albert Sánchez Piñol, der mit der Wahl des irischen Helden eine nationalistische Instrumentalisierung des Buchs durch sein Heimatland Katalonien umschiffte, ging seinen Weg: Übersetzt in mehr als 30 Sprachen gilt Im Rausch der Stille heute als internationaler Bestseller. 15 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung wurde er mit Cold Skin – Insel der Kreaturen aufwändig verfilmt.

Buch und Film sind hier erhältlich:

Darwin was wrong!

Mit dem Auftrag, anlässlich des Filmstarts in Deutschland eine Rezension zu Cold Skin – Insel der Kreaturen zu schreiben (für das Deutsche Kinder- und Jugendfilmzentrum, hier zu lesen), bin ich bei den Recherchen neugierig geworden.

Die Romanvorlage wurde von einem Anthropologen geschrieben, so, so! Davon ist dem Film nicht mehr viel anzumerken, abgesehen von einer etwas plakativen Randnotiz (wortwörtlich: »Darwin was wrong!«, heißt es als Notiz in einem Logbuch). Kurzer Exkurs:

Die Anthropologie ist die Wissenschaft vom Menschen, die im Anschluss an die Evolutionstheorie von Charles Darwin erst so richtig ins Rollen gekommen ist – zu einer Zeit, da Metaphysik und Religionen nichts Neues mehr herzugeben schienen und Naturwissenschaft noch nicht so weit war, das Wesen des Menschen mit Gewissheit zu bestimmen (ist sie heute noch nicht).

Die naturwissenschaftliche Anthropologie untersucht Homo Sapiens als biologisches Wesen. Die philosophische Anthropologie nimmt den Menschen nicht als Objekt, sondern als Subjekt in den Blick. 🔍

Tipp: Ein Video über philosophische Anthropologie sowie weitere Filmkritiken im Videoformat findest du auf meinem YouTube-Kanal.

Was anthropologische Sichtweisen angeht, finden sich in Im Rausch der Stille sowohl naturwissenschaftliche als auch philosophische Beobachtungen. Besonders in die Tiefe gehen sie allerdings nicht.

Ein starker Auftakt

Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz nah sind. (S. 5)

Roman und Verfilmung beginnen mit diesem Satz. Von manchen wird er als dick auftragende, »scheppernde Sentenz« empfunden (siehe hier), andere sind davon »verzaubert« (hier). Ich muss mich zu Letzteren zählen, die sich von großen Worten leicht beeindrucken lassen.

Im Film Cold Skin – Insel der Kreaturen wird dieser Satz aus dem Off gesprochen und von einer beeindruckenden Eröffnungs-Einstellung begleitet.

🌊 Unten im Meer sehen wir Delfine, die unter einem Schiff her schwimmen – die Kamera fliegt durch den Delfin-Schwarm hindurch, durchbricht die Meeresoberfläche und steigt hoch bis zur Schiffsreling.

Dort angelehnt steht unsere Hauptfigur. Im Film heißt der junge Mann »Friend«. Im Buch ist er der namenlose Ich-Erzähler, der mal seine Gedanken sprechen lässt, mal Tagebuch führt.

Dass mich der Kapitän an Land begleitete, verstand ich als zusätzlichen Freundschaftsdienst. Nichts verpflichtete ihn dazu. (…) Er behandelte mich mit der Liebenswürdigkeit eines beauftragten Henkers. (S. 8)

Insel im Nirgendwo

In der Tat überlässt der Kapitän, als er mit seiner Crew wieder in See sticht, unseren Helden dem sicheren Tod – so wirkt es zumindest.

Die Insel ist derart winzig, dass sie auf der Karte »unter dem farbigen Schnittpunkt der Breiten- und der Längengrade verschwand«. 🗺 Laut jenem Kapitän »in dem am wenigsten befahrenen Ozean des Planeten, auf demselben Breitengrad wie die Einöde von Patagonien.«

Eine »Blumentopfscherbe« nennt der Kapitän die Insel.

Der junge Mann soll in diesem Nirgendwo den Posten des Wetter-Beobachters übernehmen. Sein Vorgänger ist verschollen, dessen Haus verwüstet. Als sich unsere Hauptfigur trotzdem darin einrichtet, erlebt sie dort ihr blaues Wunder, schon in der zweiten Nacht.

Wenig später vernahm ich ein entferntes, angenehmes Geräusch. Ungefähr so, wie wenn man in der Ferne das Getrappel einer kleinen Ziegenherde hört. Anfänglich verwechselte ich es mit Regen, einem Geräusch von vereinzelt fallenden, dicken Tropfen. Ich stand auf und sah aus dem Fenster. Es regnete nicht. (S. 55)

❗️ Spoiler-Alert: Ab hier wird mehr über die unheimlichen Kreaturen verraten, die sich nachts auf die Insel begeben.

Angriff der Froschkerle

Bei dem Geräusch handelt es sich um »Getrappel«, allerdings nicht von Ziegen. Es stammt von merkwürdigen, zweibeinigen Kreaturen, die aus dem Meer geklettert sind. In größter Feindseligkeit attackieren sie das Haus des Wetter-Beobachters und trachten nach dessen Leben.

Der Leuchtturm-Wärter indes hat sich in seinem Turm verschanzt. Denn diese Gefahr durch Horden von »Froschkerlen«, wie der forsche Kerl sie schimpft, kennt er nur zu gut – Nacht um Nacht greifen sie an. 🐸

Diese Angriffe sind spektakulär inszeniert, aufwändiger und stimmungsvoller als alles, was man bisher vom Regisseur Xavier Gens gesehen hat. Rund 10 Jahre nach seinem Debütfilm Frontier(s) (2007) kann man sehen, dass dieser Regisseur mehr und mehr sein Handwerk gelernt hat. Nichtsdestotrotz bleibt er seinem Fokus treu, Action und Gewalt – zum Nachteil der feinen Nuancen der Romanvorlage.

Offizieller Trailer zum Film Cold Skin

Unterschiede zwischen Buch und Film

  • Ähnlich wie in Ian McEwans Am Strand, der uns mit einer Rückblende vom steinigen Meeresufer in die Vergangenheit seiner Protagonisten wirft, gibt es auch in Im Rausch der Stille eine Rückblende, um den Hintergrund des Helden zu erhellen. Im Film fällt die Rückblende weg, die Vergangenheit des Helden bleibt dunkel.
  • In der Romanvorlage trägt der Leuchtturm-Wärter den schönen Namen Batís Caffó. Im Film heißt er, warum auch immer: Gruner.
  • Gruner versteckt eine der Kreaturen bei sich im Leuchtturm. Im Film bekommen wir diese früher zu sehen, als im Roman: Als unser Held erstmals durch das Fernglas zum Leuchtturm sieht, bewegt sich, wenn man genau hinschaut, bereits eine Silhouette in der Nähe von Gruner, die nur diese Kreatur sein kann. Schönes, kleines Detail.
  • Apropos schön: Der Film beschönigt unser Bild von der Hauptfigur. Vielleicht wurde das als nötig empfunden, um mehr Identifikations-Potential zu schaffen. Eben deshalb finde ich es umso interessanter, dass der Autor Albert Sánchez Piñol darauf verzichtet hat. Sein Ich-Erzähler behandelt die Kreatur, mit der Gruner lebt, geradezu schändlich und längst nicht so liebevoll, wie der Held des Films.

❗️ Spoiler-Alert: Im folgenden Abschnitt wird das Ende von Cold Skin erklärt.

Erklärung des Endes von Cold Skin

Der letzte Blitz jener Nacht erhellte meinen Verstand. Ich hatte tausend namenlose Ungeheuer gegen mich. Doch in Wirklichkeit waren sie nicht meine Feinde, so wie Erdbeben nicht die Feinde der Gebäude sind, sie sind einfach. (S. 80)

Auch im Film sind sie einfach. Ihre Herkunft wird nicht erklärt, ihre Motivation schon gar nicht. Das ist angenehm. Auch wenn die Verfilmung notgedrungen viele interessante Beobachtungen und Gedanken aus der literarischen Vorlage vermissen lässt, macht sie doch die wichtigste Regel ihres Fachs genau richtig: Show, don’t tell.

Der Film Cold Skin – Insel der Kreaturen bietet trotz öder Kulisse tolle Schauwerte und spannenden Konfrontationen, zwischen zwei Männern im Kampf ums blanke Überleben, sowie zwischen Mensch und Kreatur.

Am Ende von Cold Skin wollen die Kreaturen einen »Waffenstillstand«. Doch Gruner will nicht: Er schießt mit Fackeln auf ein Kind der »Froschkerle« und tötet es. Friend versucht, Gruner von weiterer Gewalt abzuhalten – was letztlich dazu führt, dass Gruner sich aus freiem Willen von den Kreaturen umbringen lässt.

Als nach einiger Zeit wieder ein Schiff eintrifft, verwechselt dessen Kapitän unseren Helden Friend mit dem Leuchtturm-Wärter Gruner. Friend korrigiert ihn nicht. Stattdessen hat er offenbar seinen Frieden damit gemacht, fortan die Rolle des Leuchtturm-Wärters zu spielen.

Das bessere Ende kommt dem Film zu – mit einer gelungenen Schluss-Einstellung, die den Rahmen der Geschichte abrundet.

Der Antiheld

Friend wird wie gesagt im Film sehr beschönigt dargestellt. Im Roman bemächtigt er sich der Kreatur, die bei Gruner im Leuchtturm wohnt. Die Art und Weise, wie er mit dieser dem Menschen nicht unähnlichen Kreatur umspringt, verrät mehr über den Mann als das Wesen in seiner Hand.

Ich packte sein linkes Fußgelenk. Ich hob den Körper hoch, als wäre es ein Baby, damit ich es besser betrachten konnte. Ja, es war ein Weibchen. Das Geschlecht war von keinerlei Schamhaar bedeckt. (S. 90)

Der Schädel hat nicht die Einbuchtungen des geborenen Verbrechers, ebenso wenig die Höcker des frühreifen Genies. (…) Sein Volumen ist etwas geringer als bei den slawischen Frauen und ein Sechstel ausgedehnter als bei der bretonischen Ziege. (S. 144)

Der Körper ist wunderbar gebaut. Europäische Mädchen würden in Ohnmacht fallen, wenn sie ihre schlanke Figur sähen. (S. 145)

Ich habe einen Bleistift unter die Brüste gelegt, doch er fällt hinunter, als ob sie von einem unsichtbaren Faden nach oben gezogen würden. Mit diesen Äpfeln hätte Newton seine Theorie schwerlich aufstellen können. (S. 145)

Nach derlei Beobachtungen empfindet der Mann schließlich doch mehr für die Kreatur, als nur forschende Neugier.

Und ich stellte fest, über mich selbst erschrocken, dass es mich gar nicht interessierte, ob sie mehr oder weniger menschlich, mehr oder weniger Frau war. Es stimmte nicht: Am siebenten Tag ruhte der liebe Gott nicht. Am siebenten Tag schuf er sie und verbarg sie vor uns unter den Wogen. (S. 241)

Doch wer eine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Kreatur erwartet, etwa nach dem Vorbild von Shape of Water (2017), wird enttäuscht.

Warnung: Im folgenden kurzen Abschnitt gibt es Schilderungen von Gewalt.

Gewalt statt Liebe

Im Buch behandelt der »Held« die Kreatur, die bald sogar einen Namen bekommt (Aneris) mit stumpfem Hass. Davon ist im Film nichts zu finden – was nach Frontier(s) (2007) fast überrascht.

Ich packte sie an einem Fuß und zerrte sie aus ihrem Versteck hervor. Ich befahl ihr aufzustehen, um sie mit einer Ohrfeige niederzuschlagen, die so heftig war, dass meine Hand auch am nächsten Tag noch rot war. Sie rührte sich nicht vom Boden und krümmte sich weinend. (S. 309)


Fazit zu Cold SkinInsel der Kreaturen

Eine aufwühlende Lektüre und ein spannender Film. Insofern kann ich beide Formate dieser Geschichte empfehlen – und sogar beide zusammen, da sie jeweils mit formateigenen Mehrwerten auftrumpfen. Es bleibt aber, so oder so, ein kaltes Insel-Kammerspiel und Survival-Drama über zwei einsame, verbissene Männer.

Fragen zum Film wie immer in die Kommentare – und gerne auch dein Eindruck vom Werk, wie hat es dir gefallen? Wenn dir dieser Beitrag gefallen hat, kannst du mir hier gerne einen Kaffee spendieren, oder bei Patreon vorbeischauen. Bis bald!

1 Gedanke zu „Cold Skin · Buch vs. Film“

  1. Hey, ich hab den Film gestern gesehen und fand ihn wirklich super. Dein Beitrag runded das alles noch ab. Hast du wirklich gut geschrieben. 🙂

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