Platons Ideenlehre und Sokrates als Wegbereiter

In diesem Beitrag geht es um platonische Ideen. Platonische Freundschaft oder Liebe, diese Begriffe werden heute oft verknüpft mit Keuschheit oder Friendzone, was vermuten lässt, dass dieser Platon ein netter Typ gewesen sein muss, nur eben nicht für gewisse Stunden. Doch Platons Liebesleben hat mit seiner Ideenlehre enttäuschend wenig zu tun. Zunächst klären wir das historische Missverständnis auf. Dann nehmen wir sowohl Platons Ideenlehre unter die Lupe, als auch gewisse Kritikpunkte zu der Lehre. | Lesezeit: 10 Min.

Hinweis: Platons Ideenlehre ist keine bestimmte Schrift oder bestimmter Dialog des Philosophen. Vielmehr ist die Ideenlehre ein nachträgliches, wissenschaftliches Konstrukt, zustande gekommen aus der gründlichen Betrachtung von Platons Gesamtwerk.

Platonische Liebe

Das Missverständnis

Der Begriff der platonischen Liebe geht zurück auf die Renaissance (»Wiedergeburt«, im Französischen). Das war jene Kulturepoche im 15. und 16. Jahrhundert, in der das Mittelalter in die Neuzeit überging. Damals wurden verschollene Werke der Antike wiederentdeckt. Etwa die Schrift Symposion von Platon, die im Beitrag über die sokratische Methode zur Sprache kam. Darin ging es ja, unter anderem, um ein Gespräch zwischen Sokrates und Diotima, die ihm das Eros-Konzept erklärt – das erotische Begehren. Marsilio Ficino, ein Philosoph der Renaissance, prägte nun in seiner Rezeption dieses Konzepts den Begriff der platonischen Liebe. Er war es, der damit die höchstmögliche Liebe unter befreundeten Menschen meinte – und langer Rede kurzer Sinn: Schon sind wir im 21. Jahrhundert mit seinen Friendzones und wissen immer noch nicht, was mit platonischen Ideen eigentlich gemeint ist.

Die Richtigstellung

Platons Ideen (wie die der Liebe) haben nichts zu tun mit Ideen im Sinne von Einfällen, wie sie der kleine Wikinger alle naselang hat. Wenn wir auf »eine gute Idee« kommen, können wir davon nicht auf Platons »Idee des Guten« schließen. Oder seine Idee des Schönen. Um die Verwechslungsgefahr zu mindern, könnten wir bei Platons »Ideen« auch von »Formen« sprechen – und Platons Formenlehre. Im Englischen wird sie genau so genannt: Plato’s theory of forms. Einfach mal im Hinterkopf behalten. Wenn Sokrates, der ja als Figur in Platons Dialogen auftritt, nun wissen will, was schön ist, dann möchte er nicht etwa hören: Ein Sonnenaufgang! Ein Supermodel! Ein Seehundbaby! Nicht, weil diese Dinge nicht schön seien, sondern weil es sich dabei bloß um Beispiele handelt.

Platonische Ideen

Sokrates als Wegbereiter

Sokrates und Platon ging um die Eigenschaften von etwas, um eine allgemein-gültige Definition. Nehmen wir die große Frage: »Was ist Tapferkeit?« Drei beispielhafte Antworten wären: Tapferkeit ist, wenn eine Mutter ihr Kind aus dem Feuer holt; oder, wenn eine Schülerin einen gemobbten Mitschüler verteidigt; oder, wenn jemand aus einem Kriegsgebiet berichtet. Mag alles zutreffen, aber was ist das zugrunde liegende Prinzip? Was haben all diese Tapferen gemeinsam? Dahinter steckt eine neue Denkweise. Nämlich die der formalen Beantwortung einer solchen Frage, was etwas ist.

Sokrates erkannte, dass das, was den Dingen als Gemeinsamkeit zugrunde liegt, von anderer Art sein muss, als die sinnlich erfahrbaren Bereiche des Dinglichen, in denen die Dinge gelten. Bereiche wie das Feuer, der Klassenraum oder das Kriegsgebiet, in denen die Tapferkeit zur Geltung kommt. Wissenschaftliche Erklärungen können nicht von derselben Art sein, wie die durch sie erklärten Phänomene. Galileis Fallgesetze »fallen« bekanntlich nicht. Die Suche nach Gemeinsamkeiten oder Prinzipien führt letztlich zu der Suche nach den Ursachen von Dingen.

Tipp: Hier geht’s zu einem Beitrag über die Erste Ursache.

Der Dinge wegen Gedanken machen

Die Ursache von materiellen Prozessen (wie einem herabfallenden Marmeladenbrot) ist nicht selbst materieller Natur. Die Ursache kann man weder anfassen, noch sehen, geschweige denn essen. Eine »Ursache« ist kein Phänomen, wie eine Farbe oder ein Geräusch. Eine Ursache ist abstrakt, von Phänomenen grundverschieden. Wollten wir Ursachen also erklären, so hat Sokrates überlegt, müssten wir statt unseren sechs Sinnen eher den Kopf anstrengen – das logische Denken. Wir müssten uns über Dinge Gedanken machen und diese Gedanken dem zu klärenden Sachverhalt sozusagen zugrunde legen.

Das ist die Methode der Hypothesis. Dabei kommen, wie der Name schon verrät, Hypothesen herum. Auf diese Weise hat Sokrates den Weg bereitet, für die Ideenlehre seines Schülers Platon.

Von den Hypothesen zu den Ideen

Für Platon hat echtes Wissen folgende Eigenschaften – es ist…

  • allgemeingültig
  • unveränderlich
  • begründbar

Empirisches Wissen, alles, was wir über die sinnlich erfahrbare Welt um uns herum zu wissen glauben, ist ungeeignet für echte Erkenntnisse. Es ist nicht wahrheitsfähig. Sinneswahrnehmung täuschen sich häufig. Sinnlich wahrnehmbare Dinge verändern sich. Erreichst du etwa das Straßenende, ist die Fata Morgana dort verschwunden. Und bleibst du dann ein paar Jahrzehnte stehen, wird die Straße auch ganz anders aussehen, brüchig und umwuchert, wenn sich niemand kümmert.

Platon sagt, dass Hypothesen – die Gedanken, die wir uns über die Ursachen von Sachverhalten machen – widerspruchsfrei (konsistent) sein müssen, und von den Ideen her ableitbar.

Eine Idee in Platons Ideenlehre hat folgende Eigenschaften – sie ist…

  • perfekt
  • unveränderlich
  • nur mit dem geistigen Auge sichtbar
  • jeder menschlichen Manipulation entzogen

Eine solche Idee ist das, was das Wesen einer Sache ausmacht. Bekanntes Beispiel: Die Definition eines Kreises als Menge aller Punkte im gleichen Abstand zu einem gegebenen Punkt. In der sinnlich wahrnehmbaren Welt ist es unmöglich, einen solchen perfekten Kreis zu finden. Gehst du nur nah genug ran, und sei es mit einem Mikroskop, wirst du immer Punkte finden, die von der »perfekten« Kreisbahn abweichen. Selbst am Computer: Du musst nur reinzoomen, schon löst sich eine Kreislinie in Pixel auf. Den perfekten Kreis findet man nur in unseren Gedanken. (Fußnote: Was ist mit Vektorgrafiken, lässt sich ein vektorbasierter Kreis nicht unendlich »heranzoomen«? Vektorgrafiken basieren auf mathematischen Berechnungen, die wiederum unseren Gedanken entspringen. Es bleibt dabei: perfekte Kreise gibt es nur in unserer Vorstellung.)

Zusammenfassung: Worauf viele der platonischen Dialoge, in denen die sokratische Methode zum Einsatz kam, abzielten, das war eine allgemein-gültige logisch-formale Antwort darauf, was etwas ist. Woher wissen wir sonst, dass wir dasselbe meinen, wenn wir etwa von Liebe sprechen – oder von Schönheit.

Platons Idee des Schönen

Egal, Schönheit ist Geschmackssache, nicht wahr? Genau hier kommt ein wichtiges Merkmal von Platons Ideen (oder Formen) zum Tragen. Denn für Sokrates und Platon sind sie etwas, das wirklich existiert, bloß jenseits unserer Wahrnehmung. Wenn wir eine Sache als »schön« wahrnehmen, dann ist das der Wiederschein der existierenden Idee des Schönen. Ideen haben, Platons Ideenlehre nach, zwei Aspekte: den Begriff, etwa »Schönheit«, und die zugrundeliegenden Prinzipien, hier: des Schönen. Beides hängt zusammen ist und genauso wirklich existent wie du und ich oder dieser coole Actionfilm mit Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss.

Wenden wir die oben genannten Eigenschaften auf das Beispiel der Schönheit: Die Idee des Schönen ist im eigentlichen Sinne seiend. Sie ist vollkommen, unveränderlich, nur dem Denken zugänglich, Urbild und Ursache und zeitlich unbegrenzt. Wenn wir in der sinnlich wahrnehmbaren Welt um uns herum etwas als schön empfinden (eine Pflanze, einen Menschen, ein Gemälde), dann weil wir die Idee des Schönen kennen und diese Dinge (Pflanze, Mensch, Gemälde) an der Idee teilhaben. Das schöne Ding ist im abgeschwächten Sinne seiend, ist Erscheinendes (also ein Phänomen) und im Gegensatz zur Idee unvollkommen, veränderlich, nur den Sinnen zugänglich, Abbild und Wirkung und zeitlich begrenzt.

Die Idee ist der Seinsgrund sinnlich wahrnehmbarer Dinge. Diese Dinge sind dementsprechend eben nur »abgeschwächt seiend«. Sie gibt es bloß, weil es die Ideen gibt. Und nur dann, wenn du die Ideen erkannt hast, bist du fähig, Einzeldinge zu begreifen. Platon ist mit seiner Lehre daran gelegen, die Beziehung zwischen dem Denkbaren und dem Erfahrbarem zu verdeutlichen.


Arbeitsmaterial zu Platons Ideenlehre (PDF)

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Kritik an der Ideenlehre

Vor dem Hintergrund des bis hierher Beschriebenen, ist die Suche nach empirischen (aus der Beobachtung gewonnenen) Beweisen für platonische Ideen entsprechend unsinnig. Beweise gibt es nicht. Du musst schlicht an die Ideen glauben. Die entsprechende Glaubensrichtung, der Platonismus, ist im Laufe der Geschichte auf viel Kritik gestoßen. Nietzsche etwa verglich sie mit dem Christentum, das für ihn ein »Platonismus fürs Volk« war. Tatsächlich ist Platons »Idee des Guten« eine verlockend gute Idee. Dafür sind wir Menschen, die gute Ideen und Geschichten lieben, leicht zu gewinnen. Deshalb ist das Höhlengleichnis aus dem Dialog Politeía auch so beliebt. Darin erklärt Platon in Form einer Geschichte, was mit seinen Ideen gemeint ist.

Im Folgenden seien zwei Kritikpunkte an Platons Ideenlehre genauer beleuchtet. Weitere Kritik an Platons Ideen findest du unter anderem bei Gottfried Hegel und Hannah Arendt.

Kritik 1 · Der dritte Mensch / Aristoteles

Aristoteles, der berühmteste Schüler Platons, setzte sich in seinen Schriften zur Metaphysik kritisch auseinander mit seines Lehrers Ideen, die ja ein metaphysisches Konzept sind. So diskutierte Aristoteles etwa das Problem trítos ánthropos (dritter Mensch).

Tipp: Im nächsten Beitrag geht’s um Metaphysik und Tugendethik bei Aristoteles.

Zur Erklärung dafür, warum verschiedene Einzelmenschen im »Menschsein« identisch sind, bietet Platon die Idee des Menschen. Nun sind platonische Ideen wie gesagt selbst Seiendes (im eigentlichen Sinne sogar; wandelbare, wahrnehmbare Dinge wie einzelne Menschen hingegen nur abgeschwächt). Die Idee des Menschen ist demnach »der Mensch« als unveränderlicher, auf ihr basiert die Einheit der Einzelmenschen. Wenn es neben Einzelmenschen jedoch die Idee des Menschen gibt, dann muss es darüber eine neue Einheit »Mensch« geben, jenen dritten einer quasi endlosen Reihe. Es kommt zum sogenannten infiniten Regress (umgangssprachlich: Teufelskreis).

Das hängt mit dem Problem der Selbstanwendung zusammen. Platons These, Ideen seien selbst das, was sie bezeichnen, erscheint bei der Idee der Schönheit, die ja selbst schön ist, unproblematisch. Hingegen kann die Idee der Zahl nicht selbst eine Zahl sein, sonst müsste sie sich irgendwo zwischen 1, 2, 3 und so weiter einreihen lassen. Auch die Idee des Menschen kann nicht selbst ein Mensch sein.

Kritik 2 · Selbstprädikation / Russells Typentheorie

Seit dem Philosophen Bertrand Russell wird das Problem im Zusammenhang mit der »Menge aller Mengen«, die sich selbst als Element (nicht) enthält, diskutiert. Klingt kompliziert – ist es auch, ein bisschen. Russell wies nach, daß Selbstprädikation zu Widersprüchen führt. Was das heißt, lässt sich am berüchtigten Paradoxon des Kreters veranschaulichen, der sagt: »Alle Kreter lügen.« Diese Art von Selbstanwendung (der Kreter bezieht sich selbst mit ein) bringt offensichtlich Schwierigkeiten. Wenn er lügt, sagt er die Wahrheit. Sagt er aber die Wahrheit, lügen nicht alle Kreter. Solche Paradoxien machen ein Selbstanwendungsverbot nötig. Denn die Selbstprädikation ist die Ursache für die Widersinnigkeit des Satzes, in dem das Prädikat (lügende Kreter) auf denjenigen angewendet wird, der die Behauptung aufstellt (den Kreter).

In der Typentheorie von Bertrand Russell werden nun Aussageklassen in »Typen« unterschieden. Ein solcher Typus legt den Bedeutungsbereich einer Aussagefunktion fest. Dabei darf keine Gesamtheit Glieder enthalten, die durch ihr selbst angehörende Begriffe definiert werden. Die Menge aller Mengen kann nicht selbst Element ihrer selbst sein. Die Menge aller Mengen kann nicht eine all der Mengen sein, von denen sie selbst die Menge ist. Dasselbe gilt für den Kreter. Zwischen dem Übergeordneten und untergeordneten Elementen ist trotz gleicher Bezeichnungen zu differenzieren. Sonst kommt es zu logischen Problemen. Es gibt, wie immer, Ausnahmen: So wie die »Idee des Seienden« ist zum Beispiel selbst etwas Seiendes.

Platon hat die Probleme seiner Lehre selbst diskutiert. Obwohl der Philosoph keine endgültigen Lösungen fand, müssten wir Platon doch anrechnen, mit seiner Ideenlehre ein Problembewusstsein geweckt zu haben, das bis heute Köpfe qualmen lässt und Bücher füllt. Oder Blogbeiträge.

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